Sonntag, 14. Januar 2018

Schöner Schein



Letzthin habe ich mir eine Dokumentation mit den Namen „Ernährungswahn“ angesehen. Danach war ich in Schockstarre. Ich konnte fast nicht glauben, was ich da gerade gesehen und gehört habe. Und zugleich stellte ich mir die Frage: Bin ich etwa auch auf diesem Weg? Beziehungsweise: Wie kann ich es vermeiden auf diesen Weg zu kommen?

Es fing schon in den ersten Filmminuten an. Eltern kamen zusammen um sich einen Vortrag über gesunde Ernährung für Kinder anzuhören. So weit, so gut. Doch als eine der Mütter als Grund angab, sie wolle mit der richtigen Ernährung erreichen, dass ihr Kind die optimale Leistung abrufen kann. Weil man ja als Eltern will, dass die Sprösslinge vorwärts kommen im Leben und dafür müssen sie schliesslich die richtigen Schulen besuchen. Ich war ja bis jetzt der Ansicht, dass man den Kindern das Gefühl geben sollte, dass sie geliebt werden und dass sie das tun sollen, was ihnen Freude macht, damit sie sich zu einem glücklichen Menschen entwickeln können. Wie dumm von mir. In erster Linie ist es natürlich wichtig, dass sie zu einem funktionierenden Teil der Gesellschaft werden.

Das war aber nicht das Schlimmste. Ein Grossteil der Dokumentation drehte sich nämlich um ein Fotomodel, das sich als Foodbloggerin entpuppte. Diese junge Dame verdient ihr Geld damit, dass sie ihr Essen (!) fotografiert (!). Und sich beim Sport filmt. Und dabei ihren 50‘000 Followern Produkte präsentiert. Und diesen Followern so das Gefühl gibt, dass sie diese Produkte unbedingt haben müssen um glücklich zu sein. Das nennt man Influencerin (nicht zu verwechseln mit der Influenza). Das ist ein Beruf (Meine Mutter konnte das kaum fassen. Sie schüttelte immer wieder den Kopf und murmelte: Sie verdient ihr Geld mit Essen fotografieren!).

Eigentlich habe ich mir mal vorgenommen, niemanden mehr zu verurteilen. Aber es fiel mir schwer, bei dieser Dame nicht zu schreien. Da spaziert sie schnurstracks in ein Fitnesscenter um ihren Körper was Gutes zu tun und gibt Philosophien von sich wie: „Ich habe das Geschenk des Lebens erhalten und ich möchte mein Leben deshalb auch voll ausschöpfen.“ Natürlich. Man schöpft das Leben natürlich erst aus, wenn man eine halbe Stunde Bockspringen macht.

Sport macht sie natürlich nicht alleine. Das Smartphone ist stets griffbereit. Und ihre „Community“ ist dabei. Genau so bezeichnet sie die jungen Frauen, die neben ihr schwitzen. Nicht als Freundinnen. Denn diese Frauen folgen ihr in der virtuellen Welt und nutzen die Gelegenheit mit ihrem Idol, dass sie wegen ihrer gesunden Lebensweise bewundern, Zeit zu verbringen.

Mit ihrem Hofstaat geht die Instagram-Prinzessin dann auch essen. Natürlich was Gesundes, Hippes. Und bevor man den ersten Löffel nimmt, wird es selbstverständlich von allen Seiten fotografiert. Ohne Witze. Alle sitzen da, starren auf ihr Smartphone und fotografieren dann ihr essen. Um dann mit strahlenden Lächeln zu posieren. Völlig belanglos, dass das Gespräch völlig sinnbefreit vor sich hinplätschert („Der Tofu sieht im Fall mega hässlich aus“) und auch der Bloggerin nicht mehr über die Lippen kommt als ein flacher Veganer – Witz, für die Menschen, die sich die Instagram Accounts ansehen, wird es so wirken als hätten alle tierischen Spass. Als wären sie alle glücklich und zufrieden.

