Sonntag, 5. Juni 2016

Gottes Werk und Teufels Beitrag



„Du musst unbedingt einen Blog schreiben!“ Mit diesen Worten empfing mich heute Morgen meine Mutter, als ich, noch reichlich verpennt, aus meinem Zimmer stolperte.

„Worüber denn?“, fragte ich, nicht wenig geschmeichelt über die Tatsache, dass mein Blog von meiner Familie inzwischen als wichtiges Sprachrohr eingeschätzt wird (naja fairerweise muss man sagen: Überschätzt wirdJ)

„Über die CVP. Weisst du, was dieser Gerhard Pfister verzapft hat? Jetzt will der blöde Kerl, doch die Grenzen schliessen und verbrüdert sich mit der SVP! Und so etwas schimpft sich Christ! Diese Partei kann ich doch nicht mehr wählen!“, schimpfte sie entrüstet.

„Man wählt auch nicht CVP!“, bemerkte ich, leicht süffisant.

„Doch, das war mal die Partei, die mir am nächsten stand. Aber jetzt…“
Stimmt. Ich kann mich noch erinnern, dass ich, als ich noch ein kleines Mädchen war, meine Mutter einmal fragte, welche Partei, denn die „Guten“ seien. In meinem mädchenhaft rosa Hirn, schon damals vollgestopft mit Einhörnern und Disney – Prinzessinnen, war ich nämlich der festen Überzeugung, dass es auch bei Wahlen die „Richtig Guten“ und die „Richtig Bösen“ geben musste. Und mein Mami antwortete damals nicht mit „SP“ wie jetzt vielleicht der eine oder andere Leser vermutet, sondern ziemlich klar mit „CVP“.

Ich bin in einem christlich geprägten Haushalt gross geworden. Meine Mutter arbeitete lange Zeit als Religionslehrerin, machte den Blumenschmuck für die Kirche und war schon immer ein engagiertes Mitglied im Kirchenchor. Mein Vater war bis zu seiner Pensionierung Sakristan und ist noch heute in der Kirche ehrenamtlich tätig. Ich wuchs mit Tischgebeten und Gottesdiensten auf, war jahrelang Ministrantin, besuchte den Religionsunterricht (nicht unbedingt freiwillig), verbrachte einen Grossteil meiner Kindheit auf den Wiesen rundum der Kirche, wo ich mit meinem Bruder Indianer spielte und zweifelte während meiner ganzen, rundum glücklichen Kindheit, nie auch nur eine Sekunde an Gott. Das änderte sich erst, als ich in die Pubertät kam und ich die Grenzen, die der Katholizismus steckt, auf einmal als gar zu beengend empfand und ich anfing, nach anderen Grundsätzen zu suchen.

Dennoch bin ich meinen Eltern dankbar dafür, dass sie mir die vielbeschworenen christlichen Werte mitgegeben haben. Weder mein Vater noch meine Mutter sind Heilige, aber sie sind das, was man inzwischen herablassend als „Gutmensch“ betitelt. Wenn ich mich zuhause über diese blöde Kuh und jenen Trottel ausgelassen habe, haben sie zwar zugehört, aber am Ende meist die Frage gestellt: „Meinst du nicht, sie haben Gründe, wieso sie so handeln? Was hast du denn zum Konflikt beigetragen?“ Wenn ich mich abschätzig und herablassend über andere Menschen geäussert habe, haben sie mich ermahnt, nicht nur aufgrund von Äusserlichkeiten oder Gerüchten über jemanden zu urteilen. Als ich damals in der Schule so gequält wurde, haben sie nie gesagt „Ändere dich“ sondern „Bleib so, wie du bist, du bist genau richtig.“

Sie haben auch nie versucht, mich wieder in den Schoss der Kirche zurückzuführen oder mich zu zwingen, an Gott zu glauben. Die Grundlagen hätten sie mir ja gezeigt, meinen sie immer, der Rest sei meine Sache. Sie kamen nie mit der Hölle oder der Erbsünde. Sie sind freidenkende Christen, losgelöst von den katholischen, engstirnigen und überholten Gesetzen.  Anstand, Respekt vor anderen Menschen, Empathie, Glaube an das Gute, Liebe für alle Geschöpfe der Welt, Verständnis für Andersdenkende, der Wunsch nach Friede…das habe ich nicht aus unserem Parteiprogramm gelernt, sondern von meinen Eltern.

