Montag, 31. Juli 2017

Eine etwas bösartige aber trotzdem irgendwie lieb gemeinte 1. August – Rede



Liebe Eidgenossen und Eidgenössinnen,

Oder war das jetzt falsch? Heisst es Eidgenossinnen? Oder Eidgeniesserinnen? Naja letzteres wahrscheinlich eher nicht. Vielleicht sollte ich lieber sagen, liebe alle in der Schweiz lebenden Personen! Aber das ist ja auch blöd, weil vielleicht lebt ihr ja gar nicht alle in der Schweiz, sondern seid einfach zufällig vorbeigekommen, weil ihr schon immer mal sehen wolltet, was die Schweizer am 1. August alles so treiben, abgesehen davon, dass sie lustige Feuerwerke in den Himmel schiessen (die zwar keinerlei Zweck erfüllen, abgesehen davon, dass sie Hörschäden verursachen und hübsch aussehen). Und Personen, das ist ja auch sehr eng gefasst, weil in der Schweiz ja nicht nur Personen leben, sondern auch Tiere (und wie ich persönlich ja denke auch Elfen und Zwerge) und die möchte ich ja auch nicht ausschliessen.

Also nochmal: Liebe Lebe- und Fabelwesen hier in und um der Schweiz, ich grüsse euch von ganzen Herzen! Oder um es anders auszudrücken: Ich grüsse alle freien Völker von Mittelerde! Denn wusstet ihr, dass der grosse Meister J.R.R Tolkien sich bei der Landschaftsgestaltung von Mittelerde total von der Schweiz inspirieren liess? Die kraxeln in der Geschichte nämlich dauernd auf Bergen rum! Ist das nicht cool? Ich meine, es ist ganz nett, dass wir als grosse Skifahrernation gefeiert werden, aber was ist das schon gegen die Tatsache, dass wir im grössten Werk aller Zeiten vorkommen? Nichts!

Wenn ich’s mir aber genau überlege, haben sich vielleicht manche Schweizer auch ein bisschen sehr von Tolkien inspirieren lassen. Vor allem von den Hobbits, die in ihrem friedlichen Land leben, nur selten einen Fuss über die Grenze setzen und dauernd davon faseln, dass die Grossen Leuten ihre Probleme gefälligst selbst lösen sollen. Das ist irgendwie typisch Schweiz. Wenn Sauron (der Böse im Herrn der Ringe) bei uns auftauchen würde um uns zu versklaven und der einzige Weg ihn zu besiegen bestünde darin den Ring der Macht zu vernichten, würden wir erst lang und breit darüber diskutieren, ob der Ring wirklich sooo böse ist, dann gebe es eine Demo, die sich für die Vernichtung des Ringes ausspricht, dann eine Gegendemo, dann wird eine Arena – Sendung abgehalten, mehrere sich widersprechende Studien würden durchgeführt werden und Roger Köppel würde eine Verschwörung der Eliten wittern. Und wenn man sich dann schliesslich doch darauf geeinigt hätte, dass der Ring tatsächlich gefährlich ist, würde man ebenso lange darüber streiten, wen man jetzt mit der Aufgabe ihn zu vernichten betrauen soll. Die französischsprachige und die italienischsprachige Schweiz würden darauf pochen das jemand aus ihren Sprachregionen gehen müsse, die Feministinnen würden darauf beharren eine Frau zu schicken, während die Liberalen einfach „den Fähigsten“ auswählen möchten. Bis man sich dann endlich geeinigt hätte, wären wir vermutlich schon lange von Orks erobert worden, aber wir würden diese einfach knallhart ignorieren, weil wir viel zu beschäftigt damit wären darüber zu streiten, wer jetzt genau Schuld an diesem Desaster sei.

Damit will ich nicht sagen, dass wir in der Schweiz dauernd streiten. Na gut, wir streiten uns schon ziemlich oft, allerdings nicht weil wir es so gern tun, sondern weil wir quasi von der Verfassung dazu gezwungen werden. Da wir viele Volksabstimmungen haben, müssen wir uns immer eine Meinung bilden und  sobald die Menschen anfangen nachzudenken, ist nun einmal die Wahrscheinlichkeit gross, dass sich ihre Gedanken in verschiedene Richtungen entwickeln, was das Zusammenleben nun einmal zwangsläufig verkompliziert (stellt euch einmal vor, wie friedlich wir es auf der Welt hätten, wenn wir alle genau gleich denken würden! Also, wenn wir quasi alle dasselbe Hirn hätten! Wobei, wenn wir alle das verdrehte Hirn von Donald Trump hätten, könnten wir das mit dem Weltfrieden  auch wieder knicken).

