Sonntag, 8. Januar 2017

Alte Wunden



Ich war eine „Spätzünderin“. Als die Mädels in meiner Klasse anfingen sich um ihr Äusseres zu kümmern, sich modischer zu kleiden und sich coole Haarschnitte verpassten, kam ich immer noch mit weiten Shirts, Latzhosen und Ponyfransen zur Schule. Dazu hatte ich noch schlechte Haut, war sehr dürr und unsportlich. Mir war das egal, wirklich. Mein Aussehen kümmerte mich einfach nicht. Und ich war empfindlich. Ich weinte ziemlich viel. Und so wurde ich in der fünften Klasse zu dem, was man so charmant als „Opfer“ bezeichnet. Von dem Zeitpunkt an wurde die Schule zum Spiessrutenlauf.

Ich bemerkte es erst gar nicht. Erst nach und nach fiel mir auf, dass viele in der Klasse sich weigerten sich in meine Nähe zu setzen. Ich wusste erst nicht wieso, aber mit der Zeit erfuhr ich, dass sie behaupteten, ich hätte die Pest und sei ansteckend. Deshalb gaben sie mir auch nicht mehr die Hand. Im Sportunterricht wurde ich immer offener ausgelacht und verächtlich als „Finnögeli“ bezeichnet. Wenn ich stürzte oder mir ein Ball an den Kopf flog, zuckten sie mit den Schultern und meinten, es handle sich ja schliesslich nur um mich und wenn ich mir wehtat, sei das ja nicht so tragisch. Man hörte auf, hinter meinem Rücken über mich zu reden, sondern begann mich offen zu beleidigen. Dass ich hässlich sei. Dass ich stinken würde. Dass ich mich doch mal anständig anziehen soll.

Das Schlimme war, dass es nicht innerhalb unserer Klasse blieb. Auf dem Schulweg wurde ich ebenfalls immer öfter angefeindet. Wildfremde Kinder, mit denen ich noch nie ein Wort gesprochen hatte, begannen mich zu verhöhnen. Im Winter flogen mir Schneebälle an den Kopf. Und die restliche Zeit wurden mir Schimpfworte nachgerufen. Und die Parallelklasse, die ich ebenfalls kaum kannte, machte in den gemeinsamen Skilagern eifrig mit, wenn es darum ging, mich auszuschliessen und blosszustellen. Da ich auf Skiern ebenfalls keine gute Figur abgab, wurden die Anfeindungen in solchen Lagern noch schlimmer.

Und die Lehrer? Rückblickend gesehen bin ich überzeugt, dass sie alle wussten, was da abging. Getan haben sie nichts. Wieso? Ich glaube, die Antwort zu kennen: Weil sie zum einen wahrscheinlich dachten, das sei alles nicht so schlimm und gehöre halt zum erwachsen werden. Und weil sie wahrscheinlich der Ansicht waren, es geschehe mir ganz Recht.

Ich war damals bedeutend vorlauter als heute. Ich beschwerte mich, wenn mir etwas nicht passte. Ich sagte meine Meinung. Ich war besserwisserisch. Ich eckte an. Ich zeigte, wenn mir etwas nicht passte. Ich war anders. Ich ging den Lehrern genauso auf die Nerven wie meinen Mitschülern. Deshalb fühlte sich auch keiner von ihnen bewogen mir zu helfen.

Ich war nie wirklich einsam. Ich hatte immer Freundinnen. Natürlich war die Situation auch für sie belastend. Im Teenageralter ist es einfach unglaublich wichtig dazuzugehören. Meine Freundinnen waren beliebt und anerkannt. Ich nicht. Deshalb war ich furchtbar eifersüchtig auf sie. Ich fühlte mich wie ein schräges Maskottchen, das mitgeschleppt wurde. Manchmal war ich auch entsetzlich wütend, weil sie mich nicht verteidigten. Heute denke ich da anders darüber. Sie waren mit der Situation genauso überfordert wie ich. Und auch wenn sie sich nicht offen vor mich stellten, waren sie für mich da. Und sie sind es heute noch.

