Mittwoch, 4. April 2018

Über den Glauben






Lieber Knackeboul,

Es gab mal eine Zeit, da habe ich dich bewundert. Dich und deine direkte Sprache. Deine Musik. Dein unkonventionelles Wesen. Natürlich spielte auch die Tatsache mit, dass du auch aus Langenthal kommst. Eine Art „Heimpatriotismus“ auch wenn du wahrscheinlich keine Freude daran hättest. Schliesslich hast du eine ausgeprägte Abneigung gegen alles was mit Heimatliebe und Patriotismus zu tun hat. Noch etwas was ich sympathisch an dir fand. Oder finde.

In letzter Zeit aber erstaunen mich deine Kolumnen. Sie erstaunen mich, weil sie nichts Differenziertes mehr haben. Weil sie nicht mit Farben, sondern mit einfach Schwarz – Weiss gemalt sind. Weil es dir immer mehr um die reine Provokation zu gehen scheint, statt darum, dich ernsthaft und tiefgreifend mit einem Thema auseinanderzusetzen.
Deine Kolumne zum Thema Religionen ist einfach nur daneben. Und respektlos. Und unreflektiert. Du drischst auf Menschen ein, deren Beweggründe und Motive du nicht nachvollziehen kannst. Du bezeichnest sie als dumm. Das magst du witzig meinen. Ist es aber nicht. Gerade du, der so oft – zurecht – anprangerst, dass man Menschen beleidigt, weil sie anders sind als man selbst, tust damit dasselbe. Du glaubst, du hast das Recht das zu tun, weil deine Meinung richtig und gut ist. Das ist irgendwie das was alle sagen, wenn sie verbal entgleisen. Das man ja die Wahrheit sagt. Und das es dann okay ist, ausfallend zu werden.

Ja, in vielen Dingen hast du zweifellos Recht. Damit, dass Religionen viel Leid verursacht haben und noch immer verursachen. Was du dabei vergisst – oder bewusst weglässt, weil die Welt dadurch komplizierter würde – sind die positiven Aspekte, die der Glaube mit sich bringt. Denn auch die gibt es.

Nächstenliebe, Moral, Ethik und Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens, auch das sind Blüten des Glaubens. Die Idee, dass jeder Mensch gleich ist, egal ob er nun als Königssohn oder Bauer geboren wurde, stammt aus dem Christentum. Weisst du, wie das Christentum seinen Anfang nahm? Die Gläubigen trafen sich in Katakomben, weil sie verfolgt wurden und sie feierten als Gemeinschaft wobei sie keinen Unterschied machten zwischen Mann und Frau oder arm und reich. Später, als die Christen an die Macht kamen, haben sich diese Grundwerte leider verloren. Aber in seinem Kern ist der Glaube durchaus etwas Positives. Er ist nicht per se schlecht.

Das gilt auch für die Anhänger. Du schreibst, die Religionen und deren Anhänger seien dumm und würden Frauen unterdrücken, Homosexuelle diskriminieren, Andersgläubige verfolgen, Kinder traumatisieren, Fortschritt verwehren, Kriege verursachen, Trump wählen, Erdogan wählen, Seehofer wählen. Dir ist aber hoffentlich klar, dass dem nicht so ist oder? Nicht jeder Mensch mit einem spirituellen Zugang ist automatisch konservativ. Deine Gleichung aber ist: Wer glaubt, der ist dumm, weil sonst würde er nicht glauben und hätte dem Glauben konsequenterweise abgeschworen, so wie du es als vernünftiger, aufgeklärter und guter Mensch schon getan hast.

Lange bevor das Christentum zur herrschenden Religion geworden ist, gab es schon Krieg und Leid, wurden ganze Völker von anderen ausgerottet, wurden Menschenopfer gebracht und wurde gemordet. Das Recht des Stärkeren. Der Mensch kam nicht auf die Welt und war gut und dann kamen die bösen Religionen und er wurde plötzlich schlecht. Dass die Religionen zudem wurden was sie heute sind – zu Institutionen, die unterdrücken, strafen, zum Krieg ausrufen, Individualität abschaffen – liegt an uns. Weil es – leider – nicht in unserer Natur ist, das zu akzeptieren, was wir nicht nachvollziehen können. Das zeigst du ja mit deiner Kolumne auf sehr schöne Art und Weise.

