Mittwoch, 15. Juni 2016

Ein Dialog





„Hast du von dem Massaker in Orlando gehört? Bist du jetzt immer noch der Meinung, wir sollen alle Flüchtlinge aufnehmen?“

„Inwiefern sollte diese Tragödie meine Meinung zur Flüchtlingspolitik ändern?“

„Der Täter war ja einer dieser ach so armen Afghanen!“

„Nein.“

„Was ‚Nein‘? Ich hab’s ja gelesen!“

„Dann hast du falsch gelesen. Es war ein Amerikaner mit afghanischen Wurzeln. Da ist ein Unterschied.“

„Nein, das ist eben das Entscheidende! Diese Muslime bekommen den Hass auf die Schwulen von Geburt an eingeimpft und das ist das Resultat davon. Man sollte den Islam generell verbieten.“

„Dann musst du das Christentum auch verbieten. Auch hier gibt es viele Fundamentalisten, die Homosexualität als Krankheit empfinden und glauben, Schwule seien schlechtere Menschen. In der Bibel steht sogar: Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben. Tolerant ist das auch nicht gerade.“

„Christen wären zu so etwas Grausamen nie in der Lage!“

„Sie waren ja auch in der Lage, Juden in Gaskammer zu stecken und elend verrecken zu lassen. Sie waren ja auch in der Lage, nach Jerusalem zu ziehen und die Moslems grausam niederzumetzeln, weil sie glaubten, sie hätten das Recht, das zu tun. Sie waren ja auch in der Lage Hunderte von Menschen auf den Scheiterhaufen zu bringen und verbrennen zu lassen.“

„Das ist doch alles Schnee von gestern. Heute haben wir ein aufgeklärtes und modernes Christentum.“

„Eine Religion kann nie aufgeklärt und modern sein, so lange sie sich auf uralte Schriften bezieht.“

„Es war aber nun einmal kein Christ der diese Menschen erschossen hat!“

„Und wenn er einer gewesen wäre? Denkst du, das würde die Hinterbliebenen trösten? Denkst du, eine Mutter würde sagen: Mein Sohn ist hingemetzelt worden, aber wenigstens war es ein Christ, der die Waffe geführt hat? Diese Menschen sind tot, sie sind gestorben, sie sind fort. Es ist schrecklich, es ist sinnlos, es ist unfassbar. Und es ist ekelhaft, das man aus diesem entsetzlichen Unglück politisch Kapital schlagen will, wie es Donald Trump tut!“

„Ich bin ja auch kein Trump – Fan, aber zumindest spricht er die Dinge aus, für die andere zu feig sind!“

„Die anderen sind nicht feig. Sie haben Respekt vor den Toten, die sich bestimmt nicht darüber freuen, dass ausgerechnet Trump sie als Mittel zum Zweck benutzt, um das Feuer des Hasses weiter zu schüren. Weisst du, was mutig wäre? Zuzugeben, dass die Waffengesetze zu lasch sind.“

„Ja gut, Amerika hat da schon Nachholbedarf. Aber du musst zugeben, dass eine Waffe auch eine Möglichkeit ist, sich zu verteidigen!“

„Eine Waffe ist vor allem die Möglichkeit zu töten. Gebe es keine Waffen auf dieser Welt, müsste man sich auch nicht verteidigen.“

„Man muss doch diejenigen schützen, die man liebt.“

„Sie hätten keinen Schutz nötig, wenn wir alle in Frieden leben würden.“

„Diese naive Sichtweise passt zu dir! Du bist also nach all diesen Anschlägen immer noch der Meinung, dass wir einfach alle aufnehmen sollten.“

„Wie gesagt, ich verstehe nach wie vor nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat.“

„Mit den Flüchtlingen kommen ja auch die Terroristen ins Land und du baust ihnen noch goldene Brücken!“

„Das ist doch Unsinn. Sie fliehen vor den Terroristen. Sie werden in ihrem Land genauso erschossen und in die Luft gesprengt, wie die Opfer von Orlando und Paris. Sie fliehen vor dem Krieg, weil sie um ihr Leben und um das Leben ihrer Liebsten fürchten.“

„Die meisten von ihnen sind Wirtschaftsflüchtlinge, die sich lieber in ihrem eigenen Land engagieren würden!“

„Es ist schwierig sich zu engagieren, wenn man am Verhungern ist.“

„In manchen Ländern ist es gar nicht so schlimm, wie alle immer erzählen. Viele fliehen in die reiche Schweiz, weil es einfach bequemer ist.“

„Ja, es ist unglaublich bequem im Meer zu ertrinken!“

„Jetzt kommt das wieder. Natürlich ist das schlimm, aber sie nehmen das Risiko ja bewusst in Kauf.“

„Eben. Und warum nehmen sie es bewusst in Kauf? Weil sie keine Wahl haben. Nur die Wahl zwischen Krieg und dem Risiko auf der Flucht zu sterben.“

„Ich hab ja auch Mitgefühl mit denen, aber du musst doch begreifen, dass wir nicht alle aufnehmen können!“

„Weil das alles Terroristen sind.“

„Das habe ich nie gesagt!“

„Und wenn keine Terroristen, dann nur Wirtschaftsflüchtlinge. Es ist natürlich einfach, sich das einzureden, sonst würde das Gewissen diese furchtbaren Bilder nicht ertragen.“

„Typisch Gutmenschen, jetzt kommst du mit dem Gewissen. Ich bin einfach realistisch. Du bist eine Träumerin.“

„Am Anfang jedes grossen Werks steht ein Traum.“

„Dann träum mal schön weiter, wir werden ja sehen, wer am Ende Recht hat. Aber du bist halt noch sehr jung und sehr naiv, in deinem Alter habe ich auch noch solchen Unsinn geglaubt, aber du wirst schon noch vernünftig werden, wenn in deinem Garten plötzlich ein Minarett steht und deine Töchter Kopftücher tragen! Dann hast du dann etwas von deinem Gutmenschentum!“

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