Sonntag, 30. Oktober 2016

Gedanken zur Fasnacht

http://www.bernerzeitung.ch/region/oberaargau/Der-Fingerzeig-eines-Altgedienten/story/29854494



Ein wenig grinsen musste ich ja schon, als ich den Artikel über Schnitzelbänke im „Langenthaler Tagblatt“ las. In dem stand nämlich das, was wir – der Clanum – schon seit Jahren prophezeien: Wir haben ein Nachwuchsproblem. Denn während die Guggen in Langenthal wunderbar florieren und gedeihen, schmelzen die Schnitzelbänke dahin, wie ein Schneemann in der Sonne. Ohne dass jemand sich besonders darum gekümmert hätte. Und auch jetzt kam das Thema nur auf den Tisch, weil ein Schnitzelbänker – Smouki – die Frage in den Raum geworfen hat: Wollt ihr uns überhaupt noch?

Eine berechtigte Frage. Allerdings muss man sagen, dass man den Schwarzen Peter jetzt nicht einfach den Organisatoren, sprich, der Langenthaler Fasnachtsgesellschaft zuschieben darf.
Es gibt viele Gründe wieso es schwierig ist, Nachwuchs für Schnitzelbänke zu „züchten.“ Ein Grund ist sicher, dass in einer Schnitzelbank der Einzelne viel mehr im Mittelpunkt steht, als in einer Guggenmusik, weil sie – im Normalfall – bedeutend kleiner ist. In einer Gugge ist man anonymer, als wenn man zu dritt oder zu viert (oder sogar einzeln) auf einer Bühne steht. Für viele Menschen – gerade für  junge – ist die Hemmschwelle riesig, wenn es darum geht, sich vor ein Publikum zu stellen.

Weil eine Schnitzelbank normalerweise eher klein ist, ist die Last auch auf wenigen Schultern verteilt, weshalb jedes Mitglied eine grosse Verantwortung für das Gelingen des Auftritts trägt. Bedeutet: Jeder muss seinen Text können, jeder muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, jeder muss beim Auftritt den Kopf bei der Sache haben.  Und Krankheitsausfälle – in der Winterzeit nun wahrlich keine Seltenheit – treffen Schnitzelbänke viel härter. Bei einer grossen Gugge mag es nicht so schlimm sein, wenn mal ein Instrument fehlt, in einer Schnitzelbank heisst es dann schnell mal: So dezimiert können wir die Auftritte nicht machen. Und das alles führt zu einem gewissen Druck. Ich muss gesund sein. Ich muss meinen Text können. Ich muss präsent sein.

Auch der Zeitaufwand ist enorm. Eine Schnitzelbank macht man nicht einfach so nebenbei. Kostüme werden genäht, Helgen gezeichnet, Verse geschrieben…schon die Vorbereitung verschlingt weit mehr als nur ein paar Stunden. Dann kommen noch die Proben hinzu, je nach Schnitzelbank werden sogar noch Choreographien einstudiert oder Musikstücke arrangiert. Und die Fasnacht selbst? Wenn man nicht gerade das Glück hat ein Freiberufler zu sein, gibt man dafür Ferientage her. Da man ein gewisses Pflichtprogramm hat, kann man nicht nach zwei Restaurants sagen: „Okay, ich geh dann mal nachhause, ich muss morgen früh raus!“ Wenn du als Aktiver an die Fasnacht gehst, musst du sie auch durchziehen.

Und das alles machst du unentgeltlich. Nicht nur das, du zahlst sogar noch drauf. Denn gratis bekommst du nichts. Du zahlst die Kostüme selbst, du zahlst das Material selbst, du zahlst auch die Aktivplakette, du zahlst an der Fasnacht deine Getränke und auch dein Essen selbst. In Langenthal ist es nicht üblich, nach dem Vortragen der Verse, eine Kollekte einzuziehen. Finanziell ist es also ebenfalls ein Aufwand.

Und wenn dieser Aufwand nicht honoriert wird, überlegt man es sich zweimal, ob man sich alles noch einmal antun will. Leider ist es – aus meiner Sicht, ich will nicht für den ganzen Clanum sprechen – aber nun einmal so, dass die Wertschätzung in Langenthal oft fehlt. Sogar so grundlegende Dinge wie Respekt und Achtung fehlen.

