Freitag, 1. September 2017

Kunstbanausin



Zeit für ein Geständnis: Ich bin eigentlich eine Kunstbanausin. Ich gehöre zu jenen unsäglichen Leuten, die bei einem Bild mit lauter Flecken drauf, den berühmt berüchtigten Kommentar loslassen, dass das ja ebenso gut von einem Kindergartenkind hätte gemalt werden können. Meistens schiebe ich noch ein –und – für - dieses – Gekritzel – sollen – wir – aberwitzig – viel – Geld - hinblättern  oder ein vielleicht – macht – das – Bild – auf – dem - Kopf – mehr – Sinn hinterher. Manchmal interpretiere ich auch  irgendwelche witzige Geschichten in merkwürdig formlose Skulpturen oder eigenartige Installationen, einfach um mich bei einer Ausstellung wenigstens einigermassen bei Laune zu halten.

Ich habe nichts dafür! Ich kann mit moderner Kunst einfach nicht viel anfangen. Es sagt mir einfach nichts. Wenn ich ein am Boden liegendes Abflussrohr sehe, ist das für mich eben einfach ein Abflussrohr und nicht die verschlungene Darstellung eines Lebenswegs. Klar, wenn mir dann ein beflissener Museumsführer erklärt, was der Künstler mir mit seinen ausgelatschten an der Decke hängenden Pantoffeln sagen will, klingt das schon meistens einleuchtend. Aber das ändert für mich nichts an der Tatsache, dass da einfach ein paar Pantoffeln vor meinem Gesicht rumbaumeln.

Wenigstens bin ich nicht die Einzige, die mit dieser modernen Kunst nichts anfangen kann. Bei meiner Abschlussreise besuchten wir mit unserem damaligen – sehr kunstbegeisterten – Lehrer die Ausstellung von Ai Weiwei. Ich hatte mir felsenfest vorgenommen keine blöden Kommentare abzugeben, weil Ai Weiwei wirklich eine beeindruckende Persönlichkeit ist, der man Respekt zollen sollte. Ich sah mir also brav einen Raum an, der gefüllt war mit alten Stühlen (das sollte den Hang Chinas symbolisieren, alles Alte und Traditionelle auf den Müll zu werfen) und enthielt mich meines Kommentars. Meine Freundin war aber nicht ganz so rücksichtsvoll. „Das sind doch nur ein paar Stühle! Wenn ich ein paar Stühle in mein Zimmer stelle, ist das dann auch Kunst?“, zischte sie die ganze Zeit und es fiel mir ehrlich gesagt schwer, ein ernstes Gesicht zu machen, während sie über den Kunstgehalt von Stühlen und Hockern philosophierte.

Ich will damit nicht sagen, dass das nicht Kunst ist. Ich finde diese Art von Kunst einfach nicht schön. Und ich finde, wenn Kunst erst umständlich erklärt werden muss, bevor man halbwegs versteht um was es geht, hat sie den Draht zu den Menschen verloren und damit jegliche Chance wirklich Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.

Hin und wieder habe ich aber solche „Kunstanfälle“ (eng verwandt mit meinen ab und zu auftauchenden „Sportanfällen). Während solcher Anfälle verspüre ich plötzlich den Drang mich kulturell weiterzubilden, weshalb ich dann hochstehende Bücher lese, die ich ansonsten nie aufschlagen würde, mir Filme ansehe, bei denen mich schon das Filmplakat langweilt und mir seltsame Theaterstücke ansehe.

Einmal bin ich ins Kino gegangen um mir einen Film anzusehen, in dem es um die Liebe zwischen zwei jungen Männern ging. Das Thema klang eigentlich vielversprechend. Leider war die Handlung extrem schleppend, die Dialoge hatten die Spritzigkeit eines Trauermarschs und zu allem Überfluss bestand die Filmmusik aus ganzen drei Tönen. Nach fünf Minuten schlief ich tief und fest und musste schliesslich von meinem damaligen Freund wachgerüttelt werden, als er das Kino verlassen wollte.

Ähnliche Langeweile überkam mich beim Ansehen des Films „der Goalie bin ig“. Ich fand die Handlung so einschläfernd, dass ich mir fast schon verzweifelt wünschte, dass James Bond plötzlich auftauchen und eine wilde Verfolgungsjagd anzetteln würde, einfach, damit irgendwas passiert (auch aus guten Büchern kann man schlechte Filme machen).

Der Besuch einer Vorführung der Berner Schauspielschule war zwar allerdings alles andere als langweilig, dafür aber sehr verstörend. Im Programm stand, es ginge um Identität und wie oft wir diese durch Kleidung wechseln (oder so ähnlich). Das Stück hatte allerdings nicht wirklich eine Handlung. Dauernd rannten irgendwelche Leute über die Bühne, die sich hysterisch grunzend die Kleider vom Leib rissen oder sich schminkten. Dann mussten wir alle durch Berge von dreckiger Wäsche waten und die Schauspieler stellten uns Fragen wie „Glaubst du ein rosarotes Kleid würde mir stehen?“ Und dann machte sich einer der Schauspieler auch noch nackig. Einfach so. Das Stück endete damit, dass sich alle Schauspieler Affenmasken überzogen und einem Staubsauger auf der Bühne zusahen. Danach begannen alle wie wild zu klatschen. Ich hingegen fragte mich, ob die Leute wohl ein anderes Stück gesehen haben als ich. Weil ich dieser Vorstellung wirklich absolut nichts Gutes abgewinnen konnte, ausser der Tatsache, dass es jetzt wenigstens vorbei war.

