Sonntag, 18. Dezember 2016

Unter dem Weihnachtsbaum (Teil 2)




Zweiter Teil


„Ich bin einfach mit der Gesamtsituation unzufrieden!"
Der Schuh des Manitu


Josh war zwar ein Mann der grossen und dramatischen Worte, aber auch ein Mann der Tat. Nur zwei Tage nachdem er den Stadtpräsidenten offiziell über seine innere Empörung aufgeklärt hatte, trommelte er im Gasthof „Chrämerhuus“ seine Partei zusammen. Die bestand zwar nur aus drei Leuten und einem Hund – Joshs Pudel, der auf den Namen „Rasputin“ hörte – dennoch war Josh von der Schlagkraft der „Jungen Kommunisten“ überzeugt. Drei engagierte Leute waren seiner Meinung nach durchaus in der Lage ein System zum Fall zu bringen. Sie mussten nur an den richtigen Stellen knabbern. Zum Beispiel am Stamm eines Tannenbaums.

Von Engagement war an diesem Abend allerdings nicht viel zu spüren. Rasputin schlummerte selig zu Joshs Füssen, denn trotz dessen eifrigen Bemühens seinen Hund zu einer Bestie zu erziehen, die den Kommunismus mit Zähnen und Klauen verteidigte,  war Rasputin nicht nur ein äusserst verfressenes, sondern auch ein sehr gutmütiges Tier. Nico, Joshs Stellvertreter hörte Joshs heftigen Ausführungen nur mit einem Ohr zu, weil er damit beschäftigt war, mit einer hübschen Blondine zu flirten, die am Nachbartisch sass. Er warf ihr glühende Blicke zu und fuhr sich mit der Hand immer wieder durch sein modisch zerzaustes Haar oder zupfte seinen ebenso modischen Schal zurecht. Nico nahm das Motto der Kommunisten, freie Liebe für alle, sehr wörtlich und unterliess keine Gelegenheit es umzusetzen.

Florian, der für die politischen Kampagnen zuständig war, liess während Joshs leidenschaftlichen Vortrag immer wie ein leises Kichern hören, nicht weil er es lustig gefunden hätte, sondern weil er vor dem Treffen noch ein Stück seines „Spezialkuchens“  verschlungen hatte, weshalb er sich nun äusserst euphorisch fühlte. Doch niemand störte sich an seinem überdrehten Verhalten, denn Florian war so oft high, dass es einem eher irritierte, wenn er mal nüchtern war.

Nur Lisa, Josh Freundin hing an den Lippen ihres Liebsten. Eigentlich hatte sie mit Politik nicht viel am Hut, aber sie war nun einmal verliebt und wäre Josh der Vorsitzende des Rettet – die – Waldameisen – Clubs gewesen, sie hätte auch da mitgemacht. Jetzt allerdings runzelte sie skeptisch die Stirn und als Josh seine Ausführungen beendet hatte, fragte sie schüchtern: „Also, ich weiss nicht. Willst du wirklich so einen Aufstand machen, wegen einem Christbaum?“

„Es geht nicht nur um den Christbaum. Ich bin einfach mit der Gesamtsituation unzufrieden“, beharrte Josh.

„Aber…es ist doch Weihnachten!“

„Ich mag Weihnachten“, warf Florian ein, „dann sieht man immer diese schönen Lichter.“ Er lächelte selig.

Josh ignorierte ihn geflissentlich. „Lisa, dir muss doch klar sein, dass Weihnachten nur dazu dient, ungestört der kapitalistischen Konsumgeilheit zu fördern.“

„Naja, aber man schenkt sich doch auch Sachen. Das ist doch nett oder?“

„Diese Geschenke dienen doch nur der Gewissensberuhigung!“

„Ich mag Geschenke“, quatschte Florian erneut dazwischen.

„Wer bekommt Geschenke?“, erkundigte sich Nico, sah aber immer noch zu der Blondine rüber, die seine Avancen langsam aber sicher erwiderte.

„Niemand!“, fauchte Josh.

Flo zog eine Schnute. „Ich will aber ein Geschenk.“

„Schaffen wir etwa Weihnachten ab?“, fragte Nico und war so ehrlich schockiert, dass er sogar das Flirten vergass.

