Mittwoch, 9. November 2016

Gott schütze Amerika




Ich bin fassungslos. Der Präsident der vereinigten Staaten heisst Donald Trump. Und doch: Wieso bin ich eigentlich überrascht? Die Wahl dieses menschenverachtenden, bösartigen Individuums ist nur ein weiteres Symptom dafür, in was für einer verdrehten Welt wir (wieder einmal) leben.

Wir leben in einer Welt, in der Menschen lebensgefährliche Fluchten unternehmen müssen, weil ihr Land von Terroristen zerfetzt wird und wenn sie es dann in sichere Gebiete geschafft haben, wird ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen, weil wir Angst haben, sie könnten uns etwas wegnehmen von unserem Wohlstand. Aber die Manager, die aus Amerika oder England zu uns kommen, die keine Not treibt, ausser ihre eigene Gier, die heissen wir herzlich willkommen und stopfen ihnen mit Freuden unser Geld in den Rachen, damit sie auch ja nicht auf die Idee kommen, unser Land wieder zu verlassen, weil sonst ja die Wirtschaft zusammenbrechen würde.

Wir leben in einer Welt, in der wir Ausländern vorwerfen, sie würden uns die Jobs wegnehmen, dabei gibt es diese Jobs doch gar nicht mehr, weil sie nämlich schon von schlauen Menschen „eingespart“ und „wegrationalisiert“ worden sind. Wir leben in einer Welt in der millionenschwere Steueroptimierer als schlaue Geschäftsmänner gefeiert, aber Sozialhilfeempfänger pauschal als Betrüger abgestempelt werden. Wir leben in einer Welt, in der Bildung zu einem Schimpfwort degradiert und betrunkene Stammtischreden zu gesundem Menschenverstand erklärt wird. Wir leben in einer Welt, in der wir uns über die Penner echauffieren, die am Bahnhof abhängen, weil die ja „so nutzlos sind und ihr Leben vergeuden“, aber gleichzeitig sehen wir uns im Fernsehen Dokumentationen über Neureiche an, die in ihrem Whirlpool Champagner schlürfen.

Wir leben in einer Welt, in der Politiker behaupten, Homosexualität zerstöre die natürliche Liebe zwischen Mann und Frau, aber sie selber betrügen ihre Ehefrauen. Wir leben in einer Welt, in der fleissig Regeln aufgestellt werden, wie sich die „anderen“ zu benehmen haben, aber für uns selbst fordern wir die absolute Freiheit.  Wir leben in einer Welt, in der es okay ist Schwule und Lesben zu beleidigen, weil es halt so lustig ist, aber macht man sich über einen Despoten lustig, machen wir natürlich brav den Buckel.  

Wir leben in einer Welt, in der ein Staatsoberhaupt beschimpft wird, weil es in entscheidenden Momenten Menschlichkeit und Güte gezeigt hat. Wir leben in einer Welt, in der Anstand und Höflichkeit mit Schwäche gleichgesetzt wird, während Rücksichtslosigkeit und Unverfrorenheit als Stärke gilt. Wir leben in einer Welt, in der man findet an einer Vergewaltigung sei doch die Frau halt auch ein wenig Schuld, gleichzeitig aber über den frauenverachtenden Islam schimpft.

Wir leben in einer Welt, in der sich niemand darüber aufregt, wenn ein Sozialdemokrat als Sozialist und Kommunist verunglimpft wird, aber wehe man nimmt das Wort „Rechtsextremismus“ im Zusammenhang mit der SVP auch nur in den Mund. Wir leben in einer Welt, in der Volksverhetze und Hasspredigten als „mal kurz meine Meinung sagen“ verharmlost wird. Wir leben in einer Welt, in der der Versuch sein Leben nach gewissen Werten zu gestalten, als „Gutmenschentum“ verspottet wird und in der jede Handlung, mag sie auch noch so gut sein, misstrauisch hinterfragt und niedergemacht wird. Wir leben in einer Welt, in der lieber das Risiko eingegangen wird, dass wir alle mit einem AKW in die Luft fliegen, als die heilige Wirtschaft zu gefährden. Wir leben in einer Welt, in der dieselben Parteien, die vom glorreichen Geschenk der Demokratie faseln, nach der absoluten Macht streben. 

Wir leben in einer Welt, in der jedes Land auf seine Unabhängigkeit und seine Eigenheiten pocht, aber vergisst, was uns alle verbindet. Wir leben in einer Welt, in der gewählte Volksvertreter sich als „Landesverräter“ betiteln lassen müssen, weil sie nach ihrem eigenen Gewissen abstimmen. Wir leben in einer Welt, in der brandgefährliches und zerstörendes Gedankengut als „revolutionär“ und „volksnah“ umjubelt wird. Wir leben in einer Welt, in der uns ins Gesicht gelogen wird und wir, wir lassen es noch zu, weil es so ja viel bequemer ist, als wenn man sich mal ein Buch durchlesen oder eine Zeitung aufschlagen würde. Wir leben in einer Welt, in der jetzt gerade viele auf Trump anstossen, weil sie glauben, sie hätten einen Mann des Volkes gewählt, obwohl er während seiner Kandidatur doch immer wieder klargemacht hat, dass er mindestens die Hälfte seines Volkes nicht ausstehen kann.

Und so passt es vielleicht doch ganz gut, dass Trump Präsident geworden ist. Es wäre zum Heulen, wenn es nicht so sehr zum Kotzen wäre.

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