Dienstag, 13. Dezember 2016

Unter dem Weihnachtsbaum (Teil 1)


Kleines Vorwort: Während die Schauplätze dieser kleinen Story tatsächlich existieren - ich war so frei einfach mal wieder meine Stadt zu verwenden, weil's so bequem ist - sind sowohl die Ereignisse als auch die Personen  frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten oder Parallelen sind natürlich REIN zufällig und von der Autorin unbeabsichtigt.

Und ja, ich habe Figuren wiederverwertet. Sowohl Gutkind als auch Josh tauchen schon in meiner ersten Weihnachtsgeschichte "Als die Maria mit dem Joseph..." auf. Ich mag es einfach, meinen Charakteren wieder über den Weg zu laufen.

Jetzt wünsch ich euch viel Spass:-)

 

Unter dem Weihnachtsbaum

Eine Weihnachtsgeschichte aus Langenthal


Erster Teil

 „Wer Wind säht, wird Sturm ernten!“
The Rock

Mathias Trauffer hatte gute Laune. Nein, er hatte nicht nur gute Laune, er hatte blendende Laune! Er pfiff sogar munter vor sich hin, als er sich schwungvoll in seinen Schreibtischsessel warf, den Laptop zu sich zog und sich mit einem zufriedenen Seufzer die Schuhe von den Füsse streifte, wie er es stets zu tun pflegte, wenn er alleine in seinem Büro war. Während sein Betriebssystem sich äusserst unwillig aus seinem gemütlichen Standby – Modus verabschiedete, lehnte sich Mathias zurück und verschränkte die Arme hinter den Kopf. Er fühlte sich wie eine Katze, der es nicht nur gelungen war, sich eine fette Maus einzuverleiben, sondern nebenbei gleich auch noch die Milch vom Tisch zu stehlen.

Nicht einmal der letzte Wahlerfolg seiner Partei hatte ihm dieses selige Glücksgefühl verschafft, das jetzt wie eine Droge durch seine Adern floss, wie dieser wunderschöne Tannenbaum, der seine Zweige anfangs dieser Woche in der Marktgasse ausgebreitet hatte. Eine wunderschöne Tanne von einem wunderbaren satten Grün, ein Symbol der Fruchtbarkeit und Stärke. Und erst der Schmuck, ein glitzerndes Meer aus Sternen, das die graue Stadt erhellte! So musste Weihnachten sein, strahlend und fröhlich und genauso musste auch der funkelnde Schlusspunkt seiner Amtszeit sein.

Immer noch fröhlich summend wandte sich Mathias wichtigeren Dingen zu und  wie jeder Politiker wusste er seine Prioritäten richtig zu setzen, schob die Budgetplanung für das nächste Jahr erst einmal weg (ging ihn ja eigentlich sowieso nichts mehr an) und machte sich stattdessen daran, erst einmal seinen Bildschirmhintergrund zu ändern. Gerade hatte er sich für ein schönes Bild mit Palmen entschieden – um sich daran zu erinnern, dass er sich bald auf immer in die Ferien würde verabschieden können – da klopfte es an seine Türe.

Nun war Mathias schon so lange Stadtpräsident, dass er genau wusste, dass es selten etwas Gutes bedeutete, wenn sich jemand so früh am Morgen aufraffte, um sein Büro zu besuchen. Ihm schwante also Übles, als er den Blick vom Bildschirm hob und ein unwilliges „Herein!“ rief.

Zu seiner ausserordentlichen Überraschung war es keiner seiner ständigen Kritiker, der ihm wieder irgendetwas unter die Nase reiben wollte, was er angeblich gesagt oder getan hatte. Tatsächlich dachte Mathias einen verblüfften Augenblick lang, ein Bär dränge sich in sein eher knapp bemessenes Arbeitszimmer, doch die pelzige, riesenhafte Gestalt entpuppte sich als Pfarrer Balthasar Gutkind, der sich zum Schutz gegen die klirrende Novemberkälte einen flauschigen braunen Mantel – der aussah als sei er aus Pferdehaar – umgeworfen und eine Mütze aufgesetzt hatte, die verblüffende Ähnlichkeit mit einem zusammengerollten Stinktier besass.

Pfarrer Gutkind war aber fast so ein unerwarteter Anblick wie ein Bär, denn bis hatte der katholische Priester nur einmal seinen Weg in das Ratsgebäude gefunden und das war, als er sich umständlich dafür entschuldigt hatte, dass er mit seinem Osterfeuer beinahe die ganze Marktgasse abgefackelt hatte. Mathias war also ziemlich mulmig zumute, als er aufstand, um den Pfarrer zu begrüssen.

Sein ungutes Gefühl hielt ihn aber nicht davon ab, ein strahlendes Lächelnd aufzusetzen. „Herr Pfarrer! Was für ein seltener Glanz in meinen bescheidenen vier Wänden!“

„Wir sehen uns wirklich viel zu selten, Herr Stadtpräsident.“ Pfarrer Gutkind hatte nicht nur eine mächtige, sonore Stimme, sondern auch einen sehr festen Händedruck und Mathias musste sich auf die Lippen beissen, um einen Schmerzensschrei zu unterdrücken, als seine Finger zu Brei zerquetscht wurden. 

„Kirche und Staat haben ja nun einmal nicht mehr allzu viel miteinander zu tun.“ Mathias deutete mit seiner malträtierten Hand auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Als Gutkind sich setzte, glaubte er tatsächlich zu hören, dass das Möbel ein stöhnendes Ächzen von sich gab. Hoffentlich würde er das Gewicht aushalten. Er hatte keine Lust, für seinen Nachfolger auch noch neues Mobiliar einzukaufen.

„Was ich sehr bedaure. Mir ist durchaus aufgefallen, dass Ihr während Eurer gesamten Amtszeit, nie meinen Beichtstuhl aufgesucht habt.“

Trauffer war sich nicht sicher, ob Gutkind das im Scherz meinte oder ihm ernsthaft einen Vorwurf machte. Er tippte auf Letzteres. Gutkind war so katholisch, dass der Papst im Vergleich geradezu wie ein heidnischer Voodo – Priester wirkte. „Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen um mir meine christlichen Versäumnisse vorzuwerfen. Denn wenn, gehen wir lieber gleich etwas essen, die Aufzählung dieser Verfehlungen könnte bis spät in die Nacht dauern.“

Gutkind winkte ab. „Nein, nein. Obwohl ich durchaus der Meinung bin, dass ein wenig mehr beichten auch unseren Lokalpolitikern ganz gut tun würde. Aber ich bin wegen etwas ganz anderem hier: Und zwar, um mich bei Ihnen zu bedanken!“

Da staunte Mathias nicht schlecht. Selten hatte ein Langenthaler den Weg in sein Büro gefunden, um sich bei ihm zu bedanken. Hatte er etwas getan, was den Leuten nicht passte, bekam er natürlich Körbe mit Beschwerdebriefen, die vor nicht sehr galanten Betitelungen nur so strotzten, machte er aber etwas richtig, hielt es niemand für nötig ihm das mitzuteilen. Deshalb hakte er so gleich verblüfft nach: „Sie möchten sich bei mir bedanken?“

Gutkind nickte eifrig, wobei die Mütze auf seinem Kopf bedrohlich wankte. „Ja! Und zwar für diesen wunderschönen Weihnachtsbaum, der auf Ihr Bestreben hin in der Marktgasse errichtet worden ist. Was für ein erhebender Anblick!“

Das ging Mathias natürlich runter wie Öl. „Nun, ich muss zugeben, ich bin auch recht stolz auf mich, dass ich mich durchgesetzt habe und wir jetzt endlich einen Christbaum in unserer Marktgasse haben!“, erklärte er und der Triumph, der sich in seiner Seele aufbäumte, veranlasste ihn beinahe dazu, aufzustehen, sich wie Tarzan auf die Brust zu schlagen und zu rufen: Ich kam, sah und stellte den Weihnachtsbaum auf.

