Montag, 16. Juli 2018

Beipackzettel zu "Die rote Königin"


Manche Geschichten gehen einem lange nach, bevor man sich die Worte dazu endlich schnappt und sie zu Papier bringt. Bei der „Roten Königin“ ist das der Fall. Lange Zeit war ich damit „schwanger“, habe mich immer wieder hingesetzt und versucht, ein Konzept zu entwickeln und daraus dann eine einigermassen zusammenhängende Handlung zu konstruieren. Jetzt, fast zwei Jahre nach dem ich die schwammige Idee hatte eine sozialistische Dystopie zu schreiben, liegt das Werk fertig vor mir. Und es ist ein bisschen wie mit Kindern: Wenn sie mal da sind, sind sie ganz anders, als man es sich ursprünglich vorgestellt hat.

Die Geschichte von Rebecca und Alexandra, ist die Geschichte zweier jungen Frauen, die sich nach einer besseren Welt sehnen. Nach einer Welt, in der der Kapitalismus überwunden ist und in der es gerecht zu – und hergeht. Alexandra gelingt es, Anhänger um sich zu scharen, Anhänger, die für sie in den Tod gehen und ihrem Aufruf zur Revolution. Schlussendlich geht der Traum der Freundinnen – scheinbar – in Erfüllung. Sie stürzen sowohl die alte Regierung, als auch das System. Doch als Alexandra die Regierungsgeschäfte übernimmt, ändert sich ihr Wesen. Sie wird zur roten Königin – und damit letztendlich zur Diktatorin.

Menschen wie Alexandra gibt es immer wieder. Menschen, die über aussergewöhnliche Fähigkeiten oder zumindest über genügend Charisma verfügen um andere zu inspirieren und anzuführen. Der redegewandten Alexandra gelingt es eine Revolution auszulösen, indem sie sowohl die Wut als auch die Hoffnung der Menschen nutzt. Für sie und für die Ideale, die sie verkörpert stürzten sich ihre Anhänger blind in den Kampf.

Solche Menschen bergen auch immer eine gewisse Gefahr in sich. Alexandra will eine gerechtere Welt, aber am Ende ist sie der Überzeugung, dass nur sie das Recht habe, zu entscheiden wer gut ist und wer nicht. Menschen, die nach einer gewissen Utopie streben, haben nicht selten diesen Anspruch. Weil sie davon ausgehen, dass nur sie den richtigen Weg kennen, werden sie hochmütig. Wenn sie dann noch finden, sie hätten quasi die Mission, die Welt zu retten, wird es kritisch. Denn dann legitimieren sie mit dem hehren Ziel plötzlich auch Gewalt und schlussendlich auch Krieg. Weil am Ende ja dann alles besser ist. Oder weil ja nur „die Anderen“ leiden. Die sind ja ohnehin weniger wert, weil sie nicht an die neue Welt glauben. Wenn sie dann da ist, die neue Welt, muss sie natürlich so schön bleiben, deshalb ist es auch okay, Unruhestifter oder Kritiker hinzurichten, weil die stören halt die Idylle. Und schwupp: Schon haben wir eine Diktatur. Weil irgendein Mensch an irgendeinem Punkt entschieden hat, dass er besser als die anderen entscheiden kann, was gut ist und was nicht.

Alexandra verfolgt linke Ideale. Das war eine bewusste Entscheidung von mir. Weil ich zeigen wollte, dass sich auch unsere Ideen und Werte ins Böse verdrehen lassen. Eine linke Diktatur ist nicht besser als eine rechte Diktatur. Genauso wenig wie linke Gewalt per se besser ist als rechte Gewalt oder linker Fanatismus schlauer ist als rechter Fanatismus. Ganz ehrlich, ich will nicht erleben, wie alles woran ich glaube benutzt wird, um Menschen zu quälen, sie zu unterdrücken und zu töten. In der Vergangenheit ist das bereits geschehen. Davor sollte man nicht die Augen verschliessen.

Menschen sind unterschiedlich. Es liegt nicht in unserer Natur, dass wir alle an die gleichen Dinge glauben, das gleiche Ziel verfolgen oder dieselben Vorstellungen haben. Das macht die Welt ja so kompliziert. Das müssen wir akzeptieren. Und damit müssen wir umgehen können, egal wie überzeugt wir selbst von unseren Ansichten sind oder wir sehr wir uns wünschen, dass es anders wäre.

