Donnerstag, 4. August 2016

R-E-S-P-E-C-T!



Feminismus ist die Rache der weniger schönen Frauen, an den Männern mit den schönen Frauen. Dieser Satz stammt keineswegs aus dem letzten Jahrhundert. Roger Köppel, gewählter SVP - Nationalrat, streute diesen Satz ganz nebenbei in einen seiner verdrehten Artikel (ganz ehrlich: Ich bewundere  regelmässige Leser der Weltwoche. Wenn man sich jede Woche durch dieses Schmutzblatt kämpfen kann, ohne unter einem dauernden Brechreiz zu leiden, muss wirklich über eine bemerkenswerte Widerstandskraft verfügen. Oder über einen Pferdemagen).

Quasi um zu beweisen, dass es niveaumässig auch noch eine Schublade tiefer geht, postete Andreas Glarner, ein Parteikollege Köppels, vor nicht allzu  langer Zeit auf seiner Facebook – Seite Fotos von zwei Frauen (denen es auf Twitter gelungen war, ihm nachzuweisen, dass er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt), und postete dazu den süffisanten Spruch: „Ich versteh ja irgendwie schon, warum sie links und feministisch sind.“ Und seine Fans fielen über die zwei Damen her, wie der Löwe über die Antilope,  nannten sie „hässlich“ „Zombies“ „Vogelscheuchen“ und „Models für Rosshaarmatratzen“. Wohlgemerkt: Die boshaftesten Kommentare stammten dabei übrigens von Frauen.

Es ist eine geradezu köstliche Ironie, dass genau die zwei Männer, die stets behaupten, die Gleichstellung zwischen Mann und Frau sei längst erreicht und man solle jetzt mit diesem feministischen Quatsch aufhören, mit ihrem Verhalten auf so anschauliche Art beweisen, dass die Thematik „Die Frau in der Gesellschaft“ noch keineswegs abgehakt ist.

Jeder Mensch ob Männlein oder Weiblein wird gewissen Schönheitsidealen unterworfen. Und das ist nicht wegen den Barbies oder den Modelsendungen oder den Zeitschriften, sondern hauptsächlich, weil unser Äusseres keine Privatsache ist. Stattdessen bekommen wir regelmässig Schönheitstipps und Modekritik von Menschen, die wir kaum oder auch mal gar nicht kennen. Und wer wurde nicht schon mal beleidigt, weil er den ästhetischen Ansprüchen seines Gegenübers nicht genügte?

Ein Beispiel. Ich bin wirklich sehr schlank. Naja, eigentlich bin ich mager und knochig. Und das wird mir regelmässig unter die Nase gerieben. Wenn Freundinnen oder Verwandte mich damit aufziehen: Easy. Was allerdings gar nicht geht, ist, wenn Menschen, die ich vielleicht einmal im Jahr sehe, mich mit weit aufgerissenen Augen anstarren, die Hände über den Kopf schlagen und jammern: „Jesses, bist du ein dünnes Ding.“ Oder wenn Kundinnen meine Taille mustern, die Augenbrauen hochziehen und sagen: „Sie sind ja abartig schlank.“ Oder natürlich der absolute Lieblingskommentar: „Iss endlich mehr!“.

Ein Luxusproblem? Vielleicht. Aber mein Körper ist meine Sache. Ich verstehe nicht, wieso sich manche Menschen dazu bewogen fühlen, meine Figur zu bekritteln. Wenn ich merke, dass jemand über keinen besonders grossen Wortschatz verfügt, sage ich ja auch nicht: „Lesen Sie doch mal ein bisschen mehr, dann sind Sie vielleicht auch mal in der Lage einen vollständigen Satz zu bilden.“ Und würde ich so etwas sagen, würde man mich entsetzt anstarren und mir empört erklären, dass ich doch nicht einfach den Intellekt eines anderen Menschen beleidigen darf. Stimmt. Wieso man dann allerdings mein Äusseres beleidigen darf, ist mir ein Rätsel.

Dasselbe geschieht auch übergewichtigen Menschen. Da irgendjemand einmal beschlossen hat, dass füllig nicht attraktiv ist und parallel dazu von diversen Gesundheitsexperten entdeckt worden ist, dass Übergewicht ungesund ist, ist jeder, der ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat, Freiwild. Da wird gelacht, da wird gespottet und mit dem Finger auf jemanden gezeigt. Weil, wer dick ist, der ist eben einfach zu faul um Sport zu treiben oder isst zu viel.

Ich bin eine Frau, deshalb ist meine Sichtweise naturgemäss auf mein Geschlecht eingeschränkt. Aber ich denke, dass wir Frauen mehr unter diesen Schönheitsidealen leiden, als die Männer. Weil in vielen Köpfen noch das Denken verankert ist, dass sich der Wert einer Frau darin bemisst, ob sie einen Freund/Mann hat oder nicht. Wenn ein Mann mit vierzig noch alleine ist, ist er ein einsamer, faszinierender Wolf. Eine Frau ist dann eher die übrig gebliebene Unterhose nach dem Sommerschlussverkauf. Nicht nur in den Augen der Männer, sondern auch in den Augen anderer Frauen. Und wie oft kommentieren Menschen die Trennung eines Paares mit: „Also, so wie sie aussieht, wundert es mich nicht, dass er davongelaufen ist.“

Köppels und Glarners Aussagen untermauern nur das, was viele Menschen denken: Dass eine Frau nur dann etwas wert ist, wenn ihr Äusseres den vorherrschenden ästhetischen Meinungen entspricht. Dass es nicht sein kann, dass eine Frau sich für etwas einsetzt, weil sie an etwas glaubt und nicht, weil sie anderen etwas neidet. Und das es okay ist, eine Frau mies zu behandeln, wenn sie ihren Hauptauftrag (den Männern gefallen) nicht erfüllt.

Schönheit ist relativ. Mir muss niemand Komplimente machen, wenn ich ihm nicht gefalle. Und die Gedanken sind ja bekanntlich frei. Wenn jemand also findet, ich sei ein magere Ziege: Völlig okay. Was ich allerdings nicht akzeptieren kann ist die Tatsache, wenn man meine Meinung abwertet, indem man mein Äusseres als Argument anführt.

Ich kann von niemanden verlangen, dass er mich schön findet. Aber Respekt und Achtung, das kann ich verlangen. Auch wenn ich Brüste habe.

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