Dienstag, 29. August 2017

Ich parteitage, du parteitagst...



Okay, ganz ehrlich: Ich hätte mir schönere Beschäftigung für einen freien Samstag vorstellen können, als an einem Parteitag teilzunehmen. Ich weiss noch wie ich damals vor meinem ersten Parteitag richtig aufgeregt war, weil ich dachte, es würde bestimmt wahnsinnig spannend und interessant. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuss. Parteitage haben zwar durchaus emotionale und mitreissende Momente; im Grossen und Ganzen ist es aber eigentlich eine ziemlich zähe und trockene Angelegenheit. Aber naja, ich habe nun mal zugesagt und schliesslich ging es um die Kandidaturen für den Regierungsrat; was schliesslich nicht so ganz unwichtig ist für die Zukunft des Kantons Bern.

Zumindest blieb es mir diesmal erspart, mich selbst um die Anreise kümmern zu müssen. Dieses Mal konnte ich mich einfach in ein Auto setzen und mich kutschieren lassen. So entging ich dem üblichen Dési – findet – den – Ort – nicht – und – irrt – irgendwo – ziellos – in – der – Gegend – rum – Szenario. Meine Orientierung wird mit dem Alter eher schlechter als besser, fürchte ich. Aber sogar wenn ich den richtigen Ort finde, gibt es Probleme. Vor ein paar Monaten wollte ich an einer Sitzung teilnehmen, die in Lotzwil in einem Restaurant namens „Bahnhof“ (sehr kreativ), stattfinden sollte. Also setzte ich mich in den Zug, kam pünktlich dort an und marschierte in das erstbeste Lokal.

Kaum hatte ich ein Fuss da reingesetzt, drehten sich alle Köpfe zu mir um, was wahrscheinlich nicht an meinem bahnbrechenden Äusserem lag, sondern vielmehr daran, dass ich mitten in eine morgendliche Stammtischrunde geplatzt war. Sogar der Wirt starrte mich an, als sei ich so eine Art Erscheinung. Und als ich mich freundlich erkundigte, wo denn die SP sei, sah er mich mit einem Blick an, als hätte ich ihn gerade gefragt, wo denn das Treffen der Einsamen Ausserirdischen stattfinden würde. Dann beharrte er darauf, dass hier überhaupt keine SP angemeldet sei. Er hielt mir sogar das Gästebuch unter die Nase. Verwirrt zottelte ich also ab und wäre ich nicht draussen einem anderen SP – Mitglied über den Weg gelaufen, hätte ich mich wahrscheinlich einfach wieder in den Zug gesetzt.

Es stellte sich dann allerdings heraus, dass der Wirt die Sitzung einfach vergessen hatte. Aber mir war es trotzdem total peinlich.

Dieses Mal waren wir eine richtig grosse SP – Truppe, die sich auf den Weg nach Bätterkinden machte.. Wenn wir Frauen uns bauchfreie Tops und tief sitzende Jeans angezogen, und die Männer sich Goldketten um den Hals gehängt und übergrosse Kappen aufgesetzt hätten, wären wir glatt als Gang durchgegangen.

Eigentlich ist das auch das Einzige, was man als normaler Delegierter an einem Parteitag machen muss. Also pünktlich am Versammlungsort erscheinen, meine ich, nicht eine Gang gründen. Du tauchst dort auf, erklärst aus welcher Sektion du kommst, kriegst ein schickes Namensschild zum Ankleben, deine Stimmkarte (die du nicht verlieren solltest, sonst musst du dir eine leere von jemand anderem klauen – nicht, dass ich das schon einmal getan hätte) und setzt dich dann hin. Und dann hörst du einfach zu – oder erweckst zumindest den Anschein, dass du zuhörst – und hebst im richtigen Moment die Stimmkarte. Das ist eigentlich alles (abgesehen vom Wahlzettel ausfüllen natürlich).

Es ist natürlich nicht ganz so öde, wie es klingt. Wenn man Reden und Ansprachen mag, kommt man beim Parteitag sogar richtig auf seine Kosten, besonders jetzt, wo die nächsten kantonalen Wahlen auf leisen Sohlen näher rücken. Die Grussworte vom Parteipräsidium und den Gewerkschaften waren entsprechend kämpferisch.