Kurz darauf können wir der blonden Schönheit beim Einkaufen über die Schulter schauen. Um sich so gesund wie möglich zu ernähren geht sie in ein Spezialgeschäft. Wo sie mal eben eine exotische Frucht für 21 Franken kauft. Darauf angesprochen, dass sich ja nicht jeder so teures Essen leisten könnte, erwidert sie nur, dass sie ja nur für 50 Franken eingekauft habe – was ja für niemanden ein Problem darstellen würde, sie hätte schliesslich auch mal studiert und mit wenig Geld einkaufen müssen. Dass 50 Franken für eine alleinerziehende Mutter, die ihr Geld beim Putzen verdient, sehr viel Geld sein kann, kommt ihr nicht in den Sinn. Wieso auch das eigene Tun hinterfragen, wenn man seine Zeit auch damit verbringen kann, seinen eigenen Körper anzubeten?

Endgültig bizarr wurde es dann, als die Bloggerin zufällig einer Followerin über den Weg läuft. Diese erholt sich gerade von einer schweren Magersucht. Und erklärt der Bloggerin tatsächlich, dass ihr Account ihr Mut gebe, weil sie ja so einen gesunden Lebensstil propagiere. Danach erzählt die junge und zerbrechliche Frau allerdings, dass Instagram ihre Magersucht verstärkt habe. Sie ist immer mehr in ihre Krankheit reingerutscht, weil sie immer noch gesünder und noch sportlicher unterwegs sein wollte. Und dennoch zollt sie einem Menschen Respekt, der genau diese Gefühle der Unzulänglichkeit verstärkt, indem er mit Bildern eine perfekte Welt darstellt, die nur durch einen gesunden Lebensstil erreicht werden kann. Das muss man nicht verstehen.

Ich hätte mir gewünscht, dass sich die Bloggerin ernsthaft Zeit nimmt mit dieser jungen Frau zu sprechen, dass sie sich reflektiert und sich überlegt, welche Schatten ihre strahlend helle glitzernde hippe Welt werfen kann…doch nichts da. Ein kurzer Dialog, bei dem sie den Entschluss fasst, in Zukunft auch mal zu posten, wenn sie keinen Sport macht um zu zeigen, dass es auch okay ist sich mal eine Pause zu gönnen. Sonst nichts. Keine kritische Betrachtung von sich selbst. Keine Frage nach dem Sinn des eigenen Tuns.

Stattdessen gehen die beiden kochen. Zusammen. Mit einem veganen Koch und der „Community“ Weil das „Real Life“ ja auch sehr wichtig ist, wie die Bloggerin immer wieder nachdrücklich betont. Ihre Jüngerinnen sehen mehr oder weniger genauso aus wie sie. Glatt geföhnte Haare, weite Pullover, rot geschminkte Lippen. Und alle haben sie das Handy in den Fingern, während sie das „Real Life“ geniessen. Das ist dann wohl diese gelebte 
Individualität, die so oft gepriesen wird.

Bin ich neidisch auf diese hübsche Blondine mit den vollen Lippen und den wohlgeformten Körper? Nein. Ich möchte nicht so ein Leben haben. Denn was macht sie? Sie verkauft sich selbst. Sie gehört sich nicht selbst. Ein Stück von ihr wird immer den Sponsoren gehören, mit denen sie schliesslich ihr Geld verdient. Da kann sie noch so sehr davon reden, dass sie nie ein Produkt bewerben würde, hinter dem sie nicht 100% steht. Im Grunde ist sie eine Werbefläche.

Jetzt kann man zurecht sagen, dass es mir egal sein kann, was die junge Frau so treibt. Ja, ich muss ja selbst zugeben, dass ich die eine oder andere oberflächliche Sendung schaue, die ein solches Lebensbild noch propagiert. Problematisch finde ich, dass es vielen offenbar nicht einmal bewusst ist, wie oberflächlich so etwas ist. Wer sich nur mit seiner Ernährung und seiner Gesundheit und seinem Äusseren beschäftigt, der führt eben kein ausgewogenes, reichhaltiges Leben und wenn er noch so viele verdammte Bilder von seiner Gemüsesuppe schiesst.

