Mittwoch, 8. März 2017

Rapunzel, lass dein Haar herunter



Lange haben wir darauf gewartet, letzten Donnerstag war es endlich so weit: Das Umstyling stand vor der Tür. Geliebt und gehasst zugleich ist der Gang zum Friseur für die angehenden Topmodels vergleichbar mit dem Gang zum Schafott. Zumindest lassen die hysterischen Anfälle, welche die Mädels gleich reihenweise erleiden, darauf schliessen.

Die Schere  des Grauens

Weil man nach zwölf Jahren weiss, wie heftig die Emotionen hochgehen, wenn man sich den Topmodel-Mähnen mit einer Schere nährt, wird die Episode auch wie ein Horrorfilm gestaltet. Immer wieder werden die entsetzen Gesichter der Kandidatinnen eingeblendet, untermalt von dramatischer Musik und unheilschwangeren Ankündigungen der Jury, dass es ein krasses Umstyling werden würde.

Drama gibt es allerdings schon vor dem Friseurbesuch. Grund dafür ist die neue Unterkunft der Models. Denn statt der ersehnten Luxusvilla gibt es dieses Jahr einfache Lofts. Und nicht nur das: Die Grazien müssen sogar ihre Betten selber machen. Das ist eine solche Zumutung, dass manch einer vor Schreck die Schminke aus dem Gesicht flutscht. Bei Lynn fliessen sogar die Tränen.

Die Arme hat aber kaum Zeit sich von ihrem schweren Schock zu erholen, denn kurze Zeit später sitzt sie beim Friseur und bricht prompt wieder in Tränen aus. Allerdings ist Tränenflüssigkeit nicht das Einzige was aus der zierlichen Schönheit herausbricht. „Ich will keine verfickte Kurzhaarfrisur!“, schimpft sie in die Kamera. Bekommt sie auch nicht. Lediglich ein paar Stufen werden in die Haarpracht geschnitten, doch Lynn beharrt auf ihrem Standpunkt, dass das praktisch schon eine Kurzhaarfrisur sei. Aha.

Aber Lynn ist nicht die Einzige, welche die Sendezeit nutzt, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Schweizerin Helena verkündet, sie werde sich nicht umstylen lassen und steigt aus dem Wettbewerb aus. Sie sei eben zu selbstbestimmt, erklärt sie selbstbewusst. Aha. Warum sie diese Selbstbestimmung erst zehn Sekunden vor dem Umstyling entdeckt – obwohl es dieses schon seit Anfang der Sendung gibt – wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. Aber so bleibt sie auf jeden Fall länger im Gespräch, als wenn sie einfach eine 0815 Kandidatin geblieben wäre.

Die Königin des Dramas bleibt aber Carina. Bemerkt Michael in der einen Sekunde noch hämisch, dass die Mädchen in seinem Team pflegeleichter seien als die von Thomas, darf er in der anderen schon eine tobende Carina beruhigen. Sie will wissen, welche Frisur sie bekommt, ansonsten will sie gehen. Schlussendlich werden ihr nur die Spitzen geschnitten und die Haare ein bisschen getönt, was Carina aber nicht im Geringsten beruhigt. „Wenn ich güldenes Haar will, will ich güldenes Haar“, lautet ihr abschliessendes Statement. Und schiebt gleich hinterher, dass sie nach dem Umstyling auch nicht besser aussehe.

Mit Haare färben hat auch Kandidatin Neele so ihre Probleme. Sie fürchtet gar einen Identitätsverlust, weil kein Mensch auf der grossen weiten Welt ihre Haarfarbe hat. Dass ihre Haare nur eine Schattierung anders ist reicht dann auch um ihre Welt zusammenbrechen zu lassen.

Obwohl sich die Mädels allesamt so aufführten als würden ihnen lebenswichtige Körperteile amputiert werden: Noch nie wurde so wenig verändert. Lediglich Maja wechselt von schulterlangen Haaren zu einem Bob, trägt die Veränderung aber gelassen. 



Die Scheue und das Biest

Wenig verändert wird auch Julia. Obwohl alle in ihrem Team der Meinung sind, dass sie das Umstyling dringend nötig gehabt hätte. Auch Juror Thomas denkt, dass er Julias Selbstbewusstsein einen zusätzlichen Schub verpassen muss und schenkt ihr deshalb eine modische Jacke. Die Konkurrenz überschlägt sich förmlich vor Neid.

