Mittwoch, 24. August 2016

Ich blogge, also bin ich



Bin ich jetzt eine Polit – Bloggerin?

Bei der gestrigen Parteiversammlung wurde da so die eine oder andere scherzhafte Bemerkung fallen gelassen so à la „Schreib das dann vielleicht nicht in deinem Blog“. Grund dafür war der Blogeintrag über das Podium der Stadtpräsidentskandidaten (ist euch aufgefallen, was für ein irre langes Wort das ist?), das, aufgrund der Tatsache, dass es viele auf Facebook teilten (unter anderem eben einer jener Kandis) eine wahre Flut von Besuchern und Lesern auf meine bescheidene Spielwiese spülte. Und da die letzten Einträge fast nur von Politik handelten, liegt natürlich der Schluss nahe, den ein Leser auf Facebook gezogen hat: Hier ist eine SP – Bloggerin!

Als ich den Blog eröffnete, war er als literarisches Experiment gedacht, als einen Ort, wo ich meine Texte veröffentlichen konnte. Es liegt in meiner latent narzisstischen Natur, dass ich gerne gelesen werde und dass ich auch gerne Komplimente für meine Texte entgegennehme. Und ich habe auch gerne, wenn Menschen sich mit meinem Geschreibsel auseinandersetzen und mit mir die Diskussion suchen. Natürlich war mir klar, dass meine Streuweite jetzt nicht gerade riesig ist, aber ich wollte eine Plattform haben, ungeachtet dessen, wie viele sie besuchen.

Naja, parallel dazu begann ich mich wieder mehr mit Politik zu befassen und weil ich von Natur aus eine kleine Plaudertasche bin (die sich auch gerne mal ins Fettnäpfen setzt, wenn sie mal wieder frisch von der Leber weg redet, statt erst das Hirn einzuschalten) rutschte das halt auch immer wieder auf dem Blog. Dann versuchte ich mich wieder davon wegzubewegen aber das Politische schlich sich immer wieder ein. An irgendeinen Punkt bin ich dann zu der Überzeugung gelangt, dass es sowieso blödsinnig ist, als politisch interessierter Mensch einen Blog führen zu wollen, der genau jene Politik ausklammert.

Dennoch soll auch der kreative Teil hier verwurzelt bleiben. Ich liebe es, Geschichten zu schreiben. Dass jetzt so lange keine mehr gekommen sind, liegt einfach an der fehlenden Zeit und an meinem Perfektionismus. Und daran, dass es schwieriger ist, eine Handlung mit erfundenen Figuren  zu ersinnen, als wenn man einfach aufschreiben und interpretieren kann, was echte Menschen sagen oder tun. Der Arbeitsprozess dauert länger. Oder vielleicht dauert er auch nur bei mir länger, ich bin ja nicht das Mass aller Dinge.

Inzwischen bin ich auch der festen Ansicht, dass Politik und Kultur zusammengehört. Meist wird es heute geradezu panisch voneinander getrennt. Zumindest in der Schweiz, in Amerika mischen sich Schauspieler und Sänger ja durchaus in den Wahlkampf ein und nutzen ihre Fans, um die Abstimmung zu beeinflussen.

Als der Rapper Knackeboul seinen Bekanntheitsgrad dazu nutzte, um die Durchsetzungsinitiative zu bekämpfen, löste das auch bei seinen Fans nicht nur Jubelstürme aus. Es gab auch viele, die sich daran störten, dass  Knackeboul ein politisches Thema anstiess. Er solle sich doch lieber mit seiner Musik beschäftigen, murrten einige, sie würden ihn schliesslich deswegen mögen und nicht wegen seinem politischen Engagement! Nur wieso soll sich das zwangsläufig ausschliessen? Ist es nicht einer der Grundpfeiler der Schweiz, dass sich jede und jeder in die Politik einklinken kann und auch soll. Wieso sollen also ausgerechnet Kunstschaffende, davon ausgenommen sein?

Ein Grund könnte sein, dass viele Künstler sich selbst von der Politik abgrenzen. Man will nicht in eine Schublade gesteckt werden und unabhängig bleiben. Unvoreingenommen an die Themen herangehen. Es gibt aber bestimmt bei manchen auch wirtschaftliche Gründe. Denn was, wenn man mit politischen Äusserungen Leser, Zuhörer oder Zuschauer vertreibt? Was wenn man für Bühnenauftritte nicht mehr gebucht wird, weil man dieser oder jenes gesagt hat? Das ist natürlich völlig legitim. In der Schweiz hat man das Recht sich politisch zu äussern, nicht die Pflicht.

Warum aber werden Künstler, die es dann doch tun, belächelt oder noch schlimmer, beschimpft? Wieso soll Knackeboul sich nicht äussern dürfen? Vielleicht weil Politik als etwas Nüchternes, Reales angesehen wird und die Kunst soll ja zum einen die Emotionen wecken und uns zum anderen in andere Welten entführen. Man will an ein Konzern gehen, gute Musik hören und sich entspannen. Und nicht auch noch dort über das Elend der Flüchtlinge nachdenken müssen. Ein verständliches Bedürfnis.

Was sicher auch immer mitspielt, ist die Tatsache, dass man als Fan dazu neigt, die oder den Verehrte/n, als ein persönliches Eigentum zu betrachten. Man hat ein bestimmtes Bild von jemanden, stellt ihn auf einen Sockel und betet ihn an. Umso tiefer ist dann der Schock, wenn sich in diesem Bild auf einmal Farben zeigen, die wir nicht erwartet haben und die uns nicht gefallen. Ich nehme mich da nicht aus. Wahrscheinlich würde ich auch konsterniert reagieren, wenn sich einer meiner Lieblingsautoren als Mitglied der SVP outen würde. Und ich kann Chris von Rohr und Andreas Thiel nicht ausstehen, weil mir ihre politische Meinung und die Herablassung, mit der sie diese vertreten. Auch wenn mir ihr künstlerisches Werk vielleicht sogar gefallen würde.

