Mittwoch, 1. März 2017

Hurra, ich bin links!



Mir hat mal einer gesagt, ich sei in der SP fehl am Platz, weil ich mit Demonstrationen nichts anfangen kann. Tatsächlich war ich in meinem ganzen Leben nur an einer einzigen Kundgebung und das auch noch gemeinsam mit meiner Mutter und meinen Schwestern (es war die Demonstration für Eveline Widmer – Schlumpf). Auch sonst sieht meine Revoluzzer – Bilanz eher traurig aus. Ich rauche nicht, ich kiffe nicht, ich bin sowieso absolut gegen Drogen, ich trinke keinen Alkohol (und ärgere meine Umgebung öfters mit Anti – Alkohol Vorträgen), ich gehe selten aus, ich habe kein wildes Sexleben und fahre so gut wie nie Velo (dafür kann ich auch nicht Autofahren, weshalb meine Öko – Bilanz ziemlich gut ist). Ich bin nicht einmal Feministin. Und würde mich auch nie für Frauenrechte nackt auf den Bürgersteig legen. Ehrlich gesagt würde ich mir auch nie so eine rosa Mütze überziehen.  Und ich esse Fleisch. Sogar gerne. Ausserdem sehe ich lieber Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ und „Voice of Germany“ als moderne Theaterstücke mit nackten Menschen.

Als SP - lerin bin ich echt eine Niete. Wenigstens war ich schlau genug mir eine Partei auszusuchen, die für Toleranz und Meinungsvielfalt steht, sonst wäre ich wahrscheinlich schon längst rausgeschmissen worden.

So und nachdem ich jetzt ganz freimütig gestanden haben, dass ich ungefähr denselben revolutionären Geist in mir beherberge wie eine lahme Schildkröte, kann ich auch ganz offen zugeben, dass ich Hausbesetzungen absolut doof finde und keinerlei Verständnis dafür aufbringe, was in den letzten Tagen in Bern abgegangen ist.

Meinetwegen können Menschen auf Bäumen leben, wenn es ihnen Spass macht. Meinetwegen können Menschen auch in leerstehenden Häusern leben oder in Zelten vor dem Bundeshaus übernachten. Aber wenn der Eigentümer des Hauses seine Räume zurückfordert, weil er sie braucht, ist es einfach nur richtig, ihm diese zurückzugeben.

Offenbar scheint das aber für viele sehr linksdenkende Menschen nicht so klar zu sein. Die Brutalität mit der in der letzten Wochen Polizisten und Polizistinnen angegriffen wurden, verschlägt einem dem Atem. Sie haben nichts anderes getan, als ihren Job, für den sie ausgebildet wurden. Sie handelten auf Anweisung und nicht aus einer persönlichen Laune heraus. Mit welchem Recht wirft man Möbelstücke auf sie? Mit welchem Recht zündet man Feuerwerkskörper um sie ihnen entgegenzuschleudern? Mit welchem Recht blendet man die Beamten mit Laserpointern? Wie kann man so vermessen sein, zu entscheiden, welches Leben wertvoll ist und welches nicht?

Denn genau so denken Linksradikale oder? Das sind keine Menschen. Das sind Bullen, Diener des Staates. Wen kümmert es, wenn die weg sind? Die haben sich ja für diesen Job entschieden und damit auch ihre Seite gewählt. Krieg bedeutet halt Opfer. Ich könnte kotzen, wenn ich solche Sachen in Social Media lese. Wie kann man auf der einen Seite betonen, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat, egal aus welchem Land er kommt oder welche sexuelle Neigung hat und auf der anderen Seite so gedankenlos Leben gefährden? Das ist für mich unverständlich.

Immer wieder kommt das Argument: Die Polizei hat provoziert und wenn man sich provoziert fühle, dann greife mal halt auch zur Gewalt. Ich fühle mich auch von vielen Sachen provoziert, zum Beispiel, wenn sich jemand in der Schlange vordrängelt oder wenn Teenager kichernd mit dem Zeigefinger auf mich zeigen, trotzdem schlage ich den Betreffenden nicht gleich in die Fresse. Wo kämen wir da hin, wenn jeder seine spontanen Gefühlsregungen und Launen nachginge? Wäre es dann auch plötzlich wieder okay eine Frau zu vergewaltigen, wenn der Mann gerade Lust auf sie verspürt?

Das Bild der friedlichen Anarchie, dass von manchen linksdenkenden Menschen immer wieder gerne beschworen wird, es ist ein Trugbild. Anarchie ist niemals friedlich, sie endet immer in Gewalt und Chaos, schon allein deswegen, weil sich unsere religiösen, politischen, moralischen und ethischen Grundsätze nie decken werden, es aber immer Menschen geben wird, die ihre Sicht der Dinge mit allen Mitteln durchsetzen wollen. Es ist daher richtig und gut, dass es in unserem Land Regeln gibt, die für alle gelten.  Unser Rechtsstaat mag vielleicht manchmal einengend sein, aber er ist auch ein starker Schutz, den wir nicht einfach wegschmeissen sollten, nur weil wir gerade einen Trotzanfall haben.

Mein Verständnis mit den Hausbesetzern von Bern hält sich auch deshalb in Grenzen, weil sich die Berner Stadtregierung (die bekanntlich links anzusiedeln ist) sich ja auch wirklich mit dem Problem Wohnungsnot auseinandersetzt. Aber in der Politik arbeiten die Mühlen langsam, das bringt die Demokratie so mit sich. In letzter Zeit scheinen aber sowohl links als auch rechts immer wieder die Brechstange ansetzen zu wollen, im Glauben nur schnelle und radikale Lösungen seien auch gute Lösungen. 

Wir leben weder in Russland noch in China noch in der Türkei. Wir dürfen unsere Meinung offen kundtun, wir dürfen Initiativen lancieren, wir dürfen wählen und uns wählen lassen, wir dürfen demonstrieren und wir können problemlos mit Politikern direkt in Kontakt treten, wenn wir das wünschen. Es gibt durchaus andere Wege sein Anliegen durchzusetzen als sich in Häuer zu verschanzen und Tische aus dem Fenster zu werfen. Wenn diese Wege aber bewusst nicht gegangen werden, weil man das System verachtet, hat man auch die Konsequenzen zu tragen.

Wer die Freiheit will, muss auch Verantwortung übernehmen, Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben und dem Leben von anderen. Wenn ich die Verantwortung für meine Taten immer wieder anderen in die Schuhe schiebe, dann bin ich auch nicht reif genug, ein freies Leben zu führen.

Und was macht die SP? Statt sich mal richtig von diesen Chaoten zu distanzieren und zu sagen, dass es einfach eine Sauerei ist, sich so aufzuführen, weicht sie aus. Sie kritisiert lieber Alec von Graffenried, weil der nach der Räumung an der Effingerstrasse zu spät Stellung genommen hätte und stellt mal wieder die Frage nach der Verhältnismässigkeit des Polizeieinsatzes. Und krönt das Ganze noch mit der Aussage, die Forderung nach mehr Freiraum sei durchaus legitim. Ich kann Stellungsnahmen die anfangen mit „Wir verurteilen ganz klar die Gewalt aber auch die Verhältnismässigkeit der Einsatzkräfte wirft Fragen auf“ einfach nicht mehr ernstnehmen. Ganz abgesehen von Diskussionsbeiträgen wie: „Ich erwarte, dass sich Polizisten nicht benehmen wie 16 – Jährige.“ Dieses ständige Misstrauen der Polizei gegenüber ist genauso schädlich für unseren Rechtsstaat wie die ständige Kritik von rechts an den Richtern.

Ich weiss nicht, ob manche Genossen vielleicht ein bisschen zu heiss gebadet oder das Falsche geraucht haben, anders kann ich mir diese Äusserungen nämlich  beim besten Willen nicht erklären. Wenn ich einem akuten Wutanfall den - aus meiner Sicht - hässlichen Brunnen auf den Langenthaler Wuhrplatz in seine Einzelteile zerlege, setze ich damit auch eine legitime Forderung von vielen Langenthalern durch, aber ich würde mir trotzdem Ärger einhandeln. Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt. Kapiert das endlich mal! Gewalt macht alles immer noch tausendmal schlimmer nicht besser.

Immer wieder fordern wir von rechts, dass sie sich deutlich von Extremisten distanzieren sollen und sind empört, wenn SVP – Vertreter PNOS Partys in Schutz nehmen. Wir sind ja offenbar kein Stück besser,

Auch sonst geht es in der SP gerade ein bisschen drunter und drüber. Während in Zürich der Streit zwischen Mario Fehr und dem berüchtigten linken Flügel im Abgang von Parteipräsident Daniel Frei gipfelte, bemüht sich ein reformorientier Teil der Partei um Positionen. Dabei werden sie von den etwas linkeren Genossen und Genossinnen kritisiert, die den Reformern vorwerfen, sie würden ja ohnehin nur Karriere machen wollen und sich deshalb bei den Bürgerlichen anbiedern. Und überhaupt würden solche Vertreter der Partei schaden.

Tja, liebe Genossen, euch kackt es also an, wenn ihr mit Wischiwaschi – Sozialdemokraten in einen Topf geworfen werdet? Wisst ihr was mich anscheisst? Dass ich dauernd mit Menschen in einem Topf geworfen werde, die in gewaltätigen Chaoten arme  missverstandene Opfer sehen.

Dann sind wir ja wieder quitt.

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