Montag, 5. Juni 2017

Das Gute erkennen



Mir wurde letzthin eine Lehre erteilt. Das passiert mir natürlich öfters, schliesslich bin ich noch jung und manchmal – ich gebe es offen zu – ganz schön selbstherrlich, weshalb sich schon mancher bewogen fühlte, mich vom hohen Ross herunterzuholen. Ab und zu eben auch mit der Abrissbirne. Und eben eine solche Abrissbirne ist mir letzthin wieder an den Kopf gedonnert. In Form eines jungen Mannes.

Aber nicht so wie ihr jetzt denkt. Dieser junge Mann war Kunde in meiner Buchhandlung. Er stand vor dem Comicregal und musterte interessiert die Auslage. Ich erspähte ihn, straffte die Schultern und stiefelte auf ihn zu, um ihn zu fragen, ob ich ihm etwas empfehlen könne. Da ich Stöckelschuhe anhatte, waren meine Schritte gut zu hören und ich ging eigentlich davon aus, dass er sich umdrehen oder mir zumindest einen Blick zuwerfen würde. Doch nichts da, er starrte weiterhin auf die Comicrücken, als würden diese ihn hypnotisieren.

Schon da begann ich mich ein kleines bisschen zu nerven. Der könnte mich ruhig beachten, schoss es mir durch den Kopf, der hat mich bestimmt gehört! Er könnte mir zumindest das Gesicht zuwenden, dann wäre es erheblich leichter ihn anzusprechen. Aber nein, ich muss natürlich mit seinen Rücken kommunizieren! Blöder Kerl!

Nichts desto trotz setzte ich mein strahlendes Zahnpastalächeln auf und begrüsste ihn höflich. Keine Reaktion. Er sah mich nicht einmal an; der Blick blieb immer noch auf die Comics gerichtet. Genauso gut hätte ich den Papierkorb willkommen heissen können. Dann eben nicht, dachte ich ärgerlich, drehte mich um und wandte mich wieder meinen Büchern zu.

Innerlich tobte ich allerdings. Als Frau werde ich sowieso nicht gerne zurückgewiesen und schon gar nicht gerne ignoriert und ich hasse es, wenn ich Kunden grüsse und nichts zurückkommt. Das ist bestimmt ein ganz eingebildeter Kerl, schimpfte ich in Gedanken, einer, der sich für was Besseres hält und glaubt, so eine kleine Verkäuferin brauche er ja nicht zu grüssen! Wieder so ein Typ aus der Eliteschicht, der die Nase viel zu hoch trägt. Daran krankt unsere Welt, dass es immer Menschen gibt, die sich für was Besseres halten, nur weil sie mehr Geld als die anderen. Vermutlich ist das so ein verwöhnter Internatsschüler und der schlimmste Moment in seinem Leben war, als sein von Papa gesponserter Lamborghini den Geist aufgegeben hat…so und so ähnlich steigerte ich mich immer mehr hinein, bis ich den jungen Mann richtiggehend verabscheute und ihn für alles verantwortlich machte, was auf der Welt schiefläuft, angefangen von Donald Trumps Wahl bis hin zu der Flüchtlingskrise.

Nachdem ich mich aber einige Minuten in meiner Abneigung gesuhlt hatte, beschloss ich, noch einmal einen Angriff zu wagen. Inzwischen stand der junge Mann etwas verloren vor den EDV – Büchern. Nun, vielleicht geruht er ja jetzt meine Dienste in Anspruch zu nehmen, dachte ich, noch immer reichlich verschnupft und marschierte kurzentschlossen erneut auf ihn zu. „Hallo, kann ich Euch weiterhelfen?“, fragte ich, eine Spur schnippisch und schob mich entschlossen zwischen ihn und das Regal, um ihn zu zwingen, mich anzusehen.

Es klappte, dieses Mal richtete sich sein Blick auf mich. Allerdings wirkte er reichlich erschrocken, so als sei ich gerade vom Himmel gefallen. Erst sagte er also gar nichts, was mich noch weiter auf die Palme brachte. Was bildete er sich eigentlich nicht? Musste ich noch den Hofknicks machen, dass der Herr sich endlich herabliess um mit mir zu reden?

Doch statt etwas zu sagen, legte der junge Mann bedeutungsvoll erst die Hand auf seine Ohren und dann auf seinen Mund. Erst begriff ich nicht, was das sollte. Dann,  als der Groschen fiel, wurde ich knallrot und schämte mich mit einem Mal sehr. Der junge Mann hatte mich nicht ignoriert, weil er sich für was Besseres hielt. Und er hatte auch nicht deshalb kein Wort gesagt, weil auf mich herabblickte. Er hatte mich schlichtweg nicht gehört und konnte gar nicht mit mir reden, obwohl er es bestimmt gewollt hätte. Denn der junge Mann, den ich in meinen Gedanken schon als ‚eitel‘ und ‚arrogant‘ abgestempelt hatte, war taubstumm.

Diese kleine Episode hat mir eines wieder deutlich vor Augen geführt: Man soll nicht immer das Schlechteste von seinen Mitmenschen denken. Die sind nämlich oft gar nicht so böse, wie wir denken. Das vergessen wir nur oft, weil die Zeitungen voll sind von Korruption, Skandalen, Kriegen und Terroranschlägen. Sehe ich mir die Nachrichten an, fällt es mir oft schwer noch an das Gute zu glauben oder auf eine bessere Welt zu hoffen. Und oft projiziere ich diesen Weltfrust auch auf mein Leben und übersehe, wie viele hilfsbereite, freundliche und gütige Menschen es auf der Welt gibt.  

Das ist ein grosser Fehler. Denn auch das ist es, was den Terror so schrecklich macht. Dass er das Misstrauen und den Hass noch weiter sät. Und das er die Menschen noch weiter auseinandertreibt, statt sie einander näher zu bringen. Das Blut auf den Strassen Englands ist noch kaum getrocknet und schon giften sich die Politiker gegenseitig an, wer Schuld an dem Attentat ist. Die Toten werden zum Wahlkampfhelfer. Das ist Politik, die ich eigentlich nicht erleben möchte, denn es ist eine Politik, welche die Menschen vergisst.

Ebenso schlimm ist es, wenn Staatsoberhäupter die Anschläge dafür nutzen, die Grenzen noch enger zu ziehen und bereits gebaute Brücken wieder abzubrechen. So erreichen die Terroristen schlussendlich was sie wollen: Alle wenden sich voneinander, der Zusammenhalt bröckelt, Hass auf alles was anders ist als man selbst greift um sich. Es ist furchtbar für uns alle, weil wir uns anhand dieser sich überschlagenen Ereignissen machtlos und hilflos fühlen.

Aber ich zumindest werde in Zukunft versuchen, nicht gleich negativ über Menschen zu denken, wenn die nicht so handeln, wie ich es erwarte. Ich bezweifle, dass es  mir immer gelingen wird. Und doch denke ich, dass ich auf diese Weise auch wieder sehr viel Gutes sehen werde, was ich sonst, schlichtweg übersehen hätte.

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