Wie würdet ihr euch denn fühlen, wenn ihr viel Zeit, Liebe und Mühe in ein Projekt steckt, nur damit ihr am nächsten Tag in der Zeitung lest, dass ihr eher irritiert als begeistert? Oder wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr euch – berechtigte Kritik – zu Herzen nehmt, das Konzept überarbeitet und an den Versen schleift, nur um dann festzustellen, dass man euch nicht einmal zuhört? Wie würdet ihr euch fühlen, wenn eine Schnitzelbank sich auf eure Kosten – und auf die Kosten von anderen Schnitzelbanken – auf übelste Art und Weise lustig macht, um sich damit zu profilieren? Wie würdet ihr euch fühlen, wenn euch wildfremde Menschen ins Gesicht sagen, wie scheisse ihr doch seid? Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ein Stadtpräsidentskandidat im Fasnachtsnewsletter Gruppen verhöhnt, die nicht singen können und ihr genau wisst, dass er euch damit meint? Wie würdet ihr euch fühlen, wenn der amtierende Stadtpräsident sich bei der Anmoderation schon über euch lustig macht, ohne die aktuellen Verse überhaupt je gehört zu haben? Wie würdet ihr euch fühlen, wenn in der Zeitung süffisant darüber geklagt wird, dass guter Schnitzelbanknachwuchs fehlt?

Würdet ihr euch da geliebt, geschätzt und gefördert fühlen? Oder eher ein bisschen verarscht und gedemütigt? Und da fragt sich die LFG ernsthaft, wieso sich nicht mehr junge Menschen als Schnitzelbank auf die Bühne wagen?

Mit Kritik muss man als Kunstschaffende umgehen können. Aber mit konstruktiver Kritik und nicht mit diesem: Ich mach dich jetzt fertig, weil ich geil und betrunken bin. Ich kann mich zudem des Verdachts nicht erwehren, dass man mit uns behutsamer umgegangen wäre, wenn wir keine No – Names, sondern Anwälte, Ärzte oder Lehrer wären. Und das ist nicht fair. Ausserdem: Wenn wir ein jetzt ein riesiges Angebot an tollen Schnitzelbänken hätten, so wie in Basel, könnte ich es noch nachvollziehen, wenn man an uns herumkritisieren würde. Aber wenn die Nachfrage grösser ist als das Angebot, sollte man vielleicht einfach mal die Klappe halten und sich darüber freuen, dass überhaupt jemand noch etwas macht. Die andere Variante wäre, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Denn wenn alle, die sich über die Schnitzelbänke das Maul zerreissen, selbst mal auf die Bühne stellen würden, hätten wir keine Knappheit an Schnitzelbänken, sondern einen Überschuss.

Wieso macht sie es denn überhaupt, wenn alles so scheisse ist, mag sich der Leser oder die Leserin denken. Nein, es ist natürlich nicht alles scheisse. Es gibt immer diese Momente, die einfach unvergesslich sind und die dich für alles entschädigen. Der Moment, wenn du die erste Beiz betriffst und mit einem: „Cool, seid ihr wieder da!“ begrüsst wirst.  Der Moment, wenn dir dein Vers nicht mehr einfällt, du irgendetwas zusammenbrabbelst und doch noch irgendwie eine Pointe hinbekommst. Der Moment, wenn die Leute stehen bleiben, um die Kostüme zu bewundern. Der Moment, wenn du es schaffst das Publikum so abzuholen, dass sie nach einer Zugabe rufen. Der Moment, wenn du mit anderen Aktiven auf deinen Auftritt wartest und dabei Erfahrungen austauschst. Der Moment, wenn dir jemand sagt: „Ihr seid so wahnsinnig kreativ. Das war das beste heute Abend!“ Der Moment, wenn du nach einem schlimmen Auftritt dir mit deinen Schnitzelbankkollegen Luft machst. Der Moment, wenn du mit einem Security darüber diskutierst, wer mehr frieren muss. Der Moment, wenn du begreifst, dass du in einem Restaurant als Highlight geahndet wirst. Der Moment, wenn der Fasnachtsober zu dir sagt: „Ihr habt euch super entwickelt.“ Der Moment, wenn die anderen Schnitzelbänke dir Mut machen und sagen: „Gebt nicht auf.“  