Dann kam ein Klassenwechsel. Die Hoffnung darauf, dass es besser würde. Weil meine Leistungen nachgelassen hatten – wieso wohl – kam ich in die Realschule. Es wurde nicht besser. Es wurde schlimmer. Neu war ich nicht nur die Komische, sondern auch noch die Streberin. Obwohl sich mein Charakter, bedingt durch die Anfeindungen, gewandelt hatte, ich verschüchtert und still war, wurde ich ausgeschlossen und fertig gemacht. Ich begann die Schule zu hassen und mich davor zu fürchten. Dadurch entwickelte ich auch körperliche Symptome. Ich erbrach mich jeden Morgen.
Da griffen meine Eltern ein. Ich hatte ihnen nie besonders viel erzählt über das Mobbing. Weil ich mich schämte. Weil ich mir nicht eingestehen wollte, wie schlimm es geworden war. Als sie es erfuhren, nahmen sie Kontakt zu meinem Klassenlehrer auf. Und dieser handelte. Weil er streng und  autoritär war, war zumindest in meiner Klasse endlich Ruhe. Meistens.

Und dennoch: Das ganze Schulhaus wusste, dass ich ein Opfer war. Ich konnte kaum mehr in die Stadt, ohne dass nicht mit dem Finger auf mich gezeigt worden wäre. Einmal ging ich an einer Gruppe vorbei – jüngere Schüler als ich – und einer von ihnen meinte, er müsse kotzen bei meinem Anblick. Ich hatte noch nie mit ihm gesprochen, ich habe ihm nichts getan…und trotzdem sagte er so etwas zu mir. Dann muss etwas dran sein, dachte ich. Und ich begann mein Spiegelbild zu hassen. Und Fotos von mir zu hassen. Einmal veranstalteten wir eine Modeshow und ich wurde zum dritthässlichsten Mädchen der 7. Klasse gewählt. Wie demütigend.

Alle kannten meinen Namen. Die Désirée, das war die mit den komischen Klamotten, die Streberin, die Unsportliche, die Hässliche. Ich war eine traurige Berühmtheit. Freiwild für alle, bereit zum Abschuss. In manchen Stunden, wenn der Klassenlehrer nicht dabei war, war es richtig schlimm. Ich konnte kaum den Mund aufmachen, ohne dass nicht losgekichert und losgeprustet wurde.  Manchmal rastete ich aus, begann zu weinen und zu schreien. Es nützte nichts. Sie lachten mich nur noch mehr aus.

Wehr dich doch! Dieser Rat wurde mir immer wieder gegeben, von Freunden, von Lehrern, von meinen Eltern. Ich konnte es nicht. Gegen Mobbing kann man sich nicht wehren, vor allem nicht, wenn es schon so lange anhält. Es ist wie Gift, das einen langsam lähmt. Mal sind die Symptome schwächer, mal stärker. Mal verschwinden sie ganz um dann umso schlimmer wiederzukommen. Man ist diesem Gift hilflos ausgeliefert, weil es direkt ins Herz dringt. Und weil es von so vielen Seiten verspritzt wird.

Auch das 10. Schuljahr brachte keine Erleichterung. Dasselbe Spiel noch einmal von vorne. Du bist so wahnsinnig hässlich. Du bist scheisse. Du bist wertlos. Spott. Hohn. Verachtung. Jeden Tag das Gleiche. Ich habe meine Klasse um Tränen angefleht, mich doch einfach mal in Ruhe zu lassen. Kurz wurde es besser. Dann begannen die Demütigungen wieder von vorne.
Etwas verändert sich aber. Früher wollte ich immer dazugehören. Wollte Teil der Klasse sein, die mich verachtete. Nach und nach wurde ich es müde, zu versuchen, angepasst zu sein. Zusammen mit einer Freundin distanzierte ich mich von den anderen. Ich begann langsam den Fehler nicht mehr bei mir zu suchen. Ich wollte nicht mehr zu Menschen gehören, die so grausam und widerlich sein können. Ich hatte keine Lust mehr auf Lager und gemeinsame Aktivitäten.

