Donnerstag, 29. März 2018

Was am Ende übrig bleibt


Ich liebe Wahlkampf. Wirklich. Es ist toll, frühmorgens aufzustehen und wildfremden Menschen Flyer, Äpfel und Gummibärchen in die Finger zu drücken, wobei man ihnen das Gefühl geben muss, dass sie diese Sachen wirklich brauchen oder wollen. Oder irgendwem anzurufen und ihm euphorisch zu erzählen, wie schön es doch ist, dass wir wählen können. Noch besser ist es, im strömenden Regen an einem Stand zu stehen und zu versuchen, unwillige Passanten ins Gespräch zu ziehen, wobei man sich als Sahnehäubchen dann auch noch Sprüche wie „haben Sie überhaupt eine Arbeitsbewilligung“ anhören kann, im besten Fall noch untermalt von einem herablassenden Lächeln à la: Och, wie süss, die Kleine will mit mir über Politik reden. Ist mein Leben nicht unglaublich? Man sollte einen Film darüber drehen, wie ich versuche mit Süssigkeiten Kinder zu bestechen und dann versuche dieselben Kinder davon abzuhalten, sich gegenseitig mit den Bällen, die eigentlich für das Wurfspiel gedacht waren, ins Koma zu befördern.

Ja, ich bin sarkastisch. Ganz ehrlich, Wahlkampf macht nicht immer Spass. Also eigentlich macht er ziemlich oft keinen Spass. Immer wenn ich erzähle, ich sei in einer Partei, haben manche Menschen das Gefühl, ich würde einfach von den Mächtigen und Wählenden profitieren. Ich finde momentan nicht, dass ich profitiere. Eigentlich gibt man als stinknormales Basismitglied mehr, als dass man nimmt. Zeit zum Beispiel. Oder Nerven.
Und manchmal, wenn ich gerade dabei war, jemanden am Telefon voll zu quasseln, wie toll unsere Kandidaten sind oder mit einem breiten leicht debil wirkenden Lächeln vorbeieilenden Menschen einen Wahlflyer mitgab, da hörte ich so eine leise Stimme in meinem Kopf, die meinte: Warum tust du das eigentlich? Was bringt das denn?

Ich finde, das Schlimme an diesem ganzen Wahlkampfkram ist, dass es nicht messbar ist, ob man jetzt gute Arbeit oder schlechte Arbeit gemacht hat. Du strengst dich an, du opferst Zeit und schlussendlich kannst du nicht einmal wirklich sagen, ob es was gebracht hat. Mal ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sagt, oh, die Dame hat mir einen Apfel gegeben, deshalb werde ich jetzt ihre Partei wählen. Oder dass ich irgendjemanden umstimmen kann. Ich bringe nicht einmal meine Katze dazu, ihren Hintern von meinem Stuhl fortzubewegen, von daher ist es mit meiner Überzeugungskraft nicht weit her. Mal ganz abgesehen davon, dass ich jetzt auch nicht gerade zu den beliebtesten Menschen in Langenthal gehöre. Im besten Fall halten sie mich für etwas seltsam, im schlimmsten Fall für gestört. Und dann gibt es noch diejenigen, die mich für eine opportunistische, falsche Schlange halten, wegen diesem „kleinen“ Juso – Zwischenfall vor zwei Jahren. Nein, ich glaube nicht, dass ich unbedingt dafür geschaffen bin, zu versuchen, Stimmen zu generieren.

Das finde ich immer das Schwerste im Wahlkampf. Sich so zu exponieren. Sich die Sprüche anzuhören. Und so zu tun, als mache es einem nichts aus. Auf der einen Seite bin ich stolz, dass ich es mache. Noch vor ein paar Jahren wäre ich nie auf die Strasse gegangen und hätte Menschen angesprochen. Und auf der anderen Seite braucht es manchmal einfach so eine Kraft, dass ich mich manchmal frage, ob ich sie nicht besser für etwas anderes investiert hätte.

Denn was bleibt einem am Ende eines Wahlkampfes? Letztendlich nur eine Prozentzahl. Zur Abwechslung in diesem Fall wenigstens eine positive, weil die SP im Kanton Bern tatsächlich gewonnen hat. Aber schlussendlich bleibt ist es halt einfach eine Zahl und eine Anzahl Sitze. Natürlich ist es schön, dass niemand von unseren Grossräten abgewählt worden ist – zumindest im Oberaargau – und natürlich ist es besser Sitze zu gewinnen als zu verlieren. Allerdings ist sowohl der Grossrat – als auch der Regierungsrat weiterhin klar bürgerlich. Was bedeutet, dass sich die Marschrichtung des Kantons nichts ändern wird. Was wiederum bedeutet, dass die Sparmassnahmen weiterhin durchgezogen werden.

Habe ich mir Wunder gewünscht? Nein. Ich habe eigentlich keine Ahnung was ich mir gewünscht habe. Vielleicht, dass sich die Politiker, die so nett von den Wahlplakaten runterlächeln und Sachen versprechen wie dass es jetzt vorwärts geht, sich zur Abwechslung mal weniger mit ihrem Parteiprogramm und dafür mehr mit logischen Argumenten beschäftigen. Das fände ich einen echten Fortschritt. Aber irgendwie bezweifle ich, dass das in den nächsten vier Jahren der Fall sein wird.

Ich bin einfach frustriert. Über alles. Über das Gefühl nichts ändern zu können. Nichts beeinflussen zu können. Und ja, manchmal bin ich einfach frustriert darüber immer zu geben, mich immer zu bemühen und am Ende bleiben mir nur die gestohlene Zeit, ein Dankeschön und ein paar Aperitifs.

Mann, ich brauche Motivation. Hat irgendwer welche für mich übrig?

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