Montag, 19. Dezember 2016

Unter dem Weihnachtsbaum (Teil 3)



Dritter Teil

 Ich habe eine Grenze für Beleidigungen, die ich ertragen kann, und du übertrittst sie gerade." Pulp Fiction


Keine Einigung im Tannenstreit


Obwohl sich heftiger Widerstand gegen den Christbaum in der Marktgasse formiert hatte (wir berichteten), steht eben jenes Bäumchen noch immer an derselben Stelle. „Der Baum bleibt wo er ist!“, bekräftigt Mathias Trauffer auf Anfrage, weigert sich aber seine Entscheidung näher zu begründen. Es ist doch einigermassen verwunderlich, dass der Stadtpräsident an seiner Entscheidung festhält, wurde doch zuletzt sogar im Stadtrat massive Kritik am Vorgehen Trauffers geübt.

Unterstützung bekommt Trauffer von Pfarrer Balthasar Gutkind. „Wer ein Problem mit dem Baum, hat offensichtlich auch ein Problem mit Weihnachten. Dabei ist es doch das schönste Fest des Jahres!“, erklärt Gutkind sichtlich bewegt. Damit stellt er sich offen gegen den Schriftsteller Hauke von Weyden und den Chef der „Jungen Kommunisten“ Josh Richter, die ebenfalls auf ihrem Standpunkt beharren. Letzterer kündigte einige Protestaktionen an, doch bisher blieb es still.

Vorangetrieben werden dagegen die Vorbereitungen zum grossen Weihnachtsgottesdienst, an dem Herr Trauffer ebenso verbissen festhält, wie am Baum. Sowohl die Katholiken als auch die Reformierten sind eifrig am Proben für die Mitternachtsmesse. Zumindest hier ist man sich einig: Man freut sich auf das grosse Ereignis.

Ob es allerdings inmitten all dieser Querelen gut über die Bühne gehen wird, das steht noch in den Weihnachtssternen.

Es berichtete für sie: Jennifer Silberling.

                                                     ***

Wenn Mathias sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog er es auch durch. Dazu kam, dass er nicht vor einer Wiederwahl stand, weshalb er auch nicht mehr sonderlich auf seinen Ruf achten musste. Also hatte Mathias beschlossen die kritischen Stimmen einfach zu überhören und hatte sich mit Feuereifer daran gemacht, den Weihnachtsgottesdienst zu organisieren. Niemand hatte ihn aufhalten können. Nicht einmal als sein eigener Parteipräsident ihn schüchtern fragte, ob er denn wirklich nicht auf den Baum verzichten könnte, hatte er einlenken wollen. Es schien ihm fast so, als sei der Baum sein Lebenswerk. Auch wenn dieses Lebenswerk nur bis nach Weihnachten überdauern würde.

Jetzt stand Mathias also in der Marktgasse und beobachtete zufrieden die Proben zum grossen Gottesdienst. Pfarrer Gutkind war ebenso begeistert von dem Projekt wie er selbst und hatte gehalten was er versprochen hatte: Was die katholische Kirche an Prunk aufbieten konnte, hatte er in die Marktgasse gebracht vom Weihrauchfass bis hin zu den Ministranten. Auch die reformierte Kirche hatte sich nicht lumpen lassen. Im Gegensatz zu den Katholiken hatten sie nicht nur ihren Kirchenchor sondern auch gleich noch die Blasmusik mitgeschleppt. Auch einen Altar hatte man errichtet (auch wenn es sich dabei nur um einen Klapptisch handelte, über den man ein weisses Tuch geworfen hatte).

Allerdings musste Mathias zu seinem Leidwesen feststellen, dass dieser ganze Pomp auch seine Nachteile hatte. Obwohl er und Gutkind den Ablauf vorher mit allen Beteiligten sorgfältig abgesprochen hatten, herrschte gerade ein riesiges Durcheinander. Die Dirigenten konnten sich nicht einigen, wo der Chor stehen sollte, weil die Akustik offenbar auch an der frischen Luft nicht überall gleich war. Das hatte zur Folge, dass die Sänger – und Sängerinnen immer nach ein paar gesungenen Noten, wieder den Platz wechselten, weil die Herren Chorleiter noch immer nicht ganz zufrieden war. Sie pilgerten also in der ganzen Gasse umher, was die anderen Mitwirkenden ganz schön aus dem Konzept brachte. Die Blasmusik hatte zwar ihre Position schon gefunden und übte auch schon fleissig, ihr Dirigent unterbrach sie aber ständig. „Ihr müsst das ganz anders spielen“, forderte er sie auf, „es muss sich viel leichtfüssiger anhören. Jam – ba – da- jam – ba – da!“, sang er ihnen vor und klopfte dabei den Takt mit seinen Dirigentenstock.

