Dienstag, 11. April 2017

Nackte Tatsachen



Kennt ihr Lady Godiva? Also persönlich wahrscheinlich nicht, sie ist nämlich schon ziemlich lange tot. Godiva war eine englische Adelige und lebte im 11.Jahrhundert. Ihr Mann, der Earl von Mercia verlangte von seinen Untertanen sehr hohe Steuern. Das war in diesen Zeiten sicher nichts Aussergewöhnliches. Aussergewöhnlich war jedoch, dass Godiva das Leiden ihres Volks keineswegs am adeligen Arsch vorbeiging, sondern ihren Göttergatten bat, die Steuern zu senken. Dieser hatte aber – wie alle Männer, die an akuter Machtgeilheit leiden – kein Ohr für seine kluge Frau, sondern lachte sie nur aus und meinte, er würde die Steuern erst dann senken, wenn sie nackt durch die Strassen ritte.

Das hätte er vielleicht lieber nicht gesagt. Denn Godiva fand, dass sei ein ganz hervorragender Deal, setzte sich splitterfasernackt auf ihr Pferd und ritt so, nur durch ihr langes Haar bedeckt, durch die Stadt. Davon war der Earl so beeindruckt, dass er die Steuern tatsächlich senkte.

Die Geschichte von Lady Godiva zeigt zwei Dinge deutlich auf. Zum einen, dass es bereits vor dem Schlagwort „Feminismus“ taffe Mädels gab. Und zum anderen, dass Nacktheit schon immer ein Thema war, das provozierte, entsetzte, reizte und zugleich faszinierte. Nur warum eigentlich?

Als sich vor ein paar Wochen einige JUSO – Frauen mit entblösstem Oberkörper fotografieren liessen, war das Geschrei los. Beinahe hätte man meinen können, die Damen hätten sich dabei ablichten lassen, wie sie kleine Babys über dem Feuer rösten, so sehr empörten sich manche Leute. Ihre rechtschaffene Empörung hielt sie selbstverständlich nicht davon ab, beleidigende und verletzende Kommentare ins Netz zu stellen, die niveaumässig selbst die Äusserungen eines Donald Trump noch unterbieten.

Völlig egal, dass man auf dem Foto schlussendlich gar nicht so viel nackte Haut sieht, da die brisantesten Stellen von Armen verdeckt sind. Völlig egal, dass niemand auf dem Bild gänzlich nackt ist, sondern lediglich der Oberkörper zu sehen ist. Völlig egal, dass man in jedem Schwimmbad mehr Fleisch sieht, als auf diesen Foto. Allein der Anblick dieser wenigen Zentimeter Haut reicht offenbar schon um so hohe Wellen zu schlagen als hätte sich Moby Dick in eine enge Badewanne geschmissen. Die Feministinnen jubeln, die Moralisten verziehen das Gesicht und die Trolle tun eben das, was Trolle so tun. Sie schmeissen mit Beleidigungen um sich.

Nur, wenn sich eine Politikerin als Werbung für den Women‘s March in Reizunterwäsche auf einem Bett geräkelt und mit Schlafzimmerblick und Schmollmund in die Kamera geblickt, hätte sich wohl ebenfalls ein Strom von Beleidigungen über ihr Haupt ergossen. Und zwar nicht bloss von respektlosen Männern, sondern auch von erbosten Feministinnen, die ausziehen nur dann gut finden, wenn es aus Protest geschieht.

So erging es zum Beispiel Emma Watson. „Heuchlerin“ war noch einer der netteren Vorwürfe, die sie sich anhören musste, als sie sich für Vanity Fair ablichten liess und ihr Busen nicht komplett bedeckt war. Als eine Frau, die sich für Frauenrechte einsetze, ginge das doch nicht. Aber wieso denn nicht? Eine Frau darf doch selber entscheiden, was mit ihrem Körper passiert und wofür sie ihn einsetzt. Und wieso müssen Feministinnen eigentlich immer anderen Frauen erklären, wie sie sich zu verhalten haben?
Ohnehin kommt man nicht mehr so ganz mit ob man sich jetzt ausziehen oder anziehen soll. 
Die jungen SVP – Frauen nutzen das Bild der JUSOs prompt für ihre eigenen Zwecke und erklären: JUSOs ziehen sich aus, während die SVP – Frauen arbeiten, mit beiden Beinen im Leben stehen und Kinder grossziehen. Dass das eine das andere nicht ausschliesst scheint an ihnen vorbeizugehen.

Eine seltsame Doppelmoral in Bezug auf Nacktheit pflegt auch Heidi Klum in ihrer Show. Dort stand vor drei Wochen das befürchtete Nacktfoto auf dem Programm. Die jungen Frauen wurden zwar bemalt, waren aber ansonsten ganz in ihrem Eva Kostüm. Als sich Leticia weigerte den BH – auszuziehen, wurde ihr quasi schon mit dem Ausschluss gedroht. Knurrend beugte sich Leticia dem Willen von Heidi Klum und liess die Fotos doch noch schiessen. Klum nutzte diesen Zwischenfall um zu betonen, dass an diesen Fotos nichts Anrüchiges oder Perverses sei.

Und weil die Bilder so gar nichts Anrüchiges haben, werden sie so sehr verpixelt, dass man als Zuschauer die Frauen gar nicht erkennen kann. Wieso muss man dann überhaupt ein Nacktshooting machen, wenn man es dann doch nicht zeigen will? Und wieso wird immer behauptet, dass man als Model Nacktfotos  von sich machen lassen muss? Natürlich ist es als Model von Vorteil, wenn man eine einigermassen selbstbewusste Beziehung zu seinem Körper hat, aber es gibt zahlreiche Magazine, die gar keine Nacktfotos wollen.

Leticia, die sich so zierte, hopste zwei Folgen später übrigens in Unterwäsche fröhlich auf einem männlichen Model rum, während sie auf einem fahrenden Bett durch  vollen Strassen gezogen wurde. Schamgefühl ist eben auch nichts Rationales. Was uns letzte Woche noch peinlich war, ist zwei Monate später schon kein Problem. Und umgekehrt.

Vielleicht wäre es an der Zeit einen unkomplizierteren Zugang zu nackten Hintern oder entblössten Brüsten zu finden. Wobei: Wenn die Menschen so verklemmt bleiben, wird es für Frauen immer geradezu lächerlich einfach sein, sich Gehör zu verschaffen. Der Godiva – Trick scheint ja immer noch tadellos zu funktionieren.

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