Sonntag, 20. August 2017

Festhalten und Loslassen



Ich bin gerne zuhause. Ich liebe es mit meinen Einhornpantoffeln auf dem Sofa zu sitzen und mir irgendeinen Film anzusehen, während ich Popcorn futtere. Ich liebe es Musik zu hören und zu träumen oder zu schreiben oder durch das Zimmer zu tanzen oder zu zeichnen. Mir fällt es zuhause einfach leichter kreativ zu sein. Abgesehen davon fühle ich mich in meinen eigenen vier Wänden sicher und geborgen. Hier ist mein Nest, hier bin ich die Königin oder zumindest die Prinzessin. Hier bin ich nie schüchtern oder verklemmt. U

In letzter Zeit habe ich dann doch öfters Bedürfnis verspürt auch mal auszugehen. Nicht, dass ich jemals eine Ausgangsmaus sein werde, aber schliesslich bin ich ein soziales Wesen und brauche manchmal auch die Interaktion mit anderen Menschen. Und abgesehen davon bin ich lange nicht mehr so scheu wie früher, wo ich mich nicht mal getraut habe jemanden Guten Tag zu sagen oder stundenlang nicht aufs Klo gegangen bin, weil ich Angst hatte, jemanden nach dem Weg zu fragen. Und irgendwo muss ich mir schliesslich auch meine Inspiration holen. Nichts ist so inspirierend wie Menschen (ausser Hundebabys. Und Einhörner).

Also beschloss ich gemeinsam mit einer Freundin auszugehen. Es waren zwei richtig schöne Abende mit guter Musik und in entspannter Atmosphäre. Bis mein Blick dann auf einen ehemaligen Klassenkameraden fiel, der uns die ganze Zeit anstarrte. Ich sah ihn an und auf einmal war ich wieder ein zwölfjähriges, pickliges Mädchen, dass die Turnstange nicht hochkommt und deshalb von allen ausgelacht wird. Denn er war einer dieser „Täter“ die mir die Schulzeit so schwer gemacht haben.

Das wirklich Erstaunliche war, dass er mit uns reden wollte. Er kam zu uns rüber und wollte über die Schulzeit mit uns quatschen. Und meine Freundin redete freundlich mit ihm, während ich ihn nur anstarren konnte und nicht wusste, ob ich weinen oder schreien oder einfach davonlaufen soll. Er war so nett und so freundlich und wenn wir diese Vorgeschichte nicht gehabt hätten, hätte ich ihn sympathisch gefunden. Aber wir hatten nun einmal diese Vorgeschichte und ich, ich hatte einfach diesen Hass in meinem Bauch, einen unbändigen Hass auf einen Menschen, den ich im Grunde doch gar nicht mehr kannte. Aber ich konnte einfach keinen Smalltalk machen und so tun, als wären wir einfach ein paar Klassenkameraden, die sich mal ganz gut verstanden haben und jetzt in Nostalgie schwelgen.

Nachdem das Gespräch immer mehr ins Stocken geriet, meinte er: „Ich glaube, du magst mich nicht.“

Da brach es aus mir heraus und wütend stiess ich hervor, ich sei schliesslich für ihn und seine Kumpels das Klassenopfer gewesen und hätte daher wenig Lust mit ihm zu reden. Und dann er erklärte mir doch, dass er sich nicht mehr daran erinnern könne. Was mich noch zorniger machte. Ich meine, ich habe so viel geweint wegen diesem Mobbing - Scheiss, ich habe mich eine Zeitlang total schwer damit getan unter Leute zu gehen, ich habe Jahre gebraucht um das Mobbing einigermassen zu überwinden und mein ramponiertes Selbstbewusstsein wieder zusammenzukleben…und er hat es einfach vergessen?

Aber dann…und das war irgendwie verwirrend und zugleich irgendwie wohltuend, hörte er tatsächlich zu, wie ich ihm voller Bitterkeit all die Dinge vorwarf, die sie mir damals zugemutet haben. Am Ende gab er zu, dass er sich zwar wirklich nicht mehr daran erinnern könne, aber es klinge sich sehr nach ihm und seinen Leuten an. Er sei damals wirklich so drauf gewesen, wofür er sich jetzt schäme. Und dann hat er sich entschuldigt. Einfach so. Für das was damals passiert sei.

Ich wusste nicht recht was ich damit anfangen soll. Auf der einen Seite fühlte es sich so schräg an und ein bisschen bereute ich es sogar, nicht einfach ganz normal mit ihm geredet zu haben, ohne das Ganze wieder hervor zu zerren. Es ist ja schliesslich schon lange her. Auf der anderen Seite fühlte es sich gut an. Eigentlich habe ich mir eine solche Szene immer gewünscht. Als dass sich einer meiner ehemaligen Schulkameraden entschuldigt für den Scheiss, den sie mit mir abgezogen haben. Zugleich war ich auf stolz auf mich. Noch vor zwei Jahren hätte ich mich nie getraut, jemanden ins Gesicht zu sagen, dass ich einmal sein Mobbingopfer gewesen bin.