Die Ministranten unterdessen wirkten wie eine Schar aufgeschreckter Hühner und stolperten im Kielwasser von Pfarrer Gutkind herum, der ihnen mit ausschweifenden Armbewegungen vorzeigte, wie man das Weihrauchfass richtig schwang. Das tat er mit so viel Eifer, dass die ganze bunte Gesellschaft bald von dicken Rauchschwaden vernebelt war. Zudem roch es jetzt so, als befänden sie sich inmitten eines Esoterikladens und nicht an der frischen Luft.

Einer der kleinen Ministranten sah dem Pfarrer so hingerissen bei seinen Ausführungen zu, dass er dabei vergass, auf die Kerze zu achten, die er in seiner Hand hielt. Und als er sich vorbeugte, geriet er mit der Flamme an das Tischtuch, das prompt Feuer fing.

„Das sieht ja sehr erfolgsversprechend aus“, kommentierte eine spöttische und Mathias brauchte sich gar nicht erst umzudrehen, um zu wissen, dass Hauke von Weyden hinter ich stand.

„Ein Weihnachtsgottesdienst muss auch nicht erfolgreich sein, sondern besinnlich“, knurrte Mathias.

Hauke trat an seine Seite, ein entnervend nachsichtiges Lächeln auf dem Gesicht. „Oh ja, das sieht sehr besinnlich aus“, meinte er und sah demonstrativ zu den beiden Pfarrherren, die gerade hektisch damit beschäftigt waren, den Brand mit Weihwasser zu löschen.

„Das sind einige Klippen, die es zu umschiffen gilt. Von denen gibt es auch noch andere. Zum Beispiel sture, selbstverliebte Schreiberlinge, die denken, die Stadt gehöre ihnen.“

Das Lächeln verschwand schlagartig aus Haukes Gesicht. „Ich habe eine Grenze für Beleidigungen, die ich ertragen kann und Sie überschreiten sie gerade“, zischte Hauke von Weyden.

„Ich zittere vor Angst! Und was wollen Sie jetzt tun? Mir ihren Bleistift in den Rücken bohren?“

Hauke öffnete den Mund, doch seine – zweifellos nicht sehr freundlichen Worte – gingen unter, denn in dem Moment liess das Blasmusikorchester eine schmetternde Fanfare hören. Sie hatten das mit dem Jam – ba – da – jam – ba – da offenbar begriffen.

„Ich verstehe wirklich nicht wieso Sie Ihr Image für so einen schnöden Baum aufs Spiel setzen!“, brüllte Hauke über die Trompeten hinweg und deutete mit der behandschuhten Hand auf die Tanne, die hoheitsvoll und stumm auf die Szenerie hinuntersah, die sich unter ihren Zweigen abspielte.

„Und ich verstehe nicht, wieso sie wegen diesem ‚schnöden Baum‘ ein solches Theater machen können!“ Mathias musste noch lauter brüllen, weil jetzt auch noch der Chor in die Musik eingefallen war.

„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…“

„Ja, ich versteh auch nicht, wieso ich hier nicht arbeiten kann! Wo es hier doch so still und beschaulich ist!“, höhnte Hauke und ruckte mit dem Kinn in Richtung Kirchenchor.

„Welt ging verloren, Christ ist geboren…“

„Dann fahren Sie doch in den Urlaub! Würde Ihnen sowieso einmal gut tun, so blass wie Sie sind.“

„Das ist eine adelige Blässe! Davon verstehen Proleten natürlich nichts!“

Mathias schnappte empört nach Luft. „Passen Sie auf, wenn Sie hier als Prolet betiteln, Sie halbseidener Lackaffe, Sie!“

„Freue, freue für dich o Christenheit…“

„Na das habe ich gerne! So lange ihr von uns Wählern profitieren könnt, schmiert ihr uns Honig ums Maul, aber sobald ihr nicht mehr auf uns angewiesen seid, zeigt ihr euer wahres Gesicht! Und Euer wahres Gesicht ist eine hässliche Fratze, verzerrt vor Eitelkeit und Gier!“ Hauke war jetzt ganz nah an ihn herangetreten und bohrte ihm den Zeigefinger so hart in die Brust, als versuche er ernsthaft ihn damit zu erstechen.

„Euch habe ich noch nie Honig ums Maul geschmiert. Euer Ego ist auch so schon gross genug, ohne dass ich Euch dabei helfen müsste, es noch weiter aufzublasen!“

„Ah, ich sehe, die beiden Herren sind gerade dabei sich auszusprechen.“

Die beiden Streithähne wirbelten herum. Vor ihnen stand eine junge Frau deren orangefarbene Mütze sich fürchterlich mit ihren roten Haaren biss. In der einen Hand hielt sie einen Schreibblock, in der anderen Hand einen Hello – Kitty Kugelschreiber. Mathias stöhne leise. Ausgerechnet die rasende Jenny. Die hatte ihm zu seinem Glück gerade noch gefehlt.

