Donnerstag, 6. Juli 2017

Der Sportmuffel



Ich hasse Sport.

Nein, das ist eigentlich falsch ausgedrückt. Ich hasse Sport nicht. Ich verabscheue Sport.  Sport ist meine persönliche Nemesis, mein Erzfeind, der Alptraum meiner durchwachten Nächte. Sport ist widerlich, grauenhaft, fürchterlich; eine schreckliche Foltermethode und ein gähnender Abgrund, der jeden verschlingt, der sich auch nur in die Nähe wagt. Sport ist ein verführerisches Lebkuchenhaus, dessen Leckereien vergiftet sind. Sport ist die Regenwolke, die über meinem Leben hängt, das Feuer, das meine Haut verzehrt, der unbarmherzige Wind, der meine sorgfältig zusammengesteckte Frisur durcheinander bringt… soll ich weiterfahren?

Ich kann Sport nun einmal nicht leiden. Nicht einmal dann, wenn ich Sport gar nicht selber treiben, sondern nur zusehen muss. Dabei schwitzt man ja wenigstens nicht. Aber jetzt mal ehrlich, wie kann man nur 90 Minuten damit verbringen 22 Männern in unmodischen, schlecht sitzenden Trikots dabei zuzusehen wie sie einem Ball nachjagen? Wobei ich mich nicht beschweren würde, wenn man es tatsächlich als „jagen“ bezeichnen könnte, aber das dauert ja ewig, bis die auf der anderen Seite und überhaupt in Tornähe sind. Wie wäre es denn, wenn man diese Spielfelder verkleinern würde? Dann müssten sich diese armen Kerle nicht erst die Lunge aus dem Leib hecheln, um bis ans Tor zu kommen. Und sie müssten auf den Weg dahin auch nicht so oft hinfallen.

Fussballspiele sind also ungefähr so aufregend wie Goldfische in einem Aquarium, nur sind die wenigstens hübsch anzusehen. Fussballspieler dagegen sind…naja körperlich zwar nicht unattraktiv aber die benehmen sich auf so eine unausstehliche Art männlich. Also auf diese Art männlich, wie Männer denken, dass sie uns Frauen anzieht, aber in Wirklichkeit macht sie uns Frauen eher sauer und aggressiv (okay, sagen wir neurotische Frauen wie mich macht es sauer und aggressiv). Ich finde zum Beispiel dieses cowboymässige auf den Boden spucken eher grauselig als attraktiv. Ganz zu schweigen von so seltsamen Ritualen wie sich das nassgeschwitzte Trikot über den Kopf zu stülpen oder sich nach einem Tor auf den Boden wälzen, als hätte man plötzlich überall am Körper schlimmen Juckreiz.

Und mal ganz abgesehen davon: Wer verpasst sich schon vor dem Sport treiben eine Gelfrisur? Wer ausser Fussballspieler? Ich wette, die schmieren sich vorher auch noch mit übelriechendem Rasierwasser voll. Die sehen alle so aus wie Rasierwassertypen. Oder wie Schaufensterpuppen für Unterwäsche.

Hockeyspieler sind da schon ein ganz anderes Kaliber; keine gestylten Ken – Puppen, sondern echte Männer; wilde Männer, die direkt aus dem Wald zu kommen scheinen, wo sie gerade mit blossen Händen ein Reh erlegt und nebenbei für die nächsten drei Wochen Holz gehackt haben. Hockeyspieler sehe ich mir zugegebenermassen schon ganz gerne an. Aber wisst ihr was? Man hat ja gar nichts von diesen schönen Körpern! Weil die ja gepolstert sind und Helme tragen, so dass das die auf dem Spielfeld keineswegs so aussehen wie anbetungswürdige Gladiatoren, sondern eher wie randalierende Sofakissen.

