Mittwoch, 17. August 2016

Die drei Musketiere und die Krone des Sonnenkönigs





Wie ich schon ein paar Mal in meinem Blog erwähnt habe, haben wir dieses Jahr in unserem kleinen Städtchen Langenthal Gemeindewahlen und es wird neben Stadt – und Gemeinderat auch gleich noch der Stadtpräsident erneuert. Ich habe auch gesagt, dass es zwei Kandidaten für dieses ehrenwarte Amt gibt, was sich inzwischen als falsch herausgestellt hat: Es sind drei, denn neben Stefan Costa und Reto Müller ist da auf einmal noch ein Parteiloser auf der Bildfläche erschienen: Hans – Jürg Schmied. Es sind also drei Musketiere, die sich gerne die Krone des Sonnenkönigs von Langenthal aufsetzen würden.

Nun stellt sich allerdings die Frage, wer welche Rolle spielt. Wer von den dreien ist der scharfsinnige, verschwiegene und unterkühlte Athos? Wer ist der direkte, unbedarfte jedoch liebenswerte Porthos? Und wer ist der feinsinnige, schlitzohrige und wandlungsfähige Aramis? Um den Kandidaten die Möglichkeit zu geben sich zu äussern, wurde von der BZ ein Podium organisiert, wo sie  dem politikinteressierten Publikum Rede und Antwort stehen konnten. Oder mussten.

Ich bin ja  nicht so ein Fan von Veranstaltungen wo ich mich unter viele Menschen begeben muss, allerdings überwog die Lust einen Blog über eine „Live – Arena“ zu schreiben dann doch. Ich muss hier jedoch gleich vormerken: Da ich ja nicht zurückspulen und stoppen konnte, wie ich es normalerweise tue, wenn ich ein Arenaprotokoll schreibe, kann ich auch nicht 100% garantieren, jede Aussage ganz korrekt wiederzugeben. Ich habe mich aber bemüht (was immer am Anfang einer Katstrophe steht).

Lasst die Spiele beginnen

Also erst einmal möchte ich hier stolz betonen, dass es mir tatsächlich gelungen ist, das Veranstaltungslokal zu finden. Ich konnte mit dem Begriff „Kulturstall“, der auf der Einladung prangte, eher nicht so viel anfangen (die Tatsache, dass ich in Langenthal geboren und aufgewachsen bin, mich aber dennoch so schlecht auskenne wie ein Huhn auf dem Mount Everest, hat schon viele Freunde und Bekannte in ungläubige Verzweiflung gestürzt). Als ich aber die Adresse sah, glaubte ich zumindest zu ahnen, wo der Anlass stattfindet. Und tatsächlich: Es ist jenes Gebäude wo ich zahlreiche peinliche Teenie – Partys und einen sehr verstörenden Theaterkurs besucht habe (lange Geschichte, die ich vielleicht ein anderes Mal erzähle).

An der Tür lief ich dann gleich einem dauerstrahlenden Stefan Costa über den Weg, der mich allerdings ignorierte (dabei trug ich ein so hübsches blaues Kleid!) Als ich mich dann neben ihm (und dem Paar dem er eifrig die Hand schüttelte) durchquetschte, wäre ich am liebsten auf der Stelle wieder umgedreht. So viele Menschen in einem engen, dunklen Raum, das erinnerte mich doch gleich an eben erwähnte peinliche Partys. Ich überwand mich aber und setzte mich neben einen nett aussehenden Herrn (allerdings habe ich später festgestellt, dass ich mir zielsicher den falschen Platz ausgesucht habe, weil direkt hinter mir ein paar Meckerziegen sassen, die mir echt tierisch auf die Nerven gingen).

Übrigens fällt es auf, wenn man es sich mit einem Notizbuch auf dem Schoss bequem macht. Mein freundlicher Nachbar fragte mich nämlich prompt, ob ich zu der schreibenden Zunft gehöre. Reflexartig verneinte ich. Obwohl es ja eigentlich stimmt. Gut, ich bin keine Journalistin. Aber ich schreibe. Und bin zünftig (Ein Flachwitz, ich weiss). Übrigens war es tierisch heiss in diesem Raum, weshalb ich mir ernsthaft überlegte mir die Strumpfhosen auszuziehen (ja, das Rasierproblem). Wäre aber wahrscheinlich etwas komisch rübergekommen, wenn ich angefangen hätte mich auszuziehen.

Jetzt bin ich abgeschweift. Es geht ja gar nicht um mich, sondern um besagte drei Gladiatoren, die nach einer kurzen Einleitung ins Kolosseum (sprich auf die Bühne) einzogen um sich den knallharten Fragen des Publikums zu stellen. Erstaunt hat mich hierbei die Wahl der Rüstungen. Während die parteigebundenen Kandidaten Reto Müller und Stefan Costa auf die Krawatte verzichteten, hatte sich Schmied trotz der Hitze eine um den Hals gebunden. Schade hatte keiner den Mut zu T – Shirt und Sandalen. Aber vielleicht ist es für solch revolutionäre Kleideransichten in der Politik noch zu früh.

