Sonntag, 4. Dezember 2016

Links oder nicht links, das ist hier die Frage



Ich verstehe nicht viel von Wirtschaft. Da bin ich ganz ehrlich. Und um noch ehrlicher sein: Ich habe das Wirtschaftspapier der SP, das in den letzten Tagen für Schlagzeilen gesorgt hat, nicht einmal gelesen. Ich erinnere mich nämlich mit Grauen daran, dass ich mich vor nicht allzu langer Zeit durch ein Positionspapier gequält habe, dass die Berner SP verfasst hat. Und ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass es inklusive Anträge nicht nur furchtbar lange und öde war, sondern dass ich tatsächlich mein Fremdwörterbuch hervorholen musste, um überhaupt halbwegs verstehen zu können, was ich da absegne. Ich mochte mich aber auch deshalb nicht mit diesem Geschreibsel auseinandersetzen, weil mich die SP zurzeit einfach ein bisschen sauer macht.

Ich persönlich halte es einfach für falsch, dass man den Durchmarsch der Populisten damit zu stoppen versucht, indem man ähnlich einfache Rezepte präsentiert. Die Gleichung „Je rechter die anderen werden, desto linker müssen wir werden“ geht für mich einfach nicht auf. Wenn beide Seiten immer heftiger auseinanderdriften, gibt es einen Spalt, den auch die Mitteparteien nicht mehr überbrücken können. Und das erstickt gesunde und ausgewogene Lösungen im Keim. Die SP ist nicht erfolgreich, weil sie extremen Ansichten nachhängt. Sie ist erfolgreich, weil sie immer schon Leute hatte, die mit Menschlichkeit, Vernunft und einer guten Portion Idealismus an Lösungen gearbeitet haben. Abgesehen davon ist dieses „die anderen tun doof, dann verhalten wir uns noch doofer“ einfach nur kindisch.

Nach Trumps Wahl gab es viele Stimmen, die behaupteten, mit Bernie Sanders hätten die Demokraten gewonnen. Das kann aber niemand so genau wissen, denn Bernie Sanders hätte vielleicht Wähler nicht abgeholt, die Hilary Clinton verbuchen konnte. Und wenn man schon bei Schuldzuweisungen ist: Vielleicht wäre es auch anders gekommen, wenn die Demokraten ihre Kandidatin geschlossen unterstützt hätten, statt darüber zu streiten, ob sie jetzt links genug sei oder nicht.

Viele werfen der SP vor, sie sei abgehoben und würde sich nicht mehr um die Arbeiter kümmern. Rein politisch gesehen, stimmt das nicht. Es ist die SP, die sich für faire Entlohnung, für die Rechte der Arbeitnehmer, für eine starke AHV einsetzt. Und sie kommuniziert das auch. Wieso empfinden uns dann die Menschen als hochmütig und sehen nicht, dass wir uns für sie einsetzen?

Ich glaube, mir nehmen die Leute vielleicht manchmal einfach zu wenig ernst. Ein Beispiel: Nur einmal angenommen, die JUSO Präsidentin findet es sei eine sinnvolle Idee, Privateigentum abzuschaffen. Und nehmen wir einmal an, manche Leute wären durch diese Aussage beunruhigt. Und stellen wir uns weiter vor, die JUSO – Chefin antworte auf diese Befürchtungen mit der spöttischen Feststellung, es würde schliesslich niemanden die Zahnbürste oder das Bett weggenommen. Dann wäre das rhetorisch sicher geschickt und auch ganz lustig. Gleichzeitig gäbe sie mit dieser Bemerkung zu verstehen: Keine Angst, meine Kleinen, das ist alles gar nicht so schlimm, die gute Tante erklärt dir das mal genauer, wenn du gross bist. Aber vielleicht wäre es wichtig, dass wir uns diese Einwände ernsthaft anhören, statt sie von vornerein als „unberechtigt“ abzutun.

Was ich überhaupt nicht ausstehen kann ist die Rhetorik, die bei der SP gepflegt wird. Was sollen denn bitteschön, solidarische Grüsse sein? Kann man nicht einfach liebe Grüsse oder freundliche Grüsse schreiben? Und was soll dieses blödsinnige „Genosse“? Ich bin doch keine Genossin  Ich bin ein Mensch, mit eigenen Gefühlen, Gedanken und Ideen.  Es kann doch nicht sein, dass man die Individualität opfert und alle in die gleiche Schublade stopft. Was soll denn das mit dem Gerede von den wahren Linken? Gibt es auch falsche Linke?

Und dann das schlimmste Wort von allen: Klassenkampf.

Es ist nicht nur falsch, sondern es ist auch gefährlich, leichtfertig zum Klassenkampf  aufzurufen. Wer definiert denn die sogenannten Klassen? Du? Ich? Christian Levrat? Und wer entscheidet, welche Klasse mehr wert ist? Ist das dann nicht auch einfach eine Form von Rassismus, wenn wir sagen: Der ist reich und hat es nicht verdient, schnapp ihn dir? Wie können wir jene verurteilen, die mit rechtsnationalen Parolen das Volk aufeinander hetzt, wenn wir dasselbe mit linksextremen Parolen tun?

Das ist doch nur Rhetorik, mag man jetzt sagen. Da kommt mir einfach immer das berühmte Zitat aus dem Zauberlehrling „die ich rief, die Geister, wird ich nun nicht los.“ Was wenn wir einmal mit solchen hasserfüllten Worten, achtlos dahingesagt, einen Sturm entfachen, den wir nicht mehr entfachen können? Man muss sich nur die brutale Eigendynamik ansehen, die sich bei Demonstrationen oder Fanmärschen entwickelt um zu wissen, dass Zorn, Adrenalin und Gruppendruck eine gefährliche Mischung sein kann.

Wir müssen kämpfen für eine bessere Welt, wir müssen den Mut haben sie zu verändern, wir müssen den Schritt wagen in eine neue Zukunft, beschwören sie mich und es klingt doch so gut, so einfach, so tapfer. Und doch verkrampft sich mein Magen, wenn ich das Wort Revolution hörte. Weil ich dann an die Französische Revolution denken muss. Weil ich an die Russische Revolution denken muss. Weil ich an die DDR denken muss. Ströme von Blut, unbändiger Hass, entfesselte Brutalität, Anarchie. Und danach: Unterdrückung, Angst, Zwang. Wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen. Wir dürfen doch nicht die Augen davor verschliessen, dass die Ideen, die jetzt plötzlich wieder auf den Tisch kommen, schon einmal da waren und dass sie schrecklich in die Hose gegangen sind. Natürlich kann man sagen, dass der Kommunismus keine Zeit hatte zu reifen. Aber wenn er doch noch unausgereift ist, wie können wir ihn dann wieder auf die Menschheit loslassen? Und wie viele müssen bluten, leiden, sterben bis wir unser System perfektioniert haben? Solche Gedanken machen wir Angst.

Aber wahrscheinlich verstehe ich es einfach mal wieder nicht. So wie ich die Positionspapiere nicht verstehe. Das klingt jetzt alles sehr nach Horror - Szenario. Aber manchmal muss man sich solche Horror – Szenarien vorstellen, einfach um sich selbst daran zu erinnern, wohin man will… oder eben nicht will. Das ist der Grund wieso die SP eben doch die richtige Partei für mich ist. Selber denken ist hier nicht verboten. Und so lange das so bleibt, sehe ich hoffnungsvoll in die Zukunft.

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