Ich hab mir sogar mal ein Spiel angesehen. Live. Im Schoren. Ich war schwer verliebt und deshalb nicht zurechnungsfähig, weshalb ich meinen damaligen Freund ins Stadion begleitete. Und es war nicht irgendein Spiel es ging um den Schweizer Meistertitel (allerdings nur in der Nationalliga B. Die ist auch wichtig, aber eben nicht so wichtig wie Nationalliga A). Ich befand mich ungefähr fünf Minuten im Stadion, da wusste ich schon, dass Hockey und ich nie Freunde werden, nicht einmal gute Bekannte.

Ich fror erbärmlich. Ich meine, in diesem Stadion war es furchtbar kalt, so dass mir schon nach wenigen Sekunden die Nase lief und ich ständig aufs Klo musste. Es war ungefähr so angenehm wie an einem eiskalten Wintermorgen am Bahnhof zu stehen und auf den Zug zu warten. Nur ist das irgendwie sinnvoller als ein Hockeyspiel.

Zu meinem ausserordentlichen Entsetzen wurde mir beim Reingehen auch noch so ein gelbes Papierteil in die Finger gedrückt. Damit sollte ich – so erklärten mir meine Begleiter – bei einer „Fan – Performance“ mitmachen. Das erinnerte mich irgendwie fatal an Cheerleading und ich hatte schon Panik, dass jetzt von mir verlangt wird, dass ich ein Rad schlage oder so. Tatsächlich bestand die eigentliche Performance allerdings darin, im richtigen Momente die Papierschnitzel über den Kopf zu halten um ein Langenthaler Wappen darstellen zu können.

Gott, ist mir das peinlich, dass ich da mitgemacht habe. Ich hoffe es gibt keine Fotos davon.

Vom Spiel weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr viel. Nur noch, dass ich langsam sämtliches Gefühl in meinen Zehen verlor, meine Lippen blau anliefen und ich mir abwechselnd einen Stuhl, eine Heizung oder das Ende des Spiels herbeisehnte. Am furchtbarsten war aber dieses Gegröle. Erwachsene Männer. Gestandene Männer. Elegant gekleidete Damen. Benahmen sich wie Affen im Gehege. Das, meine lieben Leser, macht Sport mit uns. Sport raubt uns den Verstand und lässt uns Dinge tun, die wir sonst, bei einigermassen klaren Verstand, nie tun würden.

Unnötig zu sagen, dass ich nach dieser Erfahrung keinen Fuss mehr in ein Eishockey – Stadion gesetzt habe.

Aber die allerallerdümmste Erfindung – noch blöder als langweilige Fussballspiele und eisigkalte Stadien, in denen du dich fühlst wie ein tiefgekühltes Poulet – sind die Fitnesscenter. Oder wie ich sie insgeheim nenne: Die Orte des Grauens, die Sümpfe des Elends, die Strudel des Leidens. Und ja, ich kann das beurteilen. Ich war nämlich mal in einem. Allerdings nicht freiwillig. Ich wurde gezwungen. Von meinem Sportlehrer, der fand, es sei eine wahnsinnig tolle Idee, im Rahmen des Unterrichts, ein Sportstudio zu besuchen.
Ich weiss nicht was ich schlimmer fand. Die Frauen mit ihren superknappen Sport – BHs, die mit ihrer beneidenswert durchtrainierten Figur neben mir durchspazierten und dabei mitleidige Blicke auf meine dünnen Spinnenbeinchen warfen, die Männer, die in verstören engen Trikots neben mir durchspazierten und mich dabei so achtungsheischend ansahen, als erwarteten sie, dass ich vor ihnen anbetend auf die Knie sinke oder aber die seltsamen Geräte, die mich stark an Folterwerkzeuge aus dem Mittelalter erinnerten.

Es waren schlimme Stunden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Moment, in dem sich der Schnürsenkel meines Turnschuhs um das Pedal eines Tretvelos wickelte und ich meinen Fuss nur mit sehr viel Mühe wieder daraus befreien konnte. Auch sehr lustig war es, als mir eine Klassenkameradin das Badetuch  geklaut hat, weshalb ich – gezwungenermassen – splitterfasernackt durch die Gemeinschaftsgarderobe dackeln musste.