Beleuchten wir die Kandidaten doch einmal näher beziehungsweise analysieren wir doch einmal ihren Auftritt an diesem Podium.

Der unverbindliche Charmeur

Strahlen kann er. Und mit demselben breiten Lächeln, das er auch auf seinen total kostengünstigen Plakaten so gewinnend zur Schau stellt, trumpft er auch in Natura auf. Die Rede ist von Stefan Costa, Kandidat der Bürgerlichen. Eins gleich vorneweg: Ich habe politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne wie er. Aber ich halte ihn für einen fähigen Politiker (soweit ich das beurteilen kann)

Allerdings habe ich da einen Kritikpunkt, der nichts mit unserer gegensätzlichen politischen Einstellung zu tun hat: Costa ist mir zu glatt. Er ist nett, er ist freundlich, er ist politisch korrekt. Als die Diskussion startete, nutzte er seine ersten Redeminuten gleich um sich bei allen Verantwortlichen zu bedanken. Er ist die Art von Schwiegersohn, die sich jede Mutter für die Tochter wünscht. Er würde nie in ein Fettnäpfchen treten. Man kann sich vorstellen, dass dies ein Mann ist, der sich auch auf internationalem Parket gut bewegen könnte.

Ja, das sind alles wichtige Fähigkeiten für einen Politiker. ABER: Stefan Costa wird nie eine heisse Kartoffel anfassen, um es metaphorisch auszudrücken. Er wird nie eindeutig Stellung zu einer Sache beziehen. Er ist aalglatt. Wenn er Fragen beantwortet, so tut er dies immer auf korrekte, liebenswürdige Weise aber er wird nie konkret. Er würde sich nie für eine Sache aus dem Fenster lehnen und er würde– wahrscheinlich – nie  eine gewagte Position einnehmen. Er ist in allem was er tut wohlkalkuliert.

Würde er das Amt ausfüllen können? Klar. Wäre er ein Stapi mit Profil an den man sich in zwanzig Jahren noch erinnern würde? Das wage ich zu bezweifeln.

Der bunte Draufgänger

Das Gegenstück zu Stefan Costa ist Reto Müller. Er hat es schwerer als Costa, weil er als Sozialdemokrat Positionen vertritt, die mehr Zündstoff in sich bergen. Klar, die Kandidatur ist überparteilich, aber man kennt ihn eben als Sp - ler. Und jedem, der zu unserer Partei gehört, wird früher oder später ein Totschlagargument um die Ohren gehauen: Du bist nicht wirtschaftsfreundlich. In  einer Stadt, die bekannt ist für Unternehmen wie Ammann, Onyx oder Güdel, ist es nicht leicht sozialdemokratische Positionen zu vertreten.

Überhaupt wird ihm viel vorgeworfen. Er stelle sich zu gerne in den Mittelpunkt, er rede zu viel, er sei in fast jedem Verein Mitglied und er zeige sich an jedem Anlass. Sicher, er ist kommunikativ und er ist vielleicht auch einer jener Menschen, die sich am wohlsten fühlen, wenn sie sich in Gesellschaft befinden. Und vielleicht ist er auch ein bisschen ein Pfau, der gerne mal das Rad schlägt.

Allerdings macht er ja auch etwas. Show gehört bei ihm dazu, aber es steckt auch Inhalt dahinter. Und ich glaube, wenn man unpopuläre Positionen in einem schwierigen Klima vertritt und auch auf heikle Fragen (und davon gab es ein paar heute Abend) offen beantwortet, beweist man auch Rückgrat. Was für einen Stadtpräsidenten wichtig ist.

Klar, er wäre mit Sicherheit ein bunter Hund im Glaspalast. Aber langweilig wäre es mit ihm bestimmt nicht.

Der grössenwahnsinnige Träumer

Langweilig wäre es auch mit ihm nicht. Hans – Jürg Schmied gehört keiner Partei an und seine Kandidatur wurde von vielen als Scherz aufgefasst. Er selbst betont seine Unabhängigkeit und dass er als Stadtpräsident für alle da wäre. Das sind Argumente, die viele Parteilose auf den Tisch bringen. Nur sollte man sie auch untermauern können.

Schmied ist sympathisch. Er ist witzig. Er ist schlagfertig. Aber er ist mit Sicherheit kein Stadtpräsident. Zu vielen Themen hatte er schlichtweg nichts zu sagen. Und wenn er mal den Mund aufmachte, hat er es sich sehr einfach gemacht (also eigentlich so wie ich es machen würde). Er ist ein Träumer.