Als ich nachhause ging war ich immer noch ziemlich verwirrt über die ganze Szene. Jetzt rückblickend finde ich jedoch: Eigentlich war das auch ganz schön mutig von ihm. Er hätte sich auch einfach wegdrehen und gehen können, stattdessen hat er sich meiner Wut gestellt und sich sogar noch entschuldigt. Ich gebe selbst Fehler nicht so gern zu – wer macht das schon gern – und ich kann mir vorstellen was für eine Überwindung es ihn gekostet hat.

Zugleich hat es mich zum Nachdenken gebracht. Über mein Leben. Vielleicht ist es Zeit, die Vergangenheit abzustreifen. Ja, es war eine schlimme Zeit für mich und ja, ich habe schlimme seelische Verletzungen davongetragen, die immer wieder dann aufbrechen, wenn ich sie am wenigsten brauchen kann. Aber vielleicht ist das auch, weil ich dieser ganzen Scheisse zu viel Platz in meinem Leben einräume. Ich bin vierundzwanzig. Ich sollte nicht mehr darüber nachgrübeln, was vor zehn Jahren mal war.

Vor allem sollte ich mich nicht selbst so mit diesen negativen Gefühlen vergiften. Eigentlich bilde ich mir ein, dass ich ein relativ freundlicher Mensch. Vielleicht nicht der allerbeste Mensch auf Erden, aber ich bemühe mich doch einigermassen gut zu meinen Mitmenschen zu sein. Aber wenn ich an diese Zeit denke und an diese Menschen, dann kocht dieser zähe Hass in mir hoch, der mich dazu bringt, schreckliche Dinge zu denken und zu sagen. Wenn ich an diese Menschen denke oder noch schlimmer sie sehe, dann will ich ihnen wehtun. Seelisch. Dann bin ich voller Rachegelüste. Dann bin ich nicht mehr ich, sondern werde zu einer Person, die ich nicht mag und die mir Angst macht. Es ist nicht besonders toll, wenn du immer darüber redest, was für ein schlechter Ratgeber Hass ist…und dann feststellst, dass das Monster sich auch in dir häuslich niedergelassen hat.

Ich kann den ganzen schlimmen Erfahrungen irgendwo auch etwas Positives abgewinnen. Wäre ich überhaupt die Person, die ich heute bin, wenn ich nie gemobbt worden wäre? Hätte ich mir überhaupt jemals Gedanken darüber gemacht, wie sehr unsere Gesellschaft, Menschen die nicht ganz der gängigen Norm entsprechen, aussperrt? Hätte ich mir Gedanken über mein eigenes Verhalten gemacht und wäre dafür besorgt gewesen, einigermassen anständig mit meinen Mitmenschen umzugehen, wenn ich nicht gewusst hätte, wie sehr einem Lästereien und Abfälligkeiten an die Nieren gehen können? Hätte ich angefangen zu schreiben? Ich weiss es nicht.

Aber ich weiss, dass mein Leben jetzt gut ist. Ich habe eine Familie, die mich liebt, Freunde, die mich lieben, einen Job, den ich mag, eine grosse Leidenschaft und sogar ein bisschen Talent. Ich kann mich nicht mehr über mangelnde Wertschätzung oder fehlendem Respekt beklagen. Wenn ich in die Welt hinaussehe und all diesen Mist sieht, der da abgeht und alle die Toten und alle diese Verfolgten und alle diese Vertriebenen, dann schäme ich mich fast dafür, dass ich so ein Theater mache. Natürlich war meine Schulzeit nicht lustig. Aber was ist das im Vergleich zu den Problemen dieser Welt?

Ich bin sehr nachtragend. Das ist eine meiner negativsten Eigenschaften. Es ist, als würde ich gedanklich für jeden Menschen, dem ich begegne Ordner anlege und in diese dann fülle mit Kränkungen, die dieser Mensch mir angetan hat. Und diese Ordner bewahre ich dann auf, um sie auch nach Jahren wieder hervorzuholen, darin zu blättern und mich so daran zu erinnern, wieso ich diesen Menschen nicht mag, auch wenn dieser mich vielleicht schon lange vergessen hat. Ich bin nicht so gut im Vergeben. Die Einzige, die darunter leidet, bin aber ich selbst. Weil sich dieser Hass dann in mich frisst. Und weil ich so immer wieder in diese Opferrolle falle. Nur weil ich mal zu einem gemacht wurde, heisst das nicht, dass ich für immer und ewig eines bleiben muss.

Ich glaub, ich muss diese unschönen Jahre hinter mir lassen. Nicht vergessen. Aber loslassen. Und weiter gehen.
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