Eigentlich gibt es eine ganz bestimmte Szene, die genau das zusammenfasst, wieso ich es mache: Wir waren einmal im Bierhaus, uns wurde – wie immer in diesem Lokal – der Auftritt mit Zwischenrufen und Beleidigungen schwer gemacht, aber da gab es einen Tisch, der aufmerksam zuhörte. Unser letzter Vers war eine veränderte Version vom Erlkönig, ein Scherz, der von vielen nicht verstanden wurde. Aber diese Menschen an diesem Tisch verstanden ihn und während um sie herum gespottet und gelärmt wurde, lachten sie aus vollem Herzen…und rezitierten parallel das Originalgedicht. Und genau das ist der Kern: Es gibt wahnsinnig viele Arschlöcher, die an der Fasnacht ihr wahres Gesicht zeigen. Aber egal wie viele Arschlöcher auf einen Haufen sind: Es gibt immer die aufmerksamen, freundlichen und humorvollen Zuhörer, die alles wieder wettmachen.   
Wisst ihr was  ich mir für die Langenthaler Fasnacht wünsche? Dass sie endlich mal aus ihrem starren Tritt herauskommt! Gäng wie gäng – ich kann’s nicht mehr hören! Natürlich gibt es Traditionen, die wir unbedingt beibehalten müssen – Bärenbande, Gemeinderatsfischen, Umzug – aber bei anderen Anlässen, wie zum Beispiel dem Gönnerabend – muss man den Mut haben, ausgetretene Pfade zu verlassen.

Habt ihr schon einmal deutsche Fasnacht geschaut? Dort wird das Ganze wie eine Show aufgezogen. Egal ob Gesang, Tanz, Comedy, Reden oder Theater, alles findet hier seinen Platz, Hauptsache es ist lustig und unterhaltsam. Wenn man eine farbige, offene und kreative Fasnacht will, muss man eine lebendige Kleinkunstszene schaffen, die ihr Können an der Fasnacht zeigen kann. Wenn man Nachwuchs will, wenn man Leute motivieren will, dann darf man auch nicht gleich hysterisch werden, wenn eben dieser Nachwuchs auch anderes ausprobieren möchte.

Denn betrachten wir die Situation doch mal ganz nüchtern: Das FKK (Fasnachtskleinkunst) ist eingegangen, weil der Verantwortliche aufgehört hat und die Nachfolger das Handtuch geschmissen haben. Das Konfetti, ein Ersatzanlass, wurde eingestellt, nachdem man es ein einziges Mal durchgeführt wurde. Der Gönnerabend dümpelt vor sich hin. Die Fasnacht braucht neue Leute, weil sie neue Impulse braucht. Ansonsten werden nicht nur die Schnitzelbänke eingehen, auch ein Stück der Fasnacht – jener Teil abseits der Gassen – wird absterben.

Übrigens im Langenthaler Fasnachtsbuch steht wörtlich: „Was aber neben den bereits existierenden Schnitzelbänken als sicher willkommene Alternative und Ergänzungen zur bereits existierenden Fasnachtskultur passen würde, wären neue und alte Fasnachtsformen wie intrigierenden, mit dem Publikum spielende Einzelmasken oder Gruppen, Strassentheater, Gaukler, Bänkelsänger, Clowns, kleinere Musikgruppen, kleine und feine Töne, grosse und grobe Töne, ausgefallene, neue, alte Musikinstrumente, Spieler, das Publikum einbeziehende Komödianten, fliegende, umherziehende Händler, vielleicht auch vermehrt das dämonische Wintervertreibungselement, die wilde erschreckende Urtümlichkeit des Maskentreibens, Commedia, Carnevale…Betrieb auf den Strassen, Träumerisches, varietémässige Unterhaltung, andere, feinere, gröberes, andersklingende Musik, Schauspiel, Produktionen, Attraktionen, ganzheitliche Abhandlungen eines Themas: Die Fasnacht böte Spielraum und Nährgrund für vielerlei Aktivitäten…(Die Langenthaler Fasnacht, Merkur Verlag, s.37, letzter Absatz).

Das wurde 1994 geschrieben. Und was wurde aus dieser grossen, wunderbaren Vision? Nichts. Oder um es anders zu sagen: Gäng wie gäng. Schade. Aber wer weiss: Wenn die neue Generation übernimmt – und irgendeinmal wird sie übernehmen – könnte sie wahr werden.

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