Solidarität und Loyalität sind gewiss lobenswerte Charaktereigenschaften. Zumindest auf den ersten Blick. Rebecca, Alexandras beste Freundin seit Kindertagen, ist stets an ihrer Seite und geht für sie schlussendlich auch in den Krieg. Doch ihr Gewissen meldet sich, als sie sieht, wie viele Menschen im Namen der besseren Welt ums Leben kommen. Schlussendlich tötet auch Rebecca, was ihre Seele belastet. Aus Liebe zu Alexandra und aus Überzeugung handelt sie wider ihres Wesens…und leidet darunter.

So wie Rebecca geht es auch mir oft. Da ich selbst oft mit meiner Unsicherheit zu kämpfen habe, fühle ich mich instinktiv von sehr selbstbewussten Menschen angezogen, von so genannten „Alpha – Tieren“. Ich bewundere sie dann so sehr, dass ich die Kritikpunkte an ihnen gar nicht mehr sehe. Nicht selten werde ich dann ausgenutzt. Und obwohl ich mir jedes Mal schwöre, dass es mir nicht mehr passiert, kommt schon die nächste einnehmende Persönlichkeit. Ich weiss nicht, wie oft ich noch auf die Schnauze fallen muss, bis ich es endlich lerne. Denn egal wie sehr man von einem Menschen oder einer Idee beindruckt ist, man muss immer auch kritisch bleiben, hinterfragen, selber denken. Ansonsten geht es einem plötzlich wie Rebecca: Man erwacht in einem Alptraum. Auch diese Angst – meine Angst – habe ich in der Geschichte verwoben.

Aber Rebecca zeigt noch etwas anderes. Sie ist – im gewissen Sinne – ein Opfer des Kapitalismus. Ihr Vater hat sich aus Verzweiflung das Leben genommen, weil er seine Arbeitsstelle verloren und sich wertlos gefühlt hat. Daraus erwuchs Rebeccas Zorn. Man kann und soll den Sozialismus kritisch sehen, allerdings darf man die Schattenseiten des Kapitalismus sicher nicht aus dem Spiel lassen. Ungezügelter Kapitalismus ist grausam, unmenschlich und fordert einen hohen Preis.

Jean Ziegler hat einmal gesagt, dass Problem des Kapitalismus‘ sei, dass er keine ernsthafte Gegenbewegung mehr habe. Früher, als alle noch Schiss vor dem Kommunismus hatten, bemühte man sich den Kapitalismus weicher und menschlicher zu machen, damit möglichst wenige sich bewogen fühlten, zum Kommunismus überzuwechseln. Diesen Gegenpol gibt es nicht mehr. Und das spüren wir.

Können wir wirklich nachvollziehen, wie sich jemand fühlt, der seine Stelle verloren hat und keine mehr findet? Der Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld beziehen muss und deshalb als Schmarotzer abgestempelt wird? Der nicht weiss, ob es den Job, den er heute macht, morgen überhaupt noch gibt? Der jeden Franken umdrehen muss? Der arbeitet und arbeitet und trotzdem reicht es hinten und vorne nicht? Der sich mit Existenzängsten rumschlagen muss? Während andere ihren Job nicht einmal richtig machen und trotzdem noch Boni kassieren? Während andere betrügen und dafür noch goldene Fallschirme bekommen? Während andere Steuern „optimieren“ um ja nicht zu viel von ihrem Vermögen der Allgemeinheit abgeben zu müssen? Während andere ihre Angestellten entlassen, weil „es ja nicht anders geht“ aber selber wohnt man in einer schicken Villa und lässt sich in einer Limousine rumkutschieren?

Das ist unfair. Aber das darf man ja nicht sagen. Weil dann ist man einfach neidisch. Wer das sagt, nimmt die Nöte der Menschen, die wenig oder nichts haben, nicht ernst. Genauso wenig wie man sie nicht ernst nimmt, wenn man dauernd von den Chancen der Digitalisierung faselt, dabei aber konsequent die Tatsache vergisst, dass es vor allem Chance für die höheren Saläre sind. Die anderen sind ja auch nicht wichtig. Es ist gefährlich, wenn die Schere zwischen arm und reich zu weit aufgeht. Damit säen wir Angst. Und aus Angst wird Zorn. Und Zorn ist selten ein guter Ratgeber. Man darf Menschlichkeit nicht vernachlässigen und dass hinterher mit dem „System“ rechtfertigen.

