Montag, 20. Juni 2016

Ich und die JUSO oder: Zwischen den Stühlen




Da ich letzthin an dieser Stelle über den Parteitag der SP Bern berichtete und dabei auch die eine oder andere feine Spitze fallen liess, finde ich es nur fair, dass ich auch die ausserordentliche Jahresversammlung der JUSO Schweiz nicht unter den Tisch kehre, sondern in gewohnt ehrlicher und offener Manier darüber berichte.

Um eines gleich von Anfang an klarzustellen: Es war eine lange und anstrengende Sitzung und ich überlege mir das nächste zweimal ob ich mir das antue. Die Versammlung dauerte von 12 Uhr bis 19 Uhr, was unter meinen Freunden und Verwandten die Frage aufwarf: Was habt ihr so lange getrieben? Tja. Das würde ich auch gern wissen. Meiner Meinung nach ist eine Versammlung die geschlagene 7 (!) Stunden dauert, einfach nicht mehr gewinnbringend.

Wichtig war die Versammlung deshalb, weil wir einen neuen Präsidenten bzw. eine neue Präsidentin wählen mussten. Hätte ich gewusst, was sonst noch alles in diese Versammlung gestopft wird (Resolutionen, Statutenänderungen, Parolen für nächste Abstimmungen, Vorträge, Verabschiedungen), hätte ich es mir wahrscheinlich zweimal überlegt, ob ich mir das antue.

Es war meine erste JUSO Versammlung. Obwohl ich seit etwa vier Jahren Mitglied bin, habe ich solche Versammlungen eher vermieden, zum einen weil ich mich nicht gerne in so grossen Menschenmassen bewege, zum anderen weil sie ja viel an Samstagen stattfinden und das für mich Arbeitstage sind. Ich hatte auch einen kleinen Schock, als ich all diese jungen Menschen sah. Ich fühlte mich wie so oft überfordert und verloren, zumal sich alle anderen zu kennen schienen und sich gegenseitig in die Arme fielen, wie lang getrennte Brüder und Schwester.

Die JUSO setzt sich ein für Offenheit gegenüber Ausgegrenzten und sie lebt es auch. Ich sah noch nie so viele spezielle, eigenwillige und unangepasste Typen auf einem Haufen. Das sehe ich als grosse Stärke und empfinde ich als sehr positiv. Vielleicht wäre ich, wenn ich mich früher darum getan hätte und mich engagiert hätte auch integrierter. Vielleicht aber auch nicht. Denn der Samstag zeigte mir mal wieder mein Dilemma auf, indem ich stecke.

Viele meiner Freunde, Bekannten und nahen Verwandten fragen mich immer wieder: Was machst du eigentlich in der JUSO? Du bist doch eine waschechte SPlerin. Als ich das letzte Mal Smartvote ausfüllte, stellte ich, zu meiner eigenen leichten Verblüffung fest, dass ich tatsächlich am äussersten linken Flügel der SP zuhause bin (und bei den Grünen. Aber nur, weil ich die Frage nach dem Wolf/Luchs/Bär immer so hoch gewichte). Politisch stimme ich, in den meisten Punkten, mit der JUSO überein.

In meiner Heimsektion, der JUSO Oberaargau, fühle ich mich auch wohl, weil wir ziemlich klein sind und ich die Menschen auch kenne (den einen oder anderen schon seit meiner Kindheit). Zudem sind wir eine spezielle Sektion, weil überdurchschnittlich viele von uns im Erwerbsleben stehen und schon zu den bisschen Älteren gehören.