Der Pfarrer schien seine Begeisterung jedenfalls vorbehaltslos zu teilen. „Mir geht das Herz auf beim Gedanken, dass nun all die verwirrten Schäflein das Wunder von Weihnacht auch in der Stadt erblicken können und sich bewusst werden, was dieses heilige Fest wirklich bedeutet.“

Jetzt kam Mathias‘ Lächeln etwas in Wanken. Zum einen wusste er, dass die Langenthaler keineswegs Schäfchen waren, sondern eher äusserst bockige Ziegen und zum anderen hatte er ja den Baum keineswegs aufstellen lassen, um ein religiöses Zeichen zu setzen, sondern vielmehr um sich selbst eine Art Denkmal zu setzen, nachdem der Stadtrat seinen schüchternen Vorschlag, ihm doch als Dank für seine langjährige Amtszeit doch eine lebensgrosse Statue zu errichten – ein durchaus angemessenes Geschenk, wie er fand – einfach abgeschmettert hatte. Eine Tanne erschien ihm jedoch fast ebenso gut, war sie doch so zäh, dass sie selbst die kalten Wintermonate überstand. Ein passendes Symbol für einen Politiker wie ihm schien.

„Ich denke, Jesus wäre auch in Langenthal ein willkommener Besucher“, entgegnete Mathias dennoch salbungsvoll. Irgendwie hatte er das Gefühl, das Gutkind nur wenig Verständnis für seinen Ehrgeiz hätte und er wollte es sich keineswegs mit dem Priester verscherzen. Mal abgesehen davon, dass er trotz fehlendem Glaubenseifer, grossen Respekt vor religiösen Vertretern hegte – man wusste ja nicht ob an der Hölle nicht doch etwas dran war – war Gutkind rein körperlich durchaus in der Lage, ihn kopfüber in die Erde zu stecken. So gutmütig der Pfarrer auch war, wenn es um den Glauben ging, kannte er keinen Spass. Mathias konnte sich noch lebhaft an die denkwürdige 1. August Feier erinnern, bei der sich der damalige sozialdemokratische Parteipräsident geweigert hatte, die Nationalhymne zu singen, weil er diesen „religiösen Scheisstext“ nicht unterstützen wolle. Der Streit hatte damit geendet, dass der aufgebrachte Priester dem störrischen Sozialdemokraten eine Bratwurst an den Kopf geworfen hatte.

Kurz darauf hatte die SP ein neues Präsidium wählen müssen. Der scheidende Präsident hatte „unvorhergesehene Gefahren, die das Amt mit sich bringt“ als Begründung für sein Ausscheiden angegeben.

Daran musste Mathias unwillkürlich denken, als sich Gutkind mit gewinnendem Lächeln vorbeugte. „Das dachte ich eben auch! Und ich dachte, es sei doch eine gute Idee, wenn wir diese Gelegenheit gleich nutzen. Wenn wir doch schon einen Baum haben, wäre es doch naheliegend, wenn wir dieses Jahr den Weihnachtsgottesdienst in der Marktgasse abhalten würden!“

Mathias‘ Züge erschlafften. Damit hatte er nun wahrlich nicht gerechnet. „Weihnachtsgottesdienst?“, echote er verdutzt.

„Eine vorzügliche Idee nicht wahr? Wenn die Katholiken und Reformierten dieses Jahr nicht alleine in ihren jeweiligen Kirchen feiern würden, sondern vereint im Herzstück unseres kleinen Städtchens! Das wäre doch ein grossartiges Zeichen. Der Baum und Weihnachten verbindet über die starren Grenzen der Religion hinweg!“ Gutkind strahlte Mathias an wie ein überdrehter Weihnachtsmann, der sich darüber freut, seine Geschenke verteilen zu dürfen.

Auch wenn er im ersten Moment überrumpelt war und eigentlich instinktiv „Nein!“ sagen wollte, fand er die Idee bei näherer Betrachtung eigentlich gar nicht so schlecht. Das wäre in der Tat eine eindrückliche Geste. Sein Baum käme noch mehr zu Geltung als ohnehin schon. Und wer weiss, vielleicht würde ihm sein Einsatz als Brückenbauer zwischen den Religionen sogar im Himmel ein paar Pluspunkte einbringen. Die konnte er nach seiner langen politischen Karriere wirklich gebrauchen.