Es wäre wünschenswert, dass es mehr solche Christen gebe wie sie. Die CVP nennt sich eine christliche Partei. Ähnlich wie die Katholiken definieren sie Christlichkeit allerdings hauptsächlich darüber, im Namen Gottes Regeln zu erlassen. Es wird immer darüber diskutiert, wer mit wem schlafen darf, wer wen heiraten darf, wer Kinder haben darf, wer der bessere Mensch ist und wer in die Hölle kommt. Jetzt, wo tausende Menschen auf der Flucht sind, vor Krieg, Hunger und Elend, hätte die CVP die Gelegenheit, wahre christliche Nächstenliebe zu zeigen. Doch das tut sie nicht. Sie wenden sich von Gott ab und werfen sich in die Arme des Teufels.

Krass ausgedrückt? Finde ich nicht. Gerhard Pfister will, wie die SVP, die Grenzen schliessen. Jetzt ist es vielleicht ungerecht, wenn jemand, der ein so kompliziertes Verhältnis hat zum Glauben wie ich, jemanden eben jenen Mangel vorwirft. Allerdings bin ich nicht Präsident einer Partei, die sich als christlich bezeichnet. Wer sich Gottes Werk verschreibt, darf nicht dem Teufel dienen. Mit diesem Schritt Richtung SVP entfernt sich die CVP weiterhin von dem Pfad der Nächstenliebe.

Gerhard Pfister wäre wohl einer jener Gastwirte, die der hochschwangeren Maria und ihrem Josef, die Tür vor der Nase zuschlagen würde, wenn sie hungrig und erschöpft, um eine Unterkunft bäten. Moses hat damals auf der Flucht aus Ägypten die Grenzen niedergerissen, indem er das Rote Meer teilte. Pfister würde das Volk wahrscheinlich ersaufen lassen.

Aus christlicher Sicht gibt es nur einen richtigen Umgang mit Flüchtlingen. Bedingungslose Aufnahme. Wenn jemand an unsere Tür klopft und um Brot bittet, sollte es selbstverständlich sein, dass wir unser Essen mit ihm teilen. Vielleicht habe ich im Religionsunterricht ja was falsch verstanden, aber mir wurde einmal beigebracht, dass Gott unser aller Vater sei und dass wir alle auf seiner Welt Platz hätten. Denkt man dies konsequent weiter bedeutet das, dass es keine Grenzen geben darf, weil wir alle Brüder und Schwestern sind, uns also alles zu gleichen Teilen gehört.

Die CVP hat aber auch sonst eine merkwürdige Auffassung von Christentum.  Ein Christ verurteilt den Krieg und liebt den Frieden. Man kann das auch weiterdenken: Wenn es uns gelingen würde, eine Welt zu schaffen, die von Toleranz und Liebe geprägt ist, gebe es auch viel weniger Flüchtlinge, weil jeder in seiner Heimat bleiben könnte. Deshalb muss es doch auch im Sinne der CVP sein, eine bessere Welt zu schaffen.  Trotzdem gab es vor ein paar Jahren viele CVPler, die für eine Lockerung des Waffenexports stimmten. Aus wirtschaftlichen Gründen. Gott ist eben kein besonders nutzbringender Lobbyist. Der Teufel zahlt die Löhne schon in diesem Leben und nicht erst im nächsten.

Natürlich betont auch Gerhard Pfister wieder den Unterschied zwischen einem „echten“ Flüchtling und einem „Wirtschaftsflüchtling.“ Jesus war übrigens auch ein Flüchtling. Kurz nach seiner Geburt mussten seine Eltern vor der Verfolgung Herodes nach Ägypten fliehen und konnten erst später in ihre Heimat zurückkehren. Heute wäre es für ihn nicht mehr so unkompliziert. Vermutlich müsste Herodes ihm erst den Kopf abschlagen, damit er wirklich beweisen kann, an Leib und Leben bedroht zu sein.

Abgesehen davon: Wenn ein Mensch sich ein besseres Leben wünscht, wer sind wir dann, dass wir es ihm verwehren? Wenn es uns in einer Unternehmung nicht mehr gut geht, kündigen wir und suchen uns was Neues. Stellt euch vor, da kommt jemand und sagt: Nee, so lange dir noch keine Bombe auf den Kopf gefallen ist, bleibst du schön hier! Wir können nicht alle aufnehmen, murrt da Pfister. Für ihn bleibt zu hoffen, dass Himmel nicht ebenfalls bald Kontingente einführt. Wenn die CVP so weiter politisiert, werden ihre reservierten Plätze wahrscheinlich weitergegeben. Hoffentlich an meine Eltern.

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