Freitag, 9. September 2016

Die falsche Farbe

Okay, ich bin doof! Total doof! Da will ich einmal an einem Schreibwettbewerb teilnehmen...und ich Vollpfosten verwechsle Zeichen mit Wörter! Gemerkt habe ich meinen Irrtum erst, als ich meine Kolumne für unsere Parteizeitschrift geschrieben habe...und mich gefragt habe, wieso ich jetzt auf einmal so viel Platz zur Verfügung habe. Das Resultat ist, dass mein Text etwa viermal so lang ist, wie er sein dürfte...weshalb ich natürlich von vornerein ausgeschieden bin. Naja, vielleicht ein Zeichen, dass ich für Wettbewerbe nicht unbedingt tauge, schon gar nicht, wenn eine Längenvorgabe dabei ist. Oder, dass es mit meinem Leseverständnis nicht weit her ist.

Weil ich die Story aber ehrlich gesagt ziemlich gut finde,  beglücke ich euch jetzt damit. Das Thema war "ROT" und weil es ein SP - Schreibwettbewerb war, war es für mich ziemlich naheliegend (wenn auch nicht sonderlich kreativ), die politische Färbung zu thematisieren. Farbe bekennen und Farbe zeigen, ist das wirklich immer ungefährlich? Ist der immer schärfere Ton in der Politik wirklich ein Gewinn? Ist es richtig, dass wir den Wutbürgern immer mehr Macht einräumen? Und müssen wir nicht aufpassen, dass wir bei all den Shitstorms, all den Hassbekundungen und all der Wut, nicht etwas auslösen, das wir nicht mehr stoppen können? Gedanken, die in diese Geschichte geflossen sind, die auch für mich selbst, eine Warnung und eine Ermahnung ist, die Grenze nicht zu überschreiten.


Die falsche Farbe

Hannah gehört zu jenen Prozentsatz von Menschen, denen Unpünktlichkeit nicht nur verhasst ist, sondern für die eine Uhr eine von gottgegebene Weisung an die Menschheit darstellt. Einen Verstoss gegen die heilige Zeit ahndet sie mit äusserster Strenge. Allerdings ist sie gerecht genug, auch mit sich selbst hart ins Gericht zu gehen, wenn die von ihr so verehrten Zeiger schneller am Ziel sind als sie. Und genau deshalb befindet sie sich in gerade in einem Zustand aufgelöster Panik und rast wie von Sinnen auf einem Hello – Kitty –Drahtesel durch die belebten Strassen von Bern, wobei sie wie alle Fahrradfahrer in dieser Stadt, nicht nur die Verkehrsregeln, sondern auch die anderen Verkehrsteilnehmer grosszügig ignoriert.

Natürlich ist es nicht ihre Schuld, dass sie zu spät zur Uni kommt, schliesslich ist sie wie jeden Morgen um Punkt Sechs aufgestanden, hat exakt fünf Minuten für die Dusche investiert, sich die übliche Viertelstunde Zeit genommen ihr Müsli zu essen und schliesslich genau zehn Minuten für die Schönheitspflege gebraucht. Alles genau im Zeitplan, wobei sie natürlich auch so unvorhersehbare Dinge wie der Gang zur Toilette selbstverständlich eingerechnet hat. Nicht eingerechnet hat sie allerdings, dass bei ihrem vermaledeiten Fahrrad die Kette herausspringen würde; und da Hannahs handwerkliches Talent selbst von einem Murmeltier mit amputierten Pfoten übertroffen wird, hat sie sich notgedrungen vor ihrer kleinen Schwester in den Staub werfen müssen, um von ihr den Schlüssel zu deren Rad zu erbeten. Das hat einige Zeit in Anspruch genommen, da Lea sich natürlich angestellt hat, als hätte Hannah um eine Niere von ihr gebeten und nicht um ein läppisches Rad. Jetzt ist sie viel zu spät dran für eine der wichtigsten Vorlesungen dieses Semesters und das nur wegen dieser blöden Nervensäge namens Lea. Sie hat ohnehin nie nachvollziehen können, wieso ihre Eltern nach ihr unbedingt noch ein Kind in die Welt setzen mussten. Wo sie doch schon die perfekte Tochter gehabt hätten. Nämlich sie.

Während sie noch über die nicht eingesetzten Verhütungsmittel ihrer Eltern flucht, biegt sie mit viel Schwung in die nächste Kurve ein, fährt rasant über die Tramschienen und schlängelt sich geschickt um mehrere Kinderwagen. Sie kann es noch schaffen, wenn sie jetzt kräftig in die Pedale tritt. Zu spät kommen ist einfach keine Option. Auch wenn ihre Brust sich anfühlt, als würde sie jeden Moment in Flammen aufgehen, auch wenn der Schweiss der über ihre Stirne strömt, inzwischen den Niagara – Fällen ernsthaft Konkurrenz macht, auch wenn ihre Zunge inzwischen so weit heraushängt, dass sie im Gegenwind flattert: Hannah lehnt sich noch weiter über den Lenker und strampelt was das Zeug hält.

Die ratternden Busse, die Häuser am Strassenrand und die vorbeieilenden Menschen werden zu einem undeutlichen Schleier aus Farben und Geräuschen. Und irgendwie ist sie, die sonst so korrekte, wohlerzogene Hannah, die in ihrer ganzen Karriere als Schülerin nicht einmal abgeschrieben hat, von dieser Geschwindigkeit berauscht. Sie ist wild, sie ist frei, es gibt nichts was sie jetzt auf ihrem Weg zum Erfolg noch bremsen könnte. So muss sich eine Indianerin auf dem Pferd fühlen, wenn sie über die Prärie reitet, unter sich die donnernde Erde, über ihr der weite Himmel…

Die Tagträumereien verflüchtigen sich jäh, als ihr ein Büffel vor das Rad läuft. Ein Büffel, in Gestalt eines jungen Mannes, der einen modisch geschnittenen dunklen Mantel trägt, der im krassen Gegensatz zu dem knallroten Schal steht, den er sich um den Hals geschlungen hat. In der Hand schwenkt er grinsend ein paar Karten.

Hannah erschrickt zu Tode, sie sieht ihn, der wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, schon mit zermalmten Knochen auf dem Boden liegen und sich selbst schon vor dem Gericht beteuern, dass sie nichts dafür könne, dass er sich wie ein Irrer vor ihr Rad geworfen hätte, dass es offenbar sein Wunsch gewesen sei, von einem Hello Kitty Fahrrad überfahren zu werden. 

Sie kreischt los (was nichts zur Lösung des Problems beiträgt, aber es fühlt sich richtig an bei einem Unfall zu schreien), dann zieht sie hektisch an den Bremsen. Das zeigt Wirkung, allerdings eine etwas gar abrupte. Mit einem Ruck kommt das Rad zum Stehen, doch die Wucht, schleudert Hannah über den Lenker. Für einen winzigen Moment ist es so, als würde sie fliegen, eine kurze Sekunde saust sie durch die Luft wie eine Rakete, doch geniessen kann sie diesen Gratisflug keineswegs. Er kommt  zu einem schnellen, brutalen Ende als sie mit einem dumpfen Knall gegen den Möchtegernselbstmörder knallt. Ihre Stimme klettert noch einige Oktaven höher, als sie sich wie eine verängstigte Katze an seine Brust klammert. Er verliert das Gleichgewicht, wankt bedrohlich und rudert vergeblich mit den Armen um den Sturz irgendwie noch aufzuhalten. Vergeblich. Beide landen in einem wirren Knäuel aus Armen und Beinen auf den Pflastersteinen.

Die Tatsache, dass sie auf ihn fällt, bewahrt sie zwar vor einem schmerzhaften Aufprall, allerdings kollidiert ihr Kinn mit seiner Brust, was ihre Zähne zum Wackeln bringt. Sterne tanzen durch ihr Blickfeld, weshalb sie für einen Moment die Augen schliessen muss. Als sie, sie wieder öffnet, sieht sie wieder glasklar. Und ist stinksauer.

Im Fall hat er instinktiv die Arme um sie geschlungen. Mit einem wütenden Knurren befreit sie sich aus diesen und springt auf die Füsse. „Sag mal, hast du sie noch alle? Kannst du dich nicht vor ein anderes Rad werfen, wenn du Todessehnsucht verspürst?“

Er liegt noch immer am Boden, stützt sich aber inzwischen auf seine Ellbogen. Er wirkt nicht im Mindesten zornig oder schuldbewusst. Stattdessen setzt er ein breites Lächeln auf. „Hast du schon entschieden, wen du wählst?“

Sie starrt ihn an. „Was?“

Er stemmt sich mit einer einzigen fliessenden Bewegung von Boden hoch und beginnt die verstreuten Karten, die ihm aus der Hand gefallen sind, wieder einzusammeln. „Wahlen sind so lustige Veranstaltungen, wo du dich entscheiden kannst, wer dich für die nächsten Jahre regiert. Böse Zungen behaupten allerdings, du kannst dich lediglich entscheiden, wer von all den Idioten in der Schweiz, wohl der grösste Idiot ist und sich deshalb dafür qualifiziert, seine idiotischen Ideen umzusetzen.“

„Ich weiss was Wahlen sind!“, faucht sie, während sie das Rad aufhebt und es nach Schäden absucht. Verdammt, Lea wird sie umbringen, wenn sie das verbeule Schutzblech sieht!

„Das freut mich. Dann brauchst du ja nur noch zu wissen, wen du wählen sollst. Nämlich mich.“

Sie starrt ihn an. Fassungslos. „Und deshalb bist du mir in den Weg gesprungen? Um mir mitzuteilen, dass ich dich wählen soll?“

„Ich dachte, auf diese Weise wirst du dich bestimmt an mein Gesicht erinnern. Damit du dich aber auch noch an meinen Namen erinnern kannst: Hier meine Karte!“ Und er überreicht ihr in einer grossartigen Geste, eines dieser bekloppten Wahlfotos, die einem zurzeit förmlich nachgeworfen werden.

Hannah zerknüllt es, ohne es eines Blickes zu würdigen und schmeisst es ihm dann direkt ins Gesicht. „Lass mich bloss mit diesem Scheiss in Ruhe!“, knurrt sie. Sie wagt es nicht, ihr Rad wieder zu besteigen, weil ihre Knie noch immer zittern vor Schreck. Vor Schreck und vor Wut, dass dieser Trottel beinahe ihr Leben ruiniert hätte. Wegen einer Wahl! Als hätte man grössere Chance zum Nationalrat – oder wofür der Kerl auch immer kandidiert – gewählt zu werden, wenn man sich vorher alle Knochen brach.

Mit hocherhobenen Kopf schiebt sie das Rad an ihm vorbei. Der freche Kerl jedoch, lässt sie nicht so einfach gehen. Grinsend lässt er sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Gepäckträger fallen und lehnt sich lässig über den Sattel, das Kinn auf seine gefalteten Hände abgestützt. Hannah schnappt nach Luft. Das ist ja wohl die Höhe! „Geh da runter!“, fordert sie unwirsch, was ihn allerdings ungefähr so sehr beeindruckt, wie es einen Baum kratzt, wenn er von einem Eichhörnchen angepisst wird.

Stattdessen blinzelt er sie keck an. „Du findest Politik ist also ein Scheiss. Wie kommst du zu dieser Auffassung? Wurdest du persönlich enttäuscht oder basiert deine Meinung einfach auf Vorurteilen?“

„Ich will jetzt mit dir nicht über Politik diskutieren. Ich muss zur Uni und dank dir komme ich sowieso schon zu spät zur Vorlesung.“

„Da du ja ohnehin schon zu spät kommst, könntest du die Vorlesung auch einfach ganz sausen lassen und stattdessen ein angeregtes Gespräch mit mir über die nächsten Wahlen führen. Ich hoffe doch, dass du wählen gehst und nicht zu den ganzen Gleichgültigen gehörst, die dafür sorgen, dass unser Land den Bach runtergeht, indem sie ihr demokratisches Recht nicht wahrnehmen.“

Hannahs linkes Auge beginnt heftig zu zucken und jeder, der Hannah kennt, weiss, dass dies ein sicheres Zeichen für einen Wutausbruch ist. Lea hat ihrer Schwester deshalb den Spitznamen „Häuptling Zuckendes Auge“ verpasst. Hannah kann es nicht ausstehen, wenn unvorhergesehene Dinge ihre wohlüberlegte Pläne über den Haufen werfen und wenn eines dieser unvorhergesehen Dinge ein junger Mann ist, der sich philosophierend auf ihrem Gepäckträger niederlässt, hört der Spass bei ihr definitiv auf. „Ich gehe wählen, okay? Aber ich wähle bestimmt nicht so einen Trottel, der erst einen Unfall mit mir provoziert und mir dann sein doofes Wahlmaterial andrehen will. Und jetzt lass mich in Ruhe!“ Sie rüttelt heftig am Rad.

Ihr lautes Schreien schüchtert ihn nicht ein, eher im Gegenteil. Noch immer bleibt er seelenruhig sitzen und betrachtet sie mit einem langen, prüfenden Blick, als sei sie eine besonders seltene Tierart, die er zu erforschen versucht. „Das mit unserem kleinen Zusammenstoss stresst dich ganz schön, hm? Keine Angst, ich nimm es dir nicht übel, dass du mir beinahe die Lebenslichter ausgeblasen hättest.“

Hannah schnappt empört nach Luft. Das ist ja wohl die Höhe! „ICH habe DIR beinahe die Lebenslichter ausgeblasen? DU bist mir doch vor die Nase gesprungen, wie so ein verrückter Wegelagerer.“

„Und du bist gefahren wie eine gesengte Sau. Wie viele Katzen hast du eigentlich unterwegs überfahren? Oder hast du irgendwann aufgehört zu zählen?“

„Ich habe überhaupt keine Katze überfahren“, braust Hannah auf, „ich hatte die Situation völlig unter Kontrolle, bis du aufgetaucht bist und…“

„Du hast also gar kein schlechtes Gewissen, dass du um ein Haar ein hoffnungsvolles, junges Leben ausgelöscht hättest? Du bist ja ziemlich skrupellos“, klagt er, doch in seinen blauen Augen blitzt der Schalk. Ihm macht das Gespräch sichtlich Spass, etwas, was Hannah von sich nicht behaupten kann.

„So wie es aussieht, hätte ich die Schweiz vor einer weiteren Nervensäge im Bundeshaus gerettet. Bestimmt hätte man mir einen Orden dafür verliehen“, zischt Hannah.

„Aber du musst zugeben, dass ich eine amüsante Nervensäge bin. Und ich sehe gut aus. Damit habe ich vielen Politkern etwas voraus.“ Wieder setzt er dieses entnervende Grinsen auf. Bestimmt nimmt er Drogen. Anders kann sich Hannah dieses aufgedrehte, aufdringliche Verhalten nicht erklären.

„Ich würde momentan eher eine Wildsau auf die Liste setzen, als dich. Die kann wenigstens nur grunzen und labert nicht so einen Müll wie du!“

Er legt  in dramatischer Geste die Hand auf seine Brust, als habe er dort eine tödliche Schussverletzung erlitten. „Du brichst mir das Herz. Obwohl ich mich so um dich bemühe, habe ich deine Stimme nicht? Kann ich aber wenigstens darauf zählen, dass du meine Partei unterstützt?“

„Ach und wie heisst deine Partei? Seid ihr die VPB? Die Verrückten – Passanten – Belästiger?“

Er wirft lachend den Kopf in den Nacken. Widerwillig bemerkt Hannah, dass dieses Lachen ihn ungeheuer sympathisch macht. Alles Herablassende, Gönnerhafte verschwindet aus seinem Gesicht und macht Platz für eine kindliche, alles umfassende Freude. So stellt sich Hannah Peter Pan vor. Verschmitzt. Ausgelassen. Frei.

„Ich werde deine Namensänderung bei der nächsten Vorstandssitzung vorschlagen.“ Die Lachfältchen um seine Augen verschwinden, als er im deutlich ernsthafteren Tonfall hinzufügt: „Wir sind die Roten.“

Hannah stöhnt. Auch das noch. „Ein Kommunist, also.“ Politik interessiert sie eigentlich nicht sonderlich, aber mit den utopischen, weltfremden Ideen der Linken, kann sie, die spröde, geradlinig denkende Hannah erst Recht nichts anfangen.

Er wirkt auf einmal geradezu beleidigt. „Ich muss doch sehr bitten. Ich bin ein Sozialdemokrat, kein Kommunist. Das ist ein Unterschied.“

Sie zuckt mit den Schultern. „Wenn du meinst. Ich wähle auch keine Sozialdemokraten. Selbst dann nicht, wenn sich einer von ihnen häuslich auf meinem Gepäckträger einrichtet.“

„Seltsam. Ich dachte, wir seien dir sympathisch. Immerhin tragen wir deine Farbe.“ Er deutet vielsagend auf ihre Locken.

Hannah hat ihre Haarfarbe noch nie leiden können. Als Kind hat man sie wegen ihrer roten Haare ausgelacht und als Hexe bezeichnet. Inzwischen wird sie mit allerlei anzüglichen Gerede bedacht, von wegen: „Ich hab ja gehört, Rothaarige seien besonders wild im Bett“ oder „Rothaarige, das sind doch alles Schlampen, die verheirateten Frauen ihren Mann ausspannen.“ Sie kennt und hasst jeden dieser Sprüche. Niemand hat ihr bisher schlüssig erklären können, was die Haarfarbe mit sexuellen Tätigkeiten zu tun hat. Oder mit magischen Kräften.

Aber bis heute war noch nie jemand auf die Idee gekommen, aus ihrer Haarfarbe die politische Gesinnung abzulesen. Und irgendwie findet sie diese Schlussfolgerung sympathischer als das sonstige Gefasel von Männern, das sie sich anhören muss. Deshalb klingt ihre Stimme deutlich freundlicher, als sie zur Erwiderung ansetzt: „Du solltest nicht nur nach dem Äusseren urteilen. Ich dachte, ihr Sozis könnt das so gut.“

„Nicht viel übrig für uns, hm? Bist du denn nicht sozial?“

Und da ist der flüchtige Moment der Sympathie schon wieder vorbei. Wie kann man nur so selbstgefällig sein? „O doch ich bin sogar sehr sozial. Ich hasse alle Menschen gleich.“

„Weisst du, wenn du SP wählst ist das ein bisschen wie beichten in der Kirche. Vielleicht wird dir sogar der Mord an all diesen unschuldigen Katzen verziehen, die du überfahren hast.“

Hannah verspürt auf einmal die geradezu unbändige Lust ihm eine zu kleben. Sein abstruses Gefasel geht ihr genauso auf die Nerven, wie das spöttische Funkeln in seinen grünen Augen und das leichte Lächeln, das seine Lippen umspielt. Okay, es sind sehr schöne Augen und die Lippen sind gewiss auch nicht zu verachten, aber das ändert nichts daran, dass er ein arroganter Schnösel ist. Doch Hannah beherrscht sich. „So amüsant es auch sein mag, sich mit dir zu unterhalten, ich muss jetzt wirklich zur Uni. Könntest du also bitte endlich deinen Hintern von meinem Rad schieben?“

Zu ihrer Verblüffung kommt er ihrer Aufforderung ohne weitere Umschweife nach. Noch verblüffter ist sie allerdings, als er mit langsamen, bedächtigen Bewegungen den roten Schal von seinem Hals abwickelt und ihn stattdessen ihr um die Schultern legt. Es ist eine beinahe zärtliche Geste, die ihr weitaus mehr Eindruck macht, als all seine Schlagfertigkeit, die er ihr vorher so kunstvoll vorgeführt hat. „Den schenk ich dir. Damit du dich beim Ausfüllen deines Stimmzettels daran erinnerst, welches die richtige Farbe ist.“

Hannah ist sprachlos. Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, schwingt sie sich in den Sattel und düst davon.

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Auch die Tage danach regt sie noch auf. Was für ein Idiot! Sie kennt nicht einmal seinen Namen, doch das hindert sie nicht daran, ihn einfach nur unausstehlich zu finden. Und je öfter sie an das seltsame Gespräch zurückdenkt, desto wütender wird sie. Immer wieder malt sie sich aus, was sie ihm alles noch an den Kopf hätte werfen können und sie ärgert sich, dass sie ihn so leicht hat davonkommen lassen.

Doch den Schal behält sie. Sie legt ihn sorgfältig zusammengefaltet in ihre Nachttischschublade. Manchmal nimmt sie ihn hervor, streicht mit den Fingern behutsam über den weichen Stoff und denkt an grüne Augen, in denen das Lachen wie ein Sonnenstrahl tanzt. Dann ist sie gar nicht mehr wütend und dann bereut sie es auch nicht mehr, dass sie ihn nicht mehr Paroli geboten hat, sondern, dass sie ihn nicht nach seinem Namen und seiner Nummer gefragt hat.

Als sie, viele Wochen später, an einem Wahlplakat vorbeikommt und dieses schiefe Lächeln sieht, das sie bis in ihre Träume verfolgt, zögert sie deshalb nicht lange. Sie zieht einen roten Stift aus ihrer Tasche und kritzelt ihre Handynummer direkt über sein Gesicht. Darunter schreibt sie in grossen Lettern „Die Katzenmörderin“. Sie hofft, dass er die Botschaft versteht.   

Nach vielen Anrufen von irgendwelchen Spinnern hat sie die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass er ihren Wink begriffen hat. Doch an einem grauen Herbsttag klingelt das Handy und als sie sich meldet, ist es sein glucksendes Lachen, das durch den Lautsprecher schallt und seine Stimme, die sie fragt: „Weisst du eigentlich, was ich mich die ganze Zeit gefragt habe? Wie jemand, der ein Hello Kitty Fahrrad hat,  so gemein zu Katzen sein kann.“

„Und weisst du, was ich mich die ganze Zeit gefragt habe? Ob ein armer Sozialdemokrat mich wohl zum Essen einlädt oder ob ich das übernehmen muss.“

„Ist das eine Verabredung?“

Sie kann sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen, als sie den hoffnungsfrohen Ton heraushört. „Ich nenne es eher eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion.“

„Okay. Aber ich muss dich warnen. Ich gewinne Podien immer.“

„Du findest dich schon ziemlich toll oder?“

„Naja, in meinem Universum bin ich Gott.“

„Ach, soll ich dich so nennen. Gott?“

Stille in der Leitung. Und dann sagt er, so leise und weich, dass es ihr kalt den Rücken hinunterläuft: „Nein. Für dich will ich einfach nur Ben sein.“  

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Hannahs Kleid ist oben eng geschnitten, hat jedoch einen weit schwingenden Rock, der sich im sanften Abendwind aufbauscht, als sie mit Ben durch die dunklen Strassen läuft. Und es ist rot, ein sattes leuchtendes Rot, das selbst das ihrer Haare in den Schatten stellt. Er hat keinen Kommentar dazu abgegeben, aber sein Mund hatte ein stummes „Oh“ geformt, als er sie zum ersten Mal in diesem Kleid gesehen hat.

Stummheit gehört sonst allerdings nicht zu seinen Charaktereigenschaften. Eher im Gegenteil. Er stürzt sich von einer Erzählung in die nächste, er weiss immer eine Erwiderung und kann keinen Gedanken für sich behalten. Aber er redet nicht nur mit dem Mund, er redet auch mit den Händen, mit den Augen, mit seinem ganzen Körper. Tatsächlich hat Reden bei ihm nichts Kultiviertes oder Langweiliges, vielmehr ist es ein stürmischer Tanz mit Worten, dem man sich kaum entziehen kann.
Es fällt ihm leicht, Gefühle zu wecken, positive wie negative. Bei der Suppe zum Beispiel, haben er und Hannah sich so leidenschaftlich über Sinn und Zweck der Universitäten gestritten, dass sie ihm besagte Suppe am liebsten über den Kopf geleert hätte. Schon beim Salat jedoch, hat er sie mit seiner perfekten Nachahmung eines schnöseligen Studenten so sehr zum Lachen gebracht, dass sie sich übel an der Salatsauce verschluckte und sie ihr durch die Nasenlöcher wieder hochkam. Bei der Hauptspeise sind sie sich jedoch wieder so übel in die Haare geraten – dieses Mal ging es die Frage ob Katzen oder Hunde, die treueren Begleiter sind -, dass der Kellner sie bat, ihre Paarstreitigkeiten doch bitte vor der Tür zu bereinigen, was sie dazu veranlasste, gemeinsam über den armen Kerl herzufallen. Leider ist es ihnen nicht  mehr möglich gewesen, das Dessert zu geniessen. Offenbar ist es in solchen Nobelschuppen üblich die Gäste rauszuschmeissen, wenn diese den Kellner als „sexistischen Arschlochpinguin“ bezeichnen.

Jetzt gehen sie nebeneinander her, Hannah in ihren hochhackigen Schuhen und mit ihrem sorgfältig zusammengesteckten Dutt, Ben  in ausgelatschten Turnschuhen und mit zerzausten Haaren, die er sich während des Redens immer wieder aus dem Gesicht streicht. Er hat ihr fürsorglich seinen Mantel um die nackten Schultern gelegt, während ihm selbst die Kälte nichts auszumachen scheint. Hannah hätte gerne nach seiner Hand gegriffen, aber sie wagt es nicht. Den ganzen Abend hat er nicht einmal Anstalten gemacht, sie zu berühren oder ihr nahe zu kommen. Natürlich ist es nett, dass er nicht gleich versucht hat, ihr an die Wäsche zu gehen, zugleich kränkt es sie ein bisschen, dass ihm besagte Wäsche so gar nicht zu interessieren scheint. Immerhin hat sie sich für diesen Abend nicht nur die Beine rasiert, sondern auch einen BH mit Rüschen und eine Seidenunterhose angezogen. Und beides fühlt sich etwa so bequem an, wie eine Ritterrüstung.

Als sie an einem der vielen Wahlplakaten vorbeikommen, fragt Hannah spontan: „Wieso interessierst du dich eigentlich so für Politik?“

Er zieht die Nase kraus. „Wieso interessiert du dich nicht für Politik? Immerhin bestimmt sie unser ganzes Leben.“

„Das ist das, was sich Politiker einreden um ihrem Dasein einen Sinn zu geben. Die Menschen kommen ganz ohne diese Intrigen und Machtspielchen klar.“

Entnervt verdreht Ben die Augen. „Du glaubst gar nicht, wie oft ich mir das anhören muss. Aber nicht jeder Politiker ist ein vollgefressener, eitler, selbstbezogener Arsch, der sich die Steuern der Bürger einverleibt und nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Die guten Politiker, das sind die, die ihre Fähigkeiten in den Dienst des Volkes stellen, die ihre Vision nicht durchdrücken, sondern sie den Wünschen der Menschen anpassen, die ihnen ihr Vertrauen geschenkt haben.“

„Und du bist so ein Mensch, der das könnte?“

Er bleibt unvermittelt stehen und hält sie am Arm zurück. Hannah kippt wegen diesen abrupten Stopp beinahe aus ihren hohen Schuhen, kann sich aber schwankend auf den Beinen halten. Der warme Schein einer Strassenlaterne fällt auf sein schmales Gesicht, malt goldene Muster auf die bleichen Wangen und spiegelt sich in den grünen Augen, was ein bisschen so aussieht, als seien Sterne darin gefangen. Die Lippen wirken in dem Licht auf einmal sehr rot. Und sehr verführerisch.

„Ich bin nicht besser als andere. Aber ich bin voller Ideen. Ich bin ziemlich klug. Ich bin voller Tatkraft. Ich glaube an das Gute im Menschen und deshalb glaube ich, dass die Welt ein besserer Ort sein könnte, wenn man die Leute nur daran erinnert, dass sie eigentlich, im tiefsten Winkel ihrer Seele, alle das Richtige tun wollen. Und ich glaube, dass man als Politiker in der besten Position ist, den Finger auf die Wunden des Landes oder auch der ganzen Welt zu legen und…“

Wahrscheinlich hätte er noch ewig weitergesprochen und seine Gründe vorgetragen, mit dieser leidenschaftlichen, vibrierenden Stimme, die wie eine Welle über ihr zusammenschlägt und sie mitreisst. Doch Hannah mag nicht mehr zuhören. Stattdessen überwindet sie die kurze Distanz zwischen ihnen, nimmt seinen Kopf zwischen ihre Hände und küsst ihn einfach. Zum ersten Mal an diesem Abend herrscht völlige Stille zwischen ihnen und es ist eine wunderbare, geniesserische Stille, behütend wie eine Decke, unter die man sich verkriecht.

Als sie sich von ihm löst, sieht sie, dass seine Wangen von einem zarten, rötlichen Schimmer überzogen sind. Es ist das schönste Rot, das sie je gesehen hat.

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Hannah ist geschmeichelt, als Ben sie zu seiner Abschlussfeier einlädt. Immerhin treffen sie sich erst seit einigen Wochen. Gleichzeitig ist sie aufgeregt, denn es ist gleichzeitig auch ihr erstes Treffen mit Bens Eltern. Für diesen gleich doppelt festlichen Anlass zieht sie sich ihre schönste weisse Bluse und einen eng geschnitten blauen Rock an. Kaum sitzt sie in dem überhitzten Hotelsaal, bereut sie ihre Kleiderwahl. Sie kann förmlich spüren wie sich Schweissflecke unter ihren Achseln bilden.

Bens Eltern jedoch sind sehr nett. Sonja, seine Mutter, fragt Hannah dauernd, ob sie bequem sitze und bietet ihr ein selbstgemachtes Sandwich an („solche Diplomfeiern gehen immer ewig lange!“), während sein Vater, Bernd, vom Blumenschmuck bis hin zu den Bodenfliesen alles fotografiert.

Dennoch ist Hannah vermutlich stolzer als die beiden zusammen, als Ben zum besten Fachmann Gesundheit gekürt wird und mit strahlender Miene sein Zeugnis entgegennimmt. Und sie kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie seine Kleidung registriert: Ein viel zu weites schwarzes T – Shirt, dass er in der Taille mit einer roten Schärpe zusammengebunden hat. Als sein Blick suchend durch die Menge streift, beginnt sie mit der roten Rose zu winken, die sie ihm als Geschenk mitgebracht hat. Unglücklicherweise wischt sie dabei mit der dornigen Blume über Bernds Gesicht, was diesem zu einem lauten Fluch veranlasst, was wiederum dazu führt, dass die gesamte Aufmerksamkeit des Saals für einen kurzen Moment auf sie gerichtet ist.

Hannah hat sich noch nie sonderlich wohl gefühlt in grossen Menschenmengen und das anschliessende Apéro ist für sie eher eine Qual ein Privileg.  Bens Eltern hat sie in dem bunten Durcheinander von festlich gekleideten Leuten verloren, ausserdem ist Bernd seit dem kleinen Rosenvorfall ihr gegenüber deutlich reservierter. Also schnappt Hannah sich ein Weinglas und zieht sich damit in den prächtigen Hotelgarten zurück. Ben wird sie schon finden, wenn er sie braucht.

Wie eine Elfe streit sie durch den Garten und bewundert die sorgfältig angelegten Beete mit den ordentlich beschrifteten Kräutersorten. Hannah ist keiner dieser Menschen, die grosse Träume hegt, sie hat einen wohl kalkulierten Plan, bei dem sie Punkt für Punkt abhakt. Und einer dieser Punkte ist ein schönes Haus mit einem noch schöneren Garten. Hannah kann sich gut vorstellen ihren Lebensabend damit zu verbringen, Unkraut zu jäten und Blumen zurechtzuschneiden. Ein Garten ist für sie das absolute Symbol für Frieden.

Sie ist so in Gedanken versunken, dass sie Bens Schritte nicht hört und erschrocken zusammenzuckt, als sich zwei Arme um sie schlingen. Dabei schüttet sie den Rotwein über ihre Bluse. Wie ein Blutfleck breitet sich der edle Tropfen auf der weissen Seide aus. „Scheisse!“, entfährt es ihr, bevor sie sich umdreht und Ben vorwurfsvoll den Finger in die Brust bohrt. „Weisst du, wie teuer die war?“

Er sieht nicht im Mindesten schuldbewusst aus. „Die wurde doch ohnehin von irgendwelchen armen Seidenfabrikarbeiter hergestellt. Indem ich sie ruiniert habe, habe ich mich tapfer gegen den Kapitalismus gestellt.“

Bei Ben ist es immer schwierig zu sagen, ob er Scherze treibt oder etwas ernst meint, denn er kann die grässlichsten Dinge mit der unbewegtesten Miene sagen. Und er gehört zu jenen Menschen, die nicht einmal eine Fahrkarte kaufen können, ohne eine politische Diskussion anzuzetteln. „O nein, du ziehst dich jetzt nicht mit einer deiner antikapitalistischen Brandreden aus der Affäre, du Schuft!“

„Nun, es ist eine traurige Tatsache, dass die meisten Kleider, die wir tragen von den Händen armer Weberinnen unter menschenunwürdigen Bedingungen genäht werden. Gedanken, denen wir uns einfach nicht stellen wollen, weil es unser bequemes Leben durcheinanderbringt.“

Wenn er diesen Tonfall anschlägt, macht er definitiv keine Witze, so viel weiss Hannah inzwischen. Manchmal denkt sie wirklich, dass Graf Dracula ein einfacherer Freund wäre, als ein idealistischer Genosse. Der beisst wenigstens nur zu, ohne seinem Opfer vorher noch ein schlechtes Gewissen einzureden.

Heute ist allerdings ein zu schöner Tag, um ihn sich mit  Politik zu versauen. „Also sollen wir alle nackt rumspazieren?“

Bens Augen leuchten auf. „Das ist gar keine schlechte Idee, weisst du. Das wäre wirklich eine gute Protest…Hannah! Was machst du da?!“

Mit einer einzig geschmeidigen Bewegung hat Hannah sich die verschmutzte Bluse über den Kopf gezogen und sie achtlos neben sich ins Gras geschmissen. Ebenso schnell hat sie sich ihrer Unterwäsche und ihrem Rock entledigt. Eigentlich sollte es ihr peinlich sein, sich ihm dermassen anzubieten, aber das ist es nicht. Sie hat ihm schon lange ihre Seele dargeboten, was bedeutet da schon ein nackter Körper?

Sie hebt die Augenbraue. „Ich tue das, was du von mir verlangt hast. Ich entledige mich dieser schändlichen Kleidung.“

Bens Blick gleitet staunend über ihren nackten Körper. Er, der kluge Jungpolitiker mit dem gut geölten Mundwerk und dem blitzschnellen Verstand, steht vor ihr wie das Kaninchen vor der Schlange und ist sichtlich nervös. Auf einmal wirkt er sehr jung und verletzlich, ganz anders als der sonst so taffe, stets ein wenig überlegene Ben, den er ihr sonst präsentiert.

„So…also so war das nicht gemeint“, murmelt er schliesslich verlegen und schlägt, ein wenig beschämt, die Augen nieder.

„Aber ich meine es so.“ Lächelnd schmiegt sie sich an ihn, fährt mit der Hand über seinen Rücken und löst mit geschickten Fingern die Schärpe von seiner Hüfte. „Und ich zeige dir jetzt mal, wie viel Spass man ohne Kleidung haben kann!“

Wie eine rote Schlange windet sich die Schärpe um sie, als sie zum ersten Mal miteinander schlafen. Obwohl es ein verstohlener, hastiger Akt ist – immerhin müssen sie fürchten jeden Moment gestört zu werden – fühlt es sich für Hannah richtig an und als sie neben Ben im Gras liegt, den Blick auf den sich langsam rötenden Abendhimmel gerichtet, da weiss sie, dass sie nie mehr mit einem anderen Mann diese Nähe teilen wird.

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Der Regen prasselt gegen die Fenster von Bens Dachstube. Hannah liebt das Geräusch. Es gibt ihr ein Gefühl von Geborgenheit, wenn die Welt draussen von Unwettern geschüttelt wird, während sie sich an Bens warmen Körper kuscheln kann. Wenn sie in seinen Armen liegt ist es ein wenig, als würde die Zeit stehen bleiben. Dann ist die Welt ausgesperrt und es gibt nur ihn, seinen warmen Atem der über ihren Hals streicht, seine Hände, die auf ihren Hüften liegen und seine sich hebende und senkende Brust, auf die sie ihren Kopf gebettet hat.

„Hannah?“

„Hm?“

Er richtet sich auf und schiebt sie zur Seite. Seine Hand fährt durch ihre dichte Lockenmähne. Mit bewunderndem Blick wickelt er sich eine der feuerroten Strähnen um den Finger. „Erinnerst du dich noch an unsere erste Begegnung?“, fragt er.

„Natürlich. Ist ja erst ein Jahr her.“ Wenn sie jetzt daran zurückdenkt, muss sie lächeln. Wie sehr hat sie sich damals über ihn aufgeregt, über diesen besserwisserischen, eingebildeten Kerl. Jetzt liegt derselbe arrogante Schnösel neben ihr und es fühlt sich an, als sei es nie anders gewesen.

„Damals habe ich behauptet, dich nur angehalten zu haben, um Wahlwerbung für mich zu machen.“

Hannah schnaubt abfällig. „Was wirklich eine völlige Schnapsidee war! Ich hätte dich umbringen können und das wäre wahrhaftig eine Verschwendung gewesen. Dann hätte ich deine Küsse ja nie kennenlernen dürfen.“ Sie legt die Hand besitzergreifend auf seinen Nacken, um seinen Kopf zu ihr runterbeugen zu können.  Noch während sie ihn küsst, lässt er ihre Haare los und dreht sich so zur Seite, dass er über ihr kniet. „Ich habe gelogen. Es ging mir nie darum eine Wählerin zu gewinnen. Ich sah dich kommen auf diesem bescheuerten Rad, ich sah deine zerzausten Haare und ich weiss noch wie ich dachte: So muss eine wirklich wütende Walküre aussehen. Dann dachte: Diese Frau trägt meine Farbe im Haar. Die Wahrheit ist, dass ich mich auf den ersten Blick in dich verliebt habe. Deshalb habe ich dich angehalten.“

Sein Geständnis berührt sie. Vor allem da er zum ersten Mal von Liebe gesprochen hat. Dennoch kann sie es nicht lassen, ihn ein wenig aufzuziehen. „Nur wegen meiner Haare? Wäre ich eine Blondine gewesen, hätte ich also keine Chance gehabt?“

Er haucht einen Kuss auf ihre Stirn, bevor er das Gesicht in ihrer Haarflut vergräbt. „Ich wusste immer, dass Rot die richtige Farbe für mich ist“, murmelt er, „ich hab mich auch dieses Mal nicht getäuscht. Ich liebe dich, Hannah.“

„Ich dich auch Ben. Ich dich auch.“

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Das Haus sieht ein bisschen aus wie ein verwunschenes Schloss. Und es hat ein rotes Dach. Kein Wunder fühlt sich der verträumte Ben davon angezogen.  „Es ist wirklich schön, Ben. Aber wieso willst du überhaupt wegziehen? Du liebst Bern. Du liebst deine Wohnung. Ich liebe deine Wohnung. Das ist doch unser Zufluchtsort. Unser gemeinsames Nest.“ Sie schiebt die Fotos, die verstreut auf der Matratze liegen zusammen und reicht sie Ben mit einer traurigen Grimasse.

„Hannah, das weiss ich doch.“ Er lässt sich neben ihr auf das Bett fallen und legt ihr zärtlich die Hand auf die Schulter. „Aber es ist nun einmal mein Heimatdorf. Ich würde gern dorthin zurückkehren.“

„Vor nicht allzu langer Zeit hast du noch gesagt, dein Dorf sei der prüdeste, verklemmteste und eigenbrötlerischste Ort in der ganzen Schweiz und du würdest eher ein Wochenende in Mordor verbringen als auf diesem gottverlassenen Flecken Erde“, bemerkt Hannah spöttisch.

Ben sieht ertappt aus. „Die Menschen dort sind gar nicht so übel…“

„Meinst du die – ich zitiere frei nach dir – die schlimmsten Rassisten in der Schweiz, die sogar eine Kuh der Landesgrenze verweisen wollen, wenn ihr Fell eine Spur zu schwarz ist?“

„Seit wann merkst du dir eigentlich so genau, was ich sage?“, fragt Ben genervt.

„Ich merke mir immer ganz genau was du sagst, damit ich es später gegen dich verwenden und damit beweisen kann, dass dein Umzug eine Schnapsidee ist.“ Hannah ist verstimmt. Sie mag es, sich jederzeit zu Ben flüchten zu können, wenn es zuhause schwierig ist oder das Studium sie überlastet. Dass er nun in den hintersten Winkel der Welt ziehen will, verhagelt ihr die Laune.

„Hannah, eben weil die Menschen so erstarrt sind in ihrem Hass möchte ich dort hin. Ich möchte ihnen andere Wege zeigen! Die SP – Sektion dort hat ziemlich Probleme, ich sehe es als meine Pflicht ihnen zu helfen. Als Einheimischer finde ich viel leichter Anschluss und kann schneller etwas bewegen, als ein Hinzugezogener. Ich sehe es als meine Pflicht.“

Manchmal könnte Hannah schreien, wenn Ben von Genossen, Pflicht und Partei spricht. Aber die rote Farbe, die an ihm und an allem haftet, was er tut, gehört ebenso zu ihm, wie seine grünen Augen und sein schräger Humor. Sie kann es ihm nicht vorwerfen. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie mit ihm auch gleich die Partei mit in ihr Bett nimmt.

Sie sieht an, diesen schmal gebauten jungen Mann mit dem sensiblen Mund und den grossen Augen. Er braucht die Freiheit wie die Luft zum Atmen. Und ausgerechnet er will in sein engherziges Heimatdorf zurück, um seine Idee einer besseren Welt zu vertreten. Wie der kleine Hobbit Frodo, der sich aufmacht den grossen Sauron zu bezwingen. Aber Frodo ist nicht allein auf seinem dunklen Pfad.

Entschlossen schiebt sie ihre Hand in seine. „Wenn du unbedingt dorthin willst – dann geh. Aber du gehst nicht alleine. Ich wollte schon immer mal sehen, wie eine Kuh ausgeschafft wird!“

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„Unsere Freiheit wird nicht bedroht von dem Fremden und Unbekannten. Sie wird von uns selbst verraten, indem wir uns willig in Fesseln legen lassen, von unseren eigenen eingefahrenen Denkmustern und von unseren Vorurteilen. Zu leicht lassen wir uns verunsichern, zu oft sagen wir, es geht nicht, statt dass wir mutig den ersten Schritt gehen und sehen, wohin der Weg uns führt. Doch ihr müsst diesen Schritt nicht alleine gehen: Lasst uns Seite an Seite in eine Zukunft schreiten, vor der wir keine Angst haben müssen. Weil wir selbst diese Zukunft sind….Und? Wie findest du meine Rede?“ Ben sieht sie erwartungsvoll an.

Hannah zögert. Sie hasst es, wenn Ben ihre Meinung zu irgendwelchen Texten will. Kreativität gehört nicht gerade zu ihren Stärken, für sie ist es schon schwierig eine Weihnachtskarte zu schreiben, weshalb sie sich meist mit irgendwelchen Zitaten und ihrer Unterschrift begnügt. „Naja, findest du nicht, dass sie ein wenig zu…blumig ist? Du bewirbst dich für das Amt eines Gemeinderats und nicht für das des amerikanischen Präsidenten.“

„Ich weiss, ich weiss…aber ich denke, dass wir die Menschen aufrütteln müssen. Wir können nicht immer kommen mit: Ich setze mich dafür ein, dass wir mehr Velowege haben oder ich setze mich dafür ein, dass es mehr Ausgangsmöglichkeiten gibt. Wir müssen den Leuten wieder eine Vision geben, etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“

Wären diese Worte aus einem anderen Mund gekommen, hätte Hannah wohl einen Lachanfall bekommen, weil es so pathetisch und abgedroschen klingt. Aber es ist Ben und Hannah weiss, dass er es ernst meint. Und abgesehen davon, weiss sie, wie empfindlich er ist, wenn sie sich über seinen Traum einer besseren Welt lustig macht. Ganz verkneifen kann sie sich einen Einwand allerdings nicht. „Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob Rothenthal das richtige Dorf ist um mit dem Weltfrieden zu beginnen. Schon gar nicht, wenn es um einen roten Weltfrieden geht.“

„Man muss im Kleinen anfangen, Hannah. Du musst auch erst dich selbst ändern, bevor du den Rest der Menschheit verändern kannst. Abgesehen davon, sind die Menschen doch nett zu uns. So nett, dass ich mir inzwischen echte Wahlchancen ausrechne, ehrlich gesagt. Vielleicht haben sie nur darauf gewartet, dass jemand ihnen eine Alternative aufzeigt.“

Tatsächlich ist es Ben trotz seiner politischen Einstellung bewundernswert schnell gelungen sich beliebt zu machen. Allerdings ist es auch schwierig, den immer fröhlichen und umgänglichen Ben nicht zu mögen. Sein Charisma und seine Freundlichkeit pflügen ihn selbst in verschlossene Herzen einen Weg. Hannah jedoch sieht auch das andere. Von manchen Kreisen wird Ben genau wegen dieser Qualitäten gehasst. „Gestern auf dem Markt hat mich eine Frau Sozialistenschlampe genannt.“

„Das ist doch nur blödes Gerede. Natürlich wird es immer Menschen geben, die mich – und damit auch dich – nicht mögen, wegen dem was wir sagen oder tun. Das darfst du nicht ernstnehmen.“

„Ich habe nichts dagegen eine Schlampe zu sein. So lange ich nur deine Schlampe bin.“

„Du weisst ja wie sehr ich auf rothaarige Schlampen stehe.“

Und dann reden sie nicht mehr von der Politik. Sie reden gar nicht mehr, als sie das tun, was in den letzten anstrengenden Wochen des Wahlkampfes fast vergessen worden ist: Sie lieben sich auf eine zärtliche, behutsame Weise. Doch noch während sie Bens Küsse geniesst, fällt ihr Blick auf Bens Rede, die neben ihnen auf dem Boden liegt. Die mit roter Tinte geschriebenen Worte erscheinen ihr auf einmal wie Blutflecken. Und dieser Gedanke treibt ihr einen Schauer über den Rücken.

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Der Raum ist mit so vielen roten Fahnen behängt, dass es sie beinahe in den Augen schmerzt. Eigentlich wären das Stimmengewirr, die Hitze und die vielen Menschen, die sich um sie drängen, als wäre sie ein Weihnachtsbaum, unter normalen Umständen schon Grund genug für sie gewesen, auf dem Absatz kehrtzumachen. Doch sie nimmt das alles gar nicht wahr. Sie sieht nur ihn, in seinen etwas zu gross geratenen Anzug in dem er mit seinen wirren Haaren und seinem verlegenen Lächeln aussieht wie ein grosser Schulbub.

Wahrscheinlich erwarten die Leute, dass sie ihm um den Hals fällt und ihn jubelnd an ihr Herz drückt. Ein Teil von ihr will das auch. Doch es ist nicht das, was zu ihnen als Paar passt. Statt die Arme um ihn zu werfen, stemmt sie die Hände in die Hüfte, hebt süffisant eine Augenbraue und fragt ihn: „Habe ich eine Chance, dass du jetzt als Gemeinderat in der Lage bist, deine Socken aufzuheben, statt sie malerisch im Zimmer zu verstreuen?“

„Wenn es dich glücklich macht werde ich meine Socken sogar selbst waschen, bügelnd und dann in den Schrank legen“, versichert er ihr, „Hannah, ich hab’s geschafft! Wir haben es geschafft.“

Seine Freude ist ansteckend. „Du hast es dir verdient. Wirklich“, versichert sie ihn und küsst ihn anerkennend auf die Wange. Die öffentliche Zurschaustellung von Gefühlen ist ihr zuwider, vor allem jetzt, wo sie spürt, dass viele Blicke auf sie gerichtet sind. Ben macht ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung. Übermütig greift er sie um ihre Hüfte und schwingt sie im Kreis, als sie ein kleines Kind. „Ich kann dir gar nicht genug dafür danken, dass du an meiner Seite bist. Ich weiss, ich hatte in den letzten Wochen wirklich nie genug Zeit für dich.“

„Ehrlich gesagt bin ich wirklich ganz froh, wenn wir in unserer gemeinsamen Zeit auch mal wieder etwas anderes machen können, als Wahlkarten abpacken, Fahnen aufhängen und Leute auf der Strasse belästigen.“ Sie zupft an der roten Krawatte, zu der sich  zur Feier des Tages gerungen hat. „Da du ja jetzt so ein ehrenvolles Amt hast, solltest du vielleicht auch mal lernen, wie man eine Krawatte ordentlich bindet.“

Er hebt mit dem Finger ihr Kinn an, streicht ihr zärtlich über die Wange. Sein Blick ist auf einmal ernst und feierlich. „Weisst du, was ein Gemeinderat unbedingt tun sollte um seriös zu wirken?“

„Was denn?“

„Er sollte heiraten.“

Und bevor Hannah noch ihre Antwort geben kann, schiebt er auch schon den Ring mit dem feinen roten Stein in der Mitte auf ihren Finger.

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Feuerrot prangen die Buchstaben von der weissen Hausmauer. Kommunistenpack. Und direkt darunter: Das nächste Mal stecken wir eure Hütte in Brand! Als Hannah es sieht, hält sie sich die Hand vor dem Mund und Tränen steigen ihr in die Augen. Das ist ihr Haus. Ihr verwunschenes Schlösschen. Ihr Rückzugsort. Und jetzt war jemand hier eingedrungen, jemand der ihnen Böses wollte, einfach, weil ihre Meinung diesem Jemand nicht recht ist. Weil ihre blosse Existenz für diesen jemand eine Provokation darstellt.

„Ben…was sollen wir jetzt machen?“, stösst sie hervor. Das Sprechen fällt ihr schwer, ihre Kehle ist vor Entsetzen wie zugeschnürt.

Bens Miene ist erstarrt. „Zumindest haben sie Kommunisten richtig geschrieben. Das setzt doch schon mal einen gewissen Intelligenzquotient voraus“, bemerkt er dann trocken und legt beruhigend den Arm um sie.

Sie kämpft sich unwirsch aus seiner Umarmung und deutet mit zitternden Finger auf die verschmierte Hauswand. „Das ist kein Scherz, Ben. Die meinen das ernst.“

„Hannah, ich bin nicht deshalb Sozialdemokrat geworden, damit mich die Menschen lieben. Es wird immer welche geben, die mich hassen, weil ich das tue, was ich für meine Pflicht halte. Das waren wahrscheinlich nur gelangweilte Jugendliche, die ein bisschen provozieren wollen. Es lohnt sich nicht, sich deswegen verrückt zu machen!“, beschwört er sie.

Hannah hätte ihm gerne geglaubt. So wie sie ihm immer glaubt, wenn er ihr versichert es sei normal für einen Politiker, dass er Hassbriefe bekommt. Dass es nicht ungewöhnlich sei, dass manche einem auf der Strasse nicht mehr grüssen, wenn die politischen Einstellungen nicht übereinstimmen. Dass sie sich keine Sorgen machen müsse, nur weil auf Facebook jemand schreibt, dass man Ben umbringen solle, weil er sonst die Schweiz vernichte.

Jetzt, im Angesicht der roten, bedrohlichen Schrift, lässt sie sich nicht besänftigen. Das ist der pure, sichtbar gemachte Hass. Und das jagt ihr solche Angst ein, dass sie sich Ben am liebsten unter den Arm geklemmt und irgendwohin mit ihm verschwunden wäre. Irgendwohin, wo sie nicht fürchten müssen, dass ihnen das Haus angezündet wird, nur weil Ben zu den Roten gehört.

Ben lehnt seine Stirn gegen ihre. „Alles wird gut, Hannah.“ Sein warmer Atem streift über ihr Gesicht und die innige Vertrautheit legt sich wie ein schützendes Zelt um sie. Hannahs Herzschlag passt sich dem seinen an, ruhig und gleichmässig. Sie können ihr Haus beschmieren und ihnen Drohungen schicken, sie können sie ausstossen und ächten. Aber dieses tiefe Gefühl zwischen ihnen, dass können sie nicht auslöschen.

Niemals.

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Nur langsam taucht Hannah aus ihrem tiefen Schlaf auf und im ersten Moment kann sie nicht definieren, was sie geweckt hat. Ein durchdringender, schriller Ton,. Verwirrt setzt sie sich auf und greift nach dem Wecker auf ihrem Nachttisch. Zwei Uhr morgens. Definitiv zu früh zum Aufstehen.
Dann begreift sie zwei Dinge. Erstens, dass dieses summende Geräusch ihre Türglocke ist. Und zweitens, dass Ben nicht neben ihr liegt. Sie stösst einen entnervten Seufzer aus. Wie oft hat sie ihm jetzt schon gesagt, dass er seine blöden Schlüssel mitnehmen soll, wenn er denn unbedingt mit seinem Kumpel bis spät in die Nacht um die Häuser ziehen muss? Geschieht ihm ganz Recht, wenn er jetzt ein wenig in der Kälte warten muss, denkt Hannah grimmig, sucht in aller Ruhe ihre Pantoffeln und schlurft dann gemütlich zur Tür.

Mit Schwung reisst sie die Tür auf. „Ich schwöre, das nächste Mal…“ Sie bricht jäh ab. Denn vor ihr steht nicht Ben. Es sind zwei Polizistinnen, in dunklen Uniformen, die Mützen verlegen in den Händen, die Blicke gesenkt. Schneeflocken setzen sich wie Tränen auf ihrer Kleidung fest.

Hannah ist immer stolz gewesen auf ihre schnelle Auffassungsgabe. Sie hat sich immer auf ihre Fähigkeit verlassen können, aufgrund weniger Indizien zum richtigen Schluss zu kommen. Auch dieses Mal lässt ihr Verstand sie nicht im Stich. Die ernsten Mienen der Polizisten, die leere Seite in ihrem Bett, wo sonst Ben liegt, die Tatsache, dass er nicht wie sonst angerufen hat, um ihr zu sagen, dass es später wird…Wie Puzzleteile setzen sich diese Tatsachen in ihrem Kopf zusammen und ergeben ein Bild, ein grausames, entsetzliches Bild, das sich wie eine Zecke in ihr festkrallt und ihren ganzen Körper mit ungläubiger Fassungslosigkeit erfüllt.

„Nein…“ flüstert sie und die Tränen steigen ihr in die Augen, „nein! O bitte nein!“

Einer der Polizisten hebt den Blick. „Es tut mir Leid, Frau Kestner. Es tut mir unendlich leid“, sagt er leise.

Und Hannahs Welt zerbricht in tausend Stücke.

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Eigentlich sieht Ben aus wie immer. Das schmale Gesicht mit den feinen Grübchen, die vollen Lippen, die selbst im Tod spöttisch zu lächeln scheinen, die langen Wimpern, die das Kindliche in seinem Äusseren noch betonen und lange Schatten auf seine hohen Wangen werfen.  Das zerzauste Haar fällt ihm in die Stirn und Hannah hebt aus reinem Instinkt die Hand, um es zurückzustreichen. Halb erwartet sie dieses seltsame zufriedene Gurren, dass er stets von sich gibt, wenn sie das tut. Aber er bleibt stumm.

Er ist tot, Hannah, erinnert sie sich selbst, er wird nie mehr lachen, nie mehr stöhnen, nie mehr seufzen, nie mehr küssen, nie mehr reden. Du musst es akzeptieren, Hannah. Ben existiert nicht mehr. Er ist nur noch Erinnerung. Nur noch Vergangenheit.

Seine Augen sind geschlossen, wofür Hannah dankbar ist. Sie hat seine Augen geliebt, dieses warme Grün mit den goldenen Funken, die sich immer verdunkelten, wenn er sich ärgerte und immer aufleuchteten, wenn er sie ansah. Aber sie hätte es nicht ertragen, diese Augen, in denen für sie seine Seele immer so klar zu lesen war, erloschen und leer zu sehen. Wie Fenster, hinter denen niemand mehr wohnt.

Sie haben das Blut weggewaschen. Aber Hannah weiss, dass es da gewesen ist. Sie haben ihr erzählt wie es passiert ist. Die Polizisten. So behutsam, als würden sie einem Kind ein schlimmes Märchen vorlesen, haben sie ihr die Ereignisse geschildert, während sie stumme Tränen in ihre Teetasse vergossen hat. 

Vier junge Männer haben es getan. Junge Männer, die mit der rechtsextremen Szene liebäugeln und die schon einige Mal durch ihre hohe Gewaltbereitschaft aufgefallen sind. Sie haben Ben nicht einmal bewusst abgefangen, es war einfach ein Zufall, dass sie sich über den Weg liefen. Einer von ihnen hat den Gemeinderat erkannt. Sie waren angetrunken, aggressiv, wollten Dampf ablassen. Diese linke Bazille kam ihnen gerade recht. Und da haben sie ihn eben beschimpft. Da haben sie ihn eben festgehalten, als er weglaufen wollte. Da haben sie ihn eben zu Boden geworfen. Da haben sie ihm eben die Rippen eingetreten. Da hat eben einer von ihnen seinen Kopf genommen und ihn auf die Pflastersteine geschlagen, immer und immer wieder, bis das Blut den Platz rot färbte und bis Ben sich nicht mehr bewegte. Da haben sie ihn eben totgemacht.

Sie wussten nicht, dass Ben vom Sternzeichen Fisch war, denkt Hannah, sie wussten nicht, dass er nur rote Gummibärchen mochte, sie wussten nicht, dass er ein grauenhafter Tänzer war, sie wusste nicht, dass er leidenschaftlich Bierdeckel sammelte, sie wussten nicht, dass er fliessend Spanisch sprach, sie wussten nicht, dass er als Kind in Britney Spears verliebt war, sie wussten nicht, dass er Witze immer falsch rum erzählte, sie wussten nicht, dass er den Kopfstand konnte und  dass er eine panische Phobie vor Delfinen hatte, weil er als Kind mal von einem gebissen wurden. Sie wussten nicht, dass er einmal in Rollschuhen zu einem Bewerbungsgespräch aufgetaucht war, sie wussten nicht, dass er sich während der letzten Osterfeiertage mit so viel Zuckereier vollgestopft hatte, dass er hinterher kotzend über der Kloschüssel hing, sie wussten nicht, dass er lieber durch den Wald streifte, als ans Meer zu fahren, sie wussten nicht, dass er als Kind immer professioneller Pokémontrainer hatte werden wollen, bis ihm jemand mal gesteckt hatte, dass es Pokémons in Wirklichkeit gar nicht gibt. Sie wussten nichts von seiner Haselnussallergie, sie wussten nicht, dass er einmal einen Karaoke – Wettbewerb gewonnen hatte, sie wussten nicht, dass er Donald Duck perfekt nachahmen konnte und dass er in seiner Nachttischschublade ein Autogramm von Orlando Bloom aufbewahrte.

Sie wussten nicht, was für ein liebenswerter, gutmütiger und warmherziger Mensch er war. Sie wussten nicht, dass sein Lächeln und sein Charme selbst Eisberge zum Schmelzen bringen konnten. Sie wussten nicht, wie sehr Ben sich immer bemüht hatte, Brücken zu schlagen zwischen verfeindeten Parteien, wie sehr ihn an Frieden und Versöhnung gelegen hatte. Sie wussten nicht, dass der Mensch, den sie gerade töteten, die Sonne in Hannahs Lebens war. Sie wussten nicht, dass er, dessen Blut ihnen über die Finger rann, nicht einfach nur ein Roter war, sondern ein Mensch mit einem liebenden, schlagenden Herz und einer pulsierenden, brennenden Seele. Und vermutlich wollten sie es gar nicht wissen. Sie haben Ben getötet, weil er die falsche Farbe  gewählt hat. Das war Grund genug ihn zu hassen und schliesslich auch zu töten. 

Rot ist die richtige Farbe für mich, hat er immer wieder betont, rot ist meine Glücksfarbe. Aber in einer kalten, erstarrten Welt voller Kampf und Krieg, voller blindem Hass und brennender Wut, da ist kein Platz für Farben. In einer Welt, in der jeder meint, er habe die Lösung für das Problem, in der jeder der Auffassung ist, dass es okay ist jeden aus dem Weg zu räumen, der sich einem entgegenstellt, in der jeder sich einbildet, nur seine Sichtweise zähle und alle anderen seien falsch und deshalb auszulöschen, in der getötet wird, weil Parteien oder Herrscher oder die Sache es verlangen: da legt man die Farben am besten zur Seite. Da hüllt man sich am besten in einen grauen Mantel, verschliesst den Mund und geht still seinen Weg, ohne noch einen Blick auf die Feuer zu werfen, die von jenen entzündet werden, die glauben, ein Bild soll nur mit einer Farbe gemalt werden.

Doch für Ben ist es zu spät.

Seine Farbe hat ihn schon getötet.













 

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