Nachdem er sich das alles in Sekundenschnelle überlegt hatte, beugte er sich mit einem haifischartigen Grinsen vor. „Erzählen Sie mir doch ganz genau, wie sie sich diesen Weihnachtsgottesdienst vorstellen, mein lieber Pfarrer Gutkind.“

Zwei Stunden später verliess ein zufrieden strahlender Pfarrer das Büro und liess einen händereibenden Mathias zurück. Dieser Weihnachtsgottesdienst in der Marktgasse würde sein Meisterstück werden! Man konnte den Katholiken ja vieles vorwerfen, aber wie man Feste feierte, das wussten sie. Gutkind hatte ihm zugesichert, dass er den ganzen Pomp entfalten würde inklusive Kirchenchor und Ministranten. Und die Reformierten würden sicher mitziehen, schon allein um den Katholiken in nichts nachzustehen. Er würde in die Stadtchroniken eingehen als der erste Stadtpräsident der einen Gottesdienst in der Marktgasse ermöglicht hatte.  Was war er nur für ein schlaues Kerlchen!

Lange blieb es ihm allerdings nicht vergönnt, sich in seinem eigenen Glanz zu sonnen, da es wieder an der Tür klopfte. „Nur hereinspaziert!“, rief Mathias fröhlich, denn er war der festen Überzeugung, dass heute sein Glückstag sein musste und wer auch immer vor der Türe stand, er brachte ihm sicher gute Nachrichten.

Seine gute Laune verpuffte allerdings schlagartig, als er sah, wer da mit hängenden Schultern in sein Büro schlurfte. Hauke von Weyden war eine Berühmtheit in Langenthal. Nicht nur weil er einem alten oberaargauischen Adelsgeschlecht angehörte, sondern auch weil er Bühnenstücke schrieb, die von den Kritikern gefeiert wurden. Trotzdem konnte Mathias ihn nicht ausstehen. Abgesehen davon, dass er die Theaterstücke grässlich langweilig und trübselig fand (man konnte immer darauf gehen, dass am Ende alle Figuren entweder tot oder in der Klapsmühle waren), war Hauke von Weyden der wohl anstrengendste Mensch unter der Sonne. Sprach man mit ihm, musste man damit rechnen, dass er jäh in Tränen ausbrach, weil er von seinen Gefühlen so überwältigt wurde. Hatte er sein Mitwirken an einem regionalen Anlass schon fest zugesagt, konnte man davon ausgehen, dass er entweder zu spät kam oder aber Minuten vor dem Beginn anrief, um abzusagen, weil er  plötzlich unter heftigen Kopfschmerzattacken litt. Bat man ihn um eine Festschrift, konnte man davon ausgehen, dass er kurz vor der Abgabe meldete, er hätte sie leider jetzt doch nicht schreiben können, weil die Musen nun einmal nicht auf Befehl arbeiten würden.

Es waren aber nicht diese Unzuverlässigkeit die Mathias in den Wahnsinn trieb, sondern vielmehr die diversen Empfindlichkeiten des sensiblen Künstlers. Niemand schrieb so viele Beschwerdebriefe an die Stadt wie Hauke von Weyden. Als das Stadttheater frisch gestrichen worden war, hatte er sich darüber beklagt, dass die gewählte Farbe seine Inspiration blockiere. Unvergesslich blieb auch sein Vorschlag die Badi zu schliessen, da das Chlor nachweislich der Haut schadete (als Beweis hatte Hauke ein sehr unappetitliches Foto von seinem Hinterteil, übersät mit roten Pickeln, beigelegt). Nach der  Bundespräsidentenfeier im letzten Jahr hatte er sich darüber empört, dass Würstchen serviert worden waren und hatte verlangt, dass bei offiziellen Festlichkeiten nur noch vegetarisch gegessen wurde, um den absurden Fleischkonsum in der Schweiz zu stoppen. Hauke hatte zwar durchaus Unterhaltungswert, war aber dennoch die grösste Nervensäge in Langenthal und entsprechend hielt sich Mathias‘ Freude über den Besuch in Grenzen.

„Wie geht es Ihnen denn heute, Herr von Weyden?“, begrüsste er seinen Gast mit zumindest halbwegs überzeugenden Lächeln.

Hauke warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Von seinem Gesicht war ausser den Augen auch wenig zu erkennen, denn er hatte sich einen meterlangen Schal um den Hals geschlungen und diesen bis fast zur Nasenspitze hochgezogen. Deswegen klang seine Stimme auch etwas gedämpft, als er mit leidender Stimme sagte. „Schlecht. Sehr schlecht. Ich habe nämlich einen…HA.– einen Schnupf- HA….HATSCHI!“ Ein kraftvolles Niesen erschütterte Mathias‘ Büro.