Du meinst, viele Probleme der Welt seien gelöst, wenn wir die Religionen überwinden. Glaubst du, es gebe dann weniger Krieg? Religion ist immer nur der Deckmantel, in Wirklichkeit geht es bei diesen Kriegen doch immer nur um Macht, Geld und Land. Und wenn es nicht irgendein Gott ist, dann ist eben das Vaterland, der Kommunismus oder irgendeine andere Vision, die uns das Recht gibt, uns gegenseitig zu verkloppen.

Hast du dich mal mit der Figur des Jesus auseinandergesetzt? Wahrscheinlich schon, weil ich interpretiere aus deinem Text mal, dass du selbst sehr wohl mit dem Glauben in Berührung gekommen bist, ihn aber negativ erlebt hast. Jesus war kein Konservativer. Er hat jene Menschen zu sich gerufen, die in der Gesellschaft eine weniger gute Stellung hatten. Die Kranken. Die Ausgestossenen. Die Frauen. Er war ein Hippie, ein Revolutionär, einer, der gegen den Strom schwamm und der zu Mitgefühl, Gemeinschaft und Güte aufrief. Ob er jetzt der Sohn Gottes war oder nicht, ich glaube, dass das was er uns vorgelebt hat, ein guter Entwurf für unsere Welt wäre.

Ich selbst bin katholisch erzogen worden. Als Teenager begann ich den Glauben zu hinterfragen, eben weil er mir zu konservativ, zu eng und zu intolerant war. Ich habe wenig Verständnis für die Katholische Kirche, die sich weigert, sich zu wandeln und ich wünsche mir, dass sie ihre Türen öffnet – für alle und nicht nur für diejenigen die den kirchlichen Moralvorstellungen entsprechen. Die Spiritualität habe ich allerdings nie verloren. Ich glaube an gute Mächte. Nicht an einen strafenden, einen Gott, aber an etwas Höheres, Reineres, das sich in verschiedenen Gesichtern zeigt. Ich glaube auch an Feen, Elfen und Kobolde, an übersinnliche Wesen und an Magie. Das ist wohl die Form des Glaubens, die du als animistische Hippiekacke bezeichnest. Mit welchem Recht? Was unterscheidet deine Art der Argumentation von jenen Fundamentalisten, die erklären: Unsere Glaubenssätze sind richtig, deine nicht, deshalb sind wir besser? Du sagst zwar nicht, dass du besser bist als ich. Aber du sprichst mir meine Intelligenz ab.

Du machst dich doch für Flüchtlinge stark: Dann weisst du sicher auch, dass sich viele christliche Organisationen für diese Menschen einsetzen. Genauso wie sich die Kirche deutlich gegen Nahrungsmittelspekulation ausgesprochen hat. In sozialen Fragen ist die Kirche sehr oft nah bei den Linken.

Ja, es gibt sie und es gibt zu viele davon: Verbohrte Fanatiker, die glauben in der Bibel und im Koran stünde die reine Wahrheit und nur sie würden die Botschaft verstehen. Aber es gibt auch andere.  Vielleicht sagen dir die Namen Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King etwas. Ersterer war ein lutherischer Theologe, der sich gegen die Nazis stellte und dafür hingerichtet wurde, letzterer war ein Baptistenpastor, der sich gegen die Rassentrennung in der USA engagierte und ebenfalls den Tod fand. Ja, diese Menschen, die heute als Vorbild für Mut, Zivilcourage und soziales Engagement gelten, waren gläubig.

Ich kenne viele Christen, auch solche, die den Glauben einiges ernster nehmen als ich selbst. Und oft beschämen sie mich auch, weil sie tatsächlich in vielen Dingen toleranter, geduldiger und verständnisvoller sind, als ich, die fortschrittlich denkende Sozialdemokratin.
Mir hat mal ein Parteikollege gesagt: Was uns auszeichnen soll ist, dass wir uns auch wenn klar entscheiden müssen auf welcher Seite wir stehen wollen, immer hinterfragen ob unsere Entscheidung richtig war und schlussendlich immer ein Zweifel übrig bleibt. Ich finde, das ist ein guter Leitsatz. Blinder Glaube ist immer schlecht. Aber den Glauben wird es immer geben. Sei es der Glaube an einen Gott, an eine Idee oder an einen Menschen.

Deshalb soll das Ziel nicht sein, Religion oder Glaube abzuschaffen. Das Ziel soll sein, den eigenen kritischen Geist zu bewahren und sich selbst und die eigenen Grundsätze immer wieder zu hinterfragen. Du könntest damit anfangen, indem du dein Schwarz – Weiss – Denken ausknipst und mal wieder eine Kolumne schreibst, die mehr ist als eine persönliche Abrechnung.

Aber du wirst nicht auf mich hören. Weil ich bin ja dumm.

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