Freitag, 6. Mai 2016

Sport ist Mord (oder: warum Langenthal sich weniger bewegen sollte)

Ich bemühe mich ja schon immer um Ehrlichkeit. Aber ich bin halt auch eine diplomatische Frau. Ich will niemanden verletzen und niemanden zu nahe treten. Ich überlege mir mindestens zehnmal ob ich etwas sage oder etwas schreibe. Jeden Blogeintrag verfasse ich mit viel Sorgfalt und meistens über mehrere Tage. Vielleicht hat es auch etwas mit Kontrollwahn zu tun. Ich kann nicht loslassen. Immer denke ich: Wie kommt echt das rüber oder was kann man jetzt da reininterpretieren...Zeit mit dieser Eigenschaft zu brechen, Zeit, frei zu sein; nicht nur frei zu denken, sondern auch frei zu schreiben. Mal wieder Zeit für eine ehrlich offene ungeschminkte Wahrheit.

Heute war ich wieder einmal in der Stadt und für die, die es noch nicht wissen, ich wohne in Langenthal. Manchmal mache ich einen Umweg über die Schulhäuser, nicht weil mich Nostalgie überkommt, sondern um mich daran zu erinnern, dass ich da nie wieder hinmuss. Meine Schulzeit war ziemlich beschissen. Die Schule hat mich geprägt. Nicht unbedingt im positiven Sinne. Wenn du jahrelang ausgelacht, beleidigt und gequält wurdest, dann macht das etwas mit dir, du verlierst Stück um Stück deine Würde, dein Selbstbewusstsein und am Ende verlierst du dich selbst. Du siehst dich im Spiegel an und du siehst dich plötzlich so, wie dich die anderen sehen: Als hässliches, missratenes Stück Scheisse.

Dass ich nicht durchgedreht bin, das verdanke ich zum einen meiner Fähigkeit mich in andere Welten zu flüchten und zum anderen meinem sozialen Umfeld.  Wenn du Freunde, Geschwister und Eltern hast, die zu dir stehen und sagen: "So wie du bist, bist du genau richtig", dann gibt dir das unglaublich viel Kraft. Und vielleicht muss ich meinen Schulkameraden von damals sogar dankbar sein. Sie haben mir gezeigt, dass ich nie so sein werde wie sie. Aber auch, dass es nicht besonders erstrebenswert ist, so zu sein, wie sie.


Auf jeden Fall ist es für mich ein geiles Gefühl auf dem Pausenplatz zu stehen und zu wissen: Ich muss da nicht mehr hin, ich muss nie mehr Zeit mit diesen Leuten verbringen, ich bin frei von Gruppendruck, frei von Hass, frei in meinem Denken und Tun...Weniger geil ist es, dass ich IMMER noch nicht über den Schulplatz gehen kann, ohne dass mir irgendwelche Beleidigungen hinterhergeschrieen werden. Aber hey, inzwischen ist es auch eine Art Test. Der Moment, wo es mich nicht mehr stört, wenn mich andere beleidigen, ist der Moment, wo ich eine selbstbewusste, starke Frau geworden bin. 

Jetzt weiss ich wieder, warum ich Blogeinträge sonst immer vorbereite, ich bin nämlich total abgeschweift! Eigentlich wolle ich nur sagen, dass da auf dem Schulhof ein Transparent weht, mit der Aufschrift: Langenthal bewegt. Und das mir dabei der Gedanke durch den Kopf schoss: Gott sei Dank muss ich bei dem Quatsch nicht mehr mitmachen!

Langenthal bewegt zielt darauf ab, die ach so faule Bevölkerung dazu zu motivieren, Sport zu treiben. Weil Sport gesund ist. Und glücklich macht. Und Menschen verbindet. Und eigentlich sowieso all unsere Probleme löst, angefangen vom Weltfrieden bis hin zu der Frage, wo man in Langenthal eine öffentliche Toilette einrichten könnte. Jedes Jahr wird dafür ein Duell ausgerichtet. Wer am meisten Bewegungsminuten sammelt, hat gewonnen. Ursprünglich war es mal ein Duell zwischen Gemeinden, dieses Jahr veranstaltet man ein internes Duell zwischen Frauen und Männer. Und als Schüler ist das nicht freiweillig. Du wirst gezwungen.

Meiner Meinung nach wird Sport masslos überschätzt. Es wird ja gerade so getan, als sei jeder unsportliche Mensch faul, was einfach nicht wahr ist. Ich zum Beispiel bin meilenweit davon entfernt, eine begeisterte Sportlerin zu sein. Trotzdem sehe ich mich keineswegs als faulen Menschen. Ich lese sehr viel, ich schreibe viel, ich lerne seitenlange Schnitzelbänke auswendig, ich singe jeden Mittwoch im Kirchenchor und  ich gebe 120% in meinem Job. Und ich soll faul sein, nur weil ich lieber zuhause in einem Buch schmökere, als in einem Affenzahn durch die Gegend zu rennen?