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir ungeachtet der Parteizugehörigkeit Sorge zu der Welt und den Menschen tragen. Denn mehr als irgendwelche Parolen zählt der Friede.

Und der verträgt sich einfach schlecht mit Extremismus.

Samstag, 14. Juli 2018

Die rote Königin - Teil 3



Teil 3

Danach

„Alles, was ich jemals in meinem Leben wollte, war eine einzige Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt.“

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Niemand tanzt.

Aber, denkt Rebecca dumpf, es ist auch schwer zu tanzen, wenn man tot ist. Und abgesehen von Toten scheint es nicht mehr zu geben in der Stadt. Sie ziehen als Geister um die Häuser, ruhelos, rastlos, Echos der Vergangenheit. Manchmal glaubt Rebecca zu spüren, dass die Toten ihren Spuren folgen,  ihr ins Ohr flüstern, über ihre warme Haut streichen. Sie sind die Schatten der Schuld, die Rebecca umgeben und sie hat sie akzeptiert, so wie man einen langjährigen Feind irgendeinmal akzeptiert und auf absurde Weise sogar willkommen heisst.

Schlimmer als die Geister sind die Gehängten. Die leblosen Körper, die an den Bäumen hängen wie groteske Puppen, mit starren baumelnden Gliedern und heraushängenden Zungen. Vor ihnen fürchtet sich Rebecca. Weil sie sie auf entsetzliche Weise daran mahnen, dass es noch nicht vorbei ist. Und es werden immer mehr. Egal welchen Weg man durch die Stadt wählt, immer sind sie da, als Warnung, als Abschreckung, als Erinnerung, als Prophezeiung. Und am schlimmsten sind die roten Tücher, die noch immer um ihre Hälse gebunden sind und im Wind flattern, blutrote Flaggen der Revolution.

Keine anderen. Sondern solche von ihnen.

„Du kannst das nicht tun!“
„Ich muss es tun. Sie haben nicht nur mich verraten. Sie haben unsere Idee verraten. Sie verdienen nichts anderes!“
„Aber Alex, sie sind doch auf unserer Seite!“
„Sie waren auf unserer Seite! Versteh doch, sie haben sich von uns abgewandt.“
„Ich flehe dich an, lass sie am Leben!“
„Hör auf, Rebecca! Niemand weint um Verräter…“

Die toten Augen folgen Rebecca als sie an ihnen vorbeimarschiert, die Hände zu Fäusten geballt, den Blick stur auf die Strasse gerichtet. Wenn sie ihren Willen auf die Zukunft richtet, dann kann sie die Gegenwart ertragen. Es braucht eben eine gewisse Zeit bis aus den Trümmern der alten Welt eine neue errichtet werden kann. Aber diese neue Welt wird voller Farben und voller Lachen sein und alle werden sie singen vor Freude und tanzen vor Glück.

Sie darf jetzt nicht aufhören zu glauben.

Doch egal wie sehr sie versucht ihre Gedanken zu bezähmen, sie entschlüpfen ihr immer wieder, wie kleine verräterische Fische, die ungebeten durch ihre Seele streifen und sie aufpeitschen. So wie jetzt, als sie vor dem grossen, prächtigen Gebäude steht, einst Herz der Demokratie und Sitz der Mächtigen. Rebecca starrt auf die roten Fahnen, die aus dem Fenster hängen und auf den Dächern wehen und alles was sie denken kann ist: Wie kann eine Welt bunt werden, wenn nur rot erlaubt ist?

Wenn Alexandra wirklich Gedanken lesen könnte – so wie die Menschen es flüsternd behaupten – dann hätte sie ihre beste Freundin schon längst an den Baum gehängt. Und vielleicht zuckt Rebecca deshalb jedes Mal zusammen, wenn sie die Hingerichteten sieht. Weil sie Spiegel ihres eigenen drohenden Schicksals sind.
„Ich kann das nicht ohne dich.“
„Wieso nicht?“
„Weil du meine Freundin bist.“
„Ach, du hast so viele andere Freunde, Alex.“
„Aber du bist mein Herz und meine Stärke.“

Selbst Freundschaft verblasst im Angesicht der Welt, die sie geschaffen haben.