Für die Gewerkschaften sprach übrigens Corrado Pardini persönlich (der erinnert mich ja immer ein bisschen an Napoleon. Also rein äusserlich, meine ich. Ich hoffe nicht, dass er vorhat, ganz Europa zu unterwerfen). Noch vor einem Jahr wäre ich total aus dem Häuschen gewesen jemanden „live“ zu sehen, den ich sonst nur aus dem Fernseher kenne. Inzwischen bin ich da abgeklärter. Zum einen weil ich nach der einen oder anderen ernüchternden Erfahrung definitiv von meiner Heldenverehrung geheilt bin, zum anderen arbeite ich schon eine Weile in Bern und hatte schon öfters das Vergnügen, Nationalräte in der Buchhandlung zu bedienen.

Das ist immer sehr aufschlussreich. Ich glaube, man kann den Charakter eines Menschen gut beurteilen, wenn er dich hinter dem Kassentresen kennenlernt. Ist er auch dann freundlich und nett, wenn er mit einer Verkäuferin redet oder lässt er den grossen Boss raushängen (also, wenn ihr Stimmen machen wollt, liebe Politikerfreunde, geht in Buchhandlungen und seid zuvorkommend zu uns Buchhändlern. Wir haben von Natur aus ein gutes Gedächtnis und werden es euch danken.  Ausser wenn ihr homophobes, rassistisches Gedankengut verbreitet. Dann hilft auch Freundlichkeit nicht mehr viel.)

Blöderweise hatte ich noch nie eine Buchhandlungsbegegnung mit Evi Allemann, Nicola von Greyerz und Ursula Zybach (was natürlich nicht heissen soll, dass die Damen nicht lesen). Deshalb konnte ich nicht einmal auf diesen „Charaktertest“ zur Hilfe nehmen, als es darum ging, zu entscheiden, welche der drei Kandidatinnen ins Rennen um den Regierungsratssitz geschickt werden soll.

Früher dachte ich ja, dass jeder der Lust hat auf so eine Wahlliste kommt. Aber das ist natürlich nicht so. Man bewirbt sich quasi dafür – zumindest bei den Regierungsratswahlen – und die Basis entscheidet dann, wen sie als Kandidaten möchte. Man muss also quasi gewählt werden um gewählt werden zu können.

Ich gebe es zu; ich habe mich im Vorfeld nicht so mit den Kandidatinnen beschäftigt, wie ich es hätte tun sollen. Ich hatte einfach viel um die Ohren und irgendwie fehlte mir einfach die Zeit, noch gross zu recherchieren. Aber andererseits hätte ich meine Infos ja ohnehin grösstenteils aus dem Netz und den Zeitungen gezogen, was zu der Frage führt, ob das wirklich reicht um sich ein Bild von jemanden zu machen. Was wiederum zu der Frage führt, ob man sich überhaupt jemals so sehr an eine Person annähern kann um ihre Eignung für ein Amt beurteilen zu können.

Evi Allemann kenne ich natürlich schon – zumindest vom Namen her. Schliesslich war sie damals nicht nur jüngste Kantonsparlamentarierin, sondern auch jüngste Nationalrätin und somit eigentlich so was wie eine Legende in der SP. Ursula Zybach war mir ebenfalls ein Begriff, in Zusammenhang mit ihrer Weigerung beim „Berner Marsch“ aufzustehen und mit Vorsorgeuntersuchungen bei Brustkrebs. Nicola von Greyerz dagegen war mir komplett unbekannt.

So waren die Motivationsreden, die alle drei hielten, um sich zur Wahl zu empfehlen, dann doch ganz interessant. Die Auftritte ähnelten sich allerdings alle. Also im positiven Sinn. Mir gefiel die ruhige, unaufgeregte Art der drei und ihre Plädoyers waren rhetorisch geschickt aufgebaut, unterhaltsam und stellenweise sogar humorvoll. Besonders die in leuchtendes Rot gekleidete Zybach überzeugte mit einem guten Schuss Selbstironie.

Schlussendlich schrieb ich dann doch Evi Allemann auf den Zettel (bin ich eigentlich die Einzige, die bei ‚Evi‘ immer an das kleine Mädchen aus den Papa Moll Stories denken muss? Ihr wisst schon, die mit der Schleife auf den Kopf.)