Trotzdem fühlte ich mich Samstag wie eine Gouvernante. Ich habe es schon öfters erwähnt: Ich trinke aus Prinzip keinen Alkohol. Das ist bei der JUSO allerdings kein Qualitätsmerkmal (es ist eigentlich nirgends ein Qualitätsmerkmal. Wenn du jung bist und nichts trinkst, finden dass die meisten eher seltsam als bewundernswert). Und ich kann mir nicht helfen: Ich mag es auch nicht sonderlich, wenn an Versammlungen, wo es ja um etwas geht, ständig gebechert wird. Das ist intolerant und spiessig, aber halt meine Meinung. Wenn man nebenher zwei oder drei Bierchen kippt (verteilt über den Nachmittag), habe ich damit kein Problem, aber wenn sehr junge Leute nur mit dem Ziel kommen, möglichst viel in sich reinzuschütten, ärgert mich das.
Witzige Randinformation: Wenn Leute herausfinden, dass ich keine alkoholische Getränke zu mir nehme, fangen viele an, mir von ihren Sauferlebnissen zu berichten. Wahrscheinlich eine Reflexreaktion. Ich kenne vermutlich mehr im Suff begangene Sünden als die meisten regelmässigen Partygänger.

Eine weitere Charaktereigenschaft, die in meinem Freundeskreis auf mildes Erstaunen stösst, ist meine Besessenheit was Pünktlichkeit betrifft. Ich hasse Unpünktlichkeit. Nur bringt das Schicksal mich immer wieder mit Leuten zusammen, die es mit der Uhrzeit nicht so genau nehmen. Deshalb habe ich mir in meinen Freundeskreis meine Überpünktlichkeit längst abgelegt. Was das berufliche oder politische Umfeld betrifft (sprich: die seriöse Seite an mir), bin ich allerdings noch immer sehr pingelig. Ich hasse es einfach, wenn Zeit verschwendet. Und wenn eine Versammlung fast eine halbe Stunde zu spät anfängt, nervt mich das.

Dass es bei Parteiversammlungen nie ganz ruhig ist, habe ich inzwischen begriffen. Es wird eben nicht nur zugehört, sondern auch fleissig Meinungen getauscht und Netzwerke geknüpft werden. Doch der Lärmpegel und die Unruhe bei dieser Versammlung waren so gross, dass ich mich zwischendurch fühlte wie in einem Klassenzimmer. Als das Ende schliesslich nach gefühlten hundert Jahren endlich gekommen war, war ich ganz schön froh, endlich das Gebäude zu verlassen.

Hat es sich wenigstens gelohnt. Nun ja. Es gab wirklich herzzerreissende Abschiedsreden, bei denen man deutlich die Wehmut fühlte, dass eine Ära zu Ende geht. Und wir haben eine neue Präsidentin. Tamara Funiciello Ich kenne sie zwar nicht persönlich, aber sie ist auf jeden Fall eine kämpferische, mutige  und sehr kluge Frau, die alle mit ihrer Rede weggehauen hat. 
Wahrscheinlich wird es ihr, wie schon ihren Vorgängern, gelingen, der JUSO grosse Medienpräsenz zu verschaffen. Rebellieren kann sie. Reden auch. Auch beim Anpacken wird’s bei ihr nicht hapern.
Mir ist am Samstag wieder klar geworden, dass ich wohl einfach zu wenig rebellisch für die JUSO bin. Zu brav. Zu pünktlich. Zu nett. Zu langweilig. Mir hat sogar einmal einer gesagt, ich sehe mit meinem Zopf und meinen Rock aus wie eine aus dem Brüderverein. Dabei beneide ich die JUSOS eigentlich oft. Für ihre Ungezwungenheit. Für ihr rebellisches Handeln. Für das konsequente Durchziehen ihrer Ideen. Mir will das alles nie so recht gelingen. Es liegt meiner Natur einfach fern.

Als ich einer Freundin vorjammerte, nicht einmal bei der JUSO würde ich richtig hineinpassen, meinte die nur trocken: „Du musst ja auch nirgends hineinpassen.“ Und viele in meinem Umfeld sagen immer wieder, ich solle mich nicht so sehr mit anderen vergleichen, nicht ständig solche Ansprüche an mich selbst stellen. Ich denke, sie haben Recht. Ich bin vielleicht nicht die grosse Revoluzzerin. Aber Zuverlässigkeit, Selbstkritik und Sorgfalt können auch Stärken sein.
So oder so, ich finde meinen Weg. Irgendwo zwischen den Stühlen von SP und JUSO. Da bin ich sicher.

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