Als sie das Gebäude betritt, legt sie kurz die rechte Hand auf die linke Brust. Einst ist es eine Geste der Solidarität gewesen, das Erkennungszeichen der Revolutionär. Jetzt ist es ein flüchtiger Gruss an die Wachhabenden, die Rebecca kennen und durchlassen ohne sie zu kontrollieren. Ein seltenes Privileg.

Ihre Schritte hallen über den Marmorboden. Wie edel das alles hier ist, wie gross, wie stolz. So ganz anders als die heruntergekommenen Scheunen und zwielichtigen Lokale, in denen sie einst mit Alexandra gesessen hat, Zigaretten und Biergläser in den Händen, den Kopf voller Träume, den Mund voller stolzen Reden. Der Geruch von Stroh, die Wärme ihrer Körper, Alexandras raues Lachen…Rebeccas Herz schmerzt bei der Erinnerung. Was ist davon geblieben. Kalter Marmor, hohe Decken, ein Käfig aus Prunk. Alles davon ist Rebecca vertraut. Und alles davon hasst sie bereits.

Alles was ich in meinem Leben wollte, war eine einzige Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt. Und das habe ich bekommen. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, eine Sache zu suchen, für die es sich zu leben lohnt.

Sie schiebt diese törichten Gedanken weit von sich, während sie die Treppe hinaufsteigt.  Mit jeder Stuft klopft ihr Herz stärker und die Furcht greift mit kalten Fingern nach ihr. Früher ist das nie so gewesen. Früher hat ihr Herz gelacht, wenn sie zu Alexandra – zu Alex – gegangen ist. Doch dann hat sie auch ihre Freundin, ihre Vertraute, ihre Schwester aufgesucht. Jetzt hingegen ist sie auf dem Weg zu ihrer Königin.

Die Menschen in der Vorhalle sehen alle gleich aus, rote Uniformen, Stiefel, tief in die Stirn gezogenen Mützen. Vor Rebecca weichen sie ehrfürchtig zurück. Alexandras Ruhm färbt auf sie ab, sie die von Anfang an, an ihrer Seite gewesen ist, noch bevor jemand anderes ihrem Ruf gefolgt ist.

„Sie nennen mich eine Träumerin.“
„Du bist keine Träumerin, Alex. Du bist eine Visionärin.“

Ein gemeinsamer Traum, dessen Erfüllung Rebecca Alpträume beschert.

Rebecca zögert kurz. Alles in ihr sträubt sich dagegen, das Arbeitszimmer zu betreten. Jedes Mal wenn sie Alexandra sieht, ist es eine andere Alexandra. Und nie ist es Alex. Aber vielleicht ist es heute ja anders. Vielleicht ist es heute endlich vorbei. Vielleicht ist heute der erste Tag der neuen Zeit und morgen ist der Himmel bald wieder blau statt rot. Also gibt sie sich einen Ruck, klopft an und schiebt sich in den Raum.

Auch hier gibt es Tote. Keine, die von Bäumen hängen, dafür solche, die in Öl gemalt sind. Die Bilder von vergangenen Herrschern, die jetzt die neue Herrscherin umgeben, ein Heer von schweigsamen Ratgebern. Ob auch Alexandra von den Geistern der Toten verfolgt wird, so wie Rebecca, die sich Nacht für Nacht im Bett herumwälzt, die Träume voller Blut und Knochenmänner, die anklagend ihre Finger auf sie richten?

Wenn, dann kann sie es auf jeden Fall geschickt verbergen, denn als sie Rebecca sieht, strahlt sie und komm mit federnden Schritten auf sie zu, energiegeladen und voller Feuer, so wie immer. „Meine liebste Rebecca!“ Die Umarmung fühlt sich beinahe so an wie früher, voll zärtlicher Freundschaft und warmherziger Zuneigung. Wäre da nicht der seidige Stoff des aufwendigen Kleides, der sich wie eine Wolke um Rebecca legt. So fremd wie die Schminke in Alexandras Gesicht und der Schmuck an ihrem Hals.

„Du wolltest mich sprechen.“ Rebecca bringt den Satz kaum über die Lippen, so trocken ist ihr Mund. Sie hat das Gefühl zu ersticken in dem engen Raum mit den dunklen, massigen Möbeln.

