Montag, 27. Februar 2017

Models unter sich



Eigentlich geht es ja bei Germanys Next Topmodel darum, jungen Frauen den Start in eine hoffnungsvolle Modelkarriere zu ermöglich. Doch auch in der dritten Folge der neuen Staffel geht es nur sehr wenig ums modeln. Vielmehr fühlt sich der Zuschauer bisweilen so, als betrachte er ein soziologisches Experiment, in dessen Verlauf die boshaftesten Seiten der Teilnehmerinnen herausgekitzelt werden.

Auf den Kisten, die die Welt bedeuten

Um den Kampf um das Modelkrönchen noch eine Spur härter zu machen, hat man das „Shoot - Out“ erfunden. Inspiriert wurden die Macher wohl von „Die Tribute von Panem“, denn auch wenn die Mädels nicht mit Pfeil und Bogen aufeinander gehetzt werden, geht es im Grunde ja doch darum, dass man seine Konkurrentin aus dem Wettbewerb wirft. Metaphorisch gesprochen natürlich. Zwei Kandidatinnen, die in der letzten Wochen in ihren Leistungen geschwächelt haben, müssen im direkten Vergleich gegeneinander antreten. Diejenige die das bessere Bild abliefert, darf bleiben, die andere fliegt.

Natürlich ist diese Neuerung völlig sinnlos, denn schliesslich werden die Kandidatinnen – gerade diejenigen, die sich vom Typ her ähneln – sowieso immer direkt verglichen. Erreichen will man damit wohl, dass die Damen sich vor der Kamera so richtig in die Haare geraten.

Offenbar sind die Kandidatinnen allerdings auch dieses Jahr zu doof, diese doch recht simpel gestrickten Manipulationen zu durchschauen und fallen voll drauf rein. Claudia und Neele, die beiden Miezen, die sich in der aktuellen Folge duellieren müssen, tun genau das, was Heidi mit diabolischem Grinsen eingefädelt hat: Sie zicken sich an. Die scheinbar unschuldige Frage von Neele ob sie sich eher im Beauty Bereich oder im High Fashion Bereich sieht, löst bei Claudia nicht nur einen Heulkrampf, sondern auch die philosophische Frage aus, wie Menschen nur so gemein sein können. „Team Schwarz schiesst gegen mich, inklusive Neele!“, klagt Claudia ihrem Mentor Michael. Ihr Weltschmerz hat fast schon was Rührendes. Man möchte den Arm um die Blondine legen, ihr über das Köpfchen streicheln und ihr erklären, dass sich ja nicht Neele diesen ganzen Quatsch mit dem Shootout ausgedacht hat.

Die Aufgabe des Shootings besteht übrigens darin in einem wallenden Kleid auf einer Kiste zu posieren, die von einem Kran hochgezogen wird. Humor beweist dabei vor allem der Fotograf, der einer unter Höhenangst leidender Kandidatin empfiehlt, sie solle sich mehr entspannen. Aber auch Heidi Klum glänzt mit tollen Tipps. „Das sieht toll aus, wenn dein Bein aus dem Kleid rauskommt!“, lobt sie. Also Mädchen, wenn ihr Model werden wollt: Beine aus dem Kleid!

Nach vielen Bildern (die alle mehr oder weniger gleich aussehen) dürfen dann auch die zwei Gladiatorinnen Neele und Claudia ran. Letztere konzentriert sich darauf lieblich lächelnd in die Kamera zu blicken, während Neele sich so hysterisch in Posen wirft, als werde sie von einem wilden Tiger verfolgt. Das zahlt sich aus. Sie gewinnt und darf bleiben. Claudia muss die Koffer packen. Das findet sie aber nicht so schlimm, weil sie ja modeln möchte und nicht so auf Show steht wie andere.

Aha. Warum man dann aber so kamerawirksam ein Drama abziehen muss, wenn man nicht so auf Show steht, bleibt mir ein Rätsel. Aber vielleicht wollte Claudia nur ironisch sein.

Weil wir uns lieben

Nach diesem knallharten und aufregenden Shooting wird dem Zuschauer nun wieder etwas für das Herz geboten. Melina gesteht das, was eigentlich alle schon wussten: Auch sie war früher ein Mann. Ihrer Freundin Anh (und den anwesenden Kameraleuten) vertraut Melina an, wie unsicher sie sich nach wie vor fühle. Und hängt an ihr Geständnis gleich noch einen emotionalen Appell für mehr Toleranz.

Die Szene hätte durchaus etwas Herzerwärmendes, denn Melina ist ein sympathisches Mädchen. Aber eben, hätte. Kaputt gemacht wird das Ganze dadurch, dass alles dermassen gestellt wirkt, dass einem die Emotionen im Hals stecken bleiben.

Dass GNTM trotz Giuliana und Melina eben immer noch oberflächlich bleibt, zeigt sich nur wenige Minuten später am Beispiel der Österreicherin Julia. Die scheue Kandidatin mit den auffallenden Ohren avanciert zur Aussenseiterin. Ihre Teamkolleginnen klagen darüber, dass Julia nicht mit ihnen spricht und sich ihnen gegenüber komplett verschliesst. Eine solche Zurückhaltung ist man im schrillen Heidi – Land nicht gewöhnt und deshalb wird sich über Julia eifrig das Maul zerrissen.

Aber wieso eigentlich? Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht schon an Julias Körperhaltung, dass sie sehr schüchtern und unbeholfen ist. Ihre Zurückhaltung ist sicher nicht boshaft gemeint. Und sie tut niemanden was zuleide. Sie sitzt in ihrer Ecke, liest oder isst einen Schokoriegel. Das tut ja niemanden weh. Dass die anderen Mädels sich darüber empören ist nur schwer nachvollziehbar. Wahrscheinlich können sie schlichtweg nicht nachvollziehen, dass jemand keine Lust hat, sich  an ihren geistvollen Unterhaltungen zu beteiligen.

Interessant ist auch, dass Carina, die quasi in jedem zweiten Satz erklärt, sie kämpfe ausschliesslich für sich selbst, nicht mit solchen Anfeindungen zu kämpfen hat. Und das, obwohl sie aus ihrer Schadenfreude keinen Hehl macht, wenn eine Konkurrentin kritisiert wird. Aber Carina ist sehr selbstbewusst und kein so leichtes Opfer wie Julia. So funktioniert die Welt.

Julia ist allerdings trotz abstehender Ohren sehr fotogen. Ihre Bilder sind immer gut, die Schüchternheit vor der Kamera wie weggeblasen. Heidi ist verblüfft. Aber es ist eben schon so: Nicht immer sind die selbstbewusstesten Menschen auch die besten Schauspieler oder Models. Eher im Gegenteil. Es gibt zahlreiche erfolgreiche Showgrössen, die ausserhalb der Bühne oder des Fernsehers kaum einen geraden Satz auf die Reihe bringen und sich lieber verdrücken als sich interviewen zu lassen.

Sexy, sexy, sexy!

Das Fotografieren klappt ja ganz gut, weniger gut klappt das laufen. Also nicht das normale Laufen, sondern das elegante Gehen auf dem Laufsteg. Tatsächlich gab es glaub noch keine Staffel, in der die Models so herumgestolpert sind wie in dieser. Dem kam man Abhilfe schaffen, denken sich die beiden Teamcoachs und engagieren Laufstegcoachs.

Ich hoffte ja auf den genialen Jorge Gonsalez aber nein: Die Mädels werden künftig von Choreografin Niketa Thompson und Laufstegtrainer Marc Folkes (ja, das ist offenbar ein Beruf) gedrillt. Erstere ist so überdreht, dass sie hervorragend in das Format passt.

Nach ein bisschen Hin – und Herlaufen unter den scharfen Augen der frisch eingestellten Profis geht es auch schon ab zum nächsten Entscheidungswalk. Die Mädels müssen sich innert 30 Minuten selbst schminken und frisieren. Und sie dürfen sich auch die Klamotten selbst aussuchen. Einzige Bedingung: Sexy muss es sein. Und natürlich soll auch das Laufen sexy sein. Die meisten Kandidatinnen verwechseln sexy mit leicht bekleidet und gehen einfach in Unterwäsche auf den Laufsteg. Der Klum gefällt es. Als eine der Grazien es wagt anzumerken, dass sexy ja nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, praktisch nackt durch die Welt zu hüpfen, wird sie kurzerhand abgewürgt und rausgeworfen.

Überhaupt mistet Heidi Klum rigoros aus oder um es mit den Worten von Thomas Hayo zu sagen: Der Spreu trennt sich vom Weizen. Fast im Minutentakt werden Kandidatinnen mit dem Spruch „Ich habe leider kein Foto für dich“ nachhause geschickt, ohne das viel Zeit mit einer Begründung verschwendet wird. Du bist beim Shooting nicht so gut gewesen, reicht dieses Jahr offenbar schon um die Rückreise antreten zu dürfen.

Zur Empörung der anderen Kandidatinnen zieht Julia problemlos in die nächste Runde ein. „Du musst auch mal ein bisschen aus dir rauskommen, wir beissen nicht“, rät ihr Dauergrinserin Neele, nur um  sich ein paar Minuten später lautstark darüber zu ärgern, dass nicht Julia sondern Aissatou zur Wackelkandidatin gekürt wird. Die zarte Brenda setzt noch einen oben drauf, indem sie über Julias abstehende Ohren lästert.

Ja, ich kann echt auch nicht verstehen, wieso Julia sich nicht mit diesen „netten“ Kameradinnen abgeben will.

Dabei hat Brenda nun wahrlich keinen Grund über andere herzuziehen. Obwohl bildhübsch hat sie ungefähr die Ausdrucksstärke einer Milchtüte. Das findet auch die Jury. Und deshalb muss Brenda ins gefürchtete Shoot – Out. Aber immerhin darf sie vorher nach Los Angeles. Da geht die Reise nämlich als nächstes hin.

Uns erwartet in der nächsten Folge nicht nur der Kampf der Amazonen (O – Ton Michalsky) sondern auch das Umstyling, das die übliche Mischung aus Heulkrämpfen und Tobsuchtsanfällen verspricht. Wir dürfen gespannt sein, wenn es wieder heisst: „Nur eine kann Germany’s next Topmodel werden!“

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