Donnerstag, 22. Dezember 2016

Unter dem Weihnachtsbaum (Teil 4)




Vierter Teil

Auf jeden Fall kriegt das hier auf der Abgefucktheits-Skala 'ne 9,0!"
Men In Black



Während das politische und gesellschaftliche Klima in Langenthal immer kälter wurde, verschlechterte sich parallel dazu auch das Wetter. Die frische Kühle, die anfangs Dezember noch geherrscht hatte, verwandelte sich in eine klirrende Kälte. Eisige Winde zogen durch die Strassen und drangen selbst durch die dicksten Kleider mit spielerischer Leichtigkeit. Die Menschen zogen sich in ihre geheizten Häuser zurück und wagten sich nur nach draussen um dringende Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Und nachts, wenn Langenthal sich in ein kleines Sibirien verwandelte, schickte man nicht einmal einen Hund auf die Strasse.

Umso schöner war es, in einem warmen Bett zu liegen. Mathias kuschelte sich mit einem zufriedenen Seufzer in seine Decke. Überhaupt er es im Bett schön. Hier hatte er es nicht nur gemütlich, hier hatte er auch seine Ruhe. Keine Parteikollegen, die ihm in den Ohren lagen, er würde mit seinem kindisch sentimentalen Gebaren, dem Ruf der Partei schaden. Keine Journalistin, die ihn mit ihren boshaften Worten quälte. Keine Kommunisten, die in einer gutgemeinten Geste unbedingt etwas Böses sehen wollten. Keine Pfarrherren, welche angesichts all dieser Provokationen ständig in Wut gerieten. Einfach nur Stille, eine wunderbare Stille, eine himmlische Ruhe, eine…

Das Telefon klingelte.

Stöhnend tauchte Mathias aus seinem Deckenmeer auf und tastete nach dem Telefon auf seinen Nachttisch. „Hier Trauffer“, bellte er in das Telefon. Er war immer ungnädig, wenn man ihn vom Schlafen abhielt. Besonders in krisengeschüttelten Zeiten.

Ein Schluchzen drang durch den Hörer. „Herr Trauffer, Sie müssen sofort in die Marktgasse. Sonst geschieht ein Unglück!“

Im ersten Moment glaubte Mathias an einen schlechten Scherz. Dann jedoch erkannte er die Stimme. „Frau Niemayer? Sind Sie das?“ Magdalena Niemayer war die Haushälterin von Pfarrer Gutkind, eine Seele von Mensch, die ihrem Pfarrer treu ergeben war und mit ihrer ruhigen, mütterlichen Art sein Temperament in Zaun hielt. Jetzt allerdings klang sie vollkommen aufgelöst. „Herr Trauffer, der Pfarrer…er ist ganz ausser sich aus dem Haus gestürmt und hat gebrüllt, er werde ihn erwürgen, wenn er dem Baum auch nur eine Nadel krümmt…“

Mathias wurde aus Magdalenas Gefasel nicht recht schlau. „Wen will er erwürgen? Und was hat denn dieser Baum jetzt schon wieder damit zu tun?“

„Jemand hat heute Abend angerufen und dem Pfarrer erzählt, dieser Josh Richter sei in der Marktgasse…und er habe vor, den Christbaum zu zersägen!“

Mathias‘ Herz machte einen Satz. „Josh will WAS?“, fragte er und sprang aus dem Bett, wobei er sich noch langlegte, weil er sich mit dem Fuss im Bettlaken verhedderte. Fluchend rappelte er sich wieder auf, den Hörer noch immer fest gegen das Ohr gepresst.

„Er will den Baum zersägen! Sie kennen ja den Pfarrer, er ist sanft wie ein Lamm, aber wenn es um den Glauben geht, kennt er kein Pardon. Wenn er den Jungen jetzt etwas antut…“

Auch wenn Mathias stark bezweifelte, dass Gutkind Josh tatsächlich umbringen würde, hielt er es durchaus für möglich, dass er ihm ein paar saftige Ohrfeigen gab. Er sah schon die Schlagzeile vor sich: Pfarrer verprügelt junge Politikerhoffnung unter dem Weihnachtsbaum. Das hätte ihn zu seinem Glück gerade noch gefehlt.