„Gesundheit!“, wünschte Mathias, „ja, Schnupfen ist eine leidige Sache.“

Er hatte es mitfühlend gemeint, doch aus irgendeinem Grund funkelten Haukes Augen noch eine Spur empörter, ganz so, als hätte Mathias ihm erklärt, das Schnupfen doch eigentlich eine ganz nette Abwechslung war. „Meine Gesundheit ist eben immer etwas angeschlagen…HATSCHI!“ Ein seidenes Taschentuch fest gegen die Nase gepresst, liess sich Hauke schwerfällig auf den Stuhl sinken, auf dem eben noch Pfarrer Gutkind gesessen hatte.

„Nun, welche Gesundheit ist das nicht, bei diesem Wetter.“

Wieder ein zornfunkelnder Blick. „Ich denke nicht, dass es nur am Wetter liegt. Vielmehr liegt es an dem Ärger, den ich in dieser Stadt wieder einmal erdulden muss. Um noch präziser zu sein: Es liegt an diesem vermaledeiten Weihnachtsbaum!“

Mathias‘ Herz setzte einen Schlag aus. „Es ist mir neu, dass man sich bei Christbäumen mit Schnupfen anstecken kann“, bemerkte er und versuchte, das Ganze als Scherz zu nehmen, auch wenn es in ihm schon brodelte. Wenn ihm dieser hochnäsige Hypochonder jetzt die Freude an seinem Baum verdarb, dann würde er sich arg zusammennehmen müssen, um nicht der Versuchung zu erliegen, ihm seinen kleinen, mageren Hals umzudrehen.

„Seien Sie nicht albern, natürlich habe ich mich nicht beim Baum angesteckt.“ Hauke hustete geziert in sein Taschentuch, bevor er weitersprach. „Aber wir Künstler haben eine empfindsame Seelen. Normalsterbliche mögen durch profane Bazillen um ihre Gesundheit gebracht werden, doch wir, die wir zu Höherem geboren sind, reagieren auch höchst empfindliche auf seelische Erschütterungen.“

„Verraten Sie mir auch, inwiefern der Baum ihr empfindliches Seelenleben stört?“

Hauke von Weyden liess sich von Mathias‘ nun deutlich gereiztem Tonfall nicht aus der Ruhe bringen. Er schnäuzte sich erst einmal ausgiebig, bevor er zur Antwort ansetzte. „Dieses Ungetüm von Baum stört nicht nur meine künstlerischen Schwingungen, sondern raubt mir auch meinen kostbaren Schlaf.“

„Und inwiefern tut er das? Fängt er etwa plötzlich mitten in der Nacht an zu singen?“

Wieder wurde er zornig angeblitzt. „Herr Stadtpräsident, das ist überhaupt nicht komisch, also bitte ich sie, Ihre blöden Spässe zu unterlassen!“, fauchte Hauke und schob  sogar das Ungetüm von Wollschal etwas runter, so dass sein Mund frei lag und er lauter sprechen konnte.

„Es fällt mir wirklich schwer, dieses Problem ernst zu nehmen. Ich kann verstehen, dass Sie sich durch Guggenmusiken gestört fühlen, ja, ich kann sogar nachvollziehen, dass Ihnen das Sommerkino auf die Nerven geht und ein winziger Teil von mir kann vielleicht sogar verstehen, dass Sie sich vom Stadtlauf belästigt fühlen, weil der Anblick von schwitzenden Leibern in engen Trikots Sie vom Schreiben ablenkt. Aber ich kann mir ehrlich gesagt überhaupt nicht denken, wie eine arme, unschuldige Tanne, die weder sprechen, noch sich bewegen kann, es dennoch schafft, Sie zu stören!“ Auch Mathias war nun lauter geworden. Zum einen, weil er diesem aufgeblasenen Dramatiker schon immer mal ordentlich den Marsch hatte geigen wollen und jetzt, da er nicht mehr auf Wählerstimmen angewiesen war, war es ihm ein ausserordentliches Vergnügen, genau das zu tun. Und zum anderen würde er sich sein letztes Herzensprojekt nicht von diesem ewigen Miesepeter schlechtmachen lassen.

