Sonntag, 24. September 2017

Politikverdrossenheit



Ach, manchmal habe ich Lust mich auf eine einsame Dschungelinsel zurückzuziehen, den ganzen Tag Yoga zu machen und romantische Gedichte zu schreiben, während ich den Sonnenuntergang betrachte statt mich mit Politik auseinanderzusetzen. Mein Leben wäre entspannter, meine Nerven besser intakt, mein Herz würde weniger bluten.

Oder vielleicht auch nicht. Realistisch gesehen wäre ich auf einer Dschungelinsel das reinste Nervenbündel. Ich würde die ganze Zeit mit einem Mückenspray rumlaufen und alles was auch nur entfernt nach Mücke aussieht – und damit schwere Krankheiten übertragen kann – niedersprayen. Und ich würde nie Yoga in einem Dschungel machen. Was, wenn ein Tiger vorbeikommt und mich friss  Ausserdem würde ich die Sonne sicher nicht gut vertragen und würde deshalb die ganzer Zeit auf meiner Pritsche liegen und keinen Wank machen.

Also doch keine Dschungelinsel und doch die Schweiz, die zwar wunderbar ist, mir an solchen Abstimmungssonntagen ganz schön die Laune verdirbt. Die Rentenreform ist gescheitert. Ob jetzt mehr an Widerstand von rechts oder am Widerstand von ganz links, daran scheiden sich jetzt die Geister. Wahrscheinlich war es die Mischung von beiden. Und steht vielleicht symbolisch für die zunehmende Unfähigkeit mancher Menschen über die eigene Ideologie hinwegzusehen und vielleicht den einen oder anderen Wehmutstropfen zu akzeptieren. Das ist nicht gut.

Okay, das soll man nicht sagen. Die Mehrheit gewinnt, das Stimmvolk hat gesprochen, die Entscheidung muss akzeptiert werden. Ich sollte jetzt sagen, dass ich enttäuscht bin, das Resultat aber so respektiere und dass es uns wahrscheinlich nicht gelungen ist, die komplizierten Inhalte verständlich genug zu übermitteln.

Aber das ist MEIN Blog und ich bin in keinem politischen Amt tätig, deshalb muss ich auch nicht diplomatisch oder verbindlich auftreten. Darum kann ich ganz ungefiltert und direkt sagen: ES PISST MICH AN, DASS WIR SCHON WIEDER VERLOREN HABEN! ES KACKT MICH AN, DASS SCHON WIEDER EIN KOMPROMISS GESCHEITERT IST! UND ES REGT MICH AUF, DASS IM VORFELD IMMER AUF UNTERGANGSSTIMMUNG GEMACHT WIRD, TATSACHEN VERDREHT WERDEN UND HORRORSZENARIEN ENTWORFEN WERDEN, NUR DAMIT HINTERHER ALLE SAGEN KÖNNEN, SO TRAGISCH SEI ES NICHT DA KANN MAN JA KEINEN VERNÜFNTIGEN SACHBEZOGENEN ENTSCHEID FÄLLEN!

So, nun ist es raus. Jetzt geht’s mir besser. Zumindest ein bisschen.

Mir graut einfach davor, wie die nächste Rentenreform aussehen wird. Wenn sie so bürgerlich geprägt ist, wie manche Sieger das nach diese, Abstimmungssonntag wollen, dann sage ich nur, Gute Nacht.

Was mich an dieser ganzen Sache so wahnsinnig macht ist, dass wir – also die junge Generation – für den Wahlkampf missbraucht wurden. Als wären wir nicht bereit das Solidaritätsprinzip zu tragen. Was nicht stimmt. Vielleicht abgesehen von den Jungen auf der bürgerlichen Seite. Aber ich kann mich nicht erinnern, diese zu den Botschaftern meiner Generation gewählt zu haben. Und als hätten sie diese Geschichte wir – armen – Jungen – müssen – jetzt – für – die – faulen – Alten selbst geglaubt. Aber es kommt nun einmal besser, sich als Rächer der ungerecht Behandelten aufzuschwingen, als wenn man ehrlich zugibt was man wirklich will. Höheres Rentenalter und weniger Rente für alle. Gerechtigkeit eben.

Ach ja, wenn wir gerade beim höheren Rentenalter sind: Ich glaube, viele Menschen hätten tatsächlich kein Problem damit länger zu arbeiten. Aber wie sollen sie das, wenn sie ihren Job verlieren, sobald sie ein gewisses Alter erreichen? Sollte man sich nicht erst darum kümmern, dass man überhaupt so lange berufstätig sein kann wie man möchte, bevor man es zu einem Muss macht?