Darum geht’s ja jetzt eigentlich nicht (auch wenn ich festgestellt habe, dass Donald Trump ein super Gesprächsthema ist. Wenn man bei Tisch ist und die Stimmung kippt, weil man sich in nichts einig werden kann, muss man einfach ein „ich hasse Donald Trump“ in die Runde werfen und plötzlich sind alle ein Herz und eine Seele. Nichts verbindet so sehr wie ein gemeinsamer Feind.) Der Punkt ist, dass die direkte Demokratie nun einmal dafür sorgt, dass die Meinung des Einzelnen wichtig ist. Das verstehen viele Länder, in denen Initiativen und Referenden schlichtweg nicht existieren, überhaupt nicht und deshalb werfen sie der Schweiz gerne Dinge vor, die in ihren eigenen Ländern nicht besser sind, die sie aber besser vertuschen können.

Ein grossartiges Beispiel dafür ist das Frauenstimmrecht. Zugegebenermassen das wurde bei uns sehr spät eingeführt. Aber nicht weil unsere Männer machohafter wären, als die Männer in anderen Ländern. Sie waren halt einfach die einzigen Männer, die um ihre Meinung gefragt wurden. Es ist für eine Regierung bedeutend einfach etwas durchzubringen, wenn sie die berühmte „Volksstimmung“ zwar vage erahnt, es aber dann doch lieber vermeidet, so genau nachzufragen wie diese aussieht.

Das soll keine Kritik an der direkten Demokratie sein. Das wäre ja auch gar vermessen, in einer 1. August – Rede ausgerechnet das Herzstück der Schweiz zu kritisieren. Die Demokratie wurde schliesslich von uns erfunden. Nein, das war gelogen. Genau genommen liegt die Wiege der Demokratie in Griechenland, aber weil die Griechen momentan nichts auf die Reihe kriegen, wird das meist vergessen und unter den Teppich gekehrt- Aber auch wenn wir die Demokratie nicht erfunden haben, so leben wir sie zumindest ziemlich erfolgreich.

Die Schweiz ist multikulturell - ich weiss, manche Eidgenossen zucken bei diesem Wort zusammen. Aber Entschuldigung, in unserem Land werden nicht deshalb vier verschiedene Sprachen und gefühlte tausend Dialekte verwendet, weil unsere Vorfahren an Sprachstörungen litten, sondern weil es eben Vorfahren aus vielen verschiedenen Ländern waren – ein zusammengewürfeltes Land mit vielen Individualisten und Eigenbrötlern, die in der einen Sekunde gemütlich zusammen eine Cervelat über dem Feuer braten und in der anderen sich gegenseitig an der Gurgel hängen, nur um am Ende des Tages, Arm in Arm nachhause zu wanken. Wieso funktioniert das?

Eine gute Frage. Vielleicht liegt es zum Teil an unseren klaren Regeln. Dabei sind wir aber nicht bünzlig, wie oft behauptet wird, nein, keineswegs. Wir legen eben Wert auf eine gewisse Ordnung. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir unsere Waren auf dem Laufband klar von der Ware der anderen abgrenzen. Das wäre ja schliesslich noch schöner, wenn wir Sachen zahlen würden, die wir uns gar nicht ausgesucht haben!

Nun gut, dieses Abgrenzen hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir uns generell gerne von anderen Menschen abgrenzen. Deshalb gibt es in unserem Land wahrscheinlich auch so viele Zäune. Das seien nur Vorurteile? Tja, dazu hätte ich eine kleine Geschichte zu erzählen. Letzte Woche mussten wir vor unserem Wohnblock ein paar der grossen Tannen fällen, weil sie zu hoch gewachsen waren. Jetzt hat man ein Einblick auf unsere Balkone und Terrassen. Als vor kurzem eine Familie vorbeispaziert ist, ist der Vater entsetzt stehen geblieben und hat angefangen lautstark rumzunörgeln, wie schlimm es doch für uns Bewohner wäre, dass jetzt einfach ALLE uns zusehen könnten. Furchtbar oder? Andere Menschen können uns jetzt SEHEN. Schön blöd wäre es natürlich wenn es ein Scharfschütze auf uns abgesehen hätte, der hätte jetzt freie Bahn.

