Samstag, 16. September 2017

"Was habe ich denn davon?"



Was bringt mir das?“ Diese Frage höre und lese ich oft, wenn es um die bevorstehende Rentenreform geht. Bekomme ich mehr Geld? Muss ich mehr zahlen? Ist meine Rente gesichert? Das sind legitime Fragen und Fragen, die wir uns alle stellen, wenn wir über eine Vorlage abstimmen, die eine massive Auswirkung auf unser eigenes Leben haben. Und dennoch: Manchmal geht mir diese Frage „Was habe ich denn davon“ einfach auf die Nerven. Muss man denn überhaupt immer etwas davon haben, um für etwas einzustehen?

Wenn sich Bürgerliche im Rahmen der Rentenreform darüber empören, wie ungerecht es sei, dass die armen fleissigen  Jungen für die bösen faulen Alten aufkommen müssen, ist das ein völlig verqueres Argument, weil es den Solidaritätsgedanken zwischen den Generationen grundsätzlich in Frage stellt. Es ist doch vollkommen logisch, dass die beruflich aktive Generation für die nicht arbeitende Generation die AHV finanzierte. Umgekehrt wäre das ja auch ein bisschen schwierig. Also, wenn der Opa, der  im Altersheim seinem Enkel, der einen lukrativen Job in der Bank hat, monatlich Geld entrichten müsste, wäre das irgendwie komisch. Die AHV tut uns Jungen ja auch nicht weh. Da sie uns direkt abgezogen wird, rechnen wir auch nie mit ihr. Und seien wir doch mal ehrlich: Mit der AHV tun wir zumindest etwas Sinnvolles. Wir geben unser Geld doch für bedeutend dümmere und nutzlosere Dinge aus (abgesehen natürlich von den Jungfreisinnigen. Die gehen natürlich immer total sorgfältig mit ihren Finanzen um und sparen bereits jetzt für das Häuschen in dem sie dann mal mit ihrer Familie wohnen werden. Sofern dieser Traum nicht von den in Saus und Braus lebenden Rentnern zerstört wird).

Allgemein stört mich das Bild, das von den älteren Mitmenschen gezeichnet wird. Immer mehr wird suggeriert, dass Senioren und Seniorinnen faul seien und dass sie doch viel zu viel kosten würden. Das ist die direkte Konsequenz einer Gesellschaft, die den Wert des Menschen nicht selten nach seiner geleisteten Arbeit misst. Sobald der Mensch alt, krank oder schwach ist, bringt er eben nichts mehr. Dass alte Menschen sich für den Freitod entscheiden, weil sie nicht zur Belastung werden wollen, steht symptomatisch dafür.

Vergessen wir dabei oft, wie viel wir unseren älteren Mitmenschen zu verdanken haben. Dass ich die Ausbildung machen konnte, die ich wollte, verdanke ich in erster Linie meinen Eltern und meinen Grosseltern, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Dass ich als Frau abstimmen und wählen kann, verdanke ich ebenfalls engagierten Frauen und Männern, die heute im Rentenalter sind. Dass die Schweiz so ist wie sie ist, verdanken wir alle den Generationen vor uns. Unser Land ist nämlich nicht einfach so reich und friedlich vom Himmel gefallen, meine Damen und Herren. Und auch heute sind die älteren Semester wichtige Stützen für die Gesellschaft. Sie sind oft sehr aktiv in der Freiwilligenarbeit, sie übernehmen die Betreuung der Enkelkinder, wodurch sie dafür sorgen, dass beide Elternteile berufstätig bleiben können und sie geben Wissen weiter, das wir ohne sie vielleicht schon längst verloren hätten.