Josh verdrehte die Augen. Manchmal war es schwer ein Genie zu sein. Man war dann zwangsläufig von Idioten umgeben. „Nein, wir schaffen nicht Weihnachten ab. Wir schaffen nur den Weihnachtsbaum in der Marktgasse ab!“

„Es muss auch kein grosses Geschenk sein. Aber gar nix zu Weihnachten zu kriegen, wäre schon traurig!“, sinnierte Flo weiter.

„Echt? Wieso, stört dich der?“

Josh schlug unwirsch mit der Hand auf den Tisch. „Verdammt, Nico, das habe ich doch eben ausführlich erklärt! Du hättest lieber mal zuhören sollen, statt mit dieser hirnamputierten Blondine verheissungsvolle Blicke auszutauschen!“

Nico deutete anklagend mit den Finger auf ihn. „Ha, sieh nur was du für Vorurteile hast. Nur weil sie blond ist, gehst du automatisch davon aus, dass sie auch hirnamputiert ist.“

„Ich habe überhaupt keine Vorurteile gegenüber Blondinen. Immerhin bin ich selbst mit einer zusammen.“

„Nur Gutscheine als Geschenke finde ich ziemlich doof. Die löst man ja ohnehin nie ein“, plauderte Flo, der überhaupt nicht mitbekam, dass sich die Gemüter um ihn herum langsam erhitzten.

Nico verschränkte die Arme. Er reagierte immer sehr empfindlich, wenn es um seine „Kurzzeitfreundinnen“ ging. Selbst wenn sie erst in seiner Fantasie seine Freundin war. „Vielleicht schliesst du ja einfach von deiner Blondine auf alle anderen?“

„Darf ich euch daran erinnern, dass besagte Blondine ebenfalls an diesem Tisch sitzt?“, bemerkte Lisa spitz.

„Und Blumen find ich auch ziemlich doof zum Verschenken. Die verblühen dann ja“, philosophierte Flo munter weiter.

„Oh, verdammt Flo, jetzt halt doch einfach mal die Klappe!“, fuhren ihn die anderen drei synchron an, worauf Flo, beleidigt über dieses verhängte Redeverbot, tatsächlich schwieg.

„Können wir uns jetzt wieder auf das Wesentliche konzentrieren? Auf den rassistischen Tannenbaum vielleicht?“

„Hä, wie kann ein Tannenbaum rassistisch sein?“, wunderte sich Nico.

Josh war kurz davor, ihm das Bier über den Kopf zu giessen, fand das kühle Nass dann doch zu schade dafür. Ganz abgesehen davon würde Nico vermutlich glatt den Parteiausritt schreiben, wenn ihm auf so eine dramatische Art die Frisur ruiniert würde. „Also, ich erkläre es euch jetzt noch einmal! Und es wäre schön, wenn diesmal alle an diesem Tisch, die nicht gerade völlig zugedröhnt sind, ihre Lauscher aufsperren würden!“

Also stürzte Josh sich erneut in einen leidenschaftlichen Vortrag in dem er seine Genossen mit immer lauter werdenden Stimme darüber aufklärte, wieso der Tannenbaum in der Marktgasse nicht nur fehl am Platz war, sondern eine offene Provokation darstellte. Und mochte er auch in seinen Gefährten nur halbherzige Zuhörer finden, eine rothaarige Frau am Nebentisch hatte die Ohren gespitzt und merkte sich jedes Wort, dass Josh rumposaunte.

Und während sich dieser weiter in Rage redete, griff sie nach ihrem Smartphone und wählte hastig eine Nummer. „Willy? Komm sofort ins Chrämi! Ich glaub, ich hab da eine Story….“

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Weihnachtsbaum spaltet Langenthal

Zum ersten Mal seit vielen Jahren erleuchtet wieder ein Christbaum die Marktgasse, eine nostalgische Geste des abtretenden Stadtpräsidenten Mathias Trauffer. Gerüchten zufolge will Trauffer, der schon immer als eitel gegolten hat, sich mithilfe dieses Baumes ein letztes Mal ins Rampenlicht rücken will. Diese These wird dadurch gestützt, dass der Stadtpräsident offenbar angeregt hat, dass in der Marktgasse zusätzlich zum Baum auch noch ein Weihnachtsgottesdienst abgehalten werden soll.