Ob er aber das nötige Rüstzeug hat, diese Träume mit Tat – und Schaffenskraft umzusetzen? Ich bezweifle das. Ich bezweifle nach dem heutigen Abend ehrlich gesagt, dass er überhaupt Lust hat, Stadtpräsident zu werden. Er hat keine Homepage, kein Wahlbudget, keine Wahlstrategie und ich denke, er hat es auch nicht ernsthaft vor, gewählt zu werden. Er sei angetreten, um konkrete Positionen von den Kandidaten zu hören, so tönte es in der Zeitung. Eine legitime Forderung, allerdings war von ihm auch wenig Konkretes zu hören. Und ganz ehrlich? Mir wäre es nicht so wohl, wenn er Stadtpräsident würde.

Mutig ist die Kandidatur allerdings. Und er war für die heutige Runde auf jeden Fall eine Bereicherung.    

Ich wahlverspreche, du wahlversprichst…

Und über was haben die Herren geredet? Über zukünftige Fusionen oder Nichtfusionen mit Nachbargemeinden (mit deren empfindlichen Seelenleben man behutsam umgehen muss, betonte Costa), über das Fehlen von Lokalitäten und Proberäume für Vereine (von denen die Vertreterin des Frauenchors äusserst energisch Lösung forderte), über den sinnvollen Verwendungszweck des Mühleareals (abreissen, neu nutzen, Studie darüber schreiben, einfach mal wieder öffnen?), über Wirtschaftsfreundlichkeit oder Wirtschaftsfeindlichkeit, über die Herausforderungen der Digitalisierung, über Altersversorge in Langenthal (Rentner können ja einfach zu Rentnern schauen, so Schmied Lösungsansatz), über schlechte Zugverbindungen und umso bessere Kultur.
Sind wir jetzt schlauer? Ansichtssache. Also momentan ist ja sowieso alles theoretisches Gerede und es ist bestimmt nichts Neues, das vor der Wahl viel versprochen wird. Man darf die Macht eines Stadtpräsidenten auch nicht überschätzen, denn auch er arbeitet in einem Gremium und kann mal nicht eben so über tiefgreifende Veränderungen im Stadtbild entscheiden.

Spannend und kurzweilig war es auf jeden Fall. Alle beschweren sich immer darüber, dass Wahlkampf so inhaltslos ist und dass man ja ohnehin nie weiss, wen man wählt. Heute gab es Inhalte. Und es gab die Möglichkeit, die drei Kandidaten kennenzulernen. Aber man muss es auch nutzen. Insofern finde ich es schade, dass Podien dann doch meistens von politisch Aktiven besucht werden und genau jene, die sich darüber auslassen, dass das alles eh ein Affentheater sei, dann fehlen.

Sich in eine Ecke zu setzen und darüber zu jammern, dass Politiker sich sowieso nicht für die Menschen interessieren, ist allerdings auch einfacher, als sich an einen warmen Sommerabend in einem heissen Saal den Hintern platt zu drücken.

Best of

„Heikle Frage, weil heute sind wir natürlich alle drei passionierte Fischer, Jäger und Schützen.“ Stefan Costa kommentiert die Frage ob die Kandidierenden ein Herz für den Schützenverein haben.

 „Ehrlich gesagt, bei uns zuhause schiesst eher meine Frau.“ Reto Müller beantwortet dieselbe Frage und gibt Einblick ins friedliche Familienleben.

„Knie and more.“ Stefan Costa erklärt wieso man den Platz vor der Markthalle braucht, wobei  dieses more nicht näher erläutert wird.

„Ich könnte mich 100% als Stadtpräsident einsetzen, während meine Kollegen links und rechts die Anliegen von Langenthal im Grossrat vertreten.“ Hans – Jürg Schmied findet eine Kompromisslösung für alle drei Kandidaten und erläutert gleichzeitig, wieso es nicht so schlimm ist, wenn ein Stadtpräsident im Grossrat nichts zu sagen hat.

„Dafür gebe ich den Stutz ab!“ Konter von Reto Müller, wobei er Bezug nimmt auf eine vorhergehende Frage, die darauf zielte, ob ein Stadtpräsident das Geld seines Grossmandats der Stadt zukommen lassen sollte.

„Vielleicht drehen die politischen Verhältnisse nach den Wahlen!“, hofft Reto Müller.
„In deinem nächsten politischen Leben“, erwidert Stefan Costa süffisant.
„Vielleicht laufe ich ja noch zum Buddhismus über!“ Müller schreckt auch vor religiösen Wandel nicht zurück, um seine politischen Ziele zu erreichen.

Fragen, die offen blieben

Wieso hatte Stefan Costa ein Sprungseil um seinen Tisch gewickelt?

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