Und blöd kann ich jetzt meine Yoga – Übungen nicht mehr nackt auf dem Balkon machen.

Das war natürlich ein Scherz. Aber ich wette beim Wort nackt hatte ich kurzzeitig wieder alle eure Aufmerksamkeit.

Wir Schweizer beklagen uns oft bitter darüber, dass wir viel zu distanziert im Umgang miteinander sind. „Weisst du, im Land XY sind die Leute ganz anderes! Viel offener und freundlicher! Die fangen ganz unbekümmert an mit dir zu reden und lachen auch viel mehr!“ Diesen Spruch kennen wir alle; er kommt manchmal von uns und ziemlich oft von Freunden, die aus den Ferien oder aus einem längeren Sprachaufenthalt zurückkehren.

Nur, ehrlich gesagt, habe ich nie das Gefühl, dass es uns wirklich ein Bedürfnis ist, mehr miteinander zu kommunizieren. Wenn ich im Zug jemanden frage, ob im Abteil noch Platz ist, bin ich ja schon froh, wenn ich ein Grunzen zur Antwort bekomme. Und wenn ich nach der Arbeit manchmal noch in meinem Kunden – anlächeln – Modus bin und alle freundlich angrinse, sehen mich die meisten eher erschrocken als erfreut an, so als würde ich die Zähne fletschen und knurren (wenn ich’s mir recht überlege liegt das vielleicht auch an meiner schlechten Zahnqualität).

Wir Schweizer lästern eben gerne über uns Schweizer. Aber wir mögen es nicht, wenn andere über uns lästern! Die sollen gefälligst den Dreck vor ihrer eigenen Tür kehren, bevor sie bei uns wischen kommen! Wer die anderen sind? Na, die ominösen „Anderen“ eben! Die komischen Menschen, die ausserhalb unserer Grenze leben.

Eigentlich haben wir ja ein gutes und friedliches Verhältnis zu den anderen Ländern. Eigentlich. Manchmal ist das Verhältnis vielleicht ein bisschen kompliziert. Vielleicht weil es von Anfang an ein schwieriges Verhältnis gewesen ist. Schon damals im Mittelalter kamen die Schweizer mit den Habsburgern so schlecht klar, dass Uri, Schwyz und  Unterwalden auf dem Rütli eine spontane Selbsthilfegruppe gründeten und sich anfingen selbst zu therapieren, indem sie sich Stück für Stück aus der Umklammerung der gierigen Habsburger – Vögte befreiten. Stellt euch einmal vor, ohne den Minderwertigkeitskomplex dieser drei Urkantone wären wir vielleicht Teil von Österreich oder Italien oder (Gott bewahre) Deutschland! Und dann hätten wir heute gar nichts zu feiern also gar keinen Grund total überteuertes und umweltschädliches Feuerwerk in den Himmel zu schiessen!

Das wäre ja schrecklich!

Ja, ja einige von euch runzeln schon ärgerlich die Stirn weil ich den Mythos Schweiz so ruiniere. Aber so genau weiss schliesslich niemand was da 1291 jetzt genau war mit Rütlischwur, dem Bundesbrief, dem Wilhelm Tell und dem Gessler (was ist eigentlich mit Helvetia? Hatte die auch noch irgendetwas damit zu tun?) Ironischerweise stammt die berühmteste Fassung der Heldenlegende um Wilhelm Tell aus der Feder eines Deutschen. Niemand Geringeres als das literarische Genie Friedrich Schiller hat unserem „Willi“ ein Denkmal gesetzt und so dafür gesorgt, dass viele Schüler sich in der Pflichtlektüre mit der Schweiz auseinandersetzen müssen. Tja, wir Schweizer wussten eben schon immer, wann wir fähige Arbeitskräfte aus dem Ausland für unsere Zwecke einspannen müssen.