Pfarrer Balthasar Gutkind bestätigt die Gerüchte. „Ja, wir planen einen grossangelegten Gottesdienst“, verkündet er selig, „ein Gottesdienst, der von Reformierten und Katholiken gestaltet werden wird!“ Der katholische Seelsorger betont, dass dieser Weihnachtsgottesdienst eine gute Gelegenheit sei, die Langenthaler unter den Zweigen des Tannenbaums zu vereinen.

Doch statt Frieden scheint der Baum eher Unruhe zu stiften. Nicht alle Parteien sind glücklich mit dem eigenmächtigen Handeln des Stadtpräsidenten. Der Chef der ambitionierten Partei „Junge Kommunisten“, Josh Richter erklärt seinen Zorn. „Ein Christbaum ist ein religiöses Symbol und hat deshalb auf einem öffentlichen Grund nichts zu suchen!“ Josh Richter, bekannt als glühender Verfechter für Freiheit und Gleichheit, legte sich schon öfters mit dem Stadtpräsidenten an, dessen karrieregetriebener Ehrgeiz schlecht zu dem blühenden Idealismus des jungen Ritters aller Geknechteten und Getriebenen passt.

Allerdings sind die jungen Wilden nicht die Einzigen, die sich bitter über den Baum beklagen. Hauke von Weyden, der mit seinen von der Kritik gefeierten Bühnenstücken, einen Hauch internationalen Ruhm nach Langenthal bringt, fühlt sich von der Tanne regelrecht terrorisiert. „Seit der Baum da ist, kann ich nicht mehr schlafen“, gesteht von Weyden, dem die Erschöpfung deutlich anzusehen ist, „ausserdem leide ich seitdem unter einer Schaffenskrise.“ Eine Katastrophe für jemanden, der von seiner Literatur lebt.

Eine gespaltene Stadt und ein Künstler am Abgrund der Existenz – der Stadtpräsident muss sich die Frage stellen, ob ihm dieser Preis für seinen Tannenbaum, der nur der Stillung seiner Geltungssucht dient,  nicht doch zu hoch ist.

Es berichtete: Jennifer Silberling

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„Lasst euch doch alle mal ein Rückgrat wachsen!“ Mit diesem gebrüllten Rat stürmte Mathias aus dem Zimmer und schlug die Tür so heftig zu, dass die zwei Kerzen auf dem Adventskranz jäh erloschen. Zurück blieb ein relativ verdatterter Stadtrat, denn in all den Jahren hatte der sonst stets besonnene, gar etwas unterkühlte Stadtpräsident, noch nie dermassen die Beherrschung verloren.

Mathias flüchtete hinaus ins Freie, noch immer zitternd vor Wut, in der Hand das zerknüllte Langenthaler Tagblatt. Seine Schritte führten ihn in den naheliegenden Spitalpark, wo er sich schwer gegen den Zaun, der den Teich umgab, lehnte. Der Anblick einer Ente, die auf dem Wasser ihre einsamen Bahnen zog, beruhigte ihn so weit, dass er wieder einigermassen klar denken konnte.

Diese Jennifer Silberling! Natürlich kannte er diese rothaarige Frau, die sich selbst den Spitznamen „die rasende Jenny“ verpasst hatte. Jung, ehrgeizig und mit giftiger Feder war sie stets auf der Suche nach spannenden und aufregenden Geschichten, die sie mit blumigen Worte noch ein wenig mehr aufbauschte, ohne den Pfad der Wahrheit ganz zu verlassen. Und jetzt hatte sie ihn in diesem blödsinnigen Artikel zum grössenwahnsinnigen Stadtherrscher gestempelt, während dieser Trottel Josh und der versnobte Hauke von Weyden als Heilige stilisiert wurden! Zum aus der Haut fahren war das!