Zwischen den Plädoyers und dem Wahlgang gab es aber natürlich noch andere Programmpunkte. So hielten „Göttis“ noch Empfehlungsreden für ihre Schützlinge. Und dann gab es noch die Wortmeldungen. Die sich endlos hinzogen. Ich war echt froh, hatte ich dieses Mal daran gedacht, mein Notizbuch mitzunehmen, so dass ich wenigstens schreiben konnte. Ich habe mir sogar überlegt ein Buch einzupacken, aber das fand ich dann doch etwas unhöflich und provozierend (obwohl: wieso nerven mich eigentlich alle damit, wie unpassend es sei, während einer Veranstaltung zu lesen, während es gesellschaftlich akzeptiert ist, dass alle auf ihren Smartphones rumdrücken? Das wäre doch mal eine Studie wert!)

Ich habe echt nichts gegen Wortmeldungen und ich verstehe auch, dass mancher diese Minuten nutzen will um sich selbst ein wenig zu präsentieren. Aber ich wünschte mir manchmal, die Statements wären pointierter, kürzer und knackiger. Einige fand ich etwas gar ausschweifend, etwa, als die Präsidentin der SP Frauen Kanton Bern gar keine klare Empfehlung abgab, sondern lieber ganz allgemein über die Frauenfrage schwadronierte oder einer Plakate mit Nummern hochhielt, als wäre er das Nummerngirl beim Zirkus.

Gerade die Wortmeldungen nach dem ersten Wahlgang (nachdem Nicola von Greyerz zurückzog und Ursula Zybach empfahl) fühlten sich an ein nie enden wollendes Déjà- vu.  Ich persönlich bin ja der Auffassung: Wenn drei Redner vor mir exakt das Gleiche gesagt haben, muss ich doch nicht auch noch mal das Gleiche in anderen Worten sagen. Nur leider scheinen nicht alle diesen Leitsatz zu teilen.

Ich sollte nicht so jammern. Schliesslich ist das gelebte Demokratie und natürlich soll jeder der möchte, seine Meinung abgeben können. Nur, je heisser und unruhiger es im Saal wurde, desto mehr litt auch meine Freude an der sogenannten Basisdemokratie. Und nachdem alle Argumente noch einmal durchgekaut worden waren, setzte sich schliesslich Evi Allemann durch.

Fertig waren wir aber immer noch nicht. Da waren noch ein paar Parolen, die es zu fassen galt. Während die Initiative für mehr Ernährungssicherheit problemlos durchgewinkt wurde, wurde bei der Rentenreform erneut heiss diskutiert. Es wurden geradezu rhetorische Höchstleistungen vollbracht. Das Positive ist: Wir müssen uns nie Sorgen darüber machen, dass uns die guten Redner ausgehen. Oder die Showtalente. Besonders Tamara Funiciello bewies mit ihrer erneuten Brandrede, dass sie es vorzüglich versteht, ihr Publikum zu fesseln und aufzupeitschen. So sprach sie vom „Altar des Neoliberalismus, auf dem wir unsere Werte opfern“ und vom „Kampf auf der Strasse“, wobei ihre Stimme ein so beeindruckendes Volumen erreichte, dass es das Mikrofon nun wahrlich nicht gebraucht hätte.

Mich würde ja mal interessieren: Ist sie wirklich so sehr von der roten Ideologie durchdrungen oder spielt sie nur auf dieser Klaviatur, weil sie weiss, dass sie sich dadurch die Unterstützung der ganz Linken sichert? (Seht ihr, dass macht die Politik aus mir! Eine misstrauische, paranoide Frau!) Ehrlich gesagt, wäre mir Letzteres fast lieber. Mir machen Menschen, welche die ganze Welt ändern wollen, weil sie glauben, sie wüssten was gut und gerecht ist, inzwischen eher Angst.

Trotz der teils heftigen Voten war die Abstimmung dann doch ziemlich klar: Ja, für die Rentenreform. Nach diesem letzten Aufbäumen der Gefühle, ging der Parteitag dann auch zu Ende. Verschwitzt und mit tierischen Kopfschmerzen trat ich den Heimweg an, wobei ich mir innerlich schwor, nur noch an Parteitagen im Winter teilzunehmen. Dann ist es wenigstens kühl.



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