Sonntag, 22. Oktober 2017

Der Papa wird's schon richten...





Ich muss zugeben: Er erstaunt mich, der erbitterte Widerstand gegen den Vaterschaftsurlaub. Liest man manche Artikel oder noch schlimmer die dazugehörigen Kommentare oder Beiträge auf Facebook, könnte man meinen, die Initianten verlangen mindestens drei Monate Gratisferien für alle und dazu noch, dass die Unternehmen jedem Arbeitnehmer eine Villa zur Verfügung stellen. Zu teuer, kreischen die Gegner geradezu hysterisch, viel zu teuer für den Staat und viel zu teuer für die Unternehmen, die doch ohnehin mit so vielen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hätten. Und jetzt kommen noch die Väter, die tatsächlich Zeit mit ihren neugeborenen Kindern verbringen wollen? Ja, sind wir denn im Schlaraffenland?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, natürlich würde es kosten. Olympia kostet auch etwas. Die Armee kostet etwas. Das liegt in der Natur des Systems. Und ja, natürlich wäre es auch mit Aufwand für die Unternehmen verbunden. Ich bin zu wenig affin mit den Zahlen um das genau beziffern zu können. Aber ich bin überzeugt, dass die Unternehmer vom Vaterschaftsurlaub auch profitieren würden. Sie würden so zum Beispiel sich die Loyalität ihrer Arbeitnehmer sichern. Ja, vielleicht müssen sie vier Wochen auf einen Arbeitnehmer verzichten. Dafür haben sie nach diesen vier Wochen einen Mitarbeiter, der sich wieder voll auf seine Aufgaben konzentrieren kann, statt dass er immer an sein neugeborenes Kind denken muss.

In diesem Zusammenhang höre ich immer wieder das Argument, man könne ja schliesslich unbezahlten Urlaub nehmen. Ja, kann man. Aber nicht jeder. Unbezahlten Urlaub können nur jene nehmen, die über ein genügend grosses Finanzpolster verfügen. Wer aber mit seinem Job gerade so über die Runden kommt, kann sich einen Erwerbsausfall schlichtweg nicht leisten. Wer Kinder haben will, soll auch für sie sorgen können, wird da oft eingeworfen, wer halt nicht genügend Einkommen hat, soll eben keine Kinder in die Welt setzen. Dieser Einwand macht mich sprachlos vor Empörung. Kinder sollen also nur diejenigen kriegen dürfen, die finanziell gut abgesichert sind? Ich denke, wir sind an einem Punkt angekommen, wo wir begriffen haben sollten, dass Wohlstand kein Garant für eine glückliche Kindheit ist. Wenn Kinder kriegen plötzlich nur noch das Privileg der Gutverdienenden sein soll, verabschieden wir uns endgültig in eine Zweitklassengesellschaft.

Naja, wenn kein unbezahlter Urlaub möglich ist, kann man ja ganz regulär die Ferien beziehen, könnte man da vernünftigerweise einwenden. Gute Idee! Hat aber auch einen Haken. Nicht jeder Arbeitnehmer kann spontan Ferien nehmen, oft legt man die Daten bereits lange im Voraus fest. Klar, kann man seine Ferien dann auf den errechneten Termin legen. Nur: Babys kommen nicht immer pünktlich. Manche kommen zu früh, andere lassen sich sehr viel Zeit. Ja, liebe Theoretiker, Babys sind die Terminkalender der Eltern relativ egal. Und sie flutschen nicht einfach raus, wenn die Mutter denkt: Och, jetzt wäre es doch praktisch, jetzt hat mein Mann gerade Ferien.

Wieso braucht es dann Vaterschaftsurlaub? Wir hatten das schliesslich auch noch nicht und wir hatten trotzdem eine gute Kindheit! Auch das ist ein Argument, das gerne in die Runde geschmissen wird. Vaterschaftsurlaub heisst aber nicht, dass die Väter bisher totale Versager waren und ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben. Der Vaterschaftsurlaub soll es Väter einfach erleichtern, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen und einen aktiven Part in der Erziehung zu übernehmen. Ja, natürlich ging es früher auch. Früher lebten wir auch in Höhlen und fanden es dort gemütlich. Aber wahrscheinlich hat einer unserer Vorfahren auch gesagt: „Also, ich verstehe nicht, was alle mit diesem Feuer haben…Früher  war es zwar ein bisschen kühl, aber mit ein paar Fellen ging es ja einigermassen…“

Vaterschaftsurlaub ist wichtig und sinnvoll. In der Schweiz wurde die Frage nach einer besseren Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie zu lange vernachlässig. Sowohl in Skandinavien als auch in Deutschland gibt es Elternzeitmodelle, die bedeutend weiter gehen als vier Wochen Vaterschaftsurlaub. Und ich mag mich täuschen, aber ich glaube, diese Länder sind bis jetzt noch nicht wirtschaftlich ruiniert.

Ich staune manchmal, was für ein veraltetes Weltbild manche Leute immer noch pflegen. Denn immer wieder schimmert hinter den fadenscheinigen Argumenten durch, dass viele  noch immer der Ansicht sind, Kinder würden vor allem zum Aufgabenbereich der Mutter gehören. An der Produktion beteiligen sich die Männer gerne, aber dann soll gefälligst die Frau schauen. Das ist ja auch viel natürlicher, Frauen haben ja instinktiv Ahnung von Kindererziehung!

Vielleicht zerstöre ich hier ein Mythos aber es muss jetzt mal gesagt sein: Auch bei Frauen ist das Windelwechseln nicht in den Genen gespeichert. Ich zum Beispiel habe keine Ahnung von Kindern, auch wenn ich eine Gebärmutter habe. Nein, ich weiss nicht automatisch was ich tun muss, wenn ein Baby schreit und nein, ich weiss nicht, wie man einen Brei kocht. Auch Frauen finden nach der Geburt nicht einfach so in ihre Mutterrolle, genau wie die Männer auch nicht. Es ist für beide einfacher, wenn sie sich in den ersten Wochen gemeinsam dieser neuen Aufgabe stellen können. Das gilt auch, wenn das zweite oder dritte Kind kommt, denn auch das verändert die Familienstruktur und sorgt für neue Herausforderungen.

Und dann kommt noch etwas anderes dazu: Manche Frauen haben schwere Geburten, von denen sie sich nicht so schnell erholen und manche Frauen erkranken an einer postnatalen Depression. Dann ist die Unterstützung des Mannes nicht nur wünschenswert sondern sogar dringend notwendig.

Ausserdem: Ich persönlich habe das Gefühl, dass die jungen Männer meiner Generation eine andere Auffassung vom Vatersein haben, als es noch vor dreissig Jahren üblich war. Sie wollen sich aktiv an der Erziehung der Kinder beteiligen und von Anfang an Teil ihres Lebens sein.

Was mich selbst betrifft, kann ich sagen: Sollte ich wider Erwarten doch einmal eine Familie gründen, will ich einen Partner, der sich genauso um die Erziehung kümmert wie ich. Ich will nicht erst unter Schmerzen gebären und dann zuhause an der Wiege sitzen, während mein Mann seinem Job nachgeht und  überall stolz die Bilder seines Stammhalters zeigt, nur um dann abends müde heimzukommen und durchzuschlafen, während ich dauernd aufstehen und mich um das schreiende Baby kümmern darf, weil er ja ausgeruht für seinen anspruchsvollen Beruf sein muss.

Denn egal ob der Vaterschaftsurlaub jetzt durchkommt oder nicht: Diese Zeiten sind definitiv vorbei, meine Herren!

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