Ich verstehe das Konzept von Fitnesscentern einfach nicht. Ist es nicht der Sinn von Sport, dass man sich draussen an der frischen Luft bewegt? Wieso sollte man dann in viel zu engen  Räumen auf völlig absurden Geräten Sport treiben? Würden wir weniger Auto fahren und mehr Wege zu Fuss zurücklegen, bräuchten wir auch keine Laufbänder. Und es gebe weniger Autos.

Und mal ganz abgesehen davon: Wenn ich etwas mehr hasse als selbst zu schwitzen, dann ist es, noch andere schwitzende Menschen um mich herum zu haben.

Ich habe also durchaus stichhaltige Gründe Sport nicht zu mögen. Dann treib eben keinen Sport und schau es dir eben nicht an. Zum letzteren kann ich euch nur sagen: Wisst ihr, wie schwer es ist, Sport zu entkommen? Zum Beispiel wenn gerade die Fussball – EM oder Fussball – WM läuft? Du kannst dich praktisch in kein einziges Lokal setzen, ohne dass dort der Fernseher läuft. Du kannst an keine Sitzung mehr gehen, ohne dass jemand ständig auf sein Handy schielt, wo gerade der Liveticker läuft (ernsthaft, das ist doch unhöflich oder? Ich sehe mir während einer Sitzung schliesslich auch nicht einfach Topmodel – Folgen an). Du kannst nicht einmal an eine Diplomfeier gehen ohne das der Redner dich über die Resultate der Fussball – Nationalmannschaft informiert. Es ist eine grossangelegte Verschwörung, die uns unbarmherzig immer weiter in ihrem Netz einfängt.

Und wisst ihr was? Ich selbst verfange mich immer wieder in diesem raffiniert gestrickten Netz! Ich sehe all diese wunderhübschen Frauen, die in ihren Sport – BHs durch die Werbung joggen und dabei so unglaublich glücklich wirken. Oder ich betrachte Facebook – Bilder mit verschwitzten, aber strahlenden Freunden, die  gerade einen Marathon beendet haben und dabei auf geradezu ekelhafte Weise zufrieden wirken. Oder höre Freundinnen zu, die erzählen, wie toll Yoga ihnen tue und wie ausgeglichen sie sind, seitdem sie jeden Morgen mal kurz den Kopfstand machen.

Ist Sport der Weg zu einem Leben, in dem ich endlich ganz eins mit mir und dem Universum bin, frage ich mich und denke dann mit einem sehr schlechten Gewissen an all die Tage, die ich lesend auf dem Sofa oder Balkon verbringe. Oder an die Tage, die ich grösstenteils im Bett verbringe. Oder essend vor dem Fernseher. Und dann beginne ich mir meist irgendeine Sportart zu suchen.

Aber ich mag Sport nun einfach nicht, daran kann auch ein Sport – BH nicht ändern. Mal abgesehen davon, dass ich Sport einfach furchtbar anstrengend finde – es fühlt sich auch einfach nicht gesund an. Als bekennender Hypochonder denke ich bei jedem Seitenstechen gleich an einen Lungenkollaps, ein schmerzender Knöchel ist für mich ein Ermüdungsbruch, bei übermässigen Schwitzen überlege ich, ob dass das erste Symptom von Schweissfieber ist. Dadurch fühle ich mich nach Sport überhaupt nicht gut, sondern eher gestresst und total fertig.

Inzwischen habe ich es endgültig aufgegeben. Mein Sportpensum besteht nur noch aus Spaziergängen und Schwimmen. Um sicherzustellen, dass ich Letzteres auch tatsächlich tue, habe ich mir sogar ein Abi gekauft. Dann gehe ich nämlich tatsächlich, weil ich ungern Geld verschwende.

Trotzdem: Ich bin ein Sportmuffel. Und steh dazu. Kommt in meinen Club der Sofalieger! Wir tragen keine Sport – BHs, wir haben keine Bauchmuskeln und wir können auch keinen Handstand. Aber wir haben Schokolade, Chips und Gummibärchen.

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