Donnerstag, 23. Juni 2016

Über die philosophische Bedeutung von Frauenbeinen



Mit den ersten Hitzetagen kommt bei mir nicht nur der Drang meinen Kopf in den Kühlschrank zu stecken und ihn gleich dort zu lassen, sondern es zwängt mich auch in die äusserst lästige Pflicht, mich von meinem Pelz zu befreien. Heisst auf Deutsch: Ich rasiere mir die Beine, denn mit der heissen Jahreszeit wechselt auch meine Garderobe. Tschüss Jeans, hallo Sommerkleider!

Allerdings hasse ich kaum etwas so sehr wie Beine rasieren, deshalb schiebe ich es immer möglichst weit vor mich her, bis ich keine andere Wahl mehr habe. Nun, der Zeitpunkt war heute gekommen, denn es ist nicht nur mörderisch heiss, sondern ich bin auch gezwungen das Haus zu verlassen, weil Parteiversammlung der SP Langenthal ist. Da ich da nicht unbedingt aussehen wollte wie ein Mammutbaby, entschloss ich mich also, den Winterpelz abzuscheren.

Als ich mit verdrehtem Bein, mit stinkendem Rasiergel an den Händen und schmerzenden Nacken über der Badewanne stand und versuchte mit einem winzigen Rasierer den Urwald zu lichten, der sich an meinen Beinen angesiedelt hatte, bekam ich wie üblich einen innerlichen Wutanfall, diesmal begleitet von der Frage: Wieso tue ich mir das eigentlich an? Erstens bin ich heute Abend unter Sozialdemokraten. Denen sind meine Beine wahrscheinlich herzlich egal. Und zweitens, welcher Vollpfosten hat eigentlich entschieden, dass rasierte Beine ästhetisch sind? Irgendeiner muss doch mal auf die Idee gekommen sein, dass glatte Frauenbeine schöner sind als beharrte Frauenbeine. Was ist denn gegen eine ordentliche Beharrung einzuwenden? Ich meine, immerhin bin ich ziemlich flauschig, wenn ich nicht rasiert bin. Ich bin quasi ein lebendiges Plüschtier!

Bestimmt war es keine Frau, die sich diesen Blödsinn ausgedacht hat. Oder glaubt ihr, die Amazonen hätten sich mit ihren Schwertern die Beine rasiert? Die haben noch coole Sachen gemacht. Zum Beispiel gegen Achilles gekämpft.

Also quäle ich mich wahrscheinlich nur deshalb immer mit diesem blöden Rasierer, weil irgendein sexistischer Mann den Frauen eingeredet hat, mit glatten Beinen würde man bei Männern besser landen. Ich beuge mich also eigentlich patriarchischen Befehlen und verrate die Idee des Feminismus, dachte ich und überlegte, ob ich aus Protest gegen diese Zwänge, meine Beine absichtlich unrasiert lassen soll, um zu zeigen: Nur weil ihr das schön findet, rasiere ich mir noch lange nicht die Beine! Das wäre emanzipiert und selbstbewusst. Allerdings hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits ein Bein rasiert, weshalb wohl niemand diese Geste als Protest aufgefasst hätte. Wahrscheinlich hätten einfach alle geglaubt, ich hätte das andere Bein schlichtweg vergessen.

Abgesehen davon, überlegte ich, finde ich selbst rasierte Beine ästhetisch. Und ich liebe Röcke. Ich liebe Rückenausschnitte. Ich liebe lange Haare. Ich liebe tiefe Ausschnitte. Ich liebe es, mich weiblich anzuziehen. Ich schminke mich. Ich frisiere mich. Beisst sich das mit Feminismus? Ich finde es auch nicht schlimm, wenn mir jemand hinterherpfeift, ich empfinde das eher als Kompliment. Darf man das denn als emanzipierte Frau? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich sollte ich mich zu jedem der mir hinterherpfeift umdrehen und ihn freundlich, aber bestimmt dazu auffordern, mich doch bitte nicht nach meiner Figur, sondern nach meinem Intellekt zu beurteilen. Wobei der Intellekt von hinten nun einmal schwieriger zu beurteilen ist als der Po.

Andersherum ärgere ich mich dann, wenn Männer so tun, als seien alle Frauen, die links und feministisch denken, automatisch hässlich. So als würde man sich nur deshalb für Frauenrechte einsetzen, weil man halt keinen Mann abgekriegt hat. Da wäre es ja erst recht angebracht sich hübsch zu machen, dachte ich, um zu beweisen, dass man auch als junge, intelligente, unabhängige und schöne Frau feministisch sein kann! Okay, die schöne, unabhängige, intelligente Frau hat jetzt dann gleich einen Krampf im Bein wegen diesem blöden Rasieren, aber sie ist nicht aus Frust Emanze, sondern es ist ein bewusster Entscheid.  

Trotzdem müsste man sich für heute Abend ja nicht solche Mühe geben, weil (hoffentlich!) kein Sozialdemokrat der verqueren Meinung ist, eine Frau habe nur dann etwas erreicht, wenn sie Mann und Kind hat. Da könnte ich genauso gut den Förster über die Wichtigkeit des Waldes belehren. Frau müsste grösser denken, dachte ich mit wachsender Begeisterung, frau müsste der ganzen Welt zeigen, dass Feminismus auch sexy sein kann! Ich könnte zum Beispiel wie Lady Godiva nur mit meinen Haaren bedeckt durch die Stadt reiten!

Für eine halbe Sekunde fand ich die Idee fantastisch, dann wurde mir klar, dass sie absolut hirnrissig ist. Erstens kann ich nicht reiten und würde mir wahrscheinlich das Genick brechen. Zweitens würde ich mich das nie getrauen, ausser ich hätte mir vorher Drogen eingeworfen. Und drittens würde ich wegen Erregung des öffentlichen Ärgernisses verhaftet werden. Abgesehen davon würde kein Langenthaler die Botschaft dahinter verstehen. Die würden einfach denken, ich hätte nicht mehr alle Latten am Zaun.

Was mich wiederum darüber sinnieren liess, warum nackt sein Erregung des öffentlichen Ärgernisses ist. Nackt sein ist doch nichts Schlimmes. Sofern jemand freiwillig blank zieht, natürlich. Warum sind Brüste für viele ein rotes Tuch? Immerhin haben wir alle mal aus ihnen getrunken.

Während ich in diesen philosophischen Gedanken schwelgte, hatte ich es endlich geschafft, meine Beine einigermassen freizumachen. Ganz glatt wie in der Werbung waren sie immer noch nicht. Die Spuren meines Massakers, kleine Schnitte und stoppelige Stellen waren immer noch zu sehen. Schlechtgelaunt wie ich inzwischen war, hatte ich allerdings keine Lust, noch einmal mit dem Rasierer anzurücken. Pocahontas hat sich bestimmt auch nie die Beine rasiert, war aber trotzdem eine ziemlich heisse Häuptlingsbraut. Abgesehen davon gibt es ja auch lange Sommerkleider.

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