Deswegen wurde mein Sozialverhalten negativ beurteilt. Bei meinem Abschlussgespräch sagte mein damaliger Lehrer, ich hätte auch weniger Probleme wenn ich mich schminken würde oder mich extrovertierter anziehen würde. Und er beklagte, wie sehr ich mich von den anderen abgeschottet hätte. Meine Eltern akzeptierten das Zeugnis nicht und drohten mit Rekurs. Daraufhin änderte er den Eintrag. Aber ich habe seine Worte nicht vergessen. Sie zeugen davon, was viele denken: Dass so Menschen wie ich halt von der Gesellschaft zurechtgebogen werden müssen. Alle dürfen sich selbst sein. Solange alle, alle sind und nicht versuchen einzeln zu sein. So läuft es doch in der Schule. Füge dich ein. Falle nicht auf. Sei nicht zu gut. Sei nicht zu schlecht. Sei Mittelmass. Und wenn du’s nicht bist, hast du halt Pech gehabt.

Weil ich noch keine Lehrstelle gefunden hatte, legte ich ein Zwischenjahr an einer Privatschule in Bern ein. Ich dachte, vielleicht bliebe ich hier, weg von Langenthal verschont. Wieder war die Hoffnung vergebens. Ich sass zwischen all diesen reichen, gestylten Mädchen, die mich ansahen, als sei ich ein widerliches Insekt und die mir sagten, was für eine abartige Frau ich doch sei. Und sie verbreiteten das Gerücht, ich hätte eine „Männer – Phobie“, ich würde mich vor Jungs fürchten und hätte ein psychisches Problem.

Wieder war da die Frage: Wieso ich? Was habe ich an mir, dass ich so stark polarisiere? Womit verdiene ich diesen Hass? Was habe ich ihnen angetan? Wieso ist meine blosse Existenz für sie eine solche Provokation? Und zugleich war da dieser Trotz in mir. Ich will auch nicht so sein wie sie. Sie sind bösartig. Sie sind schön, aber gemein, unendlich gemein.

Als ich es nicht mehr aushielt, wandte ich mich erneut an die Lehrer. Dieses Mal verlief das Gespräch anders. Dieses Mal wurde mir nicht erklärt, ich sei halt selbst Schuld. Sondern sie sagten mir, dass mit mir alles in Ordnung sei, dass es angenehm sei mit mir zu arbeiten, aber dass ich natürlich durch meinen Fleiss und meine Zuverlässigkeit auffiele. Dass das aber nicht mein Problem sei, sondern dass der anderen. Das war eine Erlösung. Zu hören, dass es nicht mein Fehler ist.

Dann kam ich in die Lehre. Das Berufsleben war für mich eine ganz neue Welt. Denn zum einen war es hier egal, wer die modernste Jeans trägt und wer die Hübscheste war. Hier ging es um Leistung. Und zum anderen wurde ich Buchhändlerin und lernt viele witzige, aussergewöhnliche und unglaublich liebenswerte Menschen kennen. Auch in der Berufsschule herrschte ein anderer Geist. Wir waren ein durcheinander gewürfelter Haufen, eine reine Frauenklasse, mit vielen verschiedenen Charakteren. Und trotzdem respektierten wir uns. Klar war nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen und doch: In keiner Schule fühlte ich mich so gut aufgehoben, wie an der Buchhändlerschule. Hier wurde mein Charakter nicht unterdrückt, hier durfte ich so sein wie ich bin, ohne dass mir die Lehrer erzählten, ich solle mich doch mal anders anziehen und ohne, dass mir meine Mitschülerinnen hämische Kommentare zuzischten. Hier konnte sich mein Selbstbewusstsein endlich erholen.

Dass die Narben der Vergangenheit noch nicht ganz verblasst sind, merkte ich, als ich nach Abschluss der Lehre die Berufsmatura machen wollte. Ich konnte es nicht. Ich sass in diesem Klassenzimmer, umgeben von Jungs, die sich betont cool gaben und Mädchen, die aussahen, als seien sie einem Modekatalog entstiegen. Ich spürte ihre herablassenden Blicke, ich bekam mit, dass sie keiner neben mich setzen wollte, ich fühlte, dass man mich mied. Inzwischen war ich so vertraut mit den Anzeichen, dass ich sie problemlos lesen konnte. Ich wurde wieder langsam in die Opferrolle gedrängt. Den Lehrern hier, das wusste ich, wäre das egal. Keine Lektion verging, ohne dass nicht betont worden wäre, wie anspruchsvoll die Matura wäre und das nur die besten, das Ziel erreichen könnten.  Nur darum ging es. Leistung. Auf Knopfdruck. Der Rest ist egal. Ich zog die Konsequenzen und brach die BM ab. Ich wollte leben. Nicht mehr leiden. Es hätte mich kaputt gemacht.

Es war die richtige Entscheidung. Ich fand eine tolle Arbeitsstelle. Ich wurde glücklich. Ich bin es heute noch. Seit ich die Schule hinter mir gelassen habe, geht es mir viel besser. Ich bin ausgeglichener, zufriedener, fröhlicher, offener. Ich habe gelernt, mich selbst zu lieben. Etwas, was die Schule mir komplett abgewöhnt hat. Ich würde lieber mit meiner Zahnbürste Strassen putzen gehen, als noch einmal einen Fuss in ein Schulhaus zu setzen.

Ich bin wütend auf die Täter. Auf meine Mitschüler, die mir das angetan haben. Die mich gequält haben. Die mir meine Selbstachtung kaputt gemacht haben. Aus Grausamkeit. Aus Gedankenlosigkeit. Aus Eifersucht. Aus Hochmut. Die Gründe sind eigentlich egal. Sie hatten kein Recht dazu. Niemand hat das Recht, andere so fertigzumachen. Es macht mich unglaublich wütend, wenn ich daran denke, dass sie ihr Leben einfach weitergeführt haben, während ich immer noch mit den Folgen ihres Mobbings zu kämpfen habe. Wahrscheinlich haben mich manche sogar vergessen. Ich konnte sie nicht vergessen.

Ich bin wütend auf die Mittäter. Auf die Lehrer, die nicht gehandelt haben, die weggesehen haben, die mir das Gefühl gegeben haben, ich hätte das alles verdient, die nicht durchgegriffen, die versagt haben, die mich allein gelassen haben. Sie waren die Erwachsenen. Sie hätten handeln müssen. Sie haben es zu oft nicht getan. War ja auch verdammt einfach, mit den Schultern zu zucken und zu sagen: Das muss sie jetzt halt aushalten, man kann die anderen schliesslich nicht dazu zwingen, sie zu mögen.

Aber Mobbing ist mehr als ein simples „Nicht – Mögen“. Mobbing ist das systematische Auseinandernehmen eines Menschen. Stück für Stück wird die Seele zerstört und wenn dann nur noch zerstreute Splitter übrig sind, steigt man achtlos darüber hinweg. Es gab schon mehrere Fälle von gemobbten Jugendlichen, die so verzweifelt waren, dass sie sich das Leben nahmen. Weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Deshalb wäre es weitaus wichtiger, über Mobbing zu sprechen, anstatt darüber, ob Schüler jetzt früher oder später in den Unterricht sollen.

Ich hatte das unglaubliche Glück eine tolle Familie an meiner Seite zu haben. Freunde an meiner Seite zu haben. Geliebt zu werden trotz oder gerade wegen meiner Eigenheiten. Und so habe ich diese schlimme Zeit überstanden. Ganz hinter mir gelassen habe ich sie immer noch nicht. Manchmal brechen die Wunden wieder auf. Aber von Jahr zu Jahr sind sie besser verheilt.
Irgendeinmal werden sie weg sein.

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