Donnerstag, 12. Juli 2018

Die rote Königin - Teil 1


Teil 1: Davor

„Nehmt ihnen alles, aber schenkt ihnen nichts!“
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Es ist so still auf dem Platz, dass Rebecca das schnelle Pochen ihres eigenen Herzens hören kann. Selbst ihre Atemzüge, zart und flatternd wie die vibrierenden Flügel eines Schmetterlings klingen in dieser gespenstischen Ruhe so laut wie Donnergrollen in einer sanften Sommernacht. Fast scheint es so, als hätte jemand einen schweren Mantel über Menschenmenge ausgebreitet, ein Mantel, der jedes Geräusch stiehlt und mit sich nahm, so dass nur diese allumfassende Stille übrig bleibt, die sie nun wie Nebel umgibt.

Doch da ist kein Nebel. Da ist nur sie.

Und sie ist eine kleine zierliche Frau und trotz ihrer roten Haarmähne, die in der Abendsonne flammend aufblitzt, scheint es schwer möglich, dass diese zartgliedrige Frau mit den sanften Gesichtszügen diese Macht ausstrahlen kann. Aber Rebecca weiss, dass es nicht ihr Äusseres ist, dass die Menschen mit diesem Bann belegt. Es ist Alexandras Geist, scharf wie eine Klinge und lodernd wie Feuer, der sie alle anzieht wie Motten das Licht.

Alexandra ist mehr als eine Anführerin. Sie ist die Kerze in einer dunklen kalten Winternacht und der Regen in einer heissen trockenen Wüste. Sie ist die Liebe nach einer Zeit des Hasses, die Vergebung nach einer lang getragenen Schuld. Sie ist der Kompass in einem Labyrinth, Sie ist das Schicksal einer neuen gerechteren Welt. Das hat Rebecca schon damals erkannt, als sie noch kleine Mädchen gewesen sind und gemeinsam ums die Häuser getollt sind.

„Rebecca?“
„Ja?“
„Wenn ich das tue, was meine Pflicht ist, wirst du mir folgen?“
„Ja. Überall hin.“
„Auch in Kampf und Tod?“
„Ja. Immer.“

Rebecca legt ihre Finger noch fester um ihre Waffe, die sich kühl und fremd unter ihrer Haut anfühlt. Ein kleiner Teil in ihr stäubt sich gegen den Gedanken sie zu benutzen. Aber das ist die kleine unsichere Rebecca von früher, die daran geglaubt hat, dass man die Welt mit schönen Reden und Blumen ändern könnte. Alexandra hat das nie geglaubt. Sie hat immer gewusst, dass es für die wahre Gerechtigkeit Opfer braucht.

Alexandra sieht sie alle an, ihre Anhänger, die ihren Ruf gefolgt sind und die sie nun in die Schlacht führt. Ihr Blick verharrt etwas länger auf Rebecca und ein verschwörerisches Lächeln hebt ihre Mundwinkel. Ihre grünen Augen funkeln, so wie früher, wenn sie mit Rebecca gelacht hat oder einen Streich ausgeheckt hat. Rebeccas Herz macht einen Sprung. Diese Frau, ihre Kameradin, Freundin und Herrin, wird die Welt verändern.

Und sie wird ihr zur Seite stehen. Bis zum Ende.

In diesem Moment ist Rebecca nicht nur bereits das Blut anderer zu vergiessen. Sie ist auch bereit ihr eigenes zu geben. Für Alexandra. Für die Sache. Für eine bessere Welt.

„Meine Freunde.“ Alexandras Stimme ist laut, ihre Aussprache aber weich und dunkel, eine Stimme, die ebenso mühelos Wunden schlagen wie heilen kann. „Meine Freunde“, wiederholt sie, dieses Mal so leise und zärtlich, als würde sie mit einem Geliebten sprechen. Doch schon dieses Hauchen reicht, um den Zauber, den sie um die Herzen ihrer Zuhörer gelegt hat, noch enger zu ziehen.

„Heute ist der Tage, an dem wir endlich handeln werden. Lange haben wir gewartet, gefesselt von Ketten, die andere für uns geschmiedet haben. Zu lange haben wir unser Los geduldig ertragen, haben unsere Körper und unsere Seelen hingegeben für die Arbeit, von der andere profitieren. Zu lange haben sie uns bis auf die Knochen ausgebeutet, zu langen mussten wir kämpfen um unser Leben irgendwie leben zu können – oder besser gesagt die Reste unseres Lebens, die sie uns übrig gelassen haben in ihrer masslosen Gier…“ Alexandras Stimme ist wie ein Schwert, das durch ihre Seelen schnitt und mit jedem Wort, das wie ein Peitschenknall über ihre Lippen kommt, spürt Rebecca wie ihr eigener Zorn sich aufbäumt.

