Donnerstag, 25. Januar 2018

Vom Recht keine Kinder haben zu wollen



Ich will keine Kinder haben.

Ich weiss nicht genau an welchem Punkt in meinem Leben ich entschied, dass ich keine Kinder haben möchte. Besonders ausgeprägt war der Wunsch ohnehin nie, obwohl ich als Kind oft mit Puppen Familie gespielt habe und in einer grossen Familie aufgewachsen bin. Ich hatte eine glückliche, umsorgte Kindheit. Und doch habe ich kein Bedürfnis mir selbst so ein Nest zu bauen.

Ganz früher wollte ich sogar einmal Lehrerin werden. Der Wunsch verging, als ich merkte, dass ich Teenager nicht einmal ausstehen konnte, als ich selbst einer war.  Ich hütete ein paar Mal die Kinder meiner Nachbarin, konnte aber kein gutes Verhältnis zu ihnen aufbauen. Mir fehlte einfach die Freude daran. Die Vorstellung, dass ich mich jeden Tag, jede Woche und jedes Jahr mit einem Kind beschäftigen müsste, schreckt mich ab. Was für viele die Erfüllung ihres Glücks ist, ist für mich eine Sackgasse.

Ich bin keine Kinderhasserin. Natürlich liebe ich meine Neffen, natürlich finde ich es schön sie zu beobachten wie sie grösser und älter werden, wie sie sich über ihre Geschenke freuen oder voller Begeisterung in ihrem Spiel aufgehen können. Und doch bin ich froh, dass meine Schwester die Erziehungsaufgabe innehat…und nicht ich. Tante sein ist schön, Mutter sein sicher auch…aber nicht für mich. Ich will einfach keine Mutter sein.

Manchmal fragen mich Leute, wieso ich dann überhaupt in der Kinderbuchabteilung arbeite, wenn ich doch gar keine eigenen haben will. Dann antworte ich jeweils, dass ich Bücher für Kinder verkaufe und nicht die Kinder selbst. Kinderbücher sind fantasievoll, zauberhaft und wunderschön, natürlich ist es toll, sie den Müttern und Vätern ans Herz zu legen. Nur warum muss ich selbst Kinder haben, um das zu können? Nicht selten habe ich sogar das Gefühl, dass ich durch meine etwas distanziertere Haltung einen klareren Blick auf den Geschmack der Sprösslinge habe, als die Eltern selbst. Weil ich Kinder eben als Menschen mit vielen Vorzügen aber nun mal auch Schwächen und Schattenseiten sehe, nicht als ein göttliches Wunder.

Mich ärgert es, wenn Leute aufgrund meiner Weiblichkeit oder meines Berufs der Meinung sind, dass ich mich automatisch gerne um Kinder kümmere. Ich bin weder eine Erzieherin („Hör jetzt auf die Bücher auf den Boden zu schmeissen, sonst kommt die Frau und schimpft mit dir!), noch eine Kinderanimateurin. Fuchsteufelswild werde ich, wenn mir ganz selbstverständlich an Anlässen die Kinderbetreuung aufgebürdet wirdl, wohlmöglich noch mit dem Spruch: Da kannst du gleich für später üben. Wer sagt euch denn, dass es für mich ein später mit Kindern geben wird? Und nein, ich kann nicht automatisch super mit Kindern umgehen, nur weil ich eine Gebärmutter habe!

Wenn man in meinem Alter sagt, dass man sich keine Kinder wünscht, kommt oft der Spruch: „Wenn du mal älter bist, wirst du anders darüber denken. So wegen der biologischen Uhr und so.“ Ah ja, ich habe ja vergessen, dass ich kein normal denkendes und fühlendes Wesen. Ich besteh natürlich ausschliesslich aus Hormonen und kann deshalb nichts selber entscheiden. Ich will aber selber entscheiden. Warum sollen Männer entscheiden können ob sie Vater werden wollen und ich als Frau soll das nicht dürfen oder nicht können?

Die Vorstellung, dass Frauen, die nicht Mutter werden wollen oder können, unglücklicher sind, ist bei vielen fest verankert. Das ist doch Unsinn! Egal für welches Lebensmodell man sich entscheidet, es gibt immer gute und schlechte Seiten. Keine Mutter kann mir erzählen, dass Kinder nicht auch mal anstrengend oder fordernd sind. Ja, Kinder geben viel. Aber sie nehmen nun einmal auch. Ohne Kinder ist man freier, ungebundener und ja, man kann sich tatsächlich mehr auf sich selbst konzentrieren. Man kann spontan weggehen ohne erst einen Babysitter organisieren zu müssen, man kann ausschlafen und man kann reisen. Mal abgesehen von finanziellen Aspekten.

