Dienstag, 27. September 2016

Die Krone ist noch in der Gosse



Also eigentlich bin ich ja viel zu spät für einen Wahlkommentar. Wirklich. Andere waren da wesentlich schneller. Aber naja, was soll ich sagen: Ich war beschäftigt. Meistens schreibe ich Blogs abends nach der Arbeit. Gestern mussten wir noch die Adventskalender aufstellen, was nicht nur die Konsequenz hatte, dass ich danach aussah wie eine Glitzerfee, sondern auch, dass ich – sehr zum Unmut meiner Katzen – erst sehr spät nachhause kam. Ich war so müde, dass ich nicht einmal mehr imstande war, „Wahlen“ richtig zu buchstabieren (möglicherweise entwickle ich aber auch einfach langsam eine Allergie auf das Wort).

Ja, die Würfel sind gefallen (ich wollte es eigentlich auf lateinisch schreiben, aber ich bin gerade zu faul zum Nachschlagen. Aber lateinisch wäre es dramatischer oder?). Oder so halbwegs gefallen, weil eine Entscheidung – und eigentlich die spannendste! – blieb noch aus.
Aber erst mal zu mir: Ich bin ehrlich gesagt komplett verblüfft, dass ich über 800 Stimmen gemacht habe. Für jemanden der jetzt gerade zu den Menschen gehört, dem es leicht fällt, Sympathien zu wecken (ich meine, ich war schon immer „die Komische“ und die „Gestörte“), finde ich das gar nicht so schlecht. Es ist schön zu wissen, dass ich nicht das einzige verrücke Einhorn in Langenthal bin. An alle, die so nett waren, mir ihre Stimme zu geben: Möget ihr nie das Talent verlieren, Regenbögen zu pupsen!

Und was hat mir diese Kandidatur nicht persönlich alles gebracht. Ich meine, ich bin jetzt quasi ein neuer Mensch. Gereifter. Klüger. Ausgeglichener. Eine weise Frau, die Homer liest und Shakespeare zitiert, statt in Harry Potter zu schmökern und alte GNTM Folgen zu schauen. Ja, ich würde sagen, ich bin erwachsen geworden, ich habe das Nest verlassen und bin jetzt ein stolzer Adler, der durch die Lüfte segelt, kein graues Küken mehr, das sich verkriecht…

Was für ein Stuss. Ich bin noch genau dasselbe sarkastische, ironische Biest wie vorher (also natürlich bin ich ein schön glitzerndes Biest). Mich selber gefunden habe ich also immer noch nicht. Falls mich jemand aufstöbert, kann er mir ja eine Karte schicken. Nein, ernsthaft, es war schon eine Erfahrung. Irgendwie. So schnell brauch ich’s jetzt allerdings auch nicht wieder.
Aber wisst ihr was? Das Wahltheater hat sich gelohnt! Weil die SP Langenthal nämlich tatsächlich zugelegt hat! Während die nationalen Abstimmungsvorlagen (Grüne Wirtschaft, AHV – Plus und NDG) allesamt nicht zu unseren Gunsten ausfielen, gab es in Langenthal einen sanften Rutsch nach links. So hat die SP jetzt einen Sitz mehr im Stadtrat. Und im Gemeinderat nimmt neu ein Grüner Platz (also damit will ich sagen, dass er bei den Grünen Parteimitglied ist. Nicht, dass er grün hinter den Ohren ist. Oder ein Marsmensch. Oder ein Rosenkohl).

Was besonders schön ist, ist die Tatsache, dass es bei uns keine Abwahl gegeben hat.  Das stelle ich mir echt schlimm vor. Weil es ja auch nicht fair ist. Es heisst ja nicht, dass jemand, der abgewählt worden ist, schlechte Arbeit geleistet hat, denn das kann man ja als Normalbürger schlichtweg nicht beurteilen. Wie sollen wir auch? Wir wissen nicht, wer seine Dossiers gut kennt, wer zu spät zu Sitzungen kommt, wer über ein breitgefächertes Fachwissen verfügt und wer ein stiller Schaffner ist. Wie sollen wir uns da ein Bild machen können, von der politischen Arbeit eines Menschen, wenn wir nur die glattpolierten, lächelnden Gesichter auf den Wahlplakaten sehen? Insofern ist es bei Wahlen leider nicht so, dass die Früchte harter Arbeit immer geerntet werden können. Manchmal wird einem der Früchtekorb auch durch blosse Zufälligkeiten wieder entrissen.

Oder die Früchte bleiben einfach noch am Baum hängen. So wie bei der mit Spannung erwarteten Wahl des Kaisers…äh Königs…äh ich meine natürlich des Stadtpräsidenten. Da kam es nämlich zu keiner Entscheidung, keiner der Kandidaten erreichte das absolute Mehr. Wobei ich hier schon noch anmerken möchte, dass unserem Stapi – Anwärter „nur“ 38 Stimmen fehlten. Aber es sind nun einmal Stimmen, die man hat oder eben nicht hat.

Verursacher dieses zweiten Wahlganges ist das Überraschungsei Hans-Jürg Schmied, das sich im letzten Moment geöffnet und sich in den Wahlkampf eingeschaltet hat. Er blieb – wie erwartet – chancenlos.

Die drei Musketiere sind damit endgültig auseinandergebrochen, denn während Schmied nun automatisch ausscheidet, geht es bei den Verbliebenen nun wirklich um die Krone. Und jetzt, wo der Thron nur noch darauf wartet, von einem neuen Hintern gewärmt zu werden, werden die Degen aus den Scheiden gezogen (ja, ich hab’s gerade mit Sprachbildern. Ich hoffe natürlich nicht, dass jemand der beiden Herren tatsächlich zu einer Waffe greift).

Dennoch, vielleicht bilde ich es mir ja ein, aber wenn ich mir das erste Interview ansehe, dass die beiden Übriggebliebenen kurz nach der feierlichen Verkündung des Resultats gegeben haben, glaube ich, dass der Ton beim FDP - Mann schon eine Spur schärfer geworden ist. Das Lächeln vielleicht einen Hauch angestrengter als sonst, die Aussagen merklich markiger und angriffiger. Was logisch ist, weil er nämlich etwa 200 Stimmen weniger gemacht hat als Reto Müller. Was aber laut Costa total positiv ist, weil er jetzt von hinten angreifen kann. Und weil er ja Freude hat, dass es auch einem langjährigen Gemeinderat nicht gelungen ist, einfach durchzumarschieren, was ja auch etwas hiesse (ist das eigentlich die Superkraft von Politikern? In allem irgendetwas Positives, Motivierendes und Inspirierendes zu sehen? Ich wette, wenn ein Meteor einschlagen und die Hälfte der Welt draufgehen würde, würden manche Politiker sagen: „Immerhin hat die Erde jetzt ein Gratis – Makeover bekommen“ oder „jetzt können wir endlich nachvollziehen, wie sich die Dinosaurier damals gefühlt haben).

Lasst uns nicht mehr über Stefan Costa reden, lass uns lieber über Reto Müller reden, der es schaffen könnte, Stadtpräsident zu werden. Ich glaube, er wäre eine gute Wahl. Nicht weil er Sozialdemokrat ist oder weil er diesen Blog manchmal liest oder weil er hübsche Plakate und eine kreative Wahlkampagne hat. Sondern weil er ehrliches Interesse an den Menschen hat und ihnen zuhört, egal aus welchen Bildungsschichten sie kommen oder aus welchem Land sie stammen oder bei welcher Partei sie Mitglied sind. Und das nicht erst, seit er Kandidat fürs Stadtpräsidium ist. Von einem Stapi, der eine natürliche Freundlichkeit ausstrahlt und dem es dadurch gelingen könnte, die Stadt zu verbinden, würden am Ende alle profitieren.

Und ich verspreche: Das war jetzt für eine Zeitlang die letzte Wahlempfehlung in diesem Blog! Ausser Langenthal hat wieder ein paar Problemchen mit den Zettel auszählen (Wahlzettel und Langenthal führen eine schwierige Beziehung) und wir müssen noch mal an die Wahlurne. Möglicherweise noch an Weihnachten. Dann gehört meine Stimme allerdings dem wunderschön geschmückten Tannenbaum in der Marktgasse.

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