„Sie mag sich nicht bewegen und auch nicht sprechen, aber sie stört ganz enorm! Beziehungsweise ihre Lichter stören! Ich brauche absolute Dunkelheit, um schlafen zu können. Der kleinste Fetzen Licht vermag es mich wachzuhalten. Und diese blinkenden Lichter an diesem vermaledeiten Baum dringen sogar durch meine Vorhänge, weshalb an Schlaf nicht mehr zu denken ist! Ich brauche aber meinen Schlaf, sonst kann ich keine Stücke schreiben!“

Was kein grosser Verlust für die Welt wäre, dachte Mathias boshaft. Laut fragte er: „Und wie soll ich jetzt Ihr kleines Schlafproblem lösen?“

„Na, indem Sie diesen Baum sofort wieder aus der Marktgasse entfernen!“ Hauke verlieh seinen Worten mit einem weiteren lauten Niesen Ausdruck.

Wie immer, wenn ihn grosser Zorn überkam, wurde es in Mathias‘ Kopf ganz leer. Dann hörte er ein leises Summen, das immer lauter wurde, sich zu einem Trommelsolo steigerte und schliesslich zu einem lauten Tusch wurde. Wenn er nicht die Fingernägel in seine Handfläche gebohrt hätte um sich selbst zu zügeln, hätte er Hauke angebrüllt, ihn dann am Kragen gepackt und ihn dann im hohen Bogen aus seinem Büro geworfen. So aber beherrschte er sich gerade noch. „Nein“, stiess er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „das werde ich ganz gewiss nicht tun. Der Baum bleibt dort, wo er ist.“

Hauke schnappte sichtlich nach Luft. „Ihnen ist der blöde Weihnachtsbaum also wichtiger als das Wohl eines rechtschaffenen Bürgers?“

„Nun, das kommt ganz auf diesen rechtschaffenen Bürger an“, erwiderte Mathias trocken.

Jetzt plusterte sich Hauke auf wie ein Huhn, dem man gerade einen saftigen Tritt verpasst hat. „Ich muss doch sehr bitten! Ich bin ja schliesslich nicht nur irgendein Bürger. Mein Wort hat in dieser Stadt Gewicht, meine Stücke werden auf allen Bühnen der Schweiz gespielt und mein Name ist eine Marke von der auch die Stadt profitiert!“

Mathias winkte ab. „Das ist mir alles hinreichend bekannt. Sie unterlassen ja keine Gelegenheit mir das unter die Nase zu reiben. Aber hier geht es schliesslich um Weihnachten. Und so sehr Sie das wahrscheinlich schockieren wird, ich denke, Jesus ist immer noch eine Spur berühmter als Sie.“

„Jesus stört mich ja auch nicht, es ist dieser blöde Baum, der mich aufregt!“

„Dieser blöde Baum ist zufällig ein internationales Symbol für Weihnachten. Und er bleibt in der Marktgasse, als Symbol für Einigkeit und Friede!“, blaffte Mathias und quasi um zu beweisen wie dringend Langenthal diese beiden Eigenschaften benötigte, schlug er mit der Faust auf den Tisch.
Hauke liess sich davon nicht beeindrucken, er zog lediglich würdevoll die Nase hoch und schenkte Mathias einen weiteren vernichtenden Blick. Das ist Ihr letztes Wort?“, fragte er dann.

„Mein allerletztes!“

„Dann haben wir uns wohl vorläufig nichts mehr zu sagen.“ 

Hauke erhob sich vom Stuhl und schwebte zur Tür. Doch bevor er Mathias verliess, drehte er sich noch einmal um. Er versuchte wohl, eine tragische Miene aufzusetzen, die rote Nase liess ihn jedoch aussehen wie Rudolph das Rentier, das gerade unter schlimmen Verstopfungen litt. „Aber ich versichere Ihnen, Herr Trauffer, ich werde mir zu helfen wissen. Ich bin ein Künstler. Ich gebe nicht klein bei Sie…Sie….Weihnachtsdiktator!“ Und mit diesem Worten schlug er die Tür hinter sich zu.