Und genau da werden jetzt einige einhaken: Wie unglaublich egoistisch! Sie will keine Kinder, weil sie mehr Geld für sich selbst haben will! Aber warum soll es meine gesellschaftliche Verpflichtung sein, ein Kind zu bekommen? Wegen der AHV? Genauso gut könnte ich argumentieren, dass ich der Welt etwas Gutes tue, indem ich auf direkte Nachkommen verzichte. So wegen Überbevölkerung und so.

Ich bin nicht egoistisch, nur weil ich keine Kinder will. Ich würde mich sogar als Familienmensch bezeichnen. Sowohl meine Eltern als auch meine Geschwister sind mir sehr wichtig. Ich will nur eben selbst keine Familie gründen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich ein selbstsüchtiger Mensch bin. Kinder zu kriegen ist nämlich eine private Entscheidung, keine gesellschaftliche.

Immer wieder stolpere ich über den Spruch, dass nur die Liebe zu den eigenen Kindern die einzig wahre Liebe ist und dass man erst mit einem Kind den Sinn seines Lebens erkennt. Das ist, mit Verlaub, einfach nur unglaublich hochnäsig, denn es ist nichts anderes als eine Abwertung von anderen Lebensformen. Warum soll mein Leben nur einen Sinn machen, wenn ich ein Kind habe? Den Sinn meines Lebens definiere ich immer noch selber. Und Liebe hat viele Formen und viele Gesichter. Mutterliebe ist sicher etwas sehr Schönes. Deswegen ist die Liebe zwischen Mann und Frau (oder Mann und Mann oder Frau und Frau) nicht weniger wert. Sie ist nur anders.

Was sicher ein Nachteil an meiner Entscheidung ist: Die Partnerwahl ist schwierig. Ich bin langsam in einem Alter, in dem die gleichaltrigen Männer anfangen über Familie nachzudenken. Für mich kommt aber keine Beziehung in Frage, in der mein Freund sich nach Kindern sehnt. Weil früher oder später wird er mich unter Druck setzen, wir werden darüber streiten und entweder trennen wir uns oder ich gebe nach, weil ich ihn nicht verlieren will…und plötzlich stehe ich da mit einem Kind in Arm. Vielleicht würde ich glücklich damit. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ich unglücklich wäre, weil ich dazu gezwungen worden bin, meine Lebensentwürfe zu ändern.

Mir ist die persönliche Freiheit sehr wichtig. Ich will keine Beziehung mehr, in der ich nur existiere um den anderen zu gefallen. Ich will nicht angebunden sein. Ich will meinen Beruf nicht danach wählen, wie sicher er ist oder ob ich damit eine Familie ernähren kann. Ich will das tun was mir Spass macht und mich erfüllt. Ich will mein Leben nicht nach einem Kind ausrichten.

Natürlich sehe ich, bei meiner Schwester und auch bei Parteikolleginnen und Arbeitskolleginnen, dass es möglich ist Beruf, Kind und erfülltes Privatleben unter einen Hut zu bringen. Ich sehe aber auch, dass es ein grosser Spagat ist. Und dass man eben auch Kompromisse machen muss, auf Dinge verzichten muss oder eben vielleicht nicht die Karriere hinlegen kann, die man gerne würde.
Bei vielen klappt es auch damit, trotz Kind ihren Beruf weiter ausüben zu können. Bei vielen aber auch nicht. Mir graust es vor dem Gedanken, dass ich einmal nicht mehr arbeiten gehe, weil ich mich um mein Schreibaby kümmern muss. Oder dass ich nicht mehr schreiben kann, weil meine Zeit für Hausaufgaben korrigieren, Windeln wechseln, Playmobil spielen und basteln draufgeht.

Ich sehe mich nicht als Mutter. Das ist wahrscheinlich die Quintessenz davon. Das ist meine persönliche Entscheidung. Ich bin manchmal erstaunt, wie selbstverständlich gerade andere Frauen sich das Recht herausnehmen, zu kommentieren, wenn eine Frau sich gegen ein Kind entscheidet. Als wäre Mutter sein, das einzig Wahre. Als wäre Mutter sein, die einzige Rolle, die ich als Frau zu erfüllen habe. Als wäre man als Mutter automatisch ein besserer Mensch. Und andersherum ein schlechterer Mensch, wenn man keine Kinder vorzuweisen hat.

Dass ich keine Kinder haben will, ist keine Geschmackverirrung meinerseits. Es ist auch nicht Ausdruck einer schiefgegangenen Erziehung oder das Resultat von falschen weiblichen Vorbildern. Es bedeutet auch nicht, dass ich nicht anerkenne, was eine Mutter alles leistet oder dass ich ein Eisschrank bin.

Keine Kinder haben zu wollen ist auch keine seelische Fehlkonstruktion. Sondern es ist das Recht jeder Frau.

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