Montag, 15. August 2016

Schau mir nur recht ins Gesicht



In der Schweiz wird wieder einmal über ein Burka – Verbot diskutiert. Erstaunlich ist das nicht, schliesslich hat man es hierzulande mit fragwürdigen Argumenten ja auch geschafft ein Minarettverbot durchzuboxen. Was allerdings verblüfft ist, dass diese Forderung ausgerechnet aus dem Mund eines SP – Politikers kommt, der zudem schon öfters angeeckt hat: Mario Fehr, Regierungsrat in Zürich, Vorsteher der Sicherheitsdirektion. Ebenjener Fehr, der vor nicht allzu langer Zeit von seiner eigenen Jungpartei, der JUSO, angezeigt worden ist, weil er eine Überwachungssoftware gekauft hat.

Ich glaube nicht, dass ein Burka - Verbot besonders sinnvoll ist. Mal ehrlich, wie viel Burkas sieht man in der Schweiz? Abgesehen von Nora Illi in der Arena, habe ich persönlich noch nie eine Burkaträgerin gesehen, obwohl ich schon mein ganzes Leben hier verbracht habe. Es sind also keineswegs Massen von komplett verschleierten Frauen, die durch die Schweiz flanieren. Durch ein Verbot suggeriert man der Bevölkerung allerdings: Hey, wir haben total viele Burkaträgerinnen, deshalb müssen wir das jetzt eindämmen. Was natürlich wiederum der These wir – werden – alle - schleichend -islamisiert neuen Auftrieb gibt.

Was uns ebenfalls immer wieder gerne vorgegaukelt wird ist: Wenn wir Burkas und Minarette verbieten, schützen wir uns vor Terrorismus. Das ist natürlich kreuzfalsch. Erstens ist Terrorismus nicht zwangsläufig verbrüdert mit einem islamistischen Hintergrund. Terrorismus hat auch nicht automatisch etwas mit Religion zu tun. Es gibt auch Terrorismus, der auf politischen Ideologien beruht (siehe RAF). Und zweitens: Wie viele Terroristen, die sich für die letzten Anschläge verantwortlich zeigten, trugen noch mal eine Burka?

Ein weiteres Argument, das oft angeführt wird, ist die Sache mit der Kommunikation. „Mit einer verschleierten Person kann man nicht reden, es führt zu Missverständnissen.“ Stimmt natürlich. Wenn ich die Mimik eines Menschen nicht sehe, kann ich zum Beispiel Ironie und Sarkasmus schlechter erkennen. Das gilt allerdings auch für Telefone, E – Mails und SMS. Auch dort sehe ich meinen Gesprächspartner ja nicht und jeder von uns kann wahrscheinlich ein Lied davon singen, wie schrecklich schief eine Unterhaltung gehen kann, die nicht von Angesicht zu Angesicht geführt wird. Trotzdem ist noch niemand auf die Idee gekommen, das Telefon zu verbieten.

Es gibt allerdings auch Einwände, die ich nachvollziehen kann. Ja, es ist bei uns in der Schweiz nicht üblich, das Gesicht zu verbergen. Würde ich mir eine Skimaske überziehen und damit durch den Bahnhof laufen, würden die Leute entweder denken ich hätte ein arges Pickelproblem oder ich hätte gerade eine Bank überfallen. Wer nichts zu verbergen hat, der zeigt auch sein Gesicht. Ein Standpunkt, den ich verstehe.

Ebenso verstehen kann ich jene Stimmen, die den Vorwurf erheben, eine Burka sei das Symbol der Unterdrückung der Frau. Auch wenn man hier extrem vorsichtig sein muss. Nicht jede Frau, die eine Burka trägt, tut dies aus Zwang. Ich wage sogar die Behauptung, dass für manche Frauen die Burka genauso ein Kleidungsstück ist, wie für uns ein Schal. E

Ich halte es auch für falsch, den Islam pauschal vorzuwerfen, er sei frauenfeindlich. Ich habe den Koran nie gelesen, aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass da wortwörtlich steht: Lass deine Frau nicht mehr aus dem Haus und wenn doch, schmeiss eine Decke über sie. Genauso wenig wie in der Bibel steht, dass Frauen keine Priester sein dürfen.  Überhaupt ist auch das Christentum nicht gerade ein Paradebeispiel für die Gleichberechtigung der Frau. Immerhin ist die Frau aus streng christlicher Sicht die personifizierte Sünde (Ich sage nur: Apfel). Und vor nicht allzu langer Zeit war es durchaus noch üblich, dass sich sittsame Frauen auch hierzulande das Haar bedeckten, besonders wenn sie eine Kirche betraten.