Und dann diese Speichellecker von Stadträten! Natürlich, er hatte das mit dem Baum nicht mit ihnen abgesprochen, aber wieso auch? Es ging schliesslich um einen Baum und nicht um eine verdammte Atombombe! Und die Tanne würde ja nach Weihnachten auch wieder verschwinden! Warum jetzt alle auf einmal so taten, als hätte er tiefgreifenden Veränderungen im Stadtbild unternommen, war ihm schleierhaft. Und kurz nachdem der Baum aufgestellt worden war, hatten ihm viele Stadträte zu dieser „reizenden Idee“ gratuliert und auch von seiner Idee mit dem gemeinsamen Gottesdienst waren sie ganz angetan gewesen. Doch kaum tauchte die Presse auf, begannen sich die Stadträte wieder um ihr Image zu kümmern. Das war ja wieder einmal typisch! Der politische Betrieb Langenthals ging oft so unauffällig über die Bühne, dass mancher Lokalpolitiker dieses seltene und unerwartete Rampenlicht nutzte, um sich selbst in Szene zu setzen.

Mathias‘ Blut geriet erneut in Wallung, als er an die vergangene Stunde dachte, wo die zahlreichen Vorwürfe des Stadtparlaments auf ihn eingeprasselt waren. Er nutze Weihnachten aus, um sich im Ruhm dieses heiligen Festes zu sonnen, hatte die EVP erklärt, sonst sei er ja auch nicht so gläubig und sei weder in der katholischen noch in der reformierten Kirche besonders häufig zu Gast. „Diese scheinheiligen Spiessbürger! Sie gehen natürlich in die Kirche und dann stehen sie auch noch in der ersten Reihe, damit jeder sehen kann, wie innig sie beten!“, rief Mathias der Ente zu, die ein zustimmendes Quaken hören liess.

Richtig Gas gegeben hatte natürlich die SP, welche die Gelegenheit ergriffen hatte, ihm gleich alles um die Ohren zu hauen, was er ihrer Meinung nach schon alles verbrochen hatte.  „Der Baum stehe symbolisch für die Eigenmächtigkeit, mit der Herr Trauffer über die Stadt bestimmt hat“, hatte der Parteipräsident referiert. „Eigenmächtig? Wenn ich Langenthal wirklich eigenmächtig geführt hätte, dann wäre dieser geschmacklose Brunnen schon lange nicht mehr auf den Wuhrplatz!“, erklärte Mathias der Ente und wieder quakte diese. Offenbar hatte er eine Seelenverwandte gefunden.

Die FDP hatte nicht zurückstehen wollen und über die Ausgaben gejammert, die der Baum und der Weihnachtsgottesdient nach sich ziehen würde, Ausgaben, die sich Langenthal eigentlich nicht leisten könne. „Als würde so ein Bäumchen viel kosten! Die tun gerade so, als hingen an den Zweigen Juwelen und keine billigen Plastikkugeln! Und wir reden hier von Weihnachten, nicht von irgendeiner Cocktailparty, die ich zu meinem persönlichen Vergnügen schmeisse!“, murrte Mathias. Die Ente blieb diesmal ruhig, schüttelte allerdings ihr Gefieder aus, als wolle sie ihm sagen: Mir ekelt es vor so viel Knausrigkeit. 

Am meisten hatte ihn gekränkt, dass seine eigene Partei ihm in den Rücken gefallen war. Nun gut, sie hatten ihn nicht so scharf attackiert wie die anderen, aber etwas von „übereiltem Entschluss“ und „Übereifer“ gefaselt. Während seiner gesamten Amtszeit waren sie ihm zu Füssen gelegen und kaum war er nicht mehr ihr Aushängeschild liessen sie ihn – mitsamt seinem Christbaum – fallen wie eine heisse Kartoffel.

Die Ente schenkte ihm noch einen letzten verständnisvollen Blick – jedenfalls schien es Mathias so – dann breitete sie ihre Flügel aus und hob sich elegant in die Luft. Er sah ihr hinterher. Ente müsste man sein. Die hatten um die Weihnachtszeit nur ein Problem: Nicht als Braten auf dem Teller zu landen. Das erschien ihm in Vergleich zu seinen Schwierigkeiten geradezu beneidenswert.

„Ich lasse mich von diesen Spielverderbern nicht ausbooten“, knurrte er, während er immer noch der Ente nachsah, „Langenthal verdient eine grosse Weihnachtsfeier und wird auch eine bekommen. Dafür sorge ich und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“

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