Ja, ich bin verbittert. Ich bin häufig verbittert in letzter Zeit. Zum Beispiel als im Kanton Bern der Asylsozialhilfekredit abgelehnt wurde. Ich hätte nie gedacht, dass das passieren würde. Ich meine, hier ging es um KINDER! Die gehen bei uns nicht einmal mehr zu Fuss in die Schule, weil ihre Mamis und Papis so um ihr Wohl besorgt sind. Und dann lehnt man es ab, denjenigen Kindern zu helfen, die unseren Schutz bitter nötig haben, einfach weil es Flüchtlingskinder sind? Ich meine, das ist doch einfach unmenschlich. Wählerwille hin oder her (ja, die Abstimmung liegt schon eine Weile zurück, aber ich ärgere mich immer noch darüber).

Verbittert und entsetzt bin ich auch über die Wahlresultate aus Deutschland. Die AfD zieht – voraussichtlich, momentan habe ich nur die Hochrechnungen – als drittstärkste Partei in den Bundestag ein. Eine menschenverachtende, zutiefst verabscheuungswürdige Partei hat es tatsächlich geschafft die Wähler auf ihre Seite zu ziehen und das  mit einer Mischung aus rassistischer Propaganda, Hetze gegen Andersdenkende und einem Haufen Lügen. Leute, jetzt mal ganz im Ernst: Wer AfD wählt, wählt ihr Nazis in Anzügen, die ihre braune Scheisse mit salbungsvollen staatsmännischen Worten zu überdecken versuchen. Aber Scheisse wird nun einmal immer stinken, egal wie viel Parfüm man draufsprüht.

In einer Sendung habe ich gehört, viele hätten die AfD gewählt, damit mal wieder Leben in den Bundestag kommt und eine echte Opposition entsteht. Äh hallo? Geht’s noch? Das wäre ungefähr so, wie wenn jemand nach einer langen Periode des Weltfriedens, eine Atombombe zünden würde, damit wieder mehr „Action“ ist.

Abgesehen davon hätte ich gerne Martin Schulz als Kanzler gehabt. Schon allein deswegen, weil er mal Buchhändler war. Das ist in meinen Augen schon ein enormes Qualitätsmerkmal.
Ach, ich weiss nicht, aber manchmal nervt mich diese Machtlosigkeit. Eigentlich bin ich gar nicht so ein Machtmensch - wobei ich schon gerne mal eine Krone hätte – aber manchmal hätte ich gerne Einfluss. Manchmal wünschte ich, jemand würde auf mich hören. Manchmal wünschte ich, es würde irgendjemanden interessieren, was meine Meinung zu irgendwas ist (also abgesehen von meiner Familie und Freunden natürlich). Manchmal wünschte ich, ich wäre in einer Position, die es mir erlauben würde, irgendetwas Konkretes zu ändern oder zu beeinflussen. Jemand zu sein. Und dann schäme ich mich wieder, weil das so ein selbstsüchtiger Wunsch ist.

Andererseits: Immerhin habe ich meine Mutter dazu gebracht der Rentenreform zuzustimmen. Sie war am Anfang nämlich gar nicht begeistert, aber nachdem ich sie einmal am Frühstückstisch mit allen Argumenten vollgequasselt habe (dank den gefühlten tausend Mails von der SP hatte ich die alle mehr oder weniger beisammen. Das ist übrigens ein grosser Vorteil, wenn du in der SP bist. Es ist praktisch unmöglich eine Abstimmung zu vergessen, weil du eine Woche vor dem Termin quasi täglich Post bekommst), sagte sie plötzlich: „Ist ja schon gut, ich stimme mit Ja.“ Worauf ich völlig verblüfft nachhackte: „Wirklich?“  Ich meine, das ist das erste Mal, dass ich jemanden von etwas überzeugt habe! Normalerweise kann ich nicht einmal meine Katze davon überzeugen vom Fernseher wegzugehen.

Worüber ich allerdings nicht verbittert bin ist die Bundesratswahl. Okay, es ein strammer Bürgerlicher, der den Bundesrat vielleicht nach rechts rücken wird. Aber ich weiss nicht, ich fand seine Antrittsrede ziemlich gut. Ich fand es auch nicht schlimm, dass er Rosa Luxemburg zitiert hat. Ist ja nicht so, als hätten nur Linke ein Recht darauf ihre Zitate zu benutzen. Und ich fand es mega süss, wie er sich direkt an seine Frau gewandt hat und ihr versprochen hat, so zu bleiben wie er ist. Ich weiss, ich bin sentimental, aber ich fand das war wirklich eine wunderbare Liebeserklärung und Respektbezeugung in einem. Etwas fürs Herz, wie man so schön sagt.

Vielleicht bräuchte es das in der Politik. Mehr Herz. Und mehr Liebe.

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