Alexandra bemerkt ihr Unbehagen nicht. Vertrauensvoll legt sie den Arm um Rebeccas Schultern und führt sie zum Fenster. „Eigentlich wollte ich dir etwas zeigen.“ Mit einem Ruck zieht sie die schweren Vorhänge zur Seite. Goldenes Licht durchflutet den Raum und Rebecca wird auf einmal bewusst, dass sie bis jetzt gar nicht bemerkt hat, dass die Sonne scheint.  Weil es in ihrem Herzen so grau geworden ist.

Vor ihr erstreckt sich die Stadt, eine Ansammlung von Dächern, die sich aneinander schmiegen und die im Sonnenlicht aufleuchten. „Das ist unser Reich. Das haben wir uns aufgebaut. Ist es nicht wunderschön?“ Ja, das ist es. Zumindest auf den ersten Blick. Der Fluss, der sich wie eine glitzernd blaue Schlange um die Stadt windet, die Strassen, die ruhig und friedlich daliegen, die Gärten, in denen bereits wieder die ersten Blumen blühen, unberührt von den langen harten Winter, der hinter ihnen liegt. Und überall auf den Dächern wehen sie, die roten Fahnen, lustig flatternd im Wind

Eine schöne Welt. Eine trügerisch schöne Welt. Denn auch wenn der Rauch des Krieges sich verzogen hat, so ist er noch immer da, ein Gast, den man eingeladen hat und nun nicht mehr loswird. Er ist da, wenn die Menschen versuchen über den Fluss zu fliehen und dabei in der reissenden Strömung umkommen. Er ist da, wenn Alexandras Truppen durch die Strassen patrouillieren und jeden bestrafen, der es wagt, gegen die Gesetze zu verstossen und er ist da, wenn die Soldaten beim Betreten der Gärten die Blumen niedertrampeln, rücksichts-und achtlos in ihrem Bestreben, Verräter aus ihren Häusern zu zerren.

Krieg um den Frieden zu wahren.

„Wann hören wir damit auf?“ Die Worte entwischen Rebecca einfach, sie, sie fallen einfach von ihren Lippen, wo sie schon so lange unausgesprochen gewartet haben.

Alexandra lächelt noch immer. „Womit sollen wir aufhören, Rebecca?“

„Versprich mir etwas, Alex.“
„Was denn?“
„Hör nie auf zu träumen!“

„Wann hören wir auf den Menschen weh zu tun?“

Es klingt unglaublich kindisch. Weinerlich. Schwach. Flehend. Wenn sie doch nur einmal über Alexandras Charisma, wenn sie doch nur einmal über Alexandras Gabe, Worte zu ihren Verbündeten zu machen, verfügen würde. Aber sie ist nicht Alexandra. Sie ist nur Rebecca. Kaum mehr als ein Schatten im strahlenden Licht der roten Königin, die Rebecca jetzt noch einmal in eine innige Umarmung zieht.

„Aber, aber, meine süsse Rebecca. Wir tun ihnen doch nicht weh! Wir helfen ihnen auf dem richtigen Weg zu bleiben. Wir helfen ihnen dabei gut zu sein. Weisst du, die Welt ist so voll von Bosheit, wie schnell hat man da unsere Werte wieder vergessen, wie schnell kommt man auf böse Gedanken. Und ja, da muss man manchmal hart sein, so wie man auch als Mutter manchmal hart sein muss zu seinem ungehorsamen Kind. Das verstehst du doch, Rebecca? Dass wir die Welt, die wir unter so grossen Opfern aufgebaut haben, bewahren müssen? Dass wir alles tun müssen, dass das Gute Sieger bleibt?“

Rebecca löst sich von Alexandra. Wie sehr sie sich äusserlich verändert hat! Die einst wilde rote Mähne fällt ihr nun in  eleganten Wellen auf die Schultern, ein perfekt gestutzter roter Vorhang, ein leuchtender Rahmen für ein Gesicht indem die Asche der vergangenen Revolution noch glüht.

„Und wer bestimmt was gut ist?“, flüstert Rebecca.

Ein Muskel zuckt in den ebenmässigen Zügen. Alexandra schweigt.

Dann, nach einer Weile, so kalt wie der Frost eines Wintertages sagt sie: „Ich. Denn ich bin die rote Königin!“