Besonders hervorzuheben ist hier Greta. Die Schöne beschwert sich darüber, dass Julia das Geschenk gar nicht zu schätzen wisse. Sie dagegen könne den Wert dieser Jacke sehr wohl einschätzen, weil sie zuhause ganz viele solcher teuren Jacken hängen hätte. Wie schön, dass dieses Jahr eine diplomierte Jackenexpertin dabei ist.

Greta doppelt aber noch nach. Als Julia sich nach einem Telefongespräch mit ihrer Oma in ihr Zimmer zurückziehen möchte, nimmt sie die völlig verschüchterte Österreicherin ins Kreuzverhör. Über was sie geredet hätten, wie ihre Oma reagiert hätte, was sie über das Umstyling denkt…die sichtlich überforderte Julia reagiert ausweichend, was ihre Teamkameradinnen zutiefst empört.

Verständnis kann ich für ein solches Verhalten nicht aufbringen. Haben sie noch nie ein schüchternes Mädel gesehen oder wieso benehmen sie sich als sei Julia von einem anderen Planeten? Sie halten sogar eine Krisensitzung mit ihr ab, in der sie ihr versichern, dass sie sich wünschen, dass sie sich ihnen mehr öffnet.

Was sie wirklich von Julia halten, beweist Lynn am Ende der Episode. „Wenn eine wie Julia weiterkommt dann…“ sagt sie drohend und zeigt den Stinkefinger Richtung Jury. So falsch können Menschen sein.

Aber auch eine andere Kandidatin eckt langsam an. Wenn auch aus anderen Gründen. Carina geht ihren Mitstreiterinnen ebenfalls auf die Nerven. Wo eine Kamera ist, ist auch Carina nicht weit, meistens leicht bekleidet und mit wallendem Haar. Sie geizt nicht mit den Reizen und wird nicht müde zu betonen, was für ein heisser Feger sie doch sei. Und nicht nur das: Carina mischt sich auch ohne Federlesen in andere Gespräche ein. Dass das anstrengend ist, ist klar. Es macht die anderen Kandidatinnen aber auch nicht unbedingt sympathischer, wenn sie sich über die heissblütige Schönheit das Maul zerreissen. „Die gehört in ein anderes Format. Big Brother oder Dschungelcamp“, giftet zum Beispiel Leticia.

Carina jedoch scheint es auch nicht so mit Ehrlichkeit zu haben. Nachdem sie sich in diversen Interviews über ihre neue Frisur beklagt hat, schwärmt sie vor der Jury über die Veränderung. Zumindest einer scheint das der Dame aber nicht so ganz abzukaufen. Als sich Michael darüber beschwert, dass Carina sich offenbar mehr zu Thomas hingezogen fühle, erwidert dieser nur trocken, er überlasse ihm Carina gerne.

Von zitternden Wangen und hitzigen Augen

Aber eigentlich habe ich jetzt vorgegriffen. Denn vor dem finalen Entscheidungswalk kommt noch ein Fotoshooting. Diesmal ein sehr unspektakuläres, denn es geht um die Sedcard. Ein bisschen posen vor einem weissen Hintergrund, ein bisschen cool blicken, ein bisschen lächeln und das Ding ist geritzt. Könnte man meinen.

Natürlich geht auch das nicht ohne Tränen. Sabine weint, weil Heidi ihr Lächeln nicht echt genug findet. Neele weint, weil sie kein Duckface machen darf. Und Aissatou weint, weil sie rausgeworfen wird. Ihre direkte Konkurrentin Milchtüten – Brenda ist stärker. Deborah weint nicht, wird aber stark kritisiert, weil ihre Wangen so zittern.

Möglicherweise kämpfen die Mädels aber auch mit den nicht immer so eindeutigen Anweisungen von Heidi. Ihre Tipps reichen von „Sei heisser in den Augen“ bis hin zu „du darfst den Mund nicht zu sehr pushen“. Kein Wunder sind die armen Grazien verwirrt.

Auch der Entscheidungswalk ist in dieser Episode nicht sonderlich aufregend. Die Aufgabe besteht lediglich darin, einen Bund Luftballons hinter sich herzuziehen. Da alle Kandidatinnen gleich schlecht laufen gibt es viele Wackelkandidatinnen. Gehen muss schlussendlich Deborah. Das ist die mit den zitternden Wangen.

Fazit: Viel Gezicke, wenig gemodelt. Ich hoffe, in den nächsten Folgen sehen wir etwas mehr vom Shooting und weniger von den persönlichen Querelen der Models.  
      

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