Dienstag, 6. September 2016

Und täglich grüsst die Wahlwerbung



Was tust du dir da eigentlich an, dachte ich seufzend heute Morgen als ich widerstrebend aus meinen warmen Bett kroch und ins Bad schlurfte, um mich mithilfe von Schminke so aufzupeppen, dass ich nicht mehr aussah wie ein Zombie auf Entzug, sondern zumindest entfernt Ähnlichkeit mit einem Menschen annahm. So früh aufstehen, das mache ich eigentlich nur, wenn ich arbeiten muss und nicht an einen meiner kostbaren, freien Tage, die ich mit Vorliebe im gemütlichen Pyjama auf dem Sofa verbringe. Aber nicht heute. Heute trieb mich mein politisches Pflichtbewusstsein auf die Strasse. Denn jetzt ist wieder die Zeit, wo man überall in der Stadt diese netten Flyers mit noch netteren Gesichtern in die Hand gedrückt bekommt.  

Ehrlich gesagt gehöre ich auch eher zu den Menschen, die solche Verteilaktionen eher meiden – ausser es gibt was zum Essen. Und genau deshalb habe ich mich bis jetzt auch immer vor solchen Aktionen gedrückt. Aber wer grossartig verkündet, er wolle sich jetzt mehr einbringen, der muss auch die Zähne zusammenbeissen und auch mal den Hintern hochkriegen. Also schleppte ich mich wohl oder übel mit hängenden Augenlidern, in der Dunkelheit des herannahenden Morgens, auf den Bahnhof, wo wir den heraneilenden Pendler Gipfeli in die Hände drückten und ihnen nebenbei noch die eine oder andere Wahlempfehlung unterschmuggelten.

Es war aber gar nicht so mühsam, wie ich gedacht hatte. Schon am Samstag, als ich bei der Telefonaktion mitmachte (dabei ruft man potentielle Wähler und Wählerinnen an), war ich erstaunt, wie freundlich und interessiert die meisten Angerufenen reagierten. Okay, bei einer Person war ich nicht so sicher, ob sie überhaupt verstand, was ich da schwafelte. Sie sprach sehr schlecht Deutsch, sagte aber immer brav „Ja“ als ich meine „Wähle – doch – SP – wir – sind – super – Motivationsrede abspulte. Und ein anderer, sehr sympathischer Herr giftete mich an, er wähle bestimmt keine Frau und ich solle ohnehin lieber lernen wie man ein anständige Rösti macht, statt so blöd herumzupolitisieren.    

Von solchen Kommentaren blieb ich heute am Bahnhof verschont, die meisten nahmen das Gipfeli strahlend in Empfang und die Wahlwerbung im Kauf – auch wenn der eine oder andere Wahlflyer gleich in den nächsten Papierkorb oder sogar auf dem Boden landete (also echt jetzt Leute: Ich kann verstehen, wenn ihr nicht jeden Zettel mit rumschleppen wollt und ich kann auch nachvollziehen, wenn ihr mit Politik nichts am Hut habt, aber das rechtfertigt noch lange nicht, dass ihr euren Abfall einfach wegschmeisst!)

Ich war auch überrascht, dass es mir relativ leicht fiel, auf die Menschen zuzugehen. Schliesslich bin ich jetzt nicht gerade die extrovertierteste Person auf Erden. Aber irgendwie kamen mir die fünf Jahre, die ich jetzt schon im Verkauf verbracht habe, zugute. Menschen anzulächeln und sie anzusprechen gehört ja zum Berufsalltag.

Ein bisschen schwieriger war es später in der Marktgasse. Manche Besucher des Wochenmarktes schlugen mit einem geradezu panischen Gesichtsausdruck einen riesigen Bogen um uns und der eine oder andere verdrehte auch entnervt die Augen, so à la schon wieder Wahlwerbung. Andere jedoch waren durchaus bereit für ein kleines Schwätzchen und sei es nur, um sich darüber zu beschweren, was in der Politik alles schiefläuft oder um stolz zu berichten, dass man sein Wahlrecht selbstverständlich immer ausübe.

Da ich mich in der Langenthaler Politikszene noch nicht sonderlich gut auskenne, passierte es hin und wieder, dass ich unser Wahlmaterial dem einen oder anderen in die Finger drückte, der damit definitiv nichts anfangen kann. So gab ich einer schmunzelnden FDP – Politikerin ein Gipfeli mit (nachdem ich den „Irrtum“ bemerkte, war es zu spät, ihr dieses wieder zu entreissen) und wollte Stefan Costas Mutter die Flyer von Reto Müller andrehen (zu meiner Verteidigung: Sie sah ihm überhaupt nicht ähnlich).

Eine etwas unangenehmere Begegnung hatte ich dann doch noch. Als ich mit meinem „Hallo – schön – Sie – zu – sehen – Lächeln“ auf einen älteren Herrn zuging, sah mich der schon so vernichtend an, als hätte ich keine Wahlflyer in der Hand, sondern kleine Atombomben. Und als ich ihm dann einen Glückskeks (ich meine, wie kann man etwas gegen Glückskekse haben?) von unserem Stapi – Kandidaten mitgeben wollte, erklärte er mir im ziemlich ruppigen Ton, er habe schon gewählt und nur damit ich es wisse, er wähle grundsätzlich Qualität und nicht Quantität. Dann zottelte er davon.

Ich schnallte zuerst überhaupt nicht, was er meinte. Hat die SP für ihn zu viele Kandidaten auf der Liste? Wohl kaum, die anderen grossen Parteien schlagen ja gleich viele Kandis vor. Dann wurde mir klar, dass er sich mit seiner Aussage wahrscheinlich auf die Stapi – Kandis bezog, was dazu führte, dass ich vor meinem geistigen Auge die Körperformen der Drei anfing zu vergleichen, da ich dachte, er bezöge sich mit seiner Aussage vielleicht auf das Gewicht der glorreichen Drei.

Allerdings fand ich’s dann doch etwas seltsam, die Wahlentscheidung davon abhängig zu machen, wie schwer oder leicht jemand ist und sann weiter über diese rätselhafte Aussage nach. Schliesslich fiel der Groschen: Er meinte wahrscheinlich, er wähle nicht den Kandidaten, der sich am meisten präsentiert, sondern den, den er für den qualitativ besseren hält – bei seiner latenten Boshaftigkeit mir gegenüber nehme ich jetzt mal an, dass er damit Costa meint.

Manchmal steh ich echt auf dem Schlauch. Aber dass sich die Leute auch immer so kompliziert ausdrücken müssen. Wieso sagen sie nicht einfach: „Ich finde A doof, darum wähle ich B.“ Ist ja nicht so, als würde ich ihnen das Gipfeli ins Gesicht schmeissen, nur weil sie nicht so wählen, wie ich mir das wünsche. Wobei, auf diese Weise bliebe man sicher im Gedächtnis der Leute. Und würde sich zumindest erfolgreich gegen die Behauptung wehren, Politiker seien Schleimer.

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