Freitag, 29. Juli 2016

Wo willst du hin?



„Du solltest aufhören, mit denen zu streiten. Das bringt doch nichts.“

„Ich will aber mit ihnen streiten! Sie müssen doch einsehen, dass sie auch etwas falsch gemacht haben, dass nicht einfach immer nur die anderen Schuld sind!“

„Du hast ihnen deine Meinung gesagt, aber du kannst sie ihnen nicht aufzwingen. Sonst machst du genau dasselbe wie sie.“

Ungefähr so verlief letzte Woche ein Gespräch zwischen mir und meiner Mutter. Und wie so oft musste ich ihr Recht geben. Ich bin nicht glücklich wie dieses ganze Drama gelaufen ist. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass es nicht so beschissen herausgekommen wäre, wenn sich einzelne Akteure nicht ganz so dämlich aufgeführt hätten. Aber ich kann es nun einmal nicht ändern. Erstens hat  mich die Lawine der Ereignisse ja eigentlich nur am Rande und mehr zufällig erwischt. Zweitens musste jeder von uns seine Entscheidungen treffen und wir sind alle alt genug, um die Tragweite dieser Handlungen abschätzen zu können. Mir gefällt nicht, was sie gemacht haben, ihnen gefällt vielleicht nicht was ich gemacht habe. Dennoch habe ich nicht das Recht, sie zu verurteilen. Allerdings war ich an irgendeinen Punkt in dieser Geschichte so wütend und verletzt, dass ich mein Temperament nicht mehr zügeln konnte. Und wenn man sauer ist, sollte man keine Kommentare unter Facebook – Einträge posten. Stehen gelassen habe ich sie trotzdem. Es war ja meine Meinung. Nur eben ungefiltert.

Immerhin habe ich zwei Dinge aus dieser Geschichte gelernt. Zum einen muss ich dringend an meinem Selbstbewusstsein arbeiten. Ich kann nicht immer davon ausgehen, dass andere Menschen besser, schlauer und schöner sind als ich. Ich neige nämlich zu Heldenverehrung. Wenn mich ein Mensch beeindruckt, dann bewundere ich diesen so vorbehaltslos, dass ich meine Meinung schon mal gerne diesem anpasse. Weshalb ich, der Ausbund von Minderwertigkeitskomplexen, denke: Ach, der oder die ist so klug, die wird schon wissen, was sie tut. Und zack: Wähle ich einen Kampfgnom, weil mich ihre Mehrsprachigkeit und Redegewandtheit beeindruckt. Toll gemacht.

Zum anderen kann ich zum ersten Mal verstehen, wieso Menschen in Ämter drängen. Mir war das Streben nach Macht immer ein wenig suspekt, aber jetzt ist mir klar geworden, dass es Situationen gibt, in denen man sich wünscht, man hätte einfach irgendeine Form von Einfluss. Vielleicht hätte man es nicht besser gemacht, aber man (oder frau in meinem Fall) hätte wenigstens IRGENDETWAS tun können, statt sich zu fühlen wie die Zuschauerin bei einem Tennismatch. Aber keine Angst, ich hab jetzt nicht vor die Weltherrschaft an mich zu reissen. Wobei, wieso eigentlich nicht? Wer hätte Lust auf eine quietschbunte Welt voller Einhörner?

Inzwischen leide ich an einer kleinen Politkrise.  Ich will keine Genossin sein (ich hasse das Wort, genauso wie ich die Grussformel solidarische Grüsse hasse), ich will nicht solidarisch sein, ich will keine Parteisoldatin sein. Aber was will ich sein? Eine freie Frau, die auf sich selbst vertraut. Auch in der Politik. Mir wird immer bewusster, wie rau es in der Politik zugeht, wie schnell da böse Worte fallen und man sich in Feindbilder verrennt. Auch ich selbst bin davor nicht gefeit, auch ich rede gerne mal von den bösen Bürgerlichen, auch ich bin oft genug hochnäsig gegenüber Andersdenkenden.

Davon muss ich wegkommen. Ich will offen sein. Ich will andere Ideen nicht verteufeln. Ich will andere Menschen nicht mehr verletzen, nur weil sie anderer Meinung sind. Ich will mir ihre Standpunkte anhören und verstehen, auch wenn es mir schwer fällt. Ich will nicht in einem Parteiprogramm gefangen sein. Aber geht das denn? Kann man für eine bessere Welt kämpfen, wenn man sich weigert, jemanden als Gegner anzuerkennen? Wobei, kämpfen ist doch ohnehin das falsche Wort. In einer Welt, die schon zerrissen genug ist, sollte man eigentlich nicht mehr von Kampf sprechen.

Politik ist ein Drecksgeschäft, hat mir meine Mutter einmal gesagt und gerade in den letzten Tagen habe ich oft daran gedacht. Sie hat zweifellos Recht. Aber es müsste kein Drecksgeschäft sein. Das ist wie mit der Wirtschaft. Niemand zwingt uns, gemein zueinander zu sein. Das entscheiden immer noch wir selbst.

Du findest das naiv? Hey, ich bin ein Einhorn! Was erwartest du von mir?


Kommentare:

  1. Die Geschichte war für alle von hier (Schummerthal) extrem, gleich wie lange sie schon in der Politik sind. Selbst für diejenigen die sich in der grossen Politik bewegen, inklusive der Herrscherin der Jungen, war und ist dies ein Konflikt wie wir ihn hoffentlich nur einmal erleben.
    Was uns auszeichnen soll, ist, dass wir uns, auch wenn wir uns klar entscheiden müssen auf welcher Seite wie stehen wollen, immer hinterfragen ob unsere Entscheidung richtig war und schlussendlich immer ein Zweifel übrig bleibt.
    Jürg Halter alias Kutti MC sagt es treffend. "Das Problem sind Menschen die für alles eine Lösung parat haben", das haben wir nicht. Lokalpolitik ist in der Regel kein Drecksgeschäft, wirklich nicht, jedenfalls wenn man es nicht zu einem machen will.

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    1. Mein Bedarf an solchen Konflikten ist auf jeden Fall für die nächsten fünfzig Jahre gedeckt:-) Ich habe ja schon auf ein spannendes Jahr gehofft, aber das war jetzt irgendwie ZU spannend. Aber es ist extrem tröstlich für mich, dass auch alte Polithasen (alt in Bezug auf Erfahrungsschatz) mal zweifeln und ihre Entscheidungen in Frage stellen.

      Ich habe die Lokalpolitik auch nie so eingeschätzt, sondern war eigentlich der Meinung, dass man sich hier zusammensetzt und gemeinsam politisiert. Und doch glaube ich, dass sich auch hier der Ton leicht verschärft hat, gerade was die Wahl des Stadtpräsidiums betrifft. Aber vielleicht empfinde ich das auch nur so, weil ich mich zum ersten Mal aktiv mit Wahlen beschäftige.

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