Die Tatsache, dass gestandene Politiker sich gerne mal zu der Bemerkung hinreissen lassen, der oder die hätte ja sowieso keine Ahnung zu diesem Thema und solle sich lieber auf seine Kunst konzentrieren, hängt sicher zum einen mit einer gewissen „Facharroganz“ zusammen. Wenn man sich jahrelang mit etwas auseinandersetzt, reagiert man naturgemäss barsch, wenn da auf einmal jemand, der null Erfahrung hat, Verbesserungsvorschläge auf den Tisch knallt. Zum anderen zeugt es aber auch von Angst. Denn jeder, der Mal ein Geschichtsbuch aufgeschlagen hat: Kunst und Kultur vermag das, was der Politik nur selten bis nie gelingt. Sie verändert das Denken der Menschen von innen heraus. 

Musik berührt uns, Bilder prägen sich uns ein, das Wort regt unser Denken an. Als Buchhändlerin möchte ich hier vor allem, Letzteres herausstreichen. Bücher eröffnen uns Welten und Sichtweisen, denen wir uns sonst oft verschliessen. Und ich rede hier nicht von sterbenslangweiligen, deprimierenden aber ach so hoch literarischen Werken, die kein Mensch versteht und deshalb mit Literaturpreisen überhäuft werden. Ich rede hier bewusst auch von kommerziellen Romanen, die es vermögen, mit ihren Charakteren und Geschichten, die oft starre Sichtweise des Lesers oder der Leserin aufzuweichen. Einfach, weil sie ihm allein dadurch, dass eine Geschichte von anderen Figuren erzählt wird, einen Perspektivenwechsel ermöglicht.

Es ist auch kein Zufall, dass jeder Diktator früher oder später auf die Idee kommt, der Kultur Zügel anzulegen, sie einzuschränken und unter Kontrolle zu bringen. Wer die Kunst in der Hand hat, hat auch die Gedanken der Menschen in der Hand. Auch deshalb wird eine Verbrüderung von Kunst und Politik nicht immer gerne gesehen. Es ist aber ein Unterschied, ob die Politik der Kunst ihren Willen aufzwingt oder ob ein Künstler sich freiwillig dazu entscheidet, seinen Senf abzugeben.

Für einen Politiker oder eine Politikerin (um auch mal die weibliche Form einzuschliessen) kann es auch frustrierend sein, wenn sie sich Tag für Tag für eine Sache einsetzen und dennoch weniger Aufmerksamkeit bekommen, als ein Sänger, der einfach mal ein einfaches Statement ins Mikrofon brüllt. Nur, warum haben viele Politiker das Gefühl, sie müssten sich im stillem Kämmerchen verstecken und es sei ihnen nicht erlaubt, auch ihre künstlerische Kreativität einzubringen?

Denn noch schlimmer beurteilt als Künstler, der sich politisch äussert, ist ein Politiker, der sich dem künstlerischen Metier verbunden fühlt. Man denke an das Entsetzen, als Alexander Tschäppät sich als Komiker versuchte (gut, das könnte auch mit mangelnder Qualität zusammenhängen).

Habe ich mich also selber eingeschränkt, als ich zuliess, dass der Blog immer mehr in das Politische rutschte? Da ich weder eine bekannte Politikerin noch eine bekannte Künstlerin bin, fallen die obigen Gründe bei mir persönlich nicht ins Gewicht. Was allerdings manchmal ins Gewicht fällt ist die Tatsache, dass gerade bei lokalpolitischen Themen, natürlich auch Menschen mitlesen, die ich persönlich kenne. Versteht mich nicht falsch, ich finde es grandios, dass so viele Parteimitglieder Freude an dem Blog haben und mich mit Komplimenten überhäufen. Aber natürlich ist man freier in seinem Schreiben, wenn man denkt, das liest sowieso keiner, als wenn man damit rechnet, dass jetzt vielleicht dieser oder jener gerade mitliest. Stets ist es auch ein Balancieren zwischen einer gewissen rotzigen Ehrlichkeit und verletzender Unhöflichkeit.

Selbst zensieren möchte ich mich allerdings auch nicht. Ich glaube, das möchten auch meine Stammleser nicht. Also gehe ich halt das Risiko ein, dass auch mal jemand vor den Kopf gestossen ist. Aber ein Blog ist etwas Persönliches und auch bis zu einem gewissen Grad etwas Parteiisches, egal ob ich jetzt in der SP Mitglied bin oder nicht. Und deshalb meine Lieben  (und das gilt für meine Familienmitglieder, meine Freunde und Parteikolleggen) ist es auch völlig sinnlos mir zu sagen, ich soll doch dieses oder jenes im Blog lieber nicht erwähnen. Was ich euch allerdings verspreche: Eure Privatsache lasse ich eure Privatsache sein. Wenn ihr mir also erzählt, dass ihr schwanger seid, heiraten wollt oder in eurem Keller heimlich eine Herde Flamingos haltet: Das wird hier selbstverständlich nicht verraten.

Und ansonsten bleibt ja immer noch das Mittel der Bestechung. Ich mag sehr gerne Gummibärchen. Und Einhörner. Nur so nebenbei.


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