Donnerstag, 25. Mai 2017

Ein Bootcamp names Schule



Die Schule ist ein Ort, an dem wir gezwungen werden, mit vielen Menschen Zeit zu verbringen, die wir nicht mögen und mit denen wir wahrscheinlich gar nie sprechen würden, wenn wir nicht das Pech gehabt hätten, gleichzeitig eingeschult zu werden. Wir bilden also unfreiwillig eine Schicksalsgemeinschaft, die sich Seite an Seite durch den Sumpf der Bildung kämpft, aber weil wir uns eben nicht sonderlich gut leiden können, stellen wir uns die meiste Zeit gegenseitig ein Bein, um dann mit diabolischem Grinsen zuzusehen, wie unser Schicksalsgenosse schreiend ertrinkt, denn das bedeutet im Endeffekt ja nichts anderes, als dass uns eine Person weniger auf die Nerven fällt.

Weil man aber irgendeinmal erkennt, dass man als Gruppe eine grössere Chance hat die Wildnis des Schulalltags zu überstehen, schliesst man sich zusammen, allerdings natürlich nicht als grosses Ganzes, denn die meisten finden wir ja nach wie vor doof. Stattdessen schliesst man sich eben mit denen zusammen, die uns am wenigsten stören, sprich, mit denen, die praktisch so sind wie wir. Sie kleiden sich also so wie wir, sie sprechen so wie wir und sie haben selbstverständlich mehr oder weniger dieselbe Meinung wie wir. So verhindern wir erfolgreich, dass wir uns mit Sachen beschäftigen müssen, die wir nicht nachvollziehen können und wodurch wir in Gefahr laufen würden, unsere Ansichten - die wir entweder von unseren Eltern übernommen oder selbst entwickelt haben um unsere Eltern zu ärgern – zu ändern. Hat man erst eine Gruppe gebildet, streift man möglichst schnell die kläglichen Überreste seiner eigenen Identität ab, denn die würde ab diesem Zeitpunkt eh nur noch stören. Ab jetzt gelten Kleidervorschriften, Sprachvorschriften und Benimmvorschriften, was einem auch gleich von der leidigen Pflicht befreit, selbst denken zu müssen.

Jene traurigen Bootcampteilnehmer, denen es nicht rechtzeitig gelingt sich einer Gruppe anzuschliessen, kann man schliesslich getrost als „Opfer“ betrachten. Sie dienen abwechselnd als Belustigung oder als Boxsack, meistens dienen sie aber als beides gleichzeitig. Ironischerweise sind sie zugleich der Kit, der uns alle zusammenhält, denn auch wenn sich die verschiedenen Gruppen gegenseitig nicht leiden können, sind sie sich zumindest in ihrem Hass auf die Opfer einig. Und so lange es immer jemanden gibt, der noch ein wenig mehr verachtet wird, ist man selbst aus dem Schneider. Natürlich ist es den Opfern gegenüber nicht besonders nett und man riskiert, dass diese einen lebenslangen psychischen Knacks davontragen, aber hey, das nennt man eben Sozialstruktur. Die gibt es auch in der Bildung.

Was uns zwangsläufig zur Frage führt: Was ist eigentlich Bildung? Bildung wird von gebildeten Menschen festgelegt, die sehr gescheit sind und deshalb entscheiden können, was man wissen muss, um als ebenso gescheit zu gelten wie sie. Das Entscheidende an der Bildung ist natürlich, dass man genau festlegt, wann welcher Bootcamp – Teilnehmer das nächste Level erreicht haben soll, also wann er zum Beispiel in der Lage sein soll, einen Kreis auszuschneiden oder einen schönen Purzelbaum zu machen, beides Fähigkeiten, die natürlich dringend notwendig sind, um sich später im Leben durchschlagen zu können.

Noch wichtiger an Bildung ist allerdings, dass man sie laufend beurteilt, was anhand einer perfekt errechneten Notenskala und dazu passenden Prüfungen geschieht. Wer in solchen Tests glänzt, gilt als klug, wer nicht, ist halt ein bisschen dümmer als andere, was natürlich nicht schlimm ist, denn wenn es Gewinner gibt, muss es logischerweise auch Verlierer geben. Das ist im Leben halt so. Aber natürlich werden in der Schule auch Charakterstärken oder eben Charakterschwächen beurteilt, beziehungsweise die sogenannten Sozialkompetenzen. Die sind allerdings nicht ganz so wichtig wie die übrigen Noten. Wer sich scheisse benimmt, aber gute Noten hat, kann locker eine Klassenstufe höher kommen, wer dagegen einen tollen Charakter, aber die Leistung nicht bringt, rutscht eben eine runter. Wir lernen also: Wissen ist wichtig. Nett sein halt nicht so unbedingt.

Gesplittet wird diese Bildung in verschiedene Fächer, wo wir wichtige Sachen lernen. Zum Beispiel, wie man einen Apfel so schneidet, dass möglichst viele andere Leute davon essen können; wie man einen Kleiderbügel bastelt, wie lange ein Zug von einem Bahnhof zum anderen braucht, wenn er so und so viele KM/H fährt, wie man eine Pyramide und einen Kreis berechnet und wie man einen eleganten Überschlag über einen Schwedenkasten macht. Also alles Qualitäten, die man braucht um ein erfülltes Leben zu führen.

Natürlich muss man in allen Fächern gute Leistungen bringen, egal ob man sie später noch einmal brauchen wird oder nicht. Wenn jemand Literatur studieren will, muss derjenige natürlich auch in Algebra einen guten Notenschnitt erreichen, denn wie will man auch Goethe verstehen, wenn man die binomischen Formeln nicht beherrscht? Ein grosser Stellenwert wird natürlich auch Sport beigemessen. Hier darf gnadenlos abgelästert werden, nicht nur von den Bootcamp – Teilnehmern, sondern auch von den Bootcamp – Trainern. Denn wer im Sport versagt, ist nun einmal einfach faul und deshalb gebührt ihm auch ein ordentlicher Tritt in den Hintern, am besten garniert mit einer Prise Spott und einer Portion Hohn. Ein bisschen Spass muss eben sein.

Das Leben ist kein Ponyhof, das kann man gar nicht zu früh lernen und deshalb ist  es natürlich richtig, dass das Bootcamp den Zöglingen auch gleich knallhart beibringt, wie man sich in der Welt durchsetzt. Nicht indem man in erster Linie freundlich und gutherzig ist und auf seiner Individualität beharrt, sondern indem man sich in erster Linie um sich selbst kümmert, seine Leistung bringt und sich hübsch anpasst. Dass viele der scheidenden Bootcamp Teilnehmer nicht in der Lage sind sich in andere Menschen einzufühlen, seine Meinung zu äussern ohne gleich beleidigend zu werden oder andere Personen zu akzeptieren, ist nicht so wichtig.

Hauptsache sie können danach ihre Hasstriaden in drei verschiedenen Sprachen äussern.

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