Endgültig von den Socken gehauen hat mich dann der Beschreibungstext der Dokumentation. Ich zitiere wörtlich von der SRF – Seite: „Das Fotomodel steht für eine neue Generation von gesunden, sportlichen und erfolgreichen Menschen. Aber sie bringt viele durchschnittliche Frauen in Not, die es punkto Aussehen nicht mit ihr aufnehmen können.“
Also erstmal: Die hier so bejubelte Frau ist genau gleich alt wie mein Bruder. Der arbeitet seit er achtzehn ist in der Pflege. Seine Ausbildung hat er in einer psychiatrischen Einrichtung abgeschlossen, seit vielen Jahren ist er in der Altenpflege tätigt. In dieser Zeit hat er Menschen begleitet, unterstützt, sie getröstet, gepflegt, ihnen ihre Ängste genommen und ihnen Gehör geschenkt. Er kann nicht jeden Morgen zwei Stunden ins Fitnesscenter gehen oder eine Stunde lang ein gesundes Mittagessen zubereiten. Weil sein Beruf, in dem er sich für andere Menschen einsetzt, das zeitlich nicht zulässt. Aber nicht er wird als erfolgreich beschrieben, sondern ein Model, das seine Zeit hauptsächlich damit verbringt, sich selbst zu inszenieren.

Und was das gesund betriff. Es gibt kein Rezept für Gesundheit. Ihr könnt jeden Tag drei Stunden joggen gehen und euch nur noch von Broccoli und Tofu ernähren, trotzdem könnt ihr Krebs bekommen. Oder MS. Oder Demenz. Oder ihr könnt krank geboren werden. Gesundheit ist ein Geschenk, nicht etwas, dass man sich verdienen kann. Man kann höchstens die Risiken minimieren.

Und was soll das heissen „durchschnittliche Frau“? Lass es mich mal so ausdrücken, liebes SRF: Ich bin nicht blond, ich habe keine durchtrainierten Bauchmuskeln, keine vollen Lippen und keinen muskulösen Hintern. Ich trage meistens eine Brille, trotz diverser Hautunreinheiten verzichte ich seit etwa drei Jahren auf Make – Up, ich habe kein Abo bei einem Fitnesscenter, esse auch gern mal einen Burger, habe keine 50‘000 Follower und verdiene mein Geld mit Bücher verkaufen. Aber ich bin verdammt noch mal nicht durchschnittlich. Niemand ist durchschnittlich! Und wir dürfen uns diesen Quatsch nicht einreden lassen. Schon gar nicht von Instagramstars, die genau wie wir ihre Probleme, Unsicherheiten und schlechten Tage haben wie wir anderen auch. Sie schaffen sich einfach eine digitale Parallelwelt, in der sie diese Tage löschen.

Treibt Sport wenn ihr Lust darauf habt und wenn es euch guttut, aber nicht weil euch irgendwelche wildfremde Menschen erzählen, dass es zu einem erfüllten Leben dazugehört. Geniesst euer Essen statt es ständig zu analysieren oder euch zu fragen, ob das jetzt viele oder wenige Kohlenhydrate hat. Zieht euch das an, was euch gefällt oder worin ihr euch wohlfühlt und nicht das was irgend so ein Model auf einem Foto anhat.

Geht auf Reisen. Schreibt ein Buch. Gründet eine Band. Nehmt an einem Schlittenhunderennen teil. Komponiert ein Lied. Näht ein Kleid. Zeichnet ein Bild. Designt Möbel. Züchtet Blumen. Baut ein Haus. Sammelt Briefmarken. Politisiert. Lest. Lacht.  Tanzt im Regen. Lebt eure Leidenschaft. Lebt euer Leben und nicht das Leben von jemand anderem. Das wird euch nicht glücklich machen.

Abenteuer Leben findet nicht auf Instagram statt. Sondern bei dir.

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