Daher macht es mich stinksauer, wenn ich höre wie Anzug tragende Schnösel, die noch nicht einmal ihr Studium beendet haben, in der Öffentlichkeit bewusst das Bild von schmarotzenden verwöhnten Senioren heraufbeschwören, die uns Jungen auf der Tasche liegen. Wer dieses Argument bringt, greift keineswegs die Rentenreform an, vielmehr stellt er das gesamte Prinzip der AHV in Frage. Was bringt es mir AHV einzuzahlen, wenn ich selbst nicht sofort profitiere und vielleicht gar nie davon profitieren werde? Dieser Gedanke scheint für viele der ausschlaggebende Grund zu sein, nein zu sagen.

Diese Haltung erstreckt sich auch auf andere Lebensbereiche. In dieser Woche diskutierte das Parlament ausführlich über die No - Billag Initiative. Das Netz wird überflutet von Kommentaren wie „ich schaue sowieso kein SRF, wieso soll ich dann dafür zahlen“ oder „SRF produziert sowieso nur Mist, es ist ein Skandal, dass wir das noch zahlen müssen“. Selbst Nationalräte sind sich nicht zu schade dafür, ihre Zustimmung für die Initiative damit zu begründen, dass ihnen das SRF – Programm nicht passt. So stimmt die SVP nicht nur ihre üblichen Klagelieder über das „linke Staatsfernsehen“ an, ihr Fraktionspräsident Adrian Amstutz bezeichnet auch Serien wie „Kommissar Rex“ und „Soko Wien“ als „Quatsch“. Die Essenz solcher Äusserungen: Was ich persönlich nicht mag, ist es auch nicht wert, finanziert zu werden. Dass es völlig unmöglich ist ein Fernsehprogramm zusammenzustellen, das alle Geschmäcker befriedigt, diese Tatsache wird komplett ignoriert. Es geht ja schliesslich auch nicht um den Geschmack der anderen, sondern um meinen Geschmack lautet die Devise. Völlig egal, dass man mit seinen Gebühren vielleicht eine Sendung finanziert, die jemand anderen Freude bereitet. Ich bin schliesslich der Mittelpunkt der Welt!

Dieser Egoismus – der nicht selten mit Selbstbestimmung verwechselt wird – zeigt sich auch in den Diskussionen um die Sozialhilfe. Das Märchen von den Sozialhilfebezügern, die sich auf Kosten des Staates und somit letztendlich mit unseren Steuern ein schönes Luxusleben einrichten, hält sich hartnäckig, egal wie sehr die Verantwortlichen das Gegenteil betonen und belegen können. „Der lebt von der Sozialhilfe, hat aber das neueste Smartphone!“, empört man sich am Stammtisch. Das neueste Smartphone hat man zwar selber auch, genau wie ein geregeltes Einkommen und ein schönes Haus. Aber die Vorstellung, dass jemand, der nicht einmal ordentlich arbeitet, nicht in einer Bretterbude haust und mithilfe von Brieftauben kommuniziert, scheint manche mehr zu quälen als Hühneraugen oder Verstopfungen.

Die Tatsache, dass wir Steuern zahlen gibt uns manchmal das Gefühl, wir hätten die Schweiz quasi eingekauft und hätten deshalb auch das alleinige Recht zu bestimmen, wie unser Geld eingesetzt wird. Der Gedanke hat doch auch was für sich. Wieso soll ich eigentlich dem Kredit für die Sanierung einer Turnhalle zustimmen? Ich turne da ja ganz bestimmt nicht mehr! Wieso soll ich einer neuen Eishalle zustimmen, die ich persönlich total unnötig finde? Wieso soll ich dem Umbau eines Altersheims zustimmen? Ich wohne ja da schliesslich noch nicht!

Was habe ich denn davon?

Diese Frage ist durchaus berechtigt. Aber vielleicht stellen wir sie uns einfach zu oft. Vielleicht sollte man die Frage einfach mal umformulieren. Wie wäre es zum Beispiel mit: „Was hat die Gesellschaft davon?“ Oder mit: „Was hat jemand anderes, dem es schlechter geht als mir, davon?“

Sollten wir vielleicht mal ausprobieren.

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