„Oh du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…“

„Frau Silberling! Was für eine ausserordentliche Freude Sie zu sehen.“ Mathias gab sich gar nicht  erst gross Mühe den Sarkasmus in seiner Stimme zu verbergen.

Jennys Augen blitzten fröhlich. „Ja, nicht? Ist doch schön treffen wir uns alle ganz zufällig hier. Quasi unter den Zweigen des Streitobjekts.“ Ein listiges Lächeln erschien auf ihrem
sommersprossigem Gesicht.

Hauke dagegen war natürlich begeistert über das Auftauchen der Presse. Wie ein Gockel stand er da und richtete mit den Fingern seine alberne Pomadenfrisur. „Sie können gleich notieren, dass unser verehrter Herr Stadtpräsident mich als Lackaffe bezeichnet hat!“

Jenny zückte sogleich ihren Kugelschreiber. „Ist das wahr, Herr Stadtpräsident?“, fragte sie im geschäftigen Ton.

„Nein. Ich habe ihn als halbseidenen Lackaffen bezeichnet. Lassen Sie das ja nicht weg in ihrem schmutzigen Artikel.“

Sie liess den Stift sinken. Um ihre Mundwinkel zuckte es. „Sie nehmen mir doch meine Artikel nicht übel? Wissen Sie, mir war es einfach wichtig, ein Stimmungsbild der Langenthaler Menschen zu zeichnen. Das hat natürlich nichts mit meiner persönlichen Meinung über Sie zu tun.“

„Himmlische Heere, jauchzen dir Ehre…“

„Stimmungsbild der Langenthaler Menschen? Besteht Langenthal neuerdings nur noch aus diesem Herr von und zu Eingebildet und diesem  Möchtegern – Kommunisten?“ Mathias hatte die spöttischen Artikel noch immer nicht verdaut und er knabberte noch immer daran, dass diese Silberling nicht begreifen wollte, dass er der Held in dieser Geschichte war. Und nicht diese beiden Hampelmänner.

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nun ja, Hauke von Weyden und Josh Richter stehen stellvertretend für viele Stimmen in der Bevölkerung, die den Baum und das was er symbolisiert, kritisieren. Aber jetzt ist die Gelegenheit für ein Statement aus Ihrer Sicht, Herr Trauffer. Wie fühlen Sie sich beim Gedanken, Langenthal in zwei Lager gerissen zu haben?“ Der Blick aus ihren blauen Augen wurde scharf und lauernd, wie der einer Eule.

„Ich habe Langenthal nicht in zwei Lager gerissen! Im Gegenteil! Mit der Tanne will ich  Frieden, Licht und Freude in unsere Stadt bringen. Und ihr werdet sehen: Unser Weihnachtsgottesdienst wird die Herzen der Menschen erwärmen und sie dazu bringen, sich die Hände zu reichen, als Zeichen ihrer gegenseitigen Verbundenheit!“

„Freue, freue dich o Christenheit…“

Jenny liess sich von diesem leidenschaftlichen Vortrag nicht sonderlich beeindrucken. Sie hob lediglich eine Augenbraue. „Oh ja, ich sehe gerade, wie sehr dieser Baum den Frieden zwischen den Menschen fördert“, sagte sie und sah auf einen Punkt hinter Mathias.

Dieser wandte  herum. Die Szene in der Marktgasse hatte sich verändert. Zwar sang der Chor noch immer innbrünstig, doch die Ministranten standen mit offenen Mündern zu einem Grüppchen zusammengedrängt, während der reformierte Pfarrer die Hände über den Kopf zusammengeschlagen hatte. Und alle sahen entsetzt auf Balthasar Gutkind, der nicht mehr das Weihrauchfass, sondern die Fäuste schwang und einen nicht enden wollenden Strom an Flüchen ausstiess. Der Grund seiner Wut war schnell erfasst. Josh stand vor ihm, in der Hand ein Schild auf dem in grossen Lettern stand „Schluss mit dem Weihnachtsterrorismus!“

„Was zum….Herr Gutkind, beruhigen Sie sich!“ Mathias stürmte davon, um zu verhindern, dass es in seiner Marktgasse zu einem blutigen Mord kam. Und während er sich  verzweifelte bemühte die beiden Streithähne zu trennen, sang der Chor unbeirrt und mit hellen, klaren Stimmen weiter: „Christ ist erschienen, uns zu versöhnen! Freue, freue dich, o Christenheit!“





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