Freitag, 29. Dezember 2017

Schatten in Langenthal



„Du konntest ja gut damit umgehen.“

Dieser Satz war der Auslöser für meinen Text „Alte Wunden“. Ein ehemaliger Lehrer meinte, ich sei ja damals gut mit den Anfeindungen zurechtgekommen. Diese Aussage traf mich. Und machte mich wütend. Weil es nicht wahr ist. Nur weil ich keinen schweren psychischen Schaden davon getragen habe, heisst das noch lange nicht, dass ich gut mit dem Mobbing leben konnte. Damit kann niemand gut leben! Dass ich das irgendwie durchgestanden habe verdanke ich in erster Linie meiner Familie und meinen Freunden. Ich möchte aber auf keinen Fall, dass meine Geschichte so verstanden wird, dass Mobbing eine Art Lebensschule ist, aus der man gestärkt hervorgehen kann. Mobbing ist nicht etwas Aufbauendes, Mobbing ist etwas Zerstörerisches. Punkt. Deshalb habe ich den Blog geschrieben, obwohl ich jahrelang nie wirklich über meine Zeit als Mobbingopfer gesprochen habe – ausser mit Freunden oder Familie.

Ich habe nie darüber geredet, weil ich mich dafür geschämt habe und weil ein kleiner Teil von mir immer gedacht hat, es sei meine Schuld gewesen und ich hätte es verdient gehabt, wie mit mir umgesprungen wurde. Mit dem zunehmenden Selbstbewusstsein kam dann die Erkenntnis: Das ist nicht wahr. Egal wie anders ich war, egal wie sehr ich provozierte oder polarisierte, ich habe nicht verdient, was mit mir gemacht wurde. Ich bin nicht schuld. Schuld sind die Täter. Und die Lehrer, die es zugelassen haben.

Mit dem Blog habe ich damals meine Geschichte erzählt. Es ging mir nicht in erster Linie ums Mitgefühl, es ging mir darum dass dem Thema Mobbing Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wenn ich über Pausenhöfe gehe und höre wie Kinder und Jugendliche miteinander reden und umgehen, dann glaube ich, dass es immer noch bitter nötig ist. Umso trauriger und wütender macht es mich, dass die Schulsozialarbeit in Langenthal wieder gescheitert ist. Deshalb möchte ich meine Geschichte weitererzählen.

Es stimmt, dass ich gerade in den letzten beiden Jahren, dass Mobbing mehr oder weniger überwunden habe. Ich bin nicht mehr so schüchtern. Ich gehe sogar ab und zu in den Ausgang, ich kann problemlos Unterschriften sammeln gehen, ich geh spazieren und einkaufen wie jeder andere auch.

Das war nicht immer so. Es gab einmal eine Zeit, da ging ich nur noch mit Kopfhörern ins Dorf, weil ich die Kommentare nicht hören wollte, die man mir nachrief. Ich versteckte mich, wenn ich Schulkameraden sah, aus Furcht, wieder gequält zu werden. Ich ging nie in den Ausgang, weil ich wusste, dass ich doch keine ruhige Minute hätte. Allein der Gedanke an die Jungbürgerfeier liess mich panisch werden. Das spöttische Gelächter, die schiefen Blicke, die Beleidigungen. Nadelstiche. Immer wieder. Überall wo ich war folgte mir der Spott und die Lästereien und der Hass. Egal wie sehr ich versuchte auszuweichen, dem Mobbing konnte ich nicht entkommen.

Ich habe Mobbing später auch in Bern erlebt, aber in Langenthal war es schlimmer. Weil Langenthal so klein ist, bleibt das Mobbing nicht in der Schule. Es greift über auf dein ganzes Leben. Wenn du Glück hast erntest du Mittgefühl. Wenn du Pech hast, erntest du noch mehr Häme und Verachtung. Jahrelang fühlte ich mich nicht als Mensch. Sondern als Opfer.

Hatte ich das verdient? Weil ich anders war? Weil ich nicht der typische Teenager war? Reicht das um in Langenthal gemobbt zu werden? Ja, es reicht. Denn Langenthal hat nun mal nicht nur eine helle, offene und inspirierende Seite, sondern auch eine dunkle, kleinliche und engstirnige Seite. Nur ja nicht auffallen, alles schön in Reih und Glied, alles sauber und ordentlich. Und vor allem: Alles so wie es immer war. Schon eine Schnitzelbank, die ein bisschen ausschert, reicht ja einigen Langenthalern schon um ihr miesestes Gesicht zu zeigen. Es reicht ja schon, wenn man am Street Festival und am Wuhrplatzfest ausgelassen tanzt, schon wird man ausgelacht. Und egal was man sagt oder schreibt, man kann immer davon ausgehen, dass irgendwo ein Langenthaler daherkommt und dir niedere Motive unterstellt. Das kotzt mich an. Ich könnte schwören, dass gerade jetzt, während ein Langenthaler diesen Text liest, dieser denkt: Die will ja nur Aufmerksamkeit. Wäre auch schlimm, wenn man in seinen eigenen Verhalten nach Fehlern suchen müsste.

Was mich aber noch viel wütender macht ist etwas anderes. Jede Stadt hat Schattenseiten und Langenthal nicht mehr als andere. Aber ich lebe nun einmal hier und ich möchte, dass sich hier etwas ändert. Vielleicht sagt jetzt der eine oder andere: Dann soll sie doch wegziehen, wenn es ihr hier nicht passt. Und genau da liegt das Problem. Statt dass man hinsehen würde, statt dass man sich diesen Schattenseiten stellen würde, will man sie einfach ignorieren. Als würden sie dann von selbst weggehen.

Das zeigt sich im Umgang mit der Schulsozialarbeit. Ich bin der Ansicht, dass die Politik den Menschen dienen soll. Dass es dann am Ende doch nur um Kosten geht, statt darum, dass jungen Menschen in Not geholfen wird, ist eine Schande. Für alles ist Geld da in Langenthal. Nur für die Schulsozialarbeit nicht. Ich frage mich dann aber schon, wieso denn niemand die Kostenfrage stellt, wenn es um die neue Eishalle geht. Jaja, das sind zwei verschiedene Paar Schuh und hat gar nichts miteinander zu tun. Doch. Hat es eben schon. Für das eine ist man bereit Geld in die Finger zu nehmen. Für das andere nicht. Interessante Gewichtung. Zugleich ist es so typisch Langenthal, dass man heulen könnte. König Sport steht hier natürlich über allem anderen.

Ich habe hier gelitten, an diesen Schulen und in dieser Stadt, ohne dass es irgendjemanden ausserhalb meiner Familie gekümmert hätte. Ich war unsichtbar. Und ich frage mich wie viele junge Menschen hier immer noch unsichtbar leiden, wie viele ausgeschlossen werden, wie viele allein gelassen werden und nicht Teil dieser Stadt sein könne, weil ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen wird.

Für das neue Jahr wünsche ich mir deshalb, dass Langenthal auch jenen einen Platz einräumt, die anders sind und dass man sich weniger über Kleinigkeiten wie kaputt gegangene Lichter am Stadtweihnachtsbaum aufregt. Es gebe da nämlich ganz andere Dinge, über die man sich empören könnte.

Schatten kann man nicht vertreiben indem man sie aussperrt. Schatten kann man nur mit Licht vertreiben. Man müsste nur den Mut haben es auch zu entzünden.

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