Übrigens, wieso diskutieren eigentlich alle immer über eine neue Nationalhymne, aber nie über eine neue Nationalgeschichte? Ich würde mich sonst hiermit offiziell bewerben eine zu schreiben! Bei mir würde da ziemlich die Post abgehen! Wilhelm Tell wäre bei mir ein armer, aber unheimlich gut aussehender Wittwer, der seine Frau bei einem tragischen Unglück verloren hatte und sich trotz seiner Trauer aufopferungsvoll um seine Kinder kümmert. Er würde sich in die schöne, unabhängige Tochter des bösen Vogtes Gessler verlieben – die würde übrigens Helvetia heissen – und als dieser das spitzkriegt, will er Wilhelms Sohn töten lassen. Die listige Helvetia überredet ihn aber, Wilhelm um das Leben Walthers schiessen zu lassen. Wilhelm gelingt der berühmte Apfelschuss (um die Dramatik zu steigen, könnte er den Pfeil abschiessen, während er auf einem galoppierenden Pferd sitzt) , er wird aber trotzdem gefangengesetzt und  fortgeschleppt, unterwegs wird aber von einem wilden Amazonenvolk, das in den Wäldern lebt befreit und gerettet. Gessler jedoch droht seinen Sohn Walther hinzurichten; Tell stürmt gemeinsam mit den Amazonen, die auf Kühen reiten, den Platz der Hinrichtung. Als Gessler Walther mit einem Pfeil erschiessen will, wirft sich Helvetia dazwischen. Sie stirbt in Tells Armen, er wird rasend wütend und erschiesst seinerseits den Vogt. Tell kämpft nun mit den Amazonen gegen die Habsburger. Am Ende erreicht er tatsächlich die Unabhängigkeit des Landes, das er zu Ehren seiner verstorbenen Geliebten Helvetia nennt.

Spannend oder? Oder man könnte natürlich diesen ganzen Wilhelm – Tell – Kram weglassen und einen modernen Schweizer Helden literarisch verewigen. Zum Beispiel einen total berühmten Tennisspieler, der überall auf der Welt als Gott gefeiert wird…und nennen würden wir ihn….ja, wie würden wir ihn nennen…vielleicht…Roger Federer?

Der würde sich doch geradezu anbieten! Roger Federer hat doch den armen Wilhelm Tell schon längst als Idealbild des Schweizers abgelöst. Das sei eben ein Schweizer wie aus dem Bilderbuch, das hört man immer wieder, ob nun von Schweizern selbst oder von ausländischen Medien. Klar, der ganz normale Schweizer hat eine Rolex Uhr, eine Villa, und einen Tross mit persönlichen Mitarbeitern inklusive Imageberater und Nannys für die Kinder. Und alle Schweizer reisen in der Weltgeschichte herum, leben in teuren Hotels und bekommen eine Menge Geld dafür, dass sie total schlecht in einer Werbung mitspielen. Alles ganz normal für uns.

Aber mit der Heldenverehrung ist das eben so eine Sache. Das ist wie mit der Landesverehrung. Man idealisiert etwas und macht es grösser als es eigentlich ist. Damit tut man den Menschen keinen Gefallen. Und man tut auch einem Land keinen Gefallen damit. Oft reden Politiker davon, dass die Schweiz viel selbstbewusster auftreten müsse, viel mehr wagen müsse, sich viel mehr zutrauen müsse. Die kleine Schweiz soll auftreten wie ein Löwe und der EU mal so richtig zeigen, wo das Kuhhorn…äh ich meine der Hammer hängt!

Mir persönlich behagt dieser Gedanke an eine „Supermacht – Schweiz“ nicht. Ich finde, Schweizer sind keine Löwen sondern eher Kühe. Ihr braucht gar nicht die Augen zu verdrehen, Kühe sind tolle Tiere! Ruhig, bedächtig, stoisch. Und sie ist immer in der Lage etwas Nützliches zu tun, also Milch zu geben. Das Wiederkäuen der Kuh wiederum steht symbolisch für die besondere Eigenschaft der Schweizer ewig lange an einem Thema rumzubeissen, bis man es endlich herunterschluckt und verdaut. Und Kühe sind durchaus wehrhaft. Die können einen niedertrampeln (was ich jetzt nicht unbedingt als positive Eigenschaft werten möchte. Aber falls uns jemand mal erobern möchte ist es vielleicht nicht schlecht, wenn man auf ein paar Kuhherden zurückgreifen kann.)

Ich mag die kleine, schrullige, bescheidene Schweiz. Denn wer will schon Löwen haben, wenn er auch Kühe haben kann? Mit diesem philosophischen Gedanken beende ich meine Rede und möchte mich herzlich bei all jenen bedanken, die bis jetzt nicht vor Langeweile von den Bänken gefallen sind. Ich persönlich werde mich jetzt zum Büffet begeben und meinen Kopf in dieses wundervolle Bierfass stecken. Nicht um es auszutrinken, sondern damit ich dieses laute Geknalle von diesem Feuerwerk nicht mehr hören muss!

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