Mir fehlt einfach der tiefere Sinn für solche Ausläufer der Kunst. Ich mag Bilder, bei denen ich weiss, wo oben oder unten ist, ich mag Theaterstücke, die mich zum Lachen bringen, ich mag Filme, die mich mitreissen und Bücher, die mich berühren. Oder kurz gesagt: Ich mag Unterhaltung. So richtig schnöde oberflächliche Unterhaltung mit himmelblauen Prinzen und rosafarbenen Prinzessinnen.

Ich bin der Meinung, dass Kunst offen sein muss. All dieses schräge Zeugs gehört natürlich auch zu Kunst und Kultur. Nur weil ich es persönlich nicht besonders mag, heisst das natürlich nicht, dass es nicht seine Berechtigung hat. Und ich verstehe auch den Standpunkt, dass Kunst nicht leicht verständlich, sondern tiefsinnig und versponnen sein soll. Und natürlich bewundere ich Künstler, die sich bewusst den gängigen Standards verweigern, Neues ausprobieren und auch mal anecken.

Leider ist es aber, dass es in der Kunst – und Kulturwelt eine Tendenz dazu gibt, sich herablassend über den sogenannten „Mainstream“ zu äussern, ganz so, als sei es etwas Schlechtes, wenn das Schaffen eines Künstlers von vielen verstanden und geliebt wird. Ich finde es schade, wenn Kunst sich so sehr von den Menschen entfernt, dass sie nur noch von einer Gruppe Eingeweihter genossen werden kann. Und vor allem stört es mich, wenn Künstler das Werk eines anderen Künstlers miesmachen, nur weil er kommerziell Erfolg hat. Natürlich ist Kunst nicht automatisch gut, nur weil sie sich gut verkauft. Sie ist aber auch nicht automatisch schlecht, nur weil sie sich gut verkauft.

Künstler sollen das tun können, was sie lieben. Manchmal – und es ist ja doch eher selten der Fall – können Künstler von dieser Liebe leben, was wahrscheinlich das höchste Ziel jedes Künstlers ist. Es ist ungerecht, wenn man ihnen dann vorwirft, sie seien kommerziell geworden. Weil ja jeder von uns bis zu einem gewissen Grad kommerziell ist und mit seinen Fähigkeiten Geld verdient.

Oft wird den „kommerziellen“ Künstlern auch vorgeworfen, sie seien zu oberflächlich und hätten zu wenig Substanz; ihre Kunst sei irrelevant, versperre den Blick aufs Wesentliche und sei zu bekömmlich. Ich war einmal an einer Lesung, wo ein Autor (nachdem er uns vorgejammert hatte, mit wie vielen Ängsten man als Autor leben müsse), gesagt hat, es sei ja unfassbar wie viele bedeutungslose Bücher es auf dem Markt gebe.

Mich ärgern solche Äusserungen immer. Wenn ich etwas in meiner Ausbildung zur Buchhändlerin gelernt habe, dann das man nie einfach urteilen soll, was jetzt Literatur ist und was nicht. Alles ist Literatur. Und irgendwie berührt es mich immer unangenehm, wenn Künstler über die Werke anderer Künstler lästern. Weil, Kunst sollte doch frei und offen sein oder? Es sollte doch für alles Platz haben; das Oberflächliche und das Tiefsinnige. Ohne das eine, kann das andere schliesslich gar nicht existieren.

Ich persönlich bewundere Künstler, die sich in die Politik und das Weltgeschehen einmischen, kann aber auch nachvollziehen, wenn jemand das nicht möchte. Genau wie wir ja auch nicht immer „politisieren“ möchten. Zugleich finde ich es schade, dass sich die Kultur oft so meilenweit vom alltäglichen Leben entfernt hat, dass sie ihren Einfluss auf das politische Leben komplett verloren hat. Dabei sind Bücher, Filme und Lieder ideal dafür einen Zugang in die Herzen der Menschen zu gewinnen. Sofern man eine Sprache wählt, die verständlich ist.

Wofür ich überhaupt kein Verständnis habe ist es, wenn bereits bestehende Werke „modernisiert“ werden, eine Unart, die vor allem in der Theaterwelt verbreitet ist. Ich bekomme die Krise, wenn ich sehe, wie Shakespeare komplett verändert dargestellt wird, nur weil die Regisseure sich profilieren möchten. Dabei haben sich die Autoren ja durchaus etwas bei ihren Werken überlegt. Und mal ehrlich: Niemand käme auf die Idee das Originalbild der Mona Lisa zu verändern. Wieso wird es dann so selbstverständlich bei Theaterstücken gemacht und dann noch von der Kritik hochgejubelt, je weiter sich der Regisseur vom eigentlichen Werk entfernt hat? 

Also, ich weiss natürlich nicht, was diese verstorbenen Autoren über diese Interpretationen denken, aber wenn ich so ein Werk wie „Romeo und Julia“ geschrieben hätte und so ein überkandidelter Schnösel würde meine Dialoge verschandeln, um die Sprache anzupassen, meine Handlung verändern, um sie zeitgemässer zu machen, meine Figuren zu überdrehten Psychopathen machen und in schrecklich geschmacklose Kostüme stecken, ich würde höchstpersönlich aus dem Grab steigen und ihm die Meinung geigen.

Tja, das ist sie, die traurige Wahrheit. Ich bin eine Kulturbanausin. Und eine Kunstbanausin.
Aber besser das als gar keine Kultur oder?

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