Aber es ist natürlich auch nicht von der Hand zu weisen, dass es sich nicht vereinbaren lässt mit den liberalen Werten der Schweiz, wenn eine Frau unter dem Deckmantel einer Religion, ihrer Würde beraubt wird. Wenn eine Frau gezwungen wird, eine Burka zu tragen, wenn sie nicht selbst entscheiden kann, wen sie heiraten will, wenn von ihrem Ehemann vergewaltigt wird, wenn sie eingesperrt wird, ist das nicht zu akzeptieren. Und wenn man achselzuckend darüber hinweggeht, wohlmöglich noch mit der Bemerkung, wenn das kulturell bedingt sei, habe man sich da nicht mit westlicher Arroganz einzumischen, muss ich einfach sagen: Da hört das Tolerieren auf und das Wegsehen beginnt.

Doch, wie gesagt, es ist falsch und gefährlich, immer davon auszugehen, dass jeder Moslem ein Extremist ist und der Islam grundsätzlich eine gefährliche Religion. Jede Religion kann zu einer gefährlichen Waffe werden, wenn Fanatiker sie benutzen. Mal ganz abgesehen davon: Hat jemand von euch mal die Bibel gelesen? Da stehen einem die Haare zu Berge und würde man das alles wortwörtlich nehmen was im Alten Testament vorgeschlagen wird, wäre die Schweiz ein verdammt ungemütlicher Ort.

Um noch mal zum Ausgangspunkt zu kommen: Ich glaube, jemanden das Tragen eines Kopftuch oder einer Burka zu verbieten ist genauso schlimm wie jemanden dazu zu zwingen.

Die Diskussion über das Burka – Verbot führte aber gleich fliessend zu einer weiteren Debatte. Darf sich Mario Fehr noch Sozialdemokrat nennen, wenn er solche Ansichten vertritt? Vor allem da es nicht das erste Mal ist, dass er Tabus innerhalb der Linken bricht. Schon werden Stimmen laut, dass man Mario Fehr endlich aus der Partei entfernen soll, da er die Ideale der Sozialdemokraten verraten habe.

Aus meiner Sicht wäre das allerdings auch höchst undemokratisch. Es ist völlig normal, dass in einer Partei verschiedene Meinungen herrschen. Nein, es ist nicht nur normal, es ist notwendig, denn um zu einer konstruktiven Lösung zu kommen, ist es wichtig, verschiedene Blickwinkel einzubeziehen. Es ist auch völlig klar, dass jedes Parteimitglied eigene Hintergründe, Motive und Ideen mit sich bringt und deshalb zwangsläufig nicht immer so handelt, wie es die Parteilinie fordert. Es gibt wohl auf der ganzen Welt keinen einzigen Mensch, der sich absolut und zu 100% mit einem Parteiprogramm identifizieren kann. Jeder Mensch hat ein eigenes Hirn und ein eigenes Gewissen und das gibt man nicht automatisch bei einem Parteieintritt ab.

Natürlich kann das frustrieren. Natürlich ist es ein schmerzhafter, emotionaler und mitunter zorniger Prozess, wenn man sich parteiintern mit Meinungen konfrontiert sieht, mit denen man nicht gerechnet hat oder die man persönlich nicht nachvollziehen kann. Ich denke aber, dass es falsch ist, Personen, die unserer Meinung nach nicht links genug sind, einfach auszusortieren. Das ist der einfachste Weg. Und ein diktatorischer Weg. Man kann nicht andere Parteien dafür kritisieren, dass sie die  Meinungsfreiheit ihrer Mitglieder einschränkt, wenn man dann selbst den gleichen Blödsinn macht. Und wenn man sich als Partei Toleranz auf die Fahne schreibt, bedingt das auch die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Ich persönlich bin auch kein Fan von „Du bist eben kein Sozialdemokrat, wenn du nicht das und das denkst.“ Es gibt ja auch nicht nur einen Rotton, sondern verschiedene Schattierungen. Insofern ist es auch nachvollziehbar, dass es nicht nur eine sozialdemokratische Ausrichtung gibt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Genauso wie der linke Flügel der Partei sich in der Presse äussern darf, gebührt dieses Recht selbstverständlich auch dem rechten Flügel.  

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