Montag, 24. Oktober 2016

Auf dem Trockenen



Ich trinke keinen Alkohol und manchmal werde ich gefragt: Wieso denn nicht? Man vermutet da schnell religiöse oder gesundheitliche Gründe dahinter oder denkt, dass es mit einem bestimmten Lifestyle zusammenhängt oder aber, dass irgendeine tragische Geschichte dahintersteckt. Die Wahrheit ist: Ich weiss es selbst nicht so genau, wieso ich mich einmal entschieden haben, dass ich keinen Alkohol anrühren will.

Ein Grund ist sicherlich, dass ich zu jenen Menschen gehöre, die nicht unbedingt lustig werden, wenn sie Alkohol genossen haben. An meinem achtzehnten Geburtstag war ich das erste und einzige Mal in meinem Leben leicht beschwipst und diejenigen, die dabei waren, bestätigen alle, dass ich keine sonderlich angenehme Gesellschaft war. Ich war gereizt und müde. Warum sollte ich mich also betrinken, wenn ich davon schlechte Laune bekomme?  

Ein weiterer Grund ist, dass ich betrunkene Menschen meist als unangenehm empfinde. Bei meiner Abschlussparty im zehnten Schuljahr waren meine Klassenkameraden sturzbesoffen. Und zwar schon bevor die eigentliche Party angefangen hat. Vorglühen und so. Es war kein schöner Anblick. Am Boden lagen halbbewusstlose, lallende Jugendliche, andere hingen kotzend über der Kloschüssel und wieder andere waren total anhänglich und knutschten alles, was nicht bei drei auf dem Baum war. Ich fand das nicht lustig. Eher peinlich.

Damit will ich nicht sagen, dass es mich stört, wenn jemand ein Bier trinkt oder ein Glas Champagner bestellt. Und wenn jemand angetrunken ist, sehe ich das auch nicht so eng. Oder wenn man feiert, dabei halt mal ein Glas zu viel kippt und am nächsten Morgen denkt: Ups, was hab ich denn jetzt getrieben?  

Aber mich stört dieses Ausarten, dieses strategische Besaufen, bis man nicht mehr stehen kann und nicht mehr weiss, was man labert.  Und ganz ehrlich? Mich regt es auch auf, wenn ich dann die „Leichen“ zusammensammeln darf, nur weil ich die einzig Nüchterne bin. Nicht, weil ich nicht hilfsbereit bin, sondern weil ich nicht verstehen kann, wieso man sich freiwillig in einen solchen Zustand der Abhängigkeit versetzt.

Und was ich definitiv gar nicht leiden kann ist dieses Herumprahlen. „Boah, hey Alter, letzte Nacht war ich so besoffen, ich konnte nicht mehr geradeaus gehen.“ Ja, super, toll. Du hast es geschafft übermässig viel schädliche Flüssigkeit in dich reinzuschütten. Brauchst du einen Pokal oder reicht eine Medaille? Früher hat man die Länge des Penis verglichen. Heute redet man darüber, wer der grössere Schluckspecht ist.

Da verstehe ich die Logik mancher Leute einfach nicht. Wenn jemand alkoholsüchtig ist und auf der Strasse landet, gilt er als Ausgestossener. Und dann findet man plötzlich, man fühle sich nicht mehr sicher in deren Gegenwart. Ich persönlich habe aber bedeutend weniger Angst vor den Alkoholangängigen auf dem Wuhrplatz oder auf dem Bahnhof Bern, als vor den betrunkenen rechtschaffenen Leuten, die in ihrem benebelten Zustand mal so richtig über die Stränge lassen wollen und dabei die Grenze nicht mehr sehen.

Ich möchte nicht, dass man Alkohol verbietet, wirklich nicht. Ein Grossteil der Bevölkerung geht ja verantwortungsbewusst damit um. Trotzdem finde ich es seltsam, wie oft und ausgiebig über richtige und gesunde Ernährung diskutiert wird, während übermässiger Alkoholkonsum oft nur mit einem Schulterzucken quittiert wird. Wenn ich entscheide mich nur noch von Schokolade zu ernähren, schade ich damit ja nur mir selbst. Wenn ich mich betrunken hinter das Steuer setze, riskiere ich damit das Leben von anderen. Beim Passivrauchen machen alle einen riesigen Wirbel, aber ehrlich gesagt ist mir lieber, wenn mich mein Gegenüber räuchert, als wenn er mir in den Schoss kotzt.

Ein kleines bisschen ist meine Weigerung Alkohol zu trinken, auch Protest. Alle machen es – also mache ich es nicht. Inzwischen zelebriere ich das auch ganz schön und benutze es, um mich bewusst zur Aussenseiterin zu machen. Das bestätigt viele in ihrem Urteil, ich sei brav und bieder. 

Aber irgendwie stimmt das auch. Ich bin nun einmal keine Rebellin.

Und wenn du nach diesen Zeilen denkst, na, wenn ich die das nächste Mal sehe, fülle ich sie ab: Vergiss es. Du wärst nicht der Erste, der das versucht.


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