„Warum arbeiten wir?“
„Um Geld zu verdienen.“
„Wieso brauchen wir Geld?“
„Ach, Alex, weil es ohne Geld eben nicht funktioniert.“
„Siehst du, das ist schon der Fehler. Du glaubst, dass es ohne Geld nicht funktionieren würde. Und das ist das was sie dich glauben lassen wollen. Damit du nicht an eine andere Welt glaubst.“
„Was für eine andere Welt denn?“
„Eine Welt, in der wir tanzen, weil wir es wollen und nicht weil wir es müssen.“

„Wir werden uns unser Leben zurückholen. Und wenn wir es wiederhaben, dann hole wir uns die Welt.“ Alexandra wird unterbrochen, der Jubel, der ihr entgegenschallt, begräbt ihre Worte. Und auch Rebecca stimmt in den Jubel ein, der sich mit dem freudigen Schlagen ihres Herzens mischt. Der Blutrausch färbt ihre Seele rot.

„Zu lange haben wir verharrt, zu lange haben wir weggesehen und uns eingeredet unser System sei vielleicht nicht perfekt, aber wir könnten es irgendwie besser machen. Nein, schreie ich euch zu, nein, das können wir nicht, denn unser System ist bis tief auf die Wurzel erkrankt. Und darum müssen wir die Wurzel ausreissen!“

Dieses Mal hat der Jubel nichts Kindliches oder Melodiöses an sich. Er hat sich verwandelt in einen lauten Schrei der Wut. Und auch Rebecca stimmt mit ein, denn ihr Zorn fühlt sich an, wie das Tosen des Meeres und sucht sich den Weg ins Freie wie ein Rabe, den man zu lange im Käfig gehalten hat.

„Ja, wir müssen unsere Waffen ziehen und diesen Schritt wagen. Wir müssen jene bekämpfen, die sich der gerechten Sache in den Weg stellen, denn sie sind verdorben und schlecht und sie werden alles Schöne, was wir schaffen werden, zerstören. Sie kämpfen nur für sich, wir aber dienen der Macht des Guten. Nehmt ihnen alles, aber schenkt ihnen nichts! Und dann werden wir die Waffen niederlegen, denn unsere Welt wird eine Welt des Friedens sein. Vor allem aber wird es eine Welt der Freiheit sein, ohne Herren und ohne Sklaven. Nur mit Menschen, die Seite an Seite miteinander leben, mit einem freien Geist und einem freien Körper!“

Nun ist es wieder still. Alexandras Worte wehen über den Platz und machen alle stumm vor Sehnsucht. Der Rabe in Rebecca verstummt und verwandelt sich in eine Taube. Sie kann ihn riechen, den Duft der Freiheit und des Friedens. Dafür kämpfe ich, beschwört sie sich selbst, das ist das, was ich will. Und wenn ich nicht mit aller Kraft dafür kämpfe, dann ist das Verrat an mir selbst.

Alexandra erhebt noch einmal die Stimme. Alles Weiche und Mädchenhafte ist aus ihrem Gesicht gewichen. Es ist nun das Gesicht einer Königin, hart und schön. „Ich werde die Welt niederbrennen. Ich bin die Flamme, die das Feuer entzündet. Und ich werde aus der Asche, die Hoffnung neu gebären. Ich frage euch: Wer wird mir folgen?“

Und einstimmt ertönt das wilde Kampfgeschrei der entfesselten Menschen. Rebeccas schriller Ruf vereinigt sich mit dem Geschrei der anderen und es kümmert sie nicht, dass es die Melodie des Todes ist, die sie anstimmt, denn ihr Herz schlägt für die Revolution und alles in ihr ist längst verstummt.

„Sie werden sich sträuben, wenn wir uns nehmen, was uns zusteht. Sie werden sich wehren, obwohl sie wissen, dass sie auf der falschen Seite stehen. Sie verdienen unsere Gnade nicht.“
„Wer sind sie?“
„Die Anderen.“

-      Ende Teil 1 -

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