Zu Mathias‘ ausgesprochenen Leidwesen blieb diese allerdings nicht lange geschlossen, denn Haukes Schritte waren kaum verklungen, da platzte auch schon der nächste Besucher in sein Büro und dieser war ihm noch weniger willkommen als Hauke von Weyden. Es handelte sich nämlich um Josh Ritter, der zwar gerade mal siebzehn Jahre alt war und dennoch schon einen ähnlich legendären Ruf hatte wie der Theaterautor.

Josh war  Präsident der Jungen Kommunisten und es gab kaum einen, der ein Amt so leidenschaftlich und kompromisslos ausführte wie er es tat. Josh regte sich genauso oft auf wie Hauke, mit einem kleinen Unterschied: Während sich Hauke nur über Dinge ärgerte, die ihn betrafen, ärgerte sich Josh über alles, was gegen seinen Gerechtigkeitssinn ging. Und die Liste der Dinge, die seiner Meinung nach ungerecht und unmoralisch waren, war lang.

Nun fand es Mathias zwar durchaus begrüssenswert, wenn junge Menschen ihre Prinzipien hatten, allerdings hatte Josh die unangenehme Angewohnheit, seine Prinzipien nicht nur auf eine lautstarke sondern auch auf höchst irritierende Weise zu verbreiten. Als die Stadt entschieden hatte, einen Platz nach dem aktuellen Bundespräsidenten (der aus Langenthal stammt) zu benennen, hatte Josh kurzerhand eine „Platzbesetzung“ organisiert. Da er nicht genügend Leute hatte zusammentrollen können, hatte er kurzerhand die Schafherde seines Onkels in die Marktgasse getrieben. Es hatte ewig gedauert, bis man die Viecher wieder aus dem Stadtzentrum entfernt hatte und noch einmal so lange, bis man ihren Unrat weggeputzt hatte. Und das war nur eines der vielen Beispiele, wie Josh seine politischen Ziele in Szene gesetzt hatte.

Auch Josh war regelmässig Gast im Büro des Stadtpräsidenten, allerdings nicht um sich zu beschweren, sondern um ihm gute Tipps zu geben, wie man Langenthal auf eine soziale und solidarische Weise führte, wobei er seine abstrusen Vorschläge mit Zitaten von Bertolt Brecht untermalte.

Immerhin entbehrten seine Besuche nicht ein gewissen Komik, weshalb sich wie von selbst ein erwartungsvolles Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. „Josh! Du weisst schon, dass du dich bald an einen anderen wenden musst, der dir deinen Traum von einem kommunistischen Langenthal erfüllt?“, fragte er scherzhaft.

Nur war Josh offenbar noch weniger zum Scherzen zumute als Hauke von Weyden. Er verzichtete sogar darauf, sich zu setzen. Stattdessen verschränkte er mit einem unwilligen Brummen die Arme vor der Brust, eine Geste, die Mathias deutlich besagte, dass sich Josh mal wieder in einem Zustand echauffierten Gesellschaftszorns befand. „Wir müssen reden!“, verkündete er mit Grabesstimme.

Mathias unterdrückte ein Schmunzeln. „Soso. Na dann, schiess mal los.“

„Ich möchte, dass der Weihnachtsbaum aus der Marktgasse entfernt wird. Und zwar umgehend.“

Im ersten Moment glaubte Mathias sich verhört zu haben. „Wie bitte? Ich glaube, ich habe da was falsch verstanden. Mir war, als hättest du gerade gesagt, der Weihnachtsbaum soll aus der Marktgasse verschwinden.“ Er lachte, doch es war eher ein gereiztes Bellen, als ein fröhlicher Laut.

„Ich bin hier um Ihnen und der Stadt offiziell mitzuteilen, dass die Jungen Kommunisten empört  sind, dass der christlichen Religion im Herzen unserer Stadt, ein Schrein gewidmet wird. Wir sehen dies als weiteres Zeichen dafür, dass das Christentum noch immer einen viel zu hohen Stellenwert in unserer aufgeklärten  Gesellschaft einnimmt. Am schlimmsten finden wir jedoch, dass mit dieser Tanne damit Andersgläubige vor den Kopf gestossen werden. Wir verurteilen diese zur Schau gestellte Überheblichkeit des Christentums aufs Schärfste. Deshalb fordern wir in aller Entschiedenheit, dass der Christbaum aus der Marktgasse verschwindet als Zeichen der Solidarität und Offenheit.“

Josh hatte dies alles in so rasender Geschwindigkeit heruntergerasselt, dass Mathias sich ganz schön anstrengen musste, die einzelnen Worte ausmachen zu können. Und als es ihm gelungen war, den Sinn hinter dieser Sprechsalve zu entwirren, wurde er zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit richtig wütend. „Was soll dieser Unsinn? Weihnachten gehört nun einmal zu unserer Kultur, ob es dir und deinen Freunden jetzt passt oder nicht!“

„Kein Land hat eine eigene Kultur. Dieses nationalistische Denken ist eben der Fehler. Alle Kulturen gehören zur Welt. Es ist deshalb falsch sich auf ein einziges religiöses Symbol zu verlegen. Wenn ein Weihnachtsbaum in die Marktgasse gehört, dann gehört da auch ein Minarett hin!“, trumpfte Josh auf.

Entnervt warf Mathias die Arme in die Luft. „Können wir in Langenthal eigentlich ein einziges Mal eine Diskussion führen, ohne dass jemand dieses Minarett ins Spiel bringt?“

„Wenn Sie nicht bereit sind, allen Religionen ein Gesicht zu geben, müssen Sie den Baum wegnehmen!“

„Verdammt, Josh, es geht um Weihnachten! Was kann man denn etwas gegen Weihnachten haben?“

Josh hob eine Augenbraue. „Sie meinen abgesehen davon, dass Weihnachten Opium für die konsumgeile Gesellschaft ist? Und abgesehen davon, dass die Menschen mit teuren, nutzlosen Geschenken und kitschigen Weihnachtsliedern noch mehr in den Kapitalismus verwickelt werden, als sie es ohnehin schon sind? Und abgesehen davon, dass Weihnachten nur zur Gewissensberuhigung von Ausbeutern dient? Und abgesehen davon…“

„Schon gut, ich hab’s verstanden“, zischte Mathias, „ihr findet Weihnachten doof. Aber die meisten Langenthaler haben kein Problem mit Weihnachten und freuen sich über den Weihnachtsbaum. Also bleibt der schön dort wo er ist.“

„Sie wollen also einfach ignorieren, dass eine Gruppe von Langenthalern mit diesem Baum alles andere als einverstanden ist?“

Mathias liess nun endgültig alle Diplomatie fahren. Heute war einfach einmal zu viel auf seinen Nerven rumgetrampelt worden. „So lange diese Gruppe nur aus fünf durchgeknallten Sozis besteht, kann ich problemlos damit leben!“
„Verfolgte Minderheiten haben also in dieser Stadt nichts zu sagen?“

„Verfolgte Minderheiten? Das einzige was euch verfolgt ist doch eure eigene Paranoia! Und, mein lieber Josh, wie du zweifellos irgendeinmal lernen willst: Demokratie funktioniert so. Die Mehrheit gewinnt. Und die Mehrheit will nun einmal Weihnachten und sie will sie mit Baum! Also tu mir einen Gefallen, verlass mein Büro und rette die Welt irgendwo anders!“ Mathias gestikulierte zur Tür.

So schnell liess sich Josh allerdings nicht vertreiben. Er stemmte die Hände in die Hüfte. „Ich gebe nicht auf. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug für eine baumfreie Marktgasse kämpfen!“

„Oh, keine Sorge, so kurz vor Weihnachten bringe ich eher selten politische Gegner um!“

Mathias stand auf und sah demonstrativ zur Tür um deutlich zu zeigen, dass er das Gespräch für beendet hielt. Josh schien zu spüren, dass Mathias kurz davor war ihm den Aschenbecher an den Kopf zu werfen, denn er verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken und verliess endlich das Büro. Schon hatte Mathias sich mit einem erleichterten Seufzen auf den Stuhl zurücksinken lassen, da steckte Josh noch einmal den Kopf durch die Türe. „Denken Sie daran, Herr Stadtpräsident: Wer Wind säht wird Sturm ernten!

Nach dieser prophetischen Ankündigung verschwand Josh endgültig und Mathias wandte sich kopfschüttelnd wieder seiner Arbeit zu.

„Alle verrückt!“, murmelte er.


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