Freitag, 24. Juni 2016

Was hast du dir denn da wieder eingebrockt?



„Und, was machst du mit deinem freien Abend?“

„Ich geh‘ an eine Parteiversammlung.“

„Ah, ja stimmt. Hast du dich jetzt eigentlich aufstellen lassen?“

„Um Gottes willen, nein! Das habe ich erfolgreich abgewendet!“

Ein paar Stunden nach diesem Gespräch stand ich mit hochrotem Gesicht und schlecht rasierten Beinen (siehe Post von gestern) vor der versammelten Lokalpartei und musste begründen, wieso ich mich für den Stadtrat aufstellen lasse. Die ehrliche Antwort wäre gewesen: Weil irgendjemand diese verdammte Liste auffüllen musste und ich ein gutmütiges Kalb bin! Aber das hätte den Damen und Herren wohl kaum gefallen.

Mir schwante schon Übles als mich der Parteipräsident gestern zu einem Gespräch unter vier Augen bat. Bereits im Vorfeld war ein – zweimal die scheue Bitte gekommen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mich aufstellen zu lassen. Die Antwort war immer die gleiche: Nein. Gestern wurden dann aber die ganz grossen Überredungskünste ausgepackt. Sie bräuchten noch jemanden…ich sei ja nur Listenfüller…ich müsste auch nichts machen…ausser Fotos (was eigentlich schon schlimm genug ist). Und dann kam der Hammer: Einige hätten nach mir gefragt, weil ich doch diese tolle Kolumne für unsere Parteizeitung geschrieben hätte. Lob zieht bei mir immer. Trotzdem dachte ich, will ich mir das wirklich antun? Ich habe weder das Geld noch die Zeit noch die Lust, Energie in einen aussichtslosen Kampf zu investieren.

Ich bin ganz sicher nicht der Typ, der Werbung für sich machen kann oder will. Ich war noch nie in meinem ganzen Leben wirklich beliebt. Schon gar nicht in Langenthal. Klar, Menschen, die mich näher kennenlernen mögen mich schon, aber die meisten, die mir nur flüchtig begegnen sehen mich als Spinnerin. In Langenthal ist es mit dem Prädikat „JUSO“ nun einmal schwer. Himmel, ich glaube sogar in der SP Langenthal gibt es Stimmen, die denken, wir hätten nicht mehr alle Nadeln an der Tanne. Wie denken da wohl die meist bürgerlich eingestellten, braven Langenthaler über uns?

Aber dann dachte ich: Gewählt werde ich sowieso nicht. Schliesslich stellen sich fast alle bisherigen Stadträten wieder zur Wahl und dann gibt es noch ein paar Ehrgeizige, die es ernsthaft wollen.   Also ist es ja eigentlich egal ob ich jetzt auf dieser Liste bin oder nicht. Dass sie mit mir nicht viele Stimmen holen  Ich muss das Ganze ja auch nicht ernstnehmen, sondern kann, ganz ohne Ambitionen locker an die Sache herangehen. Und ich kann nicht immer das Maul aufzureissen und rumtönen, dann aber den Schwanz einziehen, wenn ich mein Gesicht herzeigen soll. Steh ich zu meinen Werten? Dann ist ein Foto auf einer Liste nicht zu viel verlangt. Also sagte ich schliesslich seufzend ja.

Was mich dann wiederum in die oben geschilderte Situation führte. Um ein ernsthaftes, sachpolitisches Statement abzugeben fehlte mir die Erfahrung und das Wissen, also flüchtete ich mich in das was ich konnte: In eine Literaturbetrachtung. Und am Ende konnte ich mir den Satz nicht verkneifen: Ich bin für mehr Farbe, mehr Musik und mehr Einhörner in Langenthal. Gelächter. Ich mag eine schlechte Kandidatin sein, aber zumindest bin ich unterhaltsam. Kann ja auch ein Wahlziel sein.

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