Dienstag, 31. Oktober 2017

Scheisskerl



Wir müssen reden. Denn du bist ein Scheisskerl. Und weisst du was das Schlimmste ist? Du weisst es nicht einmal. Aber das macht nichts. Deshalb schreib ich dir ja diesen Brief. Damit du verstehst, wieso du ein Scheisskerl bist.

Du bist ein Scheisskerl, weil du mit mir flirtest, obwohl du in einer festen Beziehung bist. Nein, das Flirten ist nicht schlimm, ich flirte auch gerne. Aber weisst du, was schlimm ist? Dass du mir danach die Schuldgefühle überlässt. Dass du dich plötzlich in meiner Gegenwart abweisend verhältst, dass du mir die kalte Schulter zeigst. Als hätte ich etwas falsch gemacht. Als wäre ich eine Sirene, die dich aufs Meer gelockt hat. Als wäre ich verantwortlich für deine Beziehung. Als wäre ich deine moralische Instanz. Als wäre es meine Aufgabe moralisch zu sein, während du in Ruhe sündigen kannst.

Du bist ein Scheisskerl, weil du mir vorgaukelst, es könnte etwas werden zwischen uns  und dann rückst du irgendwann damit raus, dass da noch jemand anderes ist, jemand, der dir  nicht einmal halb so viel bedeutet wie ich. Aber plötzlich bedeutet sie dir eben doch wieder mehr und du gehst zu ihr zurück, obwohl sie wahrscheinlich gar nicht gemerkt hat, dass du je weg warst. Aber auch daran soll ich schuld sein. Weil ich ja dich angemacht habe. Und du konntest dich natürlich nicht wehren gegen meine geballte Weiblichkeit.

Du bist ein Scheisskerl, weil du der Meinung bist, dass es Zeitverschwendung wäre sich mit mir abzugeben, wenn ich kein Date mit dir will. Als wäre ich dazu verpflichtet, es mit dir zu versuchen. Als stünde es mir nicht zu, Freundschaft zu wollen. Als wäre ich ein so erotisches Wesen, dass die Männer gar nichts anderes können, als Liebe von mir zu verlangen. Als wäre ich deshalb dazu verpflichtet, diese Liebe auch zu geben.

Du bist ein Scheisskerl, weil du findest, ich solle mich nicht so anstellen, sondern froh sein, dass ich überhaupt einen kriege, so komisch, wie ich drauf sei. Als hätte ich einen Qualitätsstempel auf der Stirn. Als hätte nicht ich das Recht zu entscheiden, mit wem ich zusammen sein will. Sondern du.

Du bist ein Scheisskerl, weil du tatsächlich denkst, ich dürfte dich nicht abweisen, nur weil du mir optisch nicht gefällst. Denn schliesslich sei das oberflächlich und gemein. Du findest also, ich soll mit jemanden eine Beziehung führen, obwohl ich mich nicht körperlich von ihm angezogen fühle. Aus Mitgefühl. Aus Empathie. Aber du, du darfst frei entscheiden, mit wem du was anfangen willst. Weil du nicht sozial sein musst. Ich aber schon. Weil ich nur das Innere eines Menschen beurteilen darf.

Du bist ein Scheisskerl, weil du mir erzählst, dass du Vater werden willst und wenn ich dir dann sage, dass ich keine Familie gründen möchte, grosszügig erklärst, ich könne meine Meinung ja schliesslich noch ändern. Als wäre es selbstverständlich, dass ich meine Träume, Lebensentwürfe, Hoffnungen und Wünsche über den Haufen werfe. Damit es passt. Für dich.

Du bist ein Scheisskerl, weil du wütend wirst, wenn ich sage, dass ich nie mehr in dir sehen werde, als einen guten Freund. Als sei es von Anfang an klar, dass ich mehr will. Als gäbe es gar keine Alternative. Als wäre ich das allerletzte Miststück, weil ich deine Gefühle ausgenutzt hätte. Als hätte ich diese Gefühle bewusst gewollt. Als würde es mir Spass machen, dich zurückzuweisen. Macht es übrigens nicht. Aber ich habe trotzdem das Recht, nein zu sagen.

Du bist ein Scheisskerl, weil du deinen Freunden erzählst, wie prüde ich sei, weil ich noch Jungfrau bin. Und wenn ich es nicht bin und mit vielen geschlafen habe, dann bin ich eine Schlampe. Wenn ich im Ausgang lieber mit meiner Freundin quatsche als zu tanzen, bin ich langweilig. Wenn ich tanze und Spass habe, bin ich ein Flittchen, das  Aufmerksamkeit sucht. Du bist kein Scheisskerl, weil du mich sexualisiert, du bist ein Scheisskerl, weil du mir mein Sexualität absprichst, um sie dann selbst zu vereinnahmen. Weil du willst, dass ich für alle anderen die Heilige und für dich die Hure bin.

Du bist ein Scheisskerl, weil du der Meinung bist, ich müsse deine Traumfrau sein. Das muss ich nicht. Das will ich nicht. Denn ich bestehe aus Fleisch und Blut, nicht aus Wünschen, Erwartungen und Sehnsüchten. Ich habe meine Launen. Ich habe eine schlechte Seite. Ich bin manchmal genauso berechnend wie du.

Ich bin keine Prinzessin im Turm, die huldvoll lächelt und ihrem Ritter zuwinkt. Ich bin aber auch keine hinterlistige Hexe, die dir dein Herz aus der Brust reisst.

Ich bin einfach ein Mensch.

Und so lange du das nicht begriffen hast, wirst du immer ein Scheisskerl bleiben.

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