Montag, 23. Januar 2017

Wer Wind sät



Ein bisschen zusammengezuckt bin ich ja schon, als ich eines schönen Morgens im Bahnhof von Langenthal das Abstimmungsplakat sah, mit dem gegen die erleichterte Einbürgerung geworben wird. Zwar hatte ich das Bild mit der Burka tragenden Frau schon in der Zeitung gesehen und doch war es irgendwie ganz anders es wirklich vor sich zu haben, hier im Herzen der eigenen Heimatstadt. Und das Plakat löste in mir einen tiefen Widerwillen aus.

Was will das Plakat eigentlich sagen? Mein Urgrossvater mütterlicherseits war Italiener, mein Grossvater Österreicher. Beide haben sich einbürgern lassen. Hätten sie das nicht getan, müsste ich dann eine Burka hervorkramen, weil offenbar alle Menschen dieses Landes ohne roten Pass sich so anziehen?

Oder, Moment, könnte es sein, dass das Plakat suggerieren will, das mit der erleichterten Einbürgerung der dritten Generation (man beachte, dass ich die wichtigen Stellen dick hervorgehoben habe), die Islamisierung unseres Landes (hier bitte Sarkasmus einschalten) beschlossene Sache ist? Ist aber nur so eine Vermutung von mir. Denn zugeben würden es die Initianten dieses Plakats ja niemals.

Geschmacklosigkeit ist man von der SVP ja gewöhnt. Eigentlich lohnt es sich gar nicht mehr, sich über sie aufzuregen. Aber ich rege mich nun einmal auf! Weil das Plakat ja absolut nichts, aber auch gar nichts, mit der eigentlichen Abstimmung zu tun hat.

Es geht nicht darum, dass man sich mit einem Korb an die Grenze stellt und jedem der zufällig vorbeikommt den Pass in die Finger drückt, wie es die Gegner der Vorlage immer wieder behaupten. Von der Vorlage profitieren Personen, die unter 25 Jahren sind, in der Schweiz geboren  und hier schon fünf Jahre zur Schule gegangen sind. Ausserdem muss ein Elternteil in der Schweiz geboren sein, mindestens zehn Jahre hier leben und fünf Jahre hier zur Schule gegangen sind. Ebenfalls muss ein Grosselternteil in der Schweiz geboren oder zumindest ein Aufenthaltsrecht besessen haben. Da kann wohl kaum die Rede davon sein, dass man keine Kontrolle mehr darüber hätte, wen man jetzt einbürgert.

Mich würde ja auch mal interessieren, was alle immer mit dieser Burka haben. Man könnte meinen, dass sich in der Schweiz Scharen von Burkaträgerinnen bewegen. Die einzige Frau in Vollverschleierung, die ich je gesehen habe, war Nora Illi. Iim Fernsehen. Und die ist Schweizerin von Geburt an und musste sich nie einbürgern lassen.

Das Plakat ist ein erneuter erschütternder Beweis dafür, dass Rassismus immer salonfähiger wird. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass die Urheber dieses Plakats ohne jegliches Schamgefühl  in die Kameras sagen dürfen, es gehe zwar jetzt noch um die Italiener, aber in zwanzig Jahren um die Afrikaner. Natürlich ist das nicht direkt rassistisch, denn man verzichtet ja darauf, zu sagen: In zwanzig Jahren, sind es dann die schlecht sozialisierten Afrikaner aus dem Busch. Man verkneift sich diese Aussage, aber es ist jedem klar, wie es gemeint ist. Ein stiller Rassismus wie bei der SVP üblich. Üblich ist es auch, dass die offizielle SVP das Plakat nur ideell unterstützt, nicht finanziell. Immer haarscharf an der Grenze, ein Balanceakt zwischen dem gerade noch Erlaubtem und dem Verbotenen.

Aber was schreibe ich hier eigentlich. Es geht ja auch gar nicht um Argumente. Irgendwie habe ich immer öfter das Gefühl, dass bei Abstimmungen nicht mehr über die eigentliche Sache diskutiert wird. Vielmehr werden da nach Lust und Leine Dinge hineininterpretiert. Es wird behauptet, es wird gelogen, es wird provoziert, es wird überspitzt, so dass jeder Politiker und jede Politikerin über sein Lieblingsthema reden kann, egal ob es um die eigentliche Vorlage geht oder nicht. Immer mehr geht es darum, bewusst Ängste zu schüren und wo keine Ängste sind, entfacht man eben selbst welche. Der Preis dafür ist hoch. Der Preis dafür ist am Ende immer die Glauwürdigkeit der Politik.

Übrigens, als ich am Abend wieder am Plakat vorbeiging, hing es in Fetzen. Ein deutliches Zeichen dafür, welche Bitterkeit und welcher Hass bereits jetzt wieder in der Schweizer Bevölkerung aufgeflammt sind.

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