Auch das Argument, das Sport verbindet, zieht bei mir nicht. Stellt euch einmal vor, ein ungelenker, pickeliger Teenager, der noch nicht weiss, wohin mit den Armen und Beinen, dem das Körpergefühl fehlt und der so dünn ist, dass ihn ein Windstosss umwehen könnte muss vor allen Leuten tanzen, kann sich aber die Schritte nicht merken und verheddert sich dauernd mit den Gelenken. Stellt euch weiter vor, dass die Lehrer, statt dem Teenager zu helfen, blöde Kommentare über seine Unfähigkeit abgeben. Stellt euch vor, wie die Mitschüler des Teenagers erst verhalten kichern, dann losprusten und schliesslich in lautes Gelächter ausbrechen. Glaubt ihr, der Teenager fühlt sich in diesem Moment als geschätztes Mitglied der Gemeinschaft? Natürlich nicht! Er fühlt sich ausgestossen, gedemütigt und verletzt.

Es gibt viele solche Teenager, denn Sport hat auch zum Teil mit Talent zu tun. Es liegt nun einmal nicht jedem, genauso wie Zeichnen oder Singen nicht jedem liegt. Trotzdem wird bei jedem unsportlichen Kind so getan, als stelle es sich absichtlich doof an, als sei der Mangel einer sportlichen Betätigung gleichzusetzen mit dem Mangel an Hirnmasse. In der Schule gibt es eine einfache Gleichung: Die sportlichen Kinder sind die beliebten Kinder. Wieso eigentlich? Wieso sind die fleissigen, klugen Kinder die Streber, während die sportlichen Kinder die "Coolen" sind? Und wieso unterstützt man dieses ungesunde Ungleichgewicht noch, indem man aus Sportveranstaltungen so eine riesige Sache macht? 

Es geht nur um den Spass, tönt es dann immer, Bewegung soll Freude machen! Wieso koppelt man es dann immer an einen Wettbewerb, noch dazu an ein dermassen hirnloses Duell Mann vs. Frau? Wieso gibt es dann an jedem Sporttag eine Rangliste? Wieso wird dann stets verglichen, wenn es doch nur Freude machen soll? Wieso geht man nicht mit den Kindern und Jugendlichen in den Wald oder ins Schwimmbad und sagt: "Es ist mir egal was ihr macht, aber bewegt euch!" 

Ich finde nicht, dass Sport per se etwas Schlechtes ist oder dass man es von den Stundenplänen streichen sollte. Aber man muss damit aufhören, es so zu überhöhen. Sportler werden wie Kriegshelden behandelt. Sie bringen grossartige Leistungen, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Sie überwinden ihre körperlichen und seelischen Grenzen. Aber sie tun es für sich! Eine Pflegefachfrau dagegen reisst sich Tag für Tag (für relativ wenig Geld) den Arsch auf, um anderen Menschen zu helfen. Trotzdem werden sie beiseite geschoben, um Roger Federer zuzujubeln, der ja hauptsächlich seinen eigenen Ruhm und sein eigenes Vermögen mehrt (ja, okay, er spendet sicher viel).

Für mich war Langenthal bewegt immer eine Art öffentlicher Spiessrutenlauf, eine von zahlreichen Demütigungen in der Schulzeit. Wenn man Mühe in der Rechtschreibung hat, ist das weniger offensichtlich, als wenn man vor aller Augen, die Kletterstange nicht hochkommt. Meine Abneigung gegen Sport hat hier seine Wurzeln. Und ich glaube, so geht es vielen Kindern und Jugendlichen, die sich auf dem Sportplatz nicht wohlfühlen. Wieso man sie trotzdem in solche Bewegungsprojekte einbinden muss, wird für mich immer ein Rätsel bleiben. Ein Analphabet wird schliesslich auch nicht gezwungen an einem Schriftstellerwettbewerb teilzunehmen.

Natürlich, ich bewundere sportliche Menschen (vor allem Tänzer) auch sehr. Ich bewundere auch Menschen, die bereits frühmorgens joggen gehen oder Menschen, die einen Marathon durchziehen. Nur finde ich, es sollte freiwillig sein. Ich will mich nicht mehr emotional erpressen lassen, indem man wieder überall in den Zeitungen liest, wie wichtig Sport sei, wie gesund Sport sei, wie sehr Sport den sozialen Aspekt in einer Stadt fördert...blablabla.

Nun, dann bin ich eben ein faules, asoziales Miststück. Ist auch schön.

 

 

 


 



  


 

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