Mittwoch, 29. Juni 2016

Ich gehöre nur mir




Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe geschwiegen, wo ich etwas hätte sagen sollen. Ich habe meine Ohren verschlossen vor Dingen, die ich nicht hören wollte. Ich habe weggesehen, wenn mich Bilder verstörten. Ich habe mein Gefühl und meinen Verstand ignoriert, um die Harmonie aufrechtzuerhalten. Ich habe verzückt den Reden anderer gelauscht, applaudiert und genickt, auch wenn eine leise, innere Stimme mich warnte. Ich habe Dinge toleriert, weil ich glaubte, ich müsse es. Ich habe mich beeinflussen lassen von Brandstiftern, die mit dem Feuer spielen. Ich habe mich blenden lassen von Parolen und Idealen. Ich habe nicht erkannt oder nicht erkennen wollen, dass ich mich immer mehr selbst verliere. Ich wollte etwas verändern, habe dabei aber nur mich selbst verändert und das nicht zum Guten. Ich habe mich einfangen lassen von Menschen, die ich bewunderte und von denen ich glaubte, sie beeindrucken zu müssen.

Das Aufwachen erfolgte schmerzhaft und abrupt. Aufgrund sich überschlagender Ereignisse, war ich plötzlich eingeklemmt zwischen der JUSO und der SP. Auf einmal stand ich da und spürte, dass ich meine Neutralität nicht mehr würde halten können. Ich war gezwungen, die Augen zu öffnen und mich Wahrheiten zu stellen, denen ich bisher immer ausgewichen war. Als ich diese Gedanken, denen ich mich bisher verschlossen habe, vor mir ausbreitete, lag mein Weg klar vor mir. Ein Weg, der mich von der JUSO wegführte. Vor zwei Tagen schrieb ich dann meinen Austritt.
Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Klar, ich war in der JUSO nie so aktiv wie andere und sie war auch nie so ein grosser Teil mir, dennoch habe ich mit diesem Schritt auch Freundschaften aufs Spiel gesetzt. Ob sie das jetzt überleben, liegt nicht an mir. Für mich war der Austritt nie der Entscheid für oder gegen eine Person.

Ich kann einfach nicht Mitglied einer Partei sein, die selbst auf jeden reindrischt, der einen Fehler macht, selbst dann aber nicht in der Lage ist, auch mal Selbstkritik zu üben. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, die immer mehr in die Überzeugung abdriftet, man dürfe seine Interessen notfalls mit Gewalt durchsetzen. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt, aber jeden niederschreit, der es wagt eine andere zu äussern. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, die für sich selbst das Recht der Demonstration in Anspruch nimmt, findet aber eine statt, die nicht ihrer persönlichen Auffassung entspricht, stört sie diese. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, die ohne Rücksicht auf Verluste agiert und sich dabei in moralischer Überlegenheit suhlt. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, die findet, für das Ziel sei schlussendlich jedes Mittel Recht und wenn dabei Leute draufgehen, dann sei das ebenso. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, für die Polizisten keine Menschen sind, sondern Zielscheiben. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, die sich immer mehr in gefährliche Gewässer begibt, aber unfähig ist, dies zu erkennen. Ich kann nicht Mitglied einer Partei sein, die mir erklärt, ich müsse jetzt dieses und jenes tun; und wenn ich mich weigere, mir an den Kopf knallt, ich sei eben nicht solidarisch.

Zu lange habe ich mich geweigert, mich diesen Tatsachen zu stellen. Zu lange habe ich mich bezirzen und beeinflussen lassen. Ich bin von mir selbst enttäuscht, dass ich die Zeichen zu spät erkannt habe. Dass ich mich zu wenig gewehrt habe, zu wenig Gegensteuer gegeben habe, zu wenig Mut besessen habe, um mich gegen Schreihälse durchzusetzen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich geschrieben, dass die Leute meinen, als JUSO hätte man nicht alle Nadeln an der Tanne. Wie blöd war ich, nicht zu erkennen, dass diese Leute vollkommen Recht haben. Natürlich ist JUSO nicht gleich JUSO, es gibt viele liberal eingestellte Mitglieder. Es nützt nur nichts, wenn diese gar nicht erst gefragt werden und sich die Parteipräsidentin (die ich blöde Kuh auch noch gewählt habe) das Recht herausnimmt, einfach selber munter rumzuwursteln. Aber ups, ich hab ja vergessen: Als JUSO ist sie natürlich unfehlbar und frei von jeder Kritik. Nur alle anderen sind miese, dumme Kapitalisten.

Nun, ich hab den Schnitt gemacht. Interessiert hat es niemanden sonderlich. Wurde wahrscheinlich unter „Fahnenflucht“ verbucht und in die Schublade gelegt. So schwer mir die Entscheidung auch fiel und so viel Stunden Schlaf sie mir auch kostete, es war die richtige Entscheidung. Jetzt muss ich mich mir selbst stellen, mir selbst meine Meinung bilden, selbst entscheiden, welchen Weg ich in der Politik gehen oder eben nicht gehen will. Ich tue das ohne JUSO.

Ich lasse mich nicht mit dem Schlagwort Solidarität erpressen. Denn ich gehöre keiner Partei: Ich gehör nur mir selbst.

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