Sonntag, 27. November 2016

Manchmal



Manchmal tut es immer noch weh.

Meist kommt es überraschend und plötzlich, mit einer jähen Heftigkeit, die mich zusammenzucken lässt. Wenn ich ein Gesicht in der Menge sehe, dass mich an dich erinnert, wenn ich einen Spruch lese, der von dir kommen könnte, wenn ich irgendwo hingehe, wo du sein müsstest, du aber nicht bist. Manchmal greife ich ganz automatisch nach meinem Handy, weil ich dir etwas erzählen, etwas schreiben will, irgendetwas, worüber nur wir zwei lachen können. Und dann erinnere ich mich daran, dass das was zwischen uns war, ja nicht mehr ist.

Manchmal denke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Oder viele Fehler. Das ich zu wenig versucht habe, dass ich zu viel gemacht habe, dass ich an den falschen Stellen den Mund aufgemacht und an den noch falscheren Stellen geschwiegen habe. Manchmal denke ich sogar, dass du vielleicht Recht hattest und ich dich verraten habe.

Dann werde ich wieder wütend, weil ich an die vielen Momente denken, in denen du mich verraten hast, an die vielen Momente, in denen du mir nicht zugehört, in denen du mich nicht ernstgenommen hast, in denen du mich behandelt hast, als sei ich ein kleines Mädchen und einfach nicht erkennen wolltest, dass ich das schon lange nicht mehr bin. Und an die vielen Momente, in denen du mich einfach zurückgelassen hast, wie einen Handschuh, den man im Zug vergisst, alt und abgetragen, nicht wichtig genug, in einem Leben das so reich an Fülle und Aufgaben ist.

Vielleicht habe ich manches falsch gemacht, aber das bedeutet nicht, dass du alles richtig gemacht hast.

Manchmal vermisse ich dich. Nicht den Menschen, den ich zuletzt in dir gesehen habe, verfangen in seinen Idealen und verbittert, weil er glaubt, ihm sei so viel Unrecht geschehen. Sondern den klugen, witzigen und pfiffigen Menschen, mit seinem scharfen Blick für Ungerechtigkeiten und seinem unerschütterlichen Humor in allen Lebenslagen. Den Menschen, der zuhört und versteht, den Menschen, der ganz schüchtern werden kann, wenn ihm etwas wirklich wichtig ist, den Menschen, der neugierig auf alles ist, den Menschen, der barfuss durch die Welt tanzt, wie ein Schmetterling und der nie irgendwo dazugehören will, weil er nur sich selbst gehört.

Manchmal vermisse ich uns. Das Grinsen, das wir austauschen, weil wir genau wissen, was der andere gerade denkt. Unsere Umarmungen, die von vergangener Liebe und gegenseitigem Respekt zeugen. Unsere Streitgespräche, bei denen ich immer versuche, die Oberhand zu gewinnen und bei denen immer der Punkt kommt, an denen ich dich anschreie, weil du immer so verdammt logisch sein musst. Ich vermisse es mit dir zu lachen, mit dir zu lästern, mit dir zu diskutieren, mit dir zu philosophieren. Ich vermisse es mit dir ins Kino zu gehen. Ich vermisse es, mit dir zu schimpfen, wenn du mal wieder Dinge auf die lange Bank schiebst, statt sie sofort zu erledigen. Ich vermisse es, mir mit dir ein Theater anzuschauen. Ich vermisse es, mit dir durch die Stadt zu schlendern und dir zuzuhören, wie du dich über dieses und jenes aufregst.  

Ja, du bist ein blödes, selbstverliebtes Arsch und trotzdem vermisse ich dich.

Manchmal frage ich mich, wie es dir geht. Ob du so schlecht von mir denkst, wie es manche deiner Freunde jetzt tun. Ob du mich immer noch nicht verstehen kannst. Ob du zufrieden bist in deinem Job. Ob du Erfolg hast in deinem Studium. Ob du immer noch dieselbe Frisur hast. Und ich weiss, ich habe kein Recht, dass zu denken, denn ich war es, die dich einst gehen liess, aber manchmal frage ich mich, ob du glücklich mit ihr bist. Und ob du sie mit mir vergleichst. Ob du so böse über mich sprichst, wie ich über dich spreche, wenn die Wut sich in mir zusammenballt und ich dieses Gift, das durch meine Adern pulsiert, wieder loswerden muss.

Ich hatte schon oft Liebeskummer. Aber ich wusste bis jetzt noch nie, dass man denselben Schmerz auch empfinden kann, wenn eine Freundschaft zerbricht.

Meistens schiebe ich diese Gedanken beiseite. Weil ich weiss, dass das wir hatten, nie mehr so sein wird, wie es war. Weil ich weiss, dass das was passiert ist, immer zwischen uns stehen wird, auch wenn wir so getan haben, als könnten wir es noch kitten. Weil ich weiss, dass du nie so viel von mir gehalten hast, wie ich von dir. Weil ich weiss, dass du weitergegangen ist, dass du ein neues Leben hast und ich zu deinem alten gehöre. Und weil ich weiss, dass du auch jetzt, nicht halb so viel an mich denkst, wie ich an dich.

Aber manchmal. Da tut es einfach noch verdammt weh.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen