Montag, 19. September 2016

Das Dorf, das eigentlich eine Stadt ist



Eine liebe Arbeitskollegin von mir, hat einmal  gesagt, dass sie zwar noch nie in Langenthal gewesen sei, sie aber dank meines Blogs, das Gefühl habe, es ganz genau zu kennen. Das ist natürlich ein wunderbares Kompliment für meine Schreibkunst. Wenn ich mir allerdings meine Blogeinträge durchlese, in denen Langenthal auftaucht, zweifle ich ein bisschen daran, ob ich wirklich so eine gute Botschafterin für mein Dorf bin. Problemchen, Skandale, Streitereien. Da macht Langenthal ja wirklich nicht eine allzu gute Figur. Dabei hat dieses Fleckchen Erde, das ich meine Heimat nenne, durchaus auch seine Reize.

Langenthal ist schwer einzuordnen. Es gehört zum Kanton Bern, liegt aber im Oberaargau, was manche Menschen schon einmal verwirrt, weil der Name sie glauben lässt, Langenthal gehöre zum Aargau. Was auch nie ganz klar ist, ist die Frage, ob Langenthal nun eine Stadt oder eher ein Dorf. Die offizielle Bezeichnung ist zwar Stadt, aber wenn ein Zürcher oder ein Luzerner nach Langenthal kommt, hat er für diesen doch recht hochtrabenden Begriff meist nur ein arrogantes Hochziehen der Augenbrauen übrig. Das kann man ihnen auch nicht verdenken, weil Langenthal nun wirklich nicht wie eine Grossstadt wirkt.  

Langenthal ist zwar nicht so klein, dass jeder jeden persönlich kennt, aber irgendwie, über tausend Ecken, ist jeder jedem bekannt. Das klingt dann ungefähr so: „Bist du nicht die Schwester von Michael, der mit meiner Cousine damals in die dritte Klasse gegangen und mit ihr hinter dem Schulhaus -  du weisst schon, unter den Bäumen beim Biotop – rumgeknutscht hat?“ Das kann einem manchmal schon sehr auf die Nerven gehen, ehrlich gesagt. Es ist total schwierig, in Langenthal jemanden zu begegnen, für den du wirklich ein vollkommen unbeschriebenes Blatt bist. Und es ist fast unmöglich irgendeinen Kurs zu besuchen oder einem Verein beizutreten, ohne dabei jemanden anzutreffen, den man bereits kennt oder bereits gekannt hat. Ich habe mal gelesen, dass Island eine App entwickelt hat, mit deren Hilfe man überprüfen kann, ob man mit seinem Dating – Partner zu nah verwandt ist. Die Wahrscheinlichkeit ist in Island ziemlich hoch, weil es so wenige Einwohner hat. So eine App wäre für Langenthal auch nützlich. Also nicht nur um Blutsverwandtschaften auszuschliessen, sondern einfach, um anzuzeigen, wie wer mit wem vernetzt ist. Klatsch und Tratsch lässt sich in so einer kleinen Stadt nicht vermeiden und er kann einen auch verfolgen. Das ist die Schattenseite.

Zu der Sonnenseite gehört eine gewisse Geborgenheit. Es wäre jetzt übertrieben zu sagen, dass wir eine total verschworene Dorfgemeinschaft sind, die gemeinsam durch dick und dünn geht, Zaubertrank in sich schüttet und sich gegen die Römer zur Wehr setzt (wobei, wenn sich Olten erdreisten würde, Machtansprüche zu stellen, würden wir uns wahrscheinlich ebenso beherzt mit Fisch und Hammer bewaffnet in die Schlacht werfen, wie die Gallier). Aber wenn ich mal in Zürich gewesen bin (wo man schon einmal aus purer Bosheit vors Tram geschubst werden kann), tut es ganz gut wieder nach Langenthal zurückzukehren, nachhause zu schlendern und von irgendwem ein herzliches „Tschou Désirée“ zu hören.  

Langenthal gilt übrigens als die durchschnittlichste Stadt der Schweiz. Dieses Prädikat wurmt manchen Langenthaler Lokalpatrioten. Durchschnitt, das bedeutet zwar solid, aber ihm haftet auch den Geschmack der Langeweile an. Und welche stolze Stadt lässt sich schon gerne langweilig schimpfen? Aber immerhin, dieses ganz und gar durchschnittliche Leben, verhilft uns zu Erwähnungen in vielen Volkswirtschaftslehrbüchern.

Berühmt ist Langenthal aber vor allem für seine hohen Trottoirs. Die sind nicht etwa dafür gebaut, dass sich möglichst viele Passanten den Hals brechen und man so dafür sorgen kann, dass die Schweiz nicht überbevölkert wird, sondern dafür, unseren stürmischen Dorffluss durch das Städtchen leiten zu können, wenn er sich mal wieder spontan dafür entscheidet, überzuschwappen. Das ist zwar schamlos abgekupfert von Venedig und steht symbolisch dafür, dass Langenthal an einem latenten Grössenwahn leidet, da es sich nur allzu gerne mit weit überlegenen Konkurrenten misst, ganz so wie kleine Kinder ihre älteren Geschwister nachäffen. Allerdings hat sich diese spektakuläre Art und Weise mit Hochwasser umzugehen durchaus zu einer Touristenaktion gemausert. So wurde ich damals, als ich mich in der Berufsschule vorstellte und meinen Wohnort nannte, von einer Lehrerin gefragt, ob das nicht die Stadt sei, die sich freiwillig unter Wasser setze.

Die Dame irrte sich natürlich: Wir machen das schon lange nicht mehr. Denn Touristenmagnet hin oder her, nach einem ziemlich wüsten Hochwasser, das zahlreiche Keller überflutete, fand man das mit dem Venedig nicht mehr so cool und beschloss einen Entlastungsstollen zu bauen. Von dem sind die Langenthaler allerdings immer noch so begeistert, dass sie ihre armen Schulkinder damit quälen, elend lange Aufsätze über dieses Wunderwerk von Stollen schreiben zu lassen.

Dank der Schule kenne ich auch die Wälder von Langenthal. Weil ich nämlich in JEDEM EINZELNEN WAR, UM so BESCHEUERTE SPORTARTen ZU BETREIBEN WIE OL ODER GELÄNDELAUF! Allerdings finde ich es wirklich klasse, dass wir trotz aller Bestrebungen eine Stadt zu sein, trotzdem noch wissen was Bäume sind und Langenthal hat wirklich einige schöne Naturplätze. Man kann hier wirklich gut ausgedehnte Spaziergänge unternehmen und sich aus dem Stadtleben ausklinken. Was allerdings fehlt ist so ein richtiger Park.

Dafür haben wir den Wuhrplatz, der es schon einmal in diesen Blog geschafft hat. Für manche Langenthaler (wobei ich glaube, dass es immer mehr werden) ist dieser Platz so eine Art Heiligtum, das pulsierende Herzstück von Langenthal und ein Wohnzimmer für alle, die hier leben. Naja. Wie schon einmal geschrieben, ich finde den Platz jetzt nicht so dolle. Ich mag es halt einfach, wenn Brunnen wie Brunnen aussehen und nicht wie Tanksäulen.

Nach wie vor ist es allerdings die Marktgasse, wo man und frau sich über den Weg läuft und Dorfklatsch austauscht. Und nebenbei hat sie ein wunderschönes Kopfsteinpflaster. Allerdings findet man das spätestens nicht mehr so hübsch, wenn man mal mit dem Fahrrad darüber gefahren ist und sich dabei den Hintern malträtiert hat. Oder wenn man mal mit seinen hohen Stöckelschuhen stecken geblieben und böse gestürzt ist.

Die Marktgasse (die übrigens teilweise verkehrsfrei ist) wird umsäumt von Geschäften und Restaurants, die ich seit meiner Kindheit kenne. Der krönende Mittelpunkt ist das Choufhüsi, das allein schon wegen seinem imposanten Bau und seinem Türmchen mit dazu passender Uhr (auf die man sich allerdings nicht immer unbedingt verlassen sollte) ins Auge sticht. Auch wenn man es meinen könnte, hier ist keineswegs der Stadtpräsident zuhause. Stattdessen beherbergt das Choufhüsi neben einem Restaurant und diversen Geschäften auch noch ein Kunsthaus, wo man Ausstellungen bewundern darf. Ehrlich gesagt, keine Ausstellungen, die ich jemals besuchen würde, aber ich kann mit diesem modernen Kunstzeug sowieso nicht anfangen. Für mich ist ein zerbrochener Krug einfach ein Scherbenhaufen, den man zusammenfegen sollte und keine Kunstinstallation.

Wie das halt so ist mit der Kunst, sie sorgt selbst in friedlichen Städtchen für den einen oder anderen Skandal. In Erinnerung geblieben ist hier vor allem der Künstler Robin Bhattacharya, der mit Langenthaler Porzellan ein Hakenkreuz auf dem Boden nachbildete. Das kam vielen in den falschen Hals. Denn Langenthal und Rechtsextremismus, das ist eine heikle und nicht besonders ruhmreiche Geschichte. Tatsache ist nämlich, dass Langenthal lange Zeit einen Vertreter der PNOS im Stadtrat hatte. Die PNOS, das ist die Partei, die 2008 nach der Wahl von Whitney Toyloy zur Miss Schweiz verkündete, diese „braune Schweizerin verkörpere ein Geschwür, welches die freie unabhängige Schweiz am Auffressen sei.“ Diese Aussage zeigt schon ziemlich klar, aus welchem braunen Sumpf diese „Partei“ ihr Gedankengut schöpft.

Ebenso Tatsache ist, dass es in Langenthal einen riesigen Streit um den Bau eines Minaretts gab und damit eine Diskussion anstiess, die am Ende zum schweizweiten Minarettverbot führte. Mit der aktuellen Burkadebatte hat Langenthal allerdings gar nichts zu tun und auch sonst konnte man sich – aus meiner Sicht - von diesem Image der rechtsextremen Stadt befreien. Auch von den PNOS hört man nicht mehr viel und im Stadtparlament sind sie schon lange nicht mehr vertreten.

Hoffen wir, dass es so bleibt. Denn zu sagen, dass Langenthal intolerant sei, wäre falsch. Wir haben eine katholische Kirche, eine reformierte Kirche, eine Moschee, einen Sikh – Tempel und zahlreiche Freikirchen. Und es funktioniert, ohne dass ich jetzt als Langenthalerin je tiefe Gräben zwischen den Kulturen festgestellt hätte. Es könnte bestimmt besser sein, aber es ist nicht so schlimm, wie man es bei all den negativen Schlagzeilen der Vergangenheit denken könnte. 

Der Platz vor dem Choufhüsi trägt übrigens einen äusserst geschichtsträchtigen Namen: Bundesrat - Johann – N. – Schneider – Ammann Platz (und ja, das passt tatsächlich auf ein Schild). Der ist nämlich ein  Langenthaler und als er letztes Jahr als Bundesrat wiedergewählt und turnusgemäss als Bundespräsident bestätigt wurde, liess es sich der Gemeinderat nicht nehmen, ihm gleich einen Platz zu widmen. Man stelle sich vor, was wir Langenthaler erst machen, wenn der gute Mann erst dahingeschieden ist. Vermutlich benennen wir dann gleich noch den Mond nach ihm (wobei ich natürlich hoffe, dass er sich noch langer Gesundheit erfreut, nicht, dass jetzt jemand was Falsches denkt!). 

Kehren wir zur Marktgasse zurück. Die ist vielen Leuten zu „unbelebt“ sprich: Zu ausgestorben. Wenn man schon eine Stadt sei, mosern manche, sollte auch etwas los sein. Über das wird schon seit meiner frühsten Kindheit diskutiert. Damals lebten wir gleich in der Marktgasse, direkt über der UBS, wo mein Vater damals als Hauswart arbeitete und kamen in den unglaublichen Genuss von zahlreichen Anlässen, die damals in die Marktgasse gezerrt wurden, durchaus auch mal in der Nacht, was bei uns selbstverständlich nicht gerade zu Freudentänzen führte.

Ich persönlich empfinde es sogar als Vorteil, dass Langenthal ein bisschen verschlafen ist. Wenn ich vom Ausgang nachhause komme, finde ich es sehr schön, durch eine stille, dunkle Marktgasse zu laufen, wo man nicht von betrunkenen Partygängern blöd angemacht wird.

Über das Beleben wird in Langenthal sowieso viel gestritten. Konkret geht es um ein Areal und ein Gebäude, deren Potenzial nicht voll ausgeschöpft wird: Die alte Mühle und die ehemalige Porzellanfabrik von den Langenthalern meist liebevoll als Porzi betitelt. Die Mühle ist ganz geschlossen, auf dem Porzigelände ist inzwischen wieder Leben eingezogen, dennoch finden viele Langenthaler, dass man die Fläche optimaler nutzen könnte. In Langenthal ist das so ein emotionales Thema, dass sich gar Parteilose in das Wahltheater Stadtpräsidium einklinken, um Lösungen zu hören. Die Porzi ist natürlich eine Herzensangelegenheit von Langenthal. Langenthaler erkennt man unter anderem daran, dass sie in Restaurants das Geschirr umdrehen um zu prüfen, ob es aus „ihrer“ Fabrik stammt. Auch wenn diese gar nicht mehr existiert, zumindest nicht mehr in Langenthal (Lange Geschichte).

Emotional wird es auch immer, wenn es in Langenthal um Hockey geht. Ich kann Sport ja ohnehin nicht viel abgewinnen und Hockey kumuliert so ziemlich alles, was ich nicht ausstehen kann: Kälte, Sport und schreiende Menschen, die sich von vernünftigen Erwachsene in quengelnde Kinder verwandeln, weil irgendein dick gepolsterter Spieler so eine komische Scheibe getroffen oder eben nicht getroffen hat. Und trotzdem war ich damals dabei, als Langenthal so triumphal Meister in der Nationalliga B wurde (allerdings war ich dort nur aus purer Loyalität zu meinem Freundeskreis und nicht etwa aus ernsthaftem Interesse). Für viele Langenthaler hängt ihre tägliche Stimmung allerdings vom Erfolg oder Nichterfolg der Mannschaft ab, ja, selbst mein Vater, der ungefähr dieselbe Begeisterung für Sport hegt wie ich, gibt uns bei der Lektüre der Zeitung jeweils bekannt, ob Langenthal nun gewonnen oder verloren hat. Der SCL gehört ebenso zu Langenthal wie die vielen Kreisel. Das beweist auch die Tatsache, dass für alle klar zu sein scheint, dass man eine neue Eishalle bauen soll (die Alte tut’s nicht mehr) und es wäre wahrscheinlich schon lebensgefährlich auch nur zu fragen, ob es denn sinnvoll sei, so viel Geld für eine Sportanlage auszugeben…(ups, ich hab’s getan).

Etwas vom Besten an Langenthal ist für mich die Bibliothek. Ich liebe sie, heiss und innig, bewahrt sie mein Zimmer doch erfolgreich davor, sich in eine Büchergruft zu verwandeln (weil ich ja sonst alle Bücher kaufen müsste). Schon als ich ein kleines Mädchen war (das klingt jetzt so, als wäre ich mindestens siebzig. Sagen wir: Als ich noch um einiges jünger war), war es für mich das Grösste, meine Mutter in die Bibliothek begleiten zu  dürfen. Und heute, wo ich selbst in der Buchbranche zuhause bin, kann ich auch aus professioneller Sicht sagen: Die haben’s echt drauf. Manchmal klagen bei mir Kunden, das ihre Ortsbibliothek so schlecht bestückt sei und ich bin dann jeweils total überrascht, weil ich bei dem Wort „Bibliothek“ immer an meine „Biblere“ denke, in der man  auch die neuesten Bücher findet.  

Auch das Schwimmbad hier ist toll. Ja, auch wenn ich dem Sportwahn nichts abgewinnen kann, hin und wieder bewege auch ich mich und Schwimmen finde ich super. Nicht dann, wenn das Schwimmbad überfüllt ist von schreienden Kindern, von kreischenden Tussis in viel zu engen Bikinis und von Möchtegern - Bodybuildern, die keinen Zeh ins Wasser tauchen, aber mit stolzgeschwellter Brust herumstolzieren. Sondern am Morgen oder am Abend, wenn noch nicht so viele Leute da sind und du so schwimmen kannst wie du willst, ohne dauernd deine Zehen in einen fremden Oberschenkel zu rammen.

Jetzt habe ich viel von Gebäuden und Orten erzählt, aber wie sind sie denn nun, die Langenthaler? Unglaublich stolz sind sie auf ihre Stadt, auch wenn sie dieses Gefühl nur allzu gerne hinter spitzen Spötteleien und weinerliche Klagen über dieses oder jenes verstecken. Das zeigt sich unter anderem dadurch, dass man  sich herausnimmt die prominenten Kinder der  Stadt– wie zum Beispiel unseren Bundesrat Johann Schneider Ammann – auch mal mit heftigen Worten zu kritisieren, aber äusserst empfindlich und hochfahrend reagiert, wenn eine Person von „aussen“ dasselbe tut. Langenthaler sind schliesslich makellos und nur den Makellosen selbst steht es zu, sich gegenseitig Unfreundlichkeiten an den Kopf zu werfen, allen anderen ist dies streng untersagt.

Von ihrem Wesen her, sind die Langenthaler freundlich. Wenn man grüsst, wird lächelnd zurückgegrüsst. Die grossen Gefühlsregungen bleiben meist aus, davon hält man in Langenthal nicht viel. Zurückhaltung ist das Zauberwort, Menschen, die sich allzu sehr exponieren, werden eher misstrauisch beäugt. Auch allem Fremden und Experimentellen stehen die Langenthaler erst einmal skeptisch gegenüber, denn sie schätzen das Vertraute mehr, als das Neue, Aufregende. Um Langenthaler von neuen Ideen zu überzeugen, darf man ihnen keineswegs die Bratpfanne über den Schädel hauen, stattdessen muss man sie mit sanfter Stimme und vernünftigen Argumenten herbeilocken, ganz so, wie man es mit  einem scheuen Reh tun würde.  

Höflichkeit und Anstand sind zwei Dinge, auf die der Langenthaler grosser Wert legt. Verbale Entgleisungen sind hier eher fehl am Platz, man ist in allem was man tut gemässigt und man achtet stets auf den guten Ton. Verbale Entgleisungen werden ebenso wenig honoriert wie extreme Ansichten. Die Langenthaler mögen ziemlich oft fauchen, grundsätzlich ist ihnen  der Frieden  jedoch heilig und wenn sie denken, dieser sei bedroht, ziehen sie die Krallen schnell wieder ein und verlegen sich aufs Schmusen. Aber niemand vermag es so gut, scharfe Kommentare in schöne Worte zu kleiden und kleine Bosheiten in wortgewaltigen Leserbriefen zu verstecken, wie ein waschechter Langenthaler. Aber damit will ich keineswegs sagen, dass die Langenthaler falsch sind. Listig wäre das richtige Wort. Und wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, dann werden sie auch gerne mal direkt.

Was Langenthal so lebenswert macht, ist die angeborene Gemütlichkeit seiner Bewohner. Auch wenn manche sich über diese Lethargie aufregen (zum Beispiel ich) muss man den Langenthalern zugestehen, dass ihre angeborene Vorsicht, Umsicht und Sorgfalt auch etwas Beruhigendes hat. Wenn die Welt einmal untergehen wird, werden sich die Langenthaler einfach an einen Tisch im Bären setzen und brummen: „Jetzt lasst uns erst einmal nachdenken, bevor wir überstürzt handeln.“  

Ich habe es immer als gefährlich empfunden, sich zu sehr mit einem Land oder einer Stadt zu identifizieren.  Und ich sehe mich auch nicht als grosse Lokalpatriotin. Wäre ich in einem anderen Dorf oder in einer anderen Stadt geboren, wäre ich wahrscheinlich mit dieser verbunden und nicht mit Langenthal.

Und dennoch, als ich mich einmal  mit meinen Freundinnen darüber unterhalten habe, wo wir in ein paar Jahren vielleicht wohnen werden, wurde mir klar, dass es mir schwer fällt, mir einen anderen Wohnort vorzustellen als Langenthal. Das liegt vielleicht daran, dass ich nicht so die grosse Reisende bin. Würde ich in Mittelerde leben, wäre ich ein Hobbit, der im Morgenmantel in seiner bequemen Höhle sitzt und sich in seinem Sessel fläzt.

Oder es liegt doch an dem eigenwilligen  Charme von meinem Heimatdorf, das ich mich immer wieder freue, wenn ich wieder hierher zurückkehre und die vertrauten Pfade unter meinen Füssen spüre.


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