„Keine Angst, ich werde ihn schon davon abhalten. Gehen Sie schlafen, Frau Niemayer, ich kümmere mich um alles“, versprach er ihr und legte auf. Er machte sich gar nicht erst die Mühe nach seinen Kleidern zu suchen, sondern warf sich einfach seine dicke Jacke über den Pyjama, schlüpfte in seine Stiefel und setzte sich noch eine flauschige Mütze auf, bevor er in die Nacht hinauseilte, um zu verhindern, dass sich zwei seiner Schäfchen an die Gurgel gingen.

Als er keuchend in der Marktgasse ankam – er hatte einen Spurt hingelegt, zu dem er unter normalen Umständen nie fähig gewesen wäre – stellte er zu seiner Freude fest, dass beide Kontrahenten noch lebten und auf ihren eigenen Beinen standen. Der Anblick, der sich ihm bot, war allerdings mehr als nur bizarr.

Gutkind trug aus irgendeinem Grund noch seine Soutane, unter deren Saum man noch seine knallroten Winterstiefel sehen konnte. Trotz dieser eher bescheidenen Kleidung, schien der Pfarrer jedoch keineswegs zu frieren, im Gegenteil, in seinem Zorn strahlte er eine unglaubliche Hitze aus, die Mathias selbst aus dieser Entfernung spüren konnte.

Mindestens ebenso zornig war Josh. Doch seine offensichtliche Erregung und seine ausdrucksstarken Gebärden konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er mit seiner schmalen Statur im Vergleich zu dem hünenhaften Gutkind wirkte wie David gegen Goliath. Nur hatte David wahrscheinlich keine Kettensäge bei sich, Josh dagegen schon. Und er fuchtelte so erregt damit herum, dass Mathias ernsthaft fürchtete, er würde Gutkind jeden Moment damit den Kopf absäbeln.

Aus Angst, sein Pfarrer würde unter seiner liebsten Tanne geköpft werden, rannte Mathias auf die beiden zu. Dabei rutschte er jedoch auf den spiegelglatten Pflastersteinen aus. Mit den Armen rudernd stolperte er in Richtung Josh, verzweifelt nach Halt suchend. Er fand ihn…allerdings ausgerechnet an Joshs Hals. Wie ein nasser Sack hing er an der Kehle des jungen Mannes.

Das fand das alles andere als lustig. Mit einem empörten Gurgeln riss Josh sich los und stiess Mathias so heftig von sich, dass dieser erneut stürzte…allerdings diesmal in die andere Richtung. Pfarrer Gutkind war geistesgegenwärtig genug ihn aufzufangen.

Josh rieb sich den Hals. „Sie wollten mich umbringen!“, kreischte er. Für das, dass ihm eben noch die Kehle zugedrückt worden war, brachte er ein erstaunliches Stimmvolumen zuwege, weshalb sich der Schaden wohl in Grenzen hielt. Das beruhigte Mathias so weit, dass er ihn ungeniert anschnauzen konnte. „Blödsinn. Das war ein Unfall.“

Doch die unterbrochene Luftzufuhr hatte Joshs Gehirn offenbar noch mehr Schaden zugefügt, als dort ohnehin schon vorhanden gewesen war. Seine Augen quollen über wie die eines eben plattgefahrenen Frosches  „Umbringen wolltet ihr mich! Die Stimme des friedlichen Volkes zum Schweigen bringen!“

„Es ist mir neu, dass das ‚friedliche Volk‘ mit Kettensägen herumspaziert!“, stellte Mathias fest.

Josh hielt sich die Säge wie ein Schild vor die Brust. „Das ist die Waffe, mit denen ich die Fesseln des Kapitalismus durchtrennen werde!“, verkündete er.

„Unsinn. Den Baum willst du damit umsägen, du roter Ketzer, du!“ Gutkinds Stimme, von Natur aus schon laut, schwoll im Zorn zu einem wahren Donnergrollen heran. Mathias, der immer noch dicht neben ihm stand und ihn am Ellbogen festhielt, um zu verhindern, dass er sich mit gefletschten Zähnen auf Josh stürzte, klingelten die Ohren von diesem mächtigen Gebrüll.

„Dieser Baum ist das Symbol unserer Unterdrückung…“

„Es ist ein Baum, du verdammter Idiot. Ein harmloser Tannenbaum“, stöhnte Mathias, „wenn ich gewusst hätte, was du da alles reininterpretierst, hätte ich einfach einen Kaktus hierhergestellt.“ Irgendwie fand er jetzt, wo er seinen Priester davon abhalten musste, sich in eine Kettensäge zu werfen, dass mit dem Weihnachtsbaum doch keine so gute Idee gewesen war.

Josh hörte ihm gar nicht zu. Er hatte Feuer gefangen. „..ein Symbol der immer noch währenden Unterdrückung durch diese schwarzgekleideten Reaktionäre, die uns mit ihrem Gefasel von der Hölle Angst machen!“

„Oh, es wird mir ein Vergnügen sein, dich höchstpersönlich in diese Hölle zu werfen!“, drohte Gutkind.

Natürlich war es vollkommen sinnlos einem überzeugten Atheisten mit der Hölle beeindrucken zu wollen. Im Gegenteil, Gutkind inspirierte Josh zu weiteren rhetorischen Höhenflügen. „Ich werde diesen Baum zerlegen und dann werde ich ihn in Brand stecken. Das Feuer wird dann das Zeichen für meine Brüder und Schwestern sein, dass die proletarische Revolution beginnen kann und sie wird über das Land hinwegfegen und es endlich säubern von den schädlichen Religionen!“

„Ach ja? Und ich, ich werde die Heerscharen der Engel herbeirufen und alle Männer, die Willens sind für eine gerechte Welt zu kämpfen. Unter dem Kreuz werden wir marschieren, gegen jene die Gottlosigkeit und Sündhaftigkeit verbreiten!“, donnerte Gutkind und hörte sich für einen Moment an wie Zeus persönlich.

Das ging Mathias dann aber doch so weit. „Also nur das klar ist meine Herren: In MEINER Stadt werden weder proletarische Revolutionen noch Kreuzzüge veranstaltet!“

„Sagt einmal, was fällt euch eigentlich ein hier so einen Lärm zu machen? Ich versuche zu schlafen!“, rief in dem Moment eine weinerliche Stimme hinter ihnen. Mathias schloss gequält die Augen und hoffte, dass sich sein Gehör täuschte. Doch Fehlanzeige. Als er die Augen wieder öffnete, sah er, wie niemand Geringeres als Hauke von Weyden, gekleidet in einen affigen, plüschigen Morgenrock auf sie zukam. Als er sie erkannte, stutzte er, blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. „So, so, der Herr Stadtpräsident ist auch hier und schreckt arme Bürger aus dem Schlaf.“

„Ich dachte, Sie können eben nicht mehr schlafen wegen der Tanne!“, erinnerte ihn Mathias.

Zu Mathias‘ ausserordentlicher Genugtuung lief Hauke knallrot an. „Ich schlafe unruhig. Das bedeutet nicht, dass ich überhaupt nicht schlafe“, sagte er schliesslich hoheitsvoll, „aber wenn sie hier so rumschreien, dann ist selbst daran nicht zu denken!“

„Die beiden wollen mich umbringen!“, krähte Josh dazwischen.

„Jetzt hör doch mal auf mit deinen haltlosen Anschuldigungen…“

„Haltlos? Sie wollten mich erwürgen!“

Hauke stiess einen entsetzten Schrei aus. „Was? So weit gehen sie also für ihre blödsinnige Tanne? Sie ermorden unschuldige, junge Männer?“

„Ihr Unschuldslamm hat gerade eine Kettensäge in der Hand!“

„Wahrscheinlich um sich selbst zu verteidigen!“

„Nein, um damit den Baum umzusägen!“, mischte sich auch jetzt Gutkind wieder ein und die Empörung liess seine Stimme zittern.

„Um den wäre es wirklich nicht schade“, sagte Hauke wie aus der Pistole geschossen.

Da kam Hauke natürlich erst recht an den Falschen. Zum zweiten Mal  in dieser Nacht explodierte Gutkind. Während er Hauke abwechselnd als „Ketzer“ und als „Baumhasser“ beschimpfte, warfen sich auch Josh und Mathias wieder diverse Nettigkeiten an den Kopf, wovon „verdammter, roter Schafseckel“ und „hochnäsiges Bonzenschwein“ noch die freundlichsten Ausdrücke waren. 

Die vier Herren waren so mit ihren Streit beschäftigt, dass keiner von ihnen die Gestalt bemerkte, die schwerfällig auf sie zuwankte.  Es schien ihr nicht gutzugehen. Ihr Atem kam in kurzen, heftigen Stössen und sie ging eigenartig gekrümmt, als litte sie unter fürchterlichen Bauchschmerzen. Schliesslich blieb sie stehen und klammerte sich mit letzter Kraft an einen Laternenpfahl. „Helft mir!“, bat sie. Ihre Stimme war leise aber von einer so zarten, hilflosen Durchdringlichkeit, dass sie einen durch Mark und Bein ging. Mit einem Schlag verstummten die Streitenden und drehten sich um, um zu sehen, woher diese Geisterstimme kam.

Im ersten Moment wollte Mathias der Gestalt ärgerlich zurufen, sie solle sich verpissen, denn das Letzte was er brauchte, war noch jemand, der sich in den ohnehin schon völlig eskalierten Streit einmischte. Aber dann erkannte er, dass unter dem dicken Mantel eine Frau steckte, eine Frau, die offensichtlich Schmerzen hatte und sich entweder schon vor den Festtagen ordentlich was angefressen hatte…oder aber hochschwanger war.

„Mein Gott!“, entfuhr es da allen vier Mündern (ja, sogar von den kommunistischen Lippen fiel dieser entsetzte Ausspruch). Vergessen war der Streit, vergessen war die Kettensäge, vergessen waren die Tanne und all das böse Blut. Gemeinsam hasteten sie auf die Frau zu, um sie zu stützen. Aber auch mit ihrer Hilfe gelangen der Frau nur noch einige Schritte. Sie schafften es bis zum Weihnachtsbaum, dann wand sie sich aus ihrem Griff und liess sich mit einem Ächzen unter der Tanne nieder. Eine neue Welle des Schmerzes schien sie zu überrollen, sie krümmte sich zusammen und wimmerte leise. Hastig zogen Josh und Gutkind ihre Mäntel aus und legten sie auf den kalten Boden, während Mathias ihre Schultern umfasste und ihr half sie niederzulegen. Hauke von Weyden, der doch ansonsten jede Berührung mit anderen Menschen vermied – aus Angst vor Bakterien – nahm ganz selbstverständlich ihre zarte Hand in die seine und drückte sie

Jetzt waren sie allerdings am Ende ihres Latein. „Haben Sie Schmerzen?“, fragte Josh besorgt. Auf einmal klang er sehr unsicher, seine Stimme hatte nichts mehr von der leidenschaftlichen Wut, die ihr sonst immer innewohnte.

„Natürlich hat sie Schmerzen oder glaubst du, sie muss einfach mal dringend aufs Klo?“, fuhr Hauke ihn.

„Aber was haben Sie denn?“, erkundigte sich Gutkind, der geflissentlich ignorierte, dass die Frau viel zu beschäftigt war mit keuchen und stöhnen, als dass sie in der Lage gewesen wäre, einen Satz herauszubringen.

Mathias ahnte, was ihr fehlte. „Meine Herren, ich denke, die gute Frau hat Wehen.“

Sie alle wechselten erschrockene Blicke. „Wehen? Heisst das sie ist gerade dabei zu gebären?“, hakte Josh nach.

„So nennt man es normalerweise, wenn eine Frau ein Kind bekommt.“

Gutkind sah entsetzt auf die Frau hinab, deren Kopf inzwischen in seinem Schoss ruhte. „Aber das kann sie nicht. Ich meine, sie kann das nicht hier tun!“

„Erklär das nicht mir, sondern dem Kind!“, lautete Mathias‘ kurze Antwort. Er wusste, er sollte ebenso panisch sein wie die anderen, aber wie immer, wenn eine Situation wirklich hochdramatisch wurde, wurde er ganz ruhig. Und das war gut so, denn die anderen drei sahen aus, als würden sie jeden Moment überschnappen.

„Sollten wir nicht einen Krankenwagen rufen?“, fragte Josh ängstlich.

„Ich glaube dafür ist es zu spät“, stellte Gutkind  fest, als die Frau erneut einen gellenden Schrei ausstiess. Die Wehen schienen in kürzeren Abständen zu kommen und heftiger zu werden.

Auf jeden Fall kriegt das hier auf der Abgefucktheits-Skala 'ne 9,0!" murmelte Josh und Mathias gab ihm insgeheim recht.  

„Gebären kann doch nicht so schwierig sein oder? Ich meine, das ist doch die natürlichste Sache der Welt.“ Haukes Stimme klang ein bisschen zittrig. Offenbar versuchte er sich selbst zu überzeugen, dass es ein Kinderspiel war, einer  Frau dabei zu helfen, mitten in der Marktgasse ein Kind auf die Welt bringen.

„Seht mich nicht so erwartungsvoll an! Ich kenne mich naturgemäss nicht besonders gut aus mit solchen Dingen“, brummte Gutkind, während er gleichzeitig der Frau sanft über die Stirn strich. Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln, dann verzogen sich ihre Gesichtszüge erneut, als eine weitere Wehe über sie hinwegrollte. Der Schmerz hatte sie so fest im Griff, dass sie wahrscheinlich nicht einmal bemerkte, dass sie ihr Leben und das ihres noch ungeborenen Kindes gerade in die Hände von vier völlig unerfahrenen Männern gegeben hatte. War vielleicht auch besser so. Gott schien einen kranken Humor zu haben. Eine Schwangere sollte in einem Bett, in einem Spital mit fachkundigem Pflegepersonal gebären und nicht inmitten eines Dorfplatzes in Gesellschaft eines Pfarrers, eines Schriftstellers, eines Kommunisten und eines Stadtpräsidenten! Das Kind war ja schon einem denkbar schlechten Einfluss ausgesetzt bevor es überhaupt geboren worden war.

„Also ich hab mir letzthin eine alte Schwarzwaldfolge angesehen. Da sah das gar nicht so schwierig aus. Die Frau musste einfach ein bisschen schnaufen und ein bisschen pressen…zack war das Kind da!“, erzählte Hauke, der erstaunlich gutgelaunt wirkte in Anbetracht der Tatsache, dass seine zarte Schreibhand gerade von der Frau zerquetscht wurde.

„Na dann…pressen Sie doch mal“, schlug Mathias der Frau freundlich vor. Er kam sich zwar ein bisschen albern vor, aber irgendetwas mussten sie ja machen.

Josh starrte sie an. „Ihr könnt das nicht so machen wie in der „Schwarzwaldklinik‘. Ich meine, das ist eine Serie.“

„Tja, weisst du, ich habe noch nie ein Kind geboren, deshalb ist mein persönlicher Erfahrungsschatz da leider ein bisschen begrenzt!“, fauchte Mathias.

„Naja, also ich war ja ein paarmal bei meinem Onkel auf den Bauernhof und da habe ich ab und zu mal gesehen wie eine Stute gefohlt hat“, berichtete Josh stolz, dem es inzwischen gelungen war, der Frau die Jacke und die Unterhose auszuziehen. Eigentlich hätte Mathias sich unbehaglich fühlen müssen, beim Anblick dieser Frau, die nur noch mit einem einfachen Wollkleid bekleidet vor ihm lag. Aber er fühlte nur einen grossen Beschützerinstinkt ihr gegenüber.

„Pferde?“, wiederholte Hauke pikiert, „du kommst jetzt ernsthaft mit Pferden?“

„Der Unterschied zwischen Pferd und Mensch ist gar nicht so gross“, beharrte Josh, schob der Frau das Wollkleid zurück, „die Stute weiss instinktiv was zu tun ist. Auch wenn sie selbst noch nie geboren hat. Und ich denke, bei ihr ist es genauso.“

Zum Erstaunen aller behielt Josh Recht. Sie brauchten gar nicht viel zu tun. Die Wehen kamen in kürzeren und heftigeren Abständen. Zum einen war es furchtbar ihrem Schreien und ihren schnellen, hektischen Atemzügen zu lauschen, zum anderen hatte der Vorgang aber auch etwas Undramatisches, Selbstverständliches an sich. Sie schien auch keine Angst zu haben, hin und wieder, wenn die Wehen nachliessen, schenkte sie ihnen ein aufmunterndes Lächeln, als wolle sie ihnen sagen: Das ist schon richtig so.

An irgendeinem Punkt eilte Hauke davon und kam mit dem Arm voller frischer Tücher und einem Messer zurück. „Für die Nabelschnur“, erklärte er auf die fragenden Blicke hin, bevor er seine Position neben der Frau wieder einnahm. Und sie griff dankbar nach seiner Hand, als sei sie eine Rettungsleine.

Und dann, da war er da, der Moment indem Josh rief: „Es kommt! Ich sehe schon den Kopf. Nur noch ein kleines Stückchen.“

„Bald ist es geschafft“, ermunterte Gutkind und strich ihr noch einmal die schweissverklebten Strähnen aus dem Gesicht.

„Nur noch einmal pressen“, beschwor Mathias sie.

Ihre Worte spornten sie an. Trotz ihrer offensichtlichen Erschöpfung warf sie entschlossen den Kopf in den Nacken, bis sich auf die Lippen und presste mit aller Kraft, die das Kind ihr übrig gelassen hatte. Und dann, dann erfüllte das zornige Brüllen eines Neugeborenen die Nacht und alles um Mathias herum versank in einem Taumel aus Licht und Tränen.

„Ein Junge. Ein gesunder und starker Junge“, verkündete Josh, wickelte das Kind in Tücher und legte es der Mutter  in die Arme. Sie lachte, ein befreites, fröhliches Lachen, während sie zugleich Tränen vergoss über das kleine Wunder, das sie vollbracht hatte. „Mein Junge ist gesegnet“, sprach sie, „denn ihm wurde nicht nur von Engeln auf die Welt geholfen, er wurde auch unter den Zweigen eines Lichterbaums geboren.“

Die silbernen Spuren, die daraufhin auf den Wangen aller vier Männer erschienen, hatten dagegen nichts mit den Lichtern des Baumes zu tun.

Nun war die Tanne erst zum Weihnachtsbaum geworden. Denn sie war nun weit mehr als ein hübsch geschmückter Baum. Er war ein Wahrzeichen für Respekt, Friede und Versöhnung. Aber vor allem stand er für neues Leben, dass in der tiefsten und kältesten Dunkelheit geboren worden war.

Denn, das ist Weihnachten. Ein kleines Licht im Winter, das jäh aufflackert und nicht zu ersticken ist.

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit,
o Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren.

***

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