Montag, 30. Januar 2017

Die Unbezähmbare





Als damals vor Jahren Christoph Blocher abgewählt wurde, war ich in der achten Klasse, also vierzehn Jahre alt. Ich hatte nicht viel Ahnung von Politik, auch wenn sie bei uns zuhause am Esszimmertisch immer leidenschaftlich diskutiert wurde. Ich war aber noch in einem Alter, in dem man sich stark an der Meinung der Eltern orientiert  und so hatte ich eher eine kritische Haltung zum schillernden SVP – Bundesrat. Hatte ich doch miterlebt wie meine Mutter einen kleineren Zornausbruch hatte, als damals Ruth Metzler Platz machen musste für Christoph Blocher. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, aber die Quintessenz ihrer lautstarken Klagen war, dass eine kompetente Frau, die gute  Arbeit geleistet hat, zugunsten eines grössenwahnsinnigen Brüllaffen weichen muss.

So war ich also – wie viele andere – ganz schön schadenfreudig, als vier Jahre später auch Blocher die Schmach der Nichtwiederwahl erlitt und ausgerechnet eine Frau seinen Sitz im Bundesrat eroberte. Das Karma hat zurückgeschlagen.

Es war auch keineswegs das erste Mal, dass nicht der von der Partei vorgeschlagene Kandidat  in das hohe Amt gewählt wurde. So wurde zum Beispiel 1983 völlig überraschend Otto Stich zum Bundesrat gekürt, obwohl die Sozialdemokraten eigentlich auf Lilian Uchtenhagen gesetzt hatten (sie wäre somit die erste Bundesrätin geworden).

Und doch, die Tatsache, dass der populäre und charismatische Christoph Blocher nicht wiedergewählt worden war, führte zu einem emotionalen Erdbeben. Die einen jubelten, die anderen zogen lange Gesichter. In der SVP tobte ein Sturm der Entrüstung, man konnte es nicht fassen, man wollte es nicht glauben, dass der Mann, der sich die SVP Stück für Stück einverleibt und zu „seiner“ Partei gemacht hatte, die Wiederwahl nicht geschafft hatte. Die Wut, die in der SVP hochkochte, war fast schon beängstigend.

Aber egal ob man sich nun freute oder ausrastete, man richtete die Augen auf jene Frau, die sich während ihrer Wahl nicht einmal im Bundeshaus aufhielt:  Eveline Widmer – Schlumpf politisierte ebenfalls in der SVP, pflegte aber einen gemässigteren Stil als viele ihrer Ratskollegen. Und doch: Für ihre Partei war es einfach unvorstellbar, von jemand anderem vertreten zu werden als von ihrem persönlichen Oberguru Christoph Blocher, weshalb die SVP schon im Vorfeld vorkündete, sie würden jeden ausschliessen, der seine Wahl annehme ohne von der Fraktion nominiert worden zu sein. Diese Drohung wiederholten sie auch nach der Wahl von Eveline Widmer – Schlumpf. Sie solle die Wahl ablehnen, hiess es, sonst wäre sie eine Bundesrätin ohne Fraktion.

Ich fand das damals sehr gemein und auch heute finde ich es empörend, wie die SVP mit Eveline Widmer – Schlumpf umgesprungen ist. Allerdings hat sich auch die SP in dieser Hinsicht nicht mit Ruhm bekleckert. Ich habe letzthin erfahren, dass Ruth Dreifuss damals nur Bundesrätin geworden ist, weil der eigentlich gewählte Francis Matthey auf Druck seiner eigenen Partei die Wahl ablehnte. Und warum wurde ihm das nahegelegt? Weil die Sozialdemokraten unbedingt eine Frau wollten. Das ist auch nicht gerade die feine englische Art, meine Damen und Herren! 

Was für ein Druck mit einem Mal auf den schmalen Schultern von Eveline Widmer – Schlumpf lastete, kann man sich nur vorstellen. Mit einem Schlag war sie zur Hauptprotagonistin in einem wahren Politkrimi geworden. Die ganze Schweiz wartete auf sie und  lauerte auf ihre Erklärung. Wird sie ihre Wahl tatsächlich ablehnen, um nach den Willen ihrer Partei den Platz freizumachen für König Blocher? Sie bat sich einen Tag Bedenkzeit aus.

Verständlich. Da ist sie und hat die grosse Chance Bundesrätin zu werden. Wahrscheinlich reizt die Aufgabe sie. Wahrscheinlich weiss sie, dass sie die Fähigkeiteb hätte, einen guten Job zu machen. Und ja, wahrscheinlich lockt sie auch die Macht, die hinter diesem Amt steht. Bundesrätin ist ja nicht nichts. Aber sie weiss wahrscheinlich auch, welchen Preis sie dafür zahlen würde. Sie wäre einsam, weil ihre Partei sie verstossen würde. Sie würde von vielen Menschen gehasst werden. Sie würde eine grosse Verantwortung übernehmen und hätte keine Fraktion im Rücken, die sie stützen würde.

Und trotzdem, obwohl sie von so vielen Seiten bedrängt wurde, nahm sie die Wahl an. Viele sagten und viele behaupten noch heute, sie sei eine Verräterin weil sie getan hat, ein Judas gar, eine machthungrige Frau, die aus reinem Egoismus handelte und nicht zum Wohle ihrer Partei. Natürlich hat sie das Amt wahrscheinlich auch ein wenig aus persönlicher Eitelkeit angenommen. Ich meine, jeder Politiker ist bis zu einem gewissen Punkt narzisstisch. Ein paar mehr, ein paar weniger. Aber was selbst ihre Kritiker nicht von der Hand weisen können: In dem Moment, als sie, trotz der vielen Anfeindungen, vor ihrer wutschnaubenden Partei, Annahme zur Wahl erklärte, bewies sie ungeheuren Mut.

Das empfand ich schon damals als Teenager so. Gegen den Strom zu schwimmen ist schwer, gegen einen Strom zu schwimmen, der einen einst getragen hat, erfordert noch weit mehr Kraft. Es wäre weitaus leichter gewesen, die Wahl abzulehnen. Sie hat den schwierigen Weg gewählt und damit im Kauf genommen, bis aufs Blut gehasst zu werden.

Genau das ist passiert. Die SVP machte ihre Drohung wahr und schmiss ihre eigene Bundesrätin inklusive der Bündner Sektion aus der Partei. Und weil sie gerade dabei waren, warfen sie auch noch gleich ihren zweiten Bundesrat, Samuel Schmid, raus. Das wiederum führte dazu, dass die BDP gegründet wurde, welche die zwei verschmähten Magistraten aufnahmen. Die vielgepriesene Konkordanz stand Kopf, da die wählerstärkste Partei nicht mehr im Bundesrat vertreten war.

Diese Tatsache wurde sehr oft Widmer – Schlumpf in die Schuhe geschoben. Aber mal ehrlich, wenn die SVP so blöd ist, ihre eigenen Bundesräte auszuschliessen, ist das ja wohl kaum ihr Problem. Jahre später wurde immer wieder so getan, als hätte Widmer – Schlumpf die Konkordanz ruiniert, dabei war es die SVP selber, die so die Gelegenheit hatte, in ihre liebste Rolle zu schlüpfen: Die der armen, missverstandenen Opfer.

Dennoch waren die Umstände, welche ihre Wahl begleiteten, sicher nicht optimal und sie hätte es sich bestimmt anders gewünscht. Geholfen hat ihr vielleicht die Tatsache, dass ausgerechnet der treueste Partner der SVP, das „Volk“, sich grösstenteils auf ihre Seite schlug. Über 10‘000 Menschen demonstrierten auf dem Bundesplatz für Eveline Widmer – Schlumpf und 2008 bekam sie vom Fernsehpublikum den Titel „Schweizerin des Jahres“ verliehen.

Diese Welle der Sympathie hat ihr sicherlich den Rücken gestärkt. Zugleich kann es aber eine Last sein, als Hoffnungsträgerin gehandelt zu werden. Doch so spektakulär ihr Einstand in den Bundesrat war, so ruhig und besonnen nahm sie ihre Arbeit auf. Besonders nach ihrem Wechsel ins Finanzdepartement, bewies sie, dass sie ihrer grossen Aufgabe gewachsenen war. Egal wie turbulent die Zeiten waren, immer verströmte sie eine grosse Ruhe und Sicherheit, glänzte mit einem umfassenden Wissen und kannte sich in ihren Dossiers bestens aus.

Sie war keine, die grosse Worte verlor, keine, welche die Politik als Show verstand, keine, die laut wurde, wenn ihr etwas nicht passte. Die Angriffe, denen sie auch Jahre nach der Blocher – Abwahl immer wieder ausgesetzt war, erduldete sie mit stoischer Gelassenheit. Es ist diese Würde, die sie im Wesentlichen von Christoph Blocher unterschied. Im Gegensatz zu ihm hat sie verstanden, dass man als Bundesrat auch die Verpflichtung eingeht, seine persönlichen Interessen und nicht zuletzt auch die Interessen der Partei, aufzugeben, um etwas Grösserem zu dienen. Diese Qualitäten wurden auch vom National – und Ständerat honoriert, indem sie Eveline Widmer – Schlumpf als Bundesrätin bestätigten, obwohl die SVP alles versuchte, um das zu verhindern.

Da die BDP empfindliche Verluste bei den letzten nationalen Wahlen einstecken musste, während die SVP wieder zulegen konnte, war absehbar, dass Eveline Widmer – Schlumpf ihren Sitz nur schwer würde halten können. Ob es deswegen war oder weil sie spürte, dass es Zeit war, aufzuhören, auf jeden Fall gab Eveline Widmer – Schlumpf ihren Rücktritt bekannt. Sie tat es, wie sie alles getan hat: Mit treffenden Worten und mit hoch erhobenem Kopf. Ein Abschied mit Stil.
Eveline Widmer – Schlumpf war in ihren zwei Amtsperioden eine gute Bundesrätin. Selbst ihre schlimmsten Kritiker können dies nicht von der Hand weisen, auch wenn sie immer wieder behaupten, sie hätte eine „linke Finanzpolitik“ gemacht. Das ist Blödsinn. Widmer – Schlumpf war ohne Zweifel eine bürgerliche Politikerin, allerdings auf eine weniger brüllende Art und Weise, wie es in der SVP gepflegt wird.

Und jetzt das: Sie, die eine hohe Glaubwürdigkeit geniesst, sie, welche die Unternehmenssteuerreform III aufgegleist hat, kritisiert eben diese in einem Interview. In einer sachlichen, verständlichen und nüchternen Sprache formuliert sie das, was die Gegner der Reform schon lange kritisieren: Es wurde zu viel in die Reform reingepackt.

Die Befürworter der Reform sind natürlich jetzt eifrig dabei die ehemalige Finanzministerin zu diffamieren. Eine Diva sei sie, monieren sie, besserwisserisch und empfindlich. Diese Stimmen kommen ausgerechnet aus ihrer eigenen Partei, welche die Reform unterstützt. Doch egal, wie sehr sie jetzt versuchen das Ansehen der ehemaligen Bundesrätin zu zerpflücken, es wird ihnen nicht gelingen. Eveline Widmer – Schlumpf mag mit ihrem Bekenntnis ehemaligen Weggefährten in den Rücken gefallen sein, aber das beweist ja wieder, dass sie noch immer in der Lage ist, eine Sache nüchtern zu betrachten, ohne sich dabei von Parteiparolen einschränken zu lassen.

Ueli Maurer, ihr Nachfolger im Finanzdepartement, lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, mal wieder gegen Eveline Widmer – Schlumpf zu sticheln. Als Alt – Bundesrätin soll man sich nicht in einen Abstimmungskampf einmischen, giftet er. Aha, stimmt. Christoph Blocher zeichnet sich auch dadurch aus, dass er sich praktisch NIE in Abstimmungskämpfe einmischt….

Aber auch diese Anfeindungen wird Eveline Widmer – Schlumpf überstehen, so wie sie alle Stürme überstanden hat. Ich glaube, sie ist ein gutes Vorbild. Weil sie unbeirrt ihren Weg gegangen ist. Weil sie sich treu geblieben ist. Weil sie den Kopf hocherhoben hielt. Weil sie eindrucksvoll bewiesen hat, dass man auch als Frau eine gute Führungspersönlichkeit sein kann. Weil weder Köppels bösartige Artikel noch die ständige (und praktisch nie sachbezogene) Kritik sie davon abhalten konnte, das zu tun, was sie nach sorgfältigem Abwägen für sinnvoll hielt.

Sie war eine Exotin im Bundesrat. Und ist